Vintage Panerai: Die Arillo-Luminor Referenz 6152/1

Uhren mit Geschichte

Volker Wiegmann
von Volker Wiegmann
am 29. Oktober 2013

Sehr wenige von den ohnehin nur in geringen Stückzahlen produzierten Kampfschwimmer-Uhren von Panerai sind bis heute erhalten geblieben. Einige dieser Uhren sind erst nach Jahrzehnten wieder aufgetaucht und geben nach vielen Jahren Auskunft über ihren einstigen Verwendungszweck. Von diesen wenigen Exemplaren sind es wiederum nur eine kleine Anzahl von Uhren, deren Geschichte heute zurück bis zum Zeitpunkt ihrer Verwendung vollständig dokumentiert werden kann. Historisch belegbare Tatsachen im Zusammenspiel mit Zeitzeugenberichten der Veteranen, dokumentieren diese Sammlerstücke in beeindruckender Weise. Heute stellen wir eine weitere Panerai-Uhr mit Geschichte vor:

Die Arillo-Luminor (Referenz 6152/1)

Panerai-Uhren mit der Rolex-Referenznummer 6152/1, heute als Luminor bekannt, stellen einen bedeutenden Entwicklungsschritt in der Evolution der Panerai-Uhren dar. Nachdem von Seiten der Marine der Wunsch geäußert wurde, die Taucheruhren noch besser gegen Stöße und Beschädigungen zu schützen, galt es auch in Sachen Wasserdichtheit eine noch bessere Lösung als die bisher verwendete Zwiebelkrone (bei Uhren der Referenz 3646) zu finden. Die Referenz 6152/1 vereint beide Verbesserungsstufen: Das nach wie vor 47 mm breite Gehäuse wurde bereits mit den zuvor entwickelten Referenzen 6152 und 6154 wesent­lich massiver und robuster. Die Bandanstöße waren nicht mehr aus am Gehäuse angelötetem Draht, sondern aus einem massiven Metallblock gefertigt. Die von Panerai im Jahr 1956 patentierte Schutzbrücke stellte die wohl bedeutendste Verbesserung der Funktionalität dar: Diese Hebelvorrichtung schützte die Aufzugskrone bei Uhren der Referenz 6152/1 noch besser gegen Stöße und Schläge im Einsatz unter Wasser.

Das Gesicht der legendären Luminor mit dem 47 mm Gehäus und den massiven Bandanstößen. Foto: Jörg Wischmann
Das Gesicht der legendären Luminor mit dem 47 mm Gehäus und den massiven Bandanstößen. Foto: Jörg Wischmann
[Foto: ©wischmann.de]

Bis heute (Stand 15.10.2013) sind 89 Uhren der Referenz 6152/1 bekannt und in unserer Datenbank katalogisiert. Da diese Uhren in den 50er und 60er Jahren bei der italienischen Marine im Einsatz waren, ist damit zu rechnen, dass sich die Zahl der bekannten Uhren in den kommenden Jahren noch erhöht.
In der Uhr befindet sich ein Sandwich-Zifferblatt von Panerai mit Luminor-Leuchtmasse, die noch heute prompt auf direkte Lichteinwirkung reagiert. Der Schriftzug „Luminor Panerai“ ist wie auch bei den Radiomir-Versionen in das Zifferblatt eingraviert und mit weißer Farbe aus­gefüllt. Im Gegensatz zu den frühen Panerai-Uhren mit Radiomir-Leuchtmasse findet man heute nur selten Luminor-Modelle mit einer starken Verfärbung von Ziffern und Indexen, obwohl auch diese feine Risse aufweisen.
Bei geöffnetem Schutzbügel entfernt sich die Krone vom Gehäuse und die Uhr kann auf­gezogen und eingestellt werden. Durch das Schließen des Bügels wird die Krone wieder fest an das Gehäuse gedrückt. Weitere Merkmale der Referenz 6152/1 sind ein hoch über die Lünette ragendes Plexiglas, der im Inneren der Uhr verwendete Staubdeckel aus Weicheisen mit einem Durchmesser von 36 mm und ein Dichtungsring aus Gummi, der sich zwischen Gehäuse und verschraubtem Boden (Uhren der Referenz 3646 besaßen noch Dichtungsringe aus Blei) befindet.

Der im Jahr 1956 patentierte Kronenschutzbügel ist eines der bekanntesten Merkmale der Panerai-Uhren aus den 1950er Jahren. Foto: Jörg Wischmann
Der im Jahr 1956 patentierte Kronenschutzbügel ist eines der bekanntesten Merkmale der Panerai-Uhren aus den 1950er Jahren. Foto: Jörg Wischmann
[Foto: ©wischmann.de]

Öffnet man die Uhr, fällt der Blick zuerst auf den Staubdeckel, hinter dem sich das am häufigsten bei Uhren der Referenz 6152/1 verwendete Kaliber Rolex 618 / Typ 4 verbirgt. Dessen auffälligstes Erkennungsmerkmal gegenüber den in Uhren der Referenz 3646 verwendeten Werken ist die Incabloc-Stoßsicherung. Unterschiedliche Gravuren auf den Werkbrücken, dem Unruhkloben sowie der fehlende Sonnenschliff auf Sperrad und Kronrad sind weitere Merkmale, mit denen sich die Werke auf den ersten Blick voneinander unterscheiden.
Anders als bei den Uhren der Referenz 3646 befindet sich auf der Innenseite des Gehäuse­bodens lediglich die Referenznummer 6152/1 unterhalb der Rolex-Punze. Die sechsstellige Gehäuse­nummer (124537) befindet sich außen am Gehäuse zwischen den Bandanstößen bei 6 Uhr. Zusätzlich befindet sich die Rolex-Referenznummer 6152/1 zwischen den Bandanstößen bei 12 Uhr.

In der Arillo-Luminor befindet sich das für die Referenz 6152/1 typische Rolex-Werk vom Kaliber 618 / Typ 4. Foto: Jörg Wischmann
In der Arillo-Luminor befindet sich das für die Referenz 6152/1 typische Rolex-Werk vom Kaliber 618 / Typ 4.
Foto: Jörg Wischmann
[Foto: ©wischmann.de]

Die Uhr des italienischen U-Boot-Kommandanten Mario Arillo

Die hier vorgestellte Panerai-Uhr (Buch „History1“ / Kapitel IV) gehörte dem italienischen U-Boot-Kommandanten Mario Arillo († 2000) aus La Spezia. Im Februar 1941 übernahm Arillo das Kommando auf dem U-Boot „Ambra“. Zum Transportmittel für SLC-Geräte (bemannter Torpedo) umgebaut, besaß die Ambra zigarrenförmige Behälter an Deck (siehe Abbildung), in denen die Kleinkampfmittel in das Zielgebiet transportiert werden konnten.

Skizze des U-Boots Ambra Foto: Archiv Ehlers & Wiegmann
Skizze des U-Boots Ambra Foto: Archiv Ehlers & Wiegmann

Nach der Mission G.A. 4 gegen den Hafen von Alexandria, durchgeführt am 14. Mai 1942 mit SLC-Geräten, führte Arillo einen weiteren Angriff auf den Hafen von Algier durch, an dem am 12. Dezember 1942 erneut drei SLC-Geräte und zehn Gamma-Kampfschwimmer (erstmals in kombinierter Angriffstaktik) beteiligt waren. Für die erfolgreiche Durchführung der Mission N.A. 1 erhielt Mario Arillo am 10. Juni 1943 die goldene Tapferkeitsmedaille (M.O.V.M.) aus den Händen des italienischen Königs Vittorio Emanuele III.

Der Kommandant geht an Bord – Mario Arillo beim Einsteigen in das U-Boot „Ambra“ Foto: Familie Arillo
Der Kommandant geht an Bord – Mario Arillo beim Einsteigen in das U-Boot „Ambra“ Foto: Familie Arillo

Im Anschluss an seine Dienstzeit auf der „Ambra“ war Arillo bis zum 8. September 1943 Kommandant auf dem U-Boot „S.5“. Nach dem Waffenstillstand verblieb er im, mit den deutschen Kräften verbündeten, nördlichen Teil Italiens bei der R.S.I., wo er als „Capo Missione“ mehrere Einsätze leitete, bei denen SLC-Geräte, Sprengboote und Gamma-Kampfschwimmer beteiligt waren. Am Ende des 2. Weltkrieges wechselte Arillo in die Reserve zur See, um dort die Beförderung zum Fregattenkapitän entgegenzunehmen.
In einem der folgenden Jahre überreichte Giuseppe Panerai persönlich die hier vorgestellte Luminor an Mario Arillo. Im „Museo Tecnico Navale“ in Arillo’s Heimatstadt La Spezia sind heute, neben vielen interessanten Ausstellungsstücken der italienischen Kleinkampfmittel (u.a. ein SLC-Torpedo sowie eine „Radiomir Panerai“ Kampfschwimmeruhr der Referenz 3646) die militärischen Auszeichnungen der Öffentlichkeit zugänglich, die dem Museum von seiner Familie zur Verfügung gestellt wurden.
Im Jahr 1994 wechselte die Luminor ihren Besitzer: Arillo, zu diesem Zeitpunkt Ehren­vorsitzender der Veteranenvereinigung der Decima Flottiglia MAS, gab seine Uhr zu einer Auktion, deren Zweck die Finanzierung eines Denkmals für gefallene Zivilisten und Militär­angehörige war. Ersteigert wurde die Uhr von Fabio Castellani, ebenfalls Mitglied dieser Veteranenvereinigung. Zur Erinnerung an den Transfer ließ Castellani, nach einer Idee von Arillo, eine Gravur auf dem Gehäuseboden anfertigen.

Der gravierte Gehäuseboden der 6152/1 mit den Namen der beiden Vorbesitzer: Mario Arillo und Fabio Castellani. Foto: Jörg Wischmann
Der gravierte Gehäuseboden der 6152/1 mit den Namen der beiden Vorbesitzer: Mario Arillo und Fabio Castellani. Foto: Jörg Wischmann
[Foto: ©wischmann.de]
2011: Volker Wiegmann mit Maria Tartarini-Arillo, der Tochter von Mario Arillo, bei einem Besuch in La Spezia. Dank der Unterstützung der Familie konnten eine Vielzahl an Bildern und Dokumenten zur Geschichte von Mario Arillo ergänzt werden. Foto: Ralf Ehlers
2011: Volker Wiegmann mit Maria Tartarini-Arillo, der Tochter von Mario Arillo, bei einem Besuch in La Spezia. Dank der Unterstützung der Familie konnten eine Vielzahl an Bildern und Dokumenten zur Geschichte von Mario Arillo ergänzt werden. Foto: Ralf Ehlers

Castellani stellte im Jahr 2007 den Kontakt zwischen den Autoren und der Familie des im Jahr 2000 verstorbenen U-Boot-Kommandanten her. Die Familie reagierte, sehr zur Freude der Autoren, sehr positiv und stellte spontan einige Bilder von Mario Arillo zur Verfügung, die im Buch „Uhren mit Geschichte“ (2007) veröffentlicht wurden. Der freundschaftliche Kontakt blieb seither bestehen und im Sommer 2008 lernten die Autoren die Familie von Mario Arillo in seiner Heimatstadt La Spezia erstmals persönlich kennen.
Im Jahr 2011 konnten die Autoren ein mit Arillo im Jahr 1989 geführtes Interview-Protokoll auswerten, in dem er den Ablauf der im 2. Weltkrieg durchgeführten Missionen mit SLC-Geräten und Kampfschwimmern authentisch und detailreich schilderte. Diese umfangreiche Informationsquelle konservierte Gedanken, Einschätzungen und Erinnerungen von Mario Arillo für die Zukunft und erweitert die Geschichte der Arillo-Luminor um wertvolle Informationen.

Weitere Informationen über die Arillo-Luminor und deren Vorbesitzer sind im Buch „History1“ (Kapitel IV) von Ralf Ehlers und Volker Wiegmann veröffentlicht. Hardcover, 26 x 26 cm, 420 Seiten Inhalt, mehr als 250 Fotos und 30 technische Illustrationen, trilingual (Deutsch, Italienisch, Englisch) Preis 189,- EUR. www.vintagepanerai.com

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