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Zeit neu gelesen — Cartier zeichnet den Uhrmachernachwuchs aus

Am 24. Juni 2026 verlieh Cartier in La Chaux-de-Fonds zum 28. Mal den Talents Horlogers de Demain Award.
Die beiden Gewinner Arbeiten des Cartier Prix des Talents Horlogers de Demain Awards

Die beiden Gewinner Arbeiten des Cartier Prix des Talents Horlogers de Demain Awards

© Cartier

Am 24. Juni 2026 verlieh Cartier in La Chaux-de-Fonds zum 28. Mal den Prix des Talents Horlogers de Demain. Erstmals fand die Zeremonie in der Maison des Métiers d'Art statt. Sechs Preisträger aus Frankreich, Belgien und der Schweiz wurden von den insgesatg elf Finalisten ausgezeichnet — für Arbeiten, die das Thema Zeitanzeige grundlegend hinterfragen. 

Philosophie der Zeit

Das diesjährige Wettbewerbsthema lautete: „Eine Neudefinition des Gleichgewichts: Die Zeit anders lesen und begreifen." Den Kandidaten stand es frei, wie radikal sie das interpretierten. Der Wettbewerb läuft seit 1995, gestartet vom Institut Horlogerie Cartier, zunächst als reine Lehrlingskategorie. Seit 2024 nimmt auch eine zweite Gruppe teil: Techniker mit Fachhochschulabschluss in Mikrotechnik aus Frankreich, Belgien, Deutschland oder der Schweiz. Die Techniker-Kategorie macht den Preis vollständiger, weil sie Kandidaten einbezieht, die in der industriellen Uhrmacherei landen werden, nicht nur in Manufakturateliers. 

Die elf Finalisten des Cartier Prix des Talents Horlogers de Demain

Die elf Finalisten des Cartier Prix des Talents Horlogers de Demain

© Cartier

Das Auswahlverfahren 

Elf Finalisten, ausgewählt anhand von Skizzen, Texten und Präsentationsvideos, hatten in der Folge 80 Stunden Zeit, ihr Projekt unter Mentorenbegleitung umzusetzen mit einem Budget von lediglich 500 Schweizer Franken. Ein Format, das sowohl konzeptionelles Denken als auch handwerkliche Umsetzung testet. Die Jury — besetzt unter anderem mit dem Uhrmacher Kari Voutilainen, Pascal Ravessoud von der Fondation de la Haute Horlogerie und Pascale Lepeu, Direktorin der Cartier Collection — bewertete technisches Savoir-faire und kreative Eigenständigkeit gleichermaßen. 

Die beiden Gewinner des Cartier Prix des Talents Horlogers de Demain

Die beiden Gewinner des Cartier Prix des Talents Horlogers de Demain

© Cartier

Die Preisträger: Kategorie Auszubildende 

Den ersten Preis holte Aymeric Peters vom IATA in Namur, Belgien, mit Silence Choisi — einer Tischuhr, die Zeit erst auf Abruf anzeigt. Solange kein Schlüssel betätigt wird, verharren die Zeiger bei 6 Uhr. Erst dann setzt die Mechanik ein, angelehnt an das Prinzip des Schleppzeiger-Chronographen: kurzes Einfrieren, dann präziser Sprung in die korrekte Position. Uhrmacherisch interessant ist hier die Frage, wie ein Sperrwerk konstruiert sein muss, um Zeiger exakt und rucklos freizugeben. Peters löst das konzeptuell überzeugend. 

Drei Auszeichnung für die Auszubildenden Kategorie des Cartier Prix des Talents Horlogers de Demain

Drei Auszeichnungen für die Auszubildenden-Kategorie des Cartier Prix des Talents Horlogers de Demain

© Cartier

Den zweiten Preis erhielten zwei Arbeiten ex aequo. Layla Sluysmans, ebenfalls vom IATA Namur, präsentierte Nymphea: eine mechanische Seerose, die sich im Zwei-Stunden-Rhythmus öffnet und schließt und erst in geöffnetem Zustand ein Emailzifferblatt freigibt. Das ist keine Uhr im klassischen Sinne, sondern ein Zeitmesser als kinetisches Objekt — und damit eine konsequente Interpretation des Themas. Edouard Nicod vom Lycée Edgar Faure de Morteau brachte mit La Dualité des Opposés eine Tischuhr, bei der die Rollen der klassischen Elemente vertauscht sind: Das Zifferblatt wird zur Struktur, der Zeiger bleibt starr, das Uhrwerk bewegt sich sichtbar als Hauptdarsteller. Ein Panther-Gegengewicht hält den kinetischen Mechanismus optisch im Lot. 

Drei Auszeichnung für die Techniker-Kategorie des Cartier Prix des Talents Horlogers de Demain

Drei Auszeichnung für die Techniker-Kategorie des Cartier Prix des Talents Horlogers de Demain

© Cartier

Die Preisträger: Kategorie Techniker 

Erster Preis: Arthur Choquet vom Lycée Jean Jaurès in Rennes mit Un Instant, einer Referenz an die Haussmannsche Architektur und die Pariser Straßenlaterne als Zeitform. Das Werk setzt auf ein Ungleichgewicht zwischen Hemmungsmechanismus und Zeit als Spannungsverhältnis. Der Hintergrund ist aus japanischem Papier gefertigt, als Inspiration diente eine Photographie.

Adam Deroche vom Lycée Diderot in Paris gewann den zweiten Preis mit Médusée: eine Standuhr, die aussieht als würde sie schmelzen und bei der nicht die Zeiger rotieren, sondern die Ziffernscheibe. Besonder spannend ist der Material-Mix aus Keramik, Emaille und Harz. Den dritten Preis erhielt Adrien Stefenelli, ebenfalls aus Rennes, für Echo, einen Zeitmesser ohne Zifferblatt und Zeiger, der Zeit ausschließlich über einen Repetiermechanismus kommuniziert — der Klang eines Wassertropfens als einzige Zeitinformation. 

Die Verleihung des Cartier Prix des Talents Horlogers de Demain fand im Eventzelt neben der Maison Metiers d'Art statt.

Die Verleihung des Cartier Prix des Talents Horlogers de Demain

© Cartier

Was der Preis leistet — und wo er steht 

In 28 Jahren haben über 2.000 Kandidaten am Wettbewerb teilgenommen, kommuniziert hat Cartier aber bis dato wenig nach aussen darüber. Cartier finanziert den Preis über das Institut Horlogerie Cartier und vergibt für die Erst­platzierten ein Praktikum in der Manufaktur. Das ist keine Marketingmaßnahme im üblichen Sinne: Karim Drici, Chief Operating Officer bei Cartier, betonte die Kontinuität der Förderlogik seit Gründung der Maison 1847. Was dieser Jahrgang zeigt: Der Nachwuchs interessiert sich nicht vorrangig für mechanische Komplikation um ihrer selbst willen. Die prämierten Arbeiten verhandeln Wahrnehmung, Zeitlichkeit und Objekt-Interaktion. Besonders hervorzuheben war die durchgehend reife und professionelle Haltung aller Finalisten. Der Wettbewerb für die 29. Ausgabe beginnt im Herbst 2026.

Cartier Schweizer Uhren

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