Hands-On: Seiko Speedtimer Automatic SPB513
Wanderer zwischen den Welten
Seiko macht es anders als viele andere Marken: Diese bringen eine Neuheit als Dreizeiger-Automatik heraus, ein paar Jahre später folgt der dazu passende Chronograph. Der Seiko Speedtimer Automatik dagegen leitet sich von einem bestehenden Chronographen ab. Um das zu verstehen, hilft ein Blick in die Geschichte. Mit dem Namen Speedtimer verbindet sich eine der bedeutendsten Innovationen Seikos auf dem Gebiet der mechanisch angetrieben Uhren. Der Seiko 5 Speedtimer war bei seiner Markteinführung im Mai 1969 der erste Automatikchronograph der Welt. Diesen Titel beanspruchen zwar auch Zenith sowie das Gemeinschaftsprojekt von Heuer-Leonidas und Breitling für sich. Doch während letzteres den frühesten Planungsbeginn (1966) aufweisen kann und die Zenith El Primero am 10. Januar 1969 als erster Automatikchronograph der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, war der Seiko 5 Speedtimer der erste, den man kaufen konnte. Seiko brachte ihn in den Folgejahren in unterschiedlichen Varianten. Die Panda-Version von 1972, mit weißem Zifferblatt und schwarzen Zählern bei zwölf und sechs Uhr, wurde schließlich zum Vorbild für die 2021 eingeführte Re-Edition. Und von ihr leitet sich wiederum der Speedtimer Automatic ab, der seit September 2025 im Fachhandel erhältlich ist.
Innen liegender Drehring: Seiko Prospex Speedtimer Automatic SPB513J1
WatchTimeDrehring mit Countdown-Funktion
Der Speedmaster Automatic ist eine Dreizeigeruhr mit einer Zusatzfunktion: Über einen innenliegenden Drehring mit Countdown-Bedruckung kann man den Minutenzeiger mit einer bestimmten Zahl synchronisieren und ihn dann herunterzählen lassen. Beispiel: Weiß man, dass die Spaghetti acht Minuten Kochzeit haben, synchronisiert man den Minutenzeiger mit der Acht auf der Lünette. Hat er die durch ein Dreieck markierte Nullposition erreicht, muss man die Nudeln abgießen, damit sie al dente bleiben. Diese Art der vereinfachten Zeitabschnittmessung kennt man vor allem von Taucheruhren; bei diesen dreht sich die Lünette aber nur in eine Richtung und es gibt keine Countdown-Funktion. Die findet sich wiederum eher bei Fliegeruhren. Der Speedtimer ist weder Taucher- noch Fliegeruhr, sondern hat einen Namen, der ihn eher mit der Welt der Automobile verbindet. Insofern ist er Wanderer zwischen den Welten. Aber genau das verleiht ihm eine ganz eigene Individualität.
Seiko: Seiko 5 Speedtimer von 1969, einer der ersten Automatikchronographen
SeikoFür unser Hands-On haben wir das Modell SPB513J1 mit hellem Zifferblatt ausgewählt. Seine größte Stärke ist die Harmonie auf dem Zifferblatt. Sein heller Innenteil ist aufgeräumt und wird beherrscht von den zwölf aufgesetzten Stundenmarkern. Durch ihre abgestufte Form und die Art ihrer Politur bilden sie einen starken Kontrast zum hellen Blatt, zumal dieses eine senkrechte Strichmattierung aufweist. Bei den Indexen spielt Seiko mit den Details: Auch wenn die Indexe insgesamt vollständig poliert sind, ist ihr tiefer liegender Vorderteil glatter, fast spiegelartig poliert. Das trägt dazu bei, dass sie die Umgebung meist dunkel reflektieren. Die Hinterseite wiederum ist mit der Leuchtmasse Lumibrite belegt, genau wie die Zeiger und das Dreieck auf dem Drehring. So kann man die Uhrzeit auch bei Dunkelheit gut ablesen.
Seiko: Speedtimer Automatic SPB513 mit hellem Zifferblatt
SeikoÜberraschung: Teilchenstriche wie bei einem Chronographen
Die orangefarbenen Akzente sind es, die der Uhr ihren besonderen optischen Reiz verleihen. Dass die Viertelstundenmarkierung auf der Lünette dabei leicht in Hellbraune tendiert, tut dem Ganzen keinen Abbruch. Zusammen mit der orangefarbenen Spitze des Sekundenzeigers ist das ein sehr dezenter Farbtupfer, der gut zum hellen Zifferblatt mit seinem schwarzen Rand passt. Auf diesem hat Seiko die Minuterie platziert – und die Teilchenstricheskala. Letztere ist ungewöhnlich für eine Dreizeigeruhr. Die Darstellung von Sekundenbruchteilen macht eigentlich nur bei Chronographen Sinn. Hier erhöht die Skala aber die technische Optik der Uhr, schließlich ist sie ja die kleine Schwester des Chronographen. Was die Zahl der Teilstriche angeht, ist Seiko präzise vorgegangen: Sie ist an die Frequenz des Werks angepasst. Da der Sekundenzeiger des Kalibers 6R55 sechs Schritte pro Sekunde vollzieht, gibt es auch sechs Teilchenstriche. So kommt der Sekundenzeiger beim Ziehen der Krone immer auf einem der Stiche zu stehen.
Weiche Linien: Seitenansicht des Speedtimer Automatic (auf dem Bild die Variante mit schwarzem Zifferblatt)
SeikoDatumsfenster stören bei manchen Uhren die Symmetrie auf dem Zifferblatt. Beim Speedtimer ist das nicht der Fall, da der Drehring mit seiner Viertelstundenmarkierung ohnehin jede Symmetrie aufhebt. Somit setzt das Datumsfester zwischen vier und fünf Uhr eine zusätzlichen Reiz fürs Auge und bringt mit seiner runden Form etwas Ungewöhnliches ins Spiel, da man von Schweizer Uhren in der Regel rechteckige Fenster gewohnt ist. Was das Logo angeht, hält Seiko an der eleganteren Variante fest, die schon das Zifferblatt des Speedtimers von 1972 zierte: dem Logo mit den miteinander verbundenen Buchstaben. Bei unserer Testuhr zeigten sich an zwei Stellen des Logos leichte Bearbeitungsspuren – der einzige Wermutstropfen auf einem ansonsten wirklich gut gelungenen Zifferblatt.
Beim Band grenzen sich die polierten Zwischenglieder deutlich von den satinierten, halbrunden Hauptgliedern ab.
WatchTimeWeiche Linien
Gehäuse und Band sind aus hartbeschichtetem Edelstahl gefertigt. Die Oberflächen sind somit besser gegen Kratzer oder Abriebglanz geschützt als solche aus unbeschichtetem Edelstahl. Beide passen gut zusammen, und das überrascht bei näherem Hinsehen. Denn während das Gehäuse sehr soft gezeichnet ist – die Übergänge zwischen matten und polierten Flächen sind so weich, dass man sie kaum als Kanten bezeichnen kann –, grenzen sich beim Band die polierten Zwischenglieder deutlich von den satinierten Hauptgliedern ab. Bei ihnen ist es aber die halbrunde Oberseite, die zu einer gewissen Harmonie mit den Linien des Gehäuses führt. Streicht man mit dem Finger von oben nach unten über das Band, ergibt sich eine sehr angenehme Haptik. Streicht man seitlich, spürt man dagegen die scharfen Kanten der Zwischenglieder. Aber bei einer Uhr unter 1.000 Euro kann man nicht die gleichen Maßstäbe ansetzen wie bei Modellen, die ein Vielfaches kosten.
Die Beschaffenheit der Bandinnenseite, die Abstände zwischen den Gliedern und die kaum spürbare Schließe führen auf jeden Fall zu einem hohen Tragekomfort. Und genauso lässt sich der Speedtimer Automatic problemlos bedienen. Die unverschraubte Krone lässt sich leicht ziehen, nicht nur in die dritte, äußere Position, sondern auch in die zweite. Das ist bei vielen Uhren anders, wo die Krone beim Öffnen fast immer in die äußerste Position durchrutscht und man sich ein bisschen anstrengen muss, um sie in die Zwischenposition zu bekommen. In der ersten (Grund-)Position kann man die Uhr von Hand aufziehen, die zweite dient der Datumsschnellverstellung und die dritte dem Einstellen der Zeiger. Während die Hauptkrone sich sehr leicht dreht, gibt es bei der zweiten, unteren Krone minimal mehr Widerstand. Das ist gut, weil man so den inneren Drehring besser und genauer einstellen kann.
Variante mit schwarzem Zifferblatt: Speedtimer Automatic SPB515J1
SeikoBewährtes Werk mit Vorzügen und Nachteilen
Im Innern der Uhr arbeitet das Seiko-Automatikkaliber 6R55. Es gehört zur ausgereiften Werkfamilie 6R, die sich durch rund drei Tage Gangreserve auszeichnet, und stellt innerhalb dieser die neueste Generation dar. Es ist mit 21.600 Halbschwingungen pro Stunde getaktet und zieht in beide Richtungen auf. Dank des so genannten „Magic Lever“, den Seiko schon 1959 bei seinen Automatikwerken einführte und bis heute verwendet, reagiert das Aufzugssystem früh auf jede Arm- und somit Rotorbewegung. Bei jeder Bewegung der Schwungmasse greifen ein ziehender und ein schiebender Arm in das Klinkenrad ein, sodass viel Aufzugsenergie an das Federhaus weitergegeben wird. Dieses System kommt mit einer geringen Zahl an Bauteilen aus und ist damit sehr robust sowie kostengünstig zu fertigen. So kommen Käufer einer 990-Euro-Uhr in den Genuss eines hoch effektiven Uhrwerks.
Auf der anderen Seite arbeitet Seiko bei der Ganggenauigkeit mit hohen Toleranzen. Das 6R55 ist werkseitig auf eine Abweichung zwischen –15 und +25 Sekunden pro Tag einreguliert. Im realen Test auf unserer Witschi-Zeitwaage lagen die Werte zwischen –15 und +2 Sekunden, bei einem durchschnittlichen Nachgang von sieben Sekunden pro Tag. Das entspricht nicht dem, was man von Schweizer Werken gewohnt ist, ist aber besser als das Ergebnis, das wir bei einem anderen Test vor zwei Jahren mit dem 6R35 sahen. Apropos sehen: Einen Blick von außen auf das Werk erlaubt der geschlossene Boden nicht. Trotzdem ist das Werk ansprechend verziert, unter anderem mit einem gelbgoldfarbenen Rotor.
Vorbild für die heutige Automatikuhr: Seiko Speedtimer von 1972
SeikoMit seiner speziellen Zusatzfunktion präsentiert sich der Speedtimer als eine ungewöhnliche Uhr, die sich von den meisten anderen Modellen auf dem Markt abhebt. Dabei ist sie im positiven Sinn unauffällig: Sie schreit einen nicht an und hat einen eigenen, zurückhaltend-selbstbewussten Charakter. Eine Uhr für Individualisten, die für den gerade noch dreistelligen Preis sehr viel zu bieten hat.
Dieser Text erschien zuerst in der WatchTime-Ausgabe November/Dezember 2025. Das Magazin können Sie hier bestellen.
Technische Daten
Seiko Prospex Speedtimer Automatic SPB513J1
Hersteller Seiko, Japan
Funktionen Stunden, Minuten, Zentralsekunde, Datum, Sekundenstopp
Gehäuse Hartbeschichteter Edelstahl, gebürstet und poliert. Innen liegender Drehring mit Countdown-Funktion mit orangefarbener Markierung für die ersten 15 Minuten. Gewölbtes, einseitig entspiegeltes Saphirglas. Geschlossener Vollgewindeschraubboden. Wasserdicht bis 200 m
Zifferblatt silberweiß mit senkrechtem Schliff. Aufgesetzte Indexe und Markenlogo sowie Zeiger poliert. Stunden- und Minutenzeiger, Stundenindexe und Lünetten-Dreieck mit LumiBrite-Leuchtmasse belegtSekundenzeiger mit orangefarben lackierter Spitze
Maße Durchmesser 39,5 mm, Höhe 12 mm, Horn zu Horn 44 mm, Bandanstoßbreite 20 mm, Gewicht 153 g
Werk Seiko-Kaliber 6R55, Automatik, in beide Richtungen aufziehend, über 72 h Gangreserve. Frequenz 3 Hertz = 21.600 A/h
Armband und Schließe Gliederband aus hartbeschichtetem Edelstahl, fünfreihig, gebürstet und poliert. Edelstahl-Faltschließe mit zwei Drückern
Gangprüfung
Größte Lagendifferenz (Delta): 17 Sekunden
Mittlerer Gang: -7 Sek./24 h
Am Handgelenk: –9 Sek./24 h
Preis 990 Euro