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Anglieren: Wie man ein Uhrwerk zum Strahlen bringt

Manuelles Anglieren mit einer alten, polierten Feile
Manuelles Anglieren: Das Werkstück wird mit einer alten, polierten Feile durch Druck auf Hochglanz poliert
© PR
Das Anglieren ist eine besonders aufwendige Art der Finissierung, die einen großen Anteil an der Schönheit eines Uhrwerks hat. Mit dem Anglieren, auch Abkanten genannt, werden die Ränder der Einzelteile eines Uhrwerks speziell bearbeitet, um schöne Lichtreflexe zu schaffen, welche die Umrisse der Uhrwerkkomponenten betonen. Die Technik besteht darin, die Kanten zwischen der Oberfläche und den Flanken zu brechen und eine Abschrägung oder Fase zu formen, die anschließend poliert wird.
Audemars Piguet: Royal Oak Doppelte Unruh Squelette in Roségold, Referenz 15407OR.OO.1220OR.01
Bei einer Uhr mit skelettiertem Zifferblatt, wie bei der Audemars Piguet Royal Oak Doppelte Unruh Squelette, lassen sich die aufwendig anglierten Uhrwerkteile auch von vorne betrachten © Diode SA - Denis Hayoun
Die Neigung der Abschrägung beträgt dabei üblicherweise 45 Grad. Diesen Vorgang lassen Uhrenhersteller zum Beispiel bei einer Serienproduktion von CNC-Fräsmaschinen durchführen, da diese sauber und gleichmäßig arbeiten. Ist die Stückzahl besonders hoch, kommen Stanzmaschinen zum Einsatz. Dadurch wird die Arbeitszeit erheblich verkürzt und Ergebnisse sind zu hundert Prozent identisch. Künstlerische Arbeiten findet man hier allerdings kaum. Dabei wird das Anglieren nicht nur aus ästhetischen Gründen angewandt, es verbessert auch die Funktion des Uhrwerks. Denn beim Abkanten werden eventuell bei der Fertigung entstandene Grate beseitigt. Das anschließende Polieren verdichtet das Material und vermindert so die Korrosion.

Audemars Piguet legt Wert auf manuelles Anglieren der Kanten im Uhrwerk

Die maschinellen Methoden haben aber ihre Grenzen. So kann zum Beispiel keine einspringende Ecke geformt werden, da diese beim Fräsen automatisch abgerundet wird und anschließend manuell mit einer Feile eingearbeitet werden muss. Traditionsreiche Manufakturen wie Audemars Piguet legen viel Wert auf das manuelle Anglieren, und deren Uhrmacher bilden ihren Nachwuchs selbst aus, da für das Anglieren keine spezielle Ausbildung an Uhrmacherschulen angeboten wird. Bei Audemars Piguet lernt ein Auszubildender etwa ein Jahr, bis er das Abschrägen gut beherrscht. Aber auch danach muss er im Laufe seiner Karriere seine Technik stets verbessern. Für die Bearbeitung eines Werkstücks braucht ein Uhrmacher bis zu zehn Stunden. Dabei kommen diverse Feilen, Schleifsteine und Polierstähle zum Einsatz.

Das Anglieren erfolgt in mehreren, zeitaufwendigen Schritten

Nach einer Oberflächenbehandlung der Flanken werden die Fasen mit einer speziell auf das Werkstück zugeschnittenen Feile geformt oder vollendet. Danach beseitigt der Uhrmacher die in Querrichtung hinterlassenen Feilstriche durch Feilen in Längsrichtung. Hierbei gilt es, darauf zu achten, dass keine Verdrehungen entstehen. Die Oberfläche wird geschliffen und anschließend mit nach und nach feiner werdenden Schmirgelfeilen bearbeitet. Dabei dürfen die Kanten und Ecken nicht abgerundet werden. Eine gründliche Reinigung entfernt das Werkstück von allen Schleifrückständen, so dass das Werkstück keine Kratzer bekommen kann. Das darauf folgende Glanzschleifen ist ein Polierverfahren, bei dem das Material mit einem Werkzeug aus gehärtetem Stahl geglättet wird. Als letztes wird die Polierung noch verfeinert, indem das Werkstück mit einem Polierholz bis zum Erreichen des endgültigen Glanzes bearbeitet wird.
Die leicht konische Rattenschwanzfeile wird für abgerundete Ecken genutzt
Feinarbeit im Detail: Die leicht konische Rattenschwanzfeile wird für abgerundete Ecken genutzt © philippe schiller/myimage.ch
Die Abschrägung oder Fase verbindet die Oberseite des Werkstücks mit der Flankenseite. Jedes Stück hat dabei ganz eigene Formen – entsprechend seiner Funktion oder dem optischen Gesamtbild des Uhrwerks. Je nach Form entstehen unterschiedliche Ecken: einspringende, abgerundete oder abgehende Ecken. In der Haute Horlogerie werden die Ecken häufig vermehrt, ohne dass dazu eine wirkliche Notwendigkeit bestünde. Allerdings ist das Einarbeiten von Ecken besonders schwierig und somit Ausdruck hoher Uhrmacherkunst.

Das Einarbeiten von Ecken in Uhrwerksteile ist besonders schwierig

Am schwierigsten ist die einspringende Ecke auszuführen. Diese entsteht, wenn zwei Fasen nach innen gerichtet aufeinandertreffen. Mit einer akkurat ausgeführten Spitze kann diese Ecke nur von Hand ausgeführt werden. Fehlt die Spitze, spricht der Fachmann von einer abgerundeten Ecke. Ihr Schwierigkeitsgrad ist um einiges geringer. Daher können auch Fräsmaschinen diese Ecken ausführen. Die abgehende Ecke ist die umgekehrte Form der einspringenden, das heißt, zwei Fasen bilden einen nach außen spitz zulaufenden Winkel. Wurde die Ecke qualitativ hochwertig ausgeführt, dann ist die Ecke absolut spitz und nicht stumpf oder abgerundet. Häufig findet man diese drei Bezeichnungen auch, wenn das Aufeinandertreffen zweier Flanken beschrieben werden soll. Deren Finissierung ist ebenso aufwendig wie das Anglieren und bedarf größter Sorgfalt. Denn, wenn die Flanken nicht sauber und ebenmäßig bearbeitet werden, wirkt sich dies auch auf die Optik der Abschrägung aus.
Mithilfe von Feilen wird als erstes die Grundform (Flanken) ausgearbeitet
Abschrägen mit Stahl: Mithilfe von Feilen wird als erstes die Grundform (Flanken) ausgearbeitet © PR
Wurden die Werkstücke im Stanzverfahren gefertigt, dann weisen die Stücke bereits regelmäßige Flanken auf. Bei Uhren mittlerer Preisklasse wird daher für gewöhnlich nicht weiter an den Flanken gearbeitet. In der Welt der Haute Horlogerie, zu der auch Audemars Piguet gehört, werden die Flanken jedoch noch individuell bearbeitet und durch Satinieren in ihrer Optik verfeinert. Dies geschieht ausschließlich von Hand, da keine Maschine die gewünschte Qualität erzielt.
Kaliber L096.1 von A. Lange & Söhne
Auch beim Manufakturkaliber L096.1 von A. Lange & Söhne sind die Werkteile angliert © PR
Vor dem Satinieren entfernt der Uhrmacher alle unschönen Ansätze und Fertigungsspuren. Anschließend bearbeitet er die Flanke mit unterschiedlichen Feilen so lange, bis sie absolut plan und regelmäßig ist. Denn eine gewellte Flanke führt unweigerlich zu einer gewellten Fase. Wie beim Anglieren benutzt der Uhrmacher für das Satinieren auch diverse Schleifsteine und Schmirgelfeilen. Alternativ kommen eine Diamantschleifscheibe oder Synthetiksteine auf einem Mikromotor zum Einsatz. Hierbei wird allerdings mehr Material abgetragen, was das Korrigieren von Fehlern schwieriger macht. Ist die gewünschte Satinierung erreicht, ist das Werkstück bereit für den letzten Schritt bei der Finissierung: dem Hochglanzpolieren.
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