Sinn EZM 19: Der Einsatzzeitmesser für den Krisenstab
Der neue EZM 19 ist für den Tisch eines Krisenstabs konzipiert. Entwickelt hat Sinn ihn gemeinsam mit Tomas Stanke, Oberbrandrat und Leiter der Feuerwehr Hattingen. Die Uhr soll vor allem eines strukturieren, nämlich die Zeit zwischen zwei Lagebesprechungen. Das Ergebnis ist ein Drehring mit zwei Skalen und ein Zifferblatt, das den Tag in Vier-Stunden-Blöcke teilt. Für das Jubiläumsjahr, in dem die Frankfurter ihr 65-jähriges Bestehen feiern, ist das ein erstaunlich spezifisches und passendes Produkt. Seit der Unternehmensgründung 1961 hat sich Sinn Spezialuhren auf Navigationsborduhren und Armbanduhren von höchster Funktionalität konzentriert. Der erste Einsatzzeitmesser EZM 1 wurde 1997 für die Spezialeinheiten der deutschen Bundespolizei und des deutschen Zolls entwickelt.
Vom Einsatzort an den Besprechungstisch
Wozu braucht aber jemand, der in einem Lagezentrum sitzt, eine Uhr mit 20 bar Druckfestigkeit? Die Antwort liegt weniger in der Robustheit als in der Organisationslogik der Stabsarbeit. Ein Stab wird eingerichtet, wenn sich eine Lage mit den üblichen Mitteln nicht mehr beherrschen lässt. Gemeinsam mit den Kräften vor Ort bildet er die sogenannte Besondere Aufbauorganisation (BAO). Dort sitzen Feuerwehr, Polizei und Bundeswehr neben Verwaltung und Bürgermeistern. Viele dieser Beteiligten haben wenig oder gar keine Stabserfahrung. Gerade in der Anfangsphase, intern als Chaosphase bezeichnet, entscheidet laut Stanke die zeitliche Disziplin darüber, ob ein Stab die Lage führt oder ihr hinterherläuft. Sein Satz dazu ist kurz: „Wir haben in solchen besonderen Situationen kein Meeting. Wir etablieren einen Stab.“ Wer zu lange diskutiert, verliert den Bezug zur Lage draußen. Wer nachts um drei nicht weiß, wann die Ablösung kommt, entscheidet irgendwann schlechter. Aus dieser Praxis stammt auch die erste Konzeptskizze von 2024/25, die noch den Arbeitstitel „Stabsdienstzeitmesser SZM“ trägt.
35-Minuten-Skala, Vier-Stunden-Takt, 100 mT Magnetfeldschutz:
Sinn SpezialuhrenDer Drehring als eigentliche Komplikation
Das zentrale Bedienelement ist der unverlierbare Multifunktionsdrehring mit Minutenrastung. Sinn beschichtet ihn schwarz mit Hartstoff auf tegimentiertem Untergrund. Interessant ist die Teilung. Auf der einen Seite des Leuchtdreiecks verläuft eine Minutenskala von 0 bis 35. Die andere Seite trägt, mit „STD“ markiert, eine Stundenskala von 1 bis 4. Die 35 Minuten sind keine Verlegenheitslösung, sondern eine Vorgabe. Nach spätestens 35 Minuten soll in einer Lagebesprechung klar sein, wer was zu tun hat. Danach beginnt wieder die operative Arbeit. Eine klassische Taucherlünette mit 60er-Teilung würde diesen Rahmen offenlassen. Der EZM 19 setzt ihn sichtbar. Ist die Besprechung beendet, dient der Ring über die Stundenskala als Countdown bis zur nächsten Lage oder Übergabe. Konzeptionell ist das schlüssig. Offen bleibt, wie intuitiv sich die Doppelbelegung eines einzigen Rings unter Stress bedienen lässt. Das kann erst ein Praxistest zeigen.
Ein Zifferblatt im Vier-Stunden-Takt
Auch das Zifferblatt folgt der Schichtlogik. Statt der üblichen 3-6-9-12-Anordnung betont Sinn mit großen Ziffern die 4 und die 8, dazu einen Doppelbalken bei 12. Der Tag zerfällt damit optisch in Drei-Teile zu je vier Stunden. Das entspricht den Vier- und Acht-Stunden-Zyklen, in denen Stäbe je nach Belastung arbeiten. Stanke spricht hier von der „normativen Kraft des Faktischen“: Mehrtägige Lagen folgen zwangsläufig dem Tag-Nacht-Rhythmus, und aus dieser Realität haben sich feste Schichtmodelle entwickelt. Die von Hand aufgesetzten hybridkeramischen Leuchtelemente sind farbcodiert. Stunden- und Minutenzeiger, Leuchtdreieck und die Vier-Stunden-Markierungen leuchten in einer gemeinsamen Farbe. Die übrigen Indizes und der Sekundenzeiger heben sich in einem anderen Ton ab. Auf dem Nachtbild wirkt das wie eine bläulich-grüne Hauptebene und eine gelbliche Nebenebene. Das ist mehr als Dekor, denn es ordnet die Informationen bei schlechtem Licht nach ihrer Wichtigkeit. Selbst das Datum bei sechs Uhr begründet Sinn funktional. In lang andauernden Lagen verlieren Menschen schnell das Gefühl für Tageswechsel. Ein Datumsfenster als Werkzeug zu begründen, ist etwas ungewöhnlich, jedes Detail scheint jedoch zweckmäßig durchdacht.
Neu von Sinn: Der EZM 19 taktet Stabsarbeit in Vier-Stunden-Zyklen
Sinn SpezialuhrenBewährte Sinn-Technik mit konkretem Anlass
Technisch greift der EZM 19 auf das bekannte Sinn-Repertoire zurück. Das Gehäuse besteht aus perlgestrahltem Edelstahl und misst 41 Millimeter. Die Ar-Trockenhaltetechnik soll das Beschlagen bei Temperaturwechseln verhindern. Die Uhr ist von minus 45 bis plus 80 Grad Celsius funktionssicher, wasserdicht und druckfest bis 20 bar sowie unterdrucksicher. Das Deckglas ist aus Saphir. Ebenso interessant ist der Magnetfeldschutz bis 100 Millitesla. Sinn begründet ihn mit den Permanentmagneten in Tablets, Smartphones und deren Schutzhüllen. Für eine Uhr, die neben Laptops und Funkgeräten auf dem Tisch liegt, ist das ein plausibles Argument. Verbaut ist das mechanische Automatikwerk SW 300-1 mit circa 56 Stunden Gangreserve.
Taugt das Konzept für den Alltag?
Stanke sieht Anwendungen jenseits der Krise, etwa bei Besprechungen, Prüfungen oder der Parkzeit. Wer für den zivilen Gebrauch den EZM 19 kauft, kauft vor allem die Idee der begrenzten Besprechungszeit und das Vier-Stunden-Raster. Das ist legitim, denn Sinn-Kunden haben schon immer Uhren getragen, deren Einsatzprofil sie selbst nicht oft erleben. Der EZM 19 ist aber deutlich enger auf eine Nutzergruppe zugeschnitten als etwa die Taucher- oder Fliegermodelle der Marke.
Varianten und Preise
Sinn bietet den EZM 19 in vier Bandvarianten an. Mit Lederband, etwa dem grauen Wildschwein-Nubuk, oder mit Textilband kostet er jeweils 1.950 Euro. Mit dem schwarzen Silikonband mit Gehäuseintegration liegt der Preis bei 2.160 Euro. Mit dem massiven Edelstahlband mit Bandlängen-Feinverstellung sind es 2.300 Euro.
Der EZM 19 ist ein gutes Beispiel dafür, wie aus Anwenderwissen eine eigenständige Uhr entsteht.