Micro Monday: Neode – N01
Architektur fürs Handgelenk
Die vergleichsweise noch unbekannte unabhängige Uhrenmarke Neode möchte die Prinzipien der Architektur in die traditionelle Schweizer Haute Horlogerie übertragen. Bereits der Name beschreibt den dahinterstehenden Anspruch: Er leitet sich vom altenglischen „nēod“ ab, das sowohl Verlangen als auch ernsthaftes Streben bedeutet. Für das Unternehmen steht der Begriff sinnbildlich für den Drang des Gestalters, etwas Eigenes zu schaffen und es mit größtmöglicher Konsequenz umzusetzen. Gegründet wurde Neode von Marius-Daniel Dumitrascu, einem Architekten mit mehr als 15 Jahren Berufserfahrung bei international tätigen Büros. Sein Spektrum reicht von Museen und Apple Flagship Stores bis zu Wohn- und Hochhausprojekten. Hinzu kommt Fotografie, die nach eigener Aussage sein Verständnis für Licht, Komposition und Schatten geprägt hat. Diese unterschiedlichen gestalterischen Disziplinen führt Dumitrascu nun zusammen. Eine wichtige Rolle spielt dabei der 1952 vom italienischen Architekten Ernesto Nathan Rogers formulierte Gedanke „from the spoon to the city“. Architektur und Gestaltung reichen demnach vom kleinsten Alltagsgegenstand bis zum urbanen Maßstab. Nach zahlreichen Gebäuden und städtebaulichen Projekten betrachtet Dumitrascu seine Marke gewissermaßen als seinen persönlichen Weg in die entgegengesetzte Richtung, also von der Stadt zurück zum kleinen Objekt am Handgelenk. Für das erste Modell N01 entwarf er entsprechend jedes gestalterische Detail selbst. Im Zentrum seiner Kreation stehen gestalterische Klarheit, Ruhe und der Wunsch, Architektur, Design, bildende Kunst und traditionelle Uhrmacherei miteinander zu verbinden.
Neode – N01
Neode#N01
Ein Debüt in der Haute Horlogerie ist keine einfache Angelegenheit. Noch schwieriger wird es, wenn eine neue Marke nicht nur gestalterisch auffallen, sondern von Beginn an auf Augenhöhe mit etablierten Spezialisten der unabhängigen Uhrmacherei arbeiten möchte. Doch Neode stellt sich genau dieser Herausforderung. Die erste Uhr der jungen Marke heißt N01 First Edition Pure Silver und ist auf lediglich 25 Exemplare limitiert. Auf den ersten Blick gibt sie sich bemerkenswert zurückhaltend. Kein Tourbillon rotiert auf der Vorderseite, kein skelettiertes Zifferblatt legt möglichst viel Mechanik frei und keine extravagante Farbgebung buhlt um Aufmerksamkeit. Stattdessen bestimmen Silber, Titan, Anthrazit und präzise voneinander getrennte Flächen das Erscheinungsbild. Wie viel Aufwand dahintersteckt, offenbart sich erst bei genauerer Betrachtung. Für Uhrwerk, Gehäuse und Zifferblatt hat sich das Unternehmen mit drei hochkarätigen Schweizer Spezialisten zusammengetan: Chronode, Voutilainen & Cattin und Les Cadraniers de Genève.
Mehr als 130 Prototypen für eine einzige Gehäuseform
Mehr als drei Jahre beschäftigte sich Dumitrascu mit der Gestaltung. Dabei entstanden über 130 3D-gedruckte Gehäusevarianten. Die Prototypen wurden nicht nur begutachtet, sondern mitunter wochenlang getragen, um Form und Ergonomie immer weiter zu verfeinern. Als Ergebnis präsentiert sich ein Gehäuse, dessen Gestaltung weniger über Dekoration als über Geometrie funktioniert. Die Seiten besitzen eine doppelte Krümmung und verjüngen sich zu den Bandanstößen. Daraus ergibt sich eine leicht tonneauförmige Silhouette sowie eine durchgehende optische Linie. Die C-förmige Krümmung wiederum soll dafür sorgen, dass sich der Korpus eng um das Handgelenk legt.
Grade-5-Titan von Voutilainen & Cattin
Für die Umsetzung des Gehäuses arbeitet Neode mit Voutilainen & Cattin zusammen. Bis auf Saphirgläser und Dichtungen werden sämtliche Gehäusekomponenten von den dortigen Spezialisten selbst gefertigt. Als Material dient Titan Grade 5. Bemerkenswert ist die Bauhöhe: Das Gehäuse selbst misst lediglich 7,9 Millimeter, mit dem leicht gewölbten oberen Saphirglas sind es 9,9 Millimeter. Dabei ist die äußerlich minimalistische Form fertigungstechnisch keineswegs simpel. Unterschiedliche Oberflächenbehandlungen sollen die Geometrie gezielt hervorheben. Ober- und Unterseite tragen einen kreisförmigen Schliff, die Flanken sind linear gebürstet und die Kanten mit polierten Fasen versehen. Selbst die Krone enthält ein persönliches Detail. Sie ist über einen vertikalen Ausschnitt teilweise in die Gehäuseflanke eingelassen und besitzt exakt 37 Vertiefungen. Die Zahl verweist auf Dumitrascus Alter zum Zeitpunkt der Firmengründung.
Neode – N01
NeodeAcht Tage Gangreserve bei nur 3,98 Millimetern Werkhöhe
Noch interessanter wird die N01 beim Blick durch den Gehäuseboden. Für ihr erstes Kaliber wandte sich Neode an Jean-François Mojon und dessen Team bei Chronode. Das gemeinsam entwickelte Kaliber ist ein Handaufzugswerk mit bemerkenswerten Eckdaten. Es misst 31,1 Millimeter im Durchmesser und lediglich 3,98 Millimeter in der Höhe, bietet aber trotzdem eine Gangreserve von 192 Stunden beziehungsweise acht Tagen. Die Energie stammt aus zwei unabhängigen Federhäusern. Bei der Konstruktion standen allerdings nicht allein möglichst viel Gangreserve und eine geringe Bauhöhe im Zentrum. Die Architektur wurde bewusst symmetrisch angelegt und soll rund um die Unruh viel freien visuellen Raum schaffen. Folglich bezieht das Werk seine Wirkung nicht aus möglichst vielen sichtbaren Komponenten. Stattdessen bestimmen Proportionen, Freiräume und eine klar geordnete Architektur die Rückseite.
Die Unruhbrücke als optisches Zentrum
Besonders viel Aufmerksamkeit erhält die Unruhbrücke aus Titan Grade 5. Sie ist so gestaltet, dass sie optisch beinahe frei aus dem Gehäuseboden herauszuragen scheint. Ihre Form erinnert damit tatsächlich eher an ein architektonisches Bauteil als an eine traditionelle Werkbrücke. Die technische Konstruktion wird bewusst zum gestalterischen Mittelpunkt. Auch die Finissierung entspricht dem Anspruch der Uhr. Das Bauteil besitzt ein abgerundetes Profil, wird schwarzpoliert und an ihrer Verbindung zur Hauptplatine linear gebürstet. Die übrigen Werkbrücken erhalten eine mikrogestrahlte Oberfläche und eine dunkel anthrazitfarbene galvanische Beschichtung. Ihre Kanten werden von Hand angliert. Gerade der Kontrast aus dunklen, matten Flächen und glänzenden Fasen dürfte dafür sorgen, dass die ansonsten bewusst reduzierte Werkarchitektur nicht steril wirkt.
Ein Silberzifferblatt von Les Cadraniers de Genève
Auf der Vorderseite arbeitet das Unternehmen mit einem weiteren renommierten Spezialisten zusammen. Das Zifferblatt entsteht bei Les Cadraniers de Genève, der im Jahr 2000 von François-Paul Journe gegründeten Zifferblattmanufaktur. Bei die First Edition besteht das Uhrengesicht aus 925er-Silber. Zudem besitzt es mehrere Sektoren, die durch präzise ausgeführte, schmale Zwischenräume voneinander getrennt werden. Dadurch entsteht Tiefe, ohne dass zusätzliche Farben oder auffällige Dekoration notwendig wären. Der Minutenring liegt etwas erhöht und besitzt eine gebürstete Oberfläche. Die Sekundenbahn ist dagegen in das Zifferblatt eingelassen und mit einer feinen Azurage sowie diamantgeschnittenen Kanten versehen. Je nach Lichteinfall treten die einzelnen Bereiche damit unterschiedlich stark hervor.
Neode – N01
NeodeGrenage macht jedes Zifferblatt einzigartig
Jedes Silberzifferblatt wird zusätzlich vollständig von Hand greniert. Bei dieser historischen Technik wird die Oberfläche mithilfe einer Mischung aus Weinstein, Salz und Silberpulver bearbeitet. Dadurch entsteht eine feinkörnige, matte Struktur, die Licht diffus reflektiert und dem Silber trotz seiner zurückhaltenden Farbgebung eine lebendige Wirkung verleiht. Da der Prozess von Hand erfolgt, gleicht die Oberflächenstruktur eines Zifferblatts nicht exakt der eines anderen. Jedes der 25 Exemplare erhält damit zumindest in diesem Detail einen individuellen Charakter. Auch die Zeiger bleiben dem Materialanspruch treu. Sie werden aus 18-karätigem Gold gefertigt und besitzen Superluminova-Einsätze.
Die Gangreserve versteckt sich im Zifferblatt
Eines der charmantesten Details ist eine Anzeige, die Neode gerade nicht in den Vordergrund rückt. Bei einem Handaufzugswerk mit acht Tagen Gangreserve ist eine Gangreserveanzeige durchaus sinnvoll. Statt sie jedoch als zusätzliches Hilfszifferblatt auszuführen, integriert die Marke sie in eine der Zifferblatt-Aussparungen. Dort erscheint eine türkisfarbene Anzeige, die bewusst zurückgesetzt ist und vor allem aus der Perspektive des Trägers sichtbar sein soll.
Die N01 First Edition Pure Silver wird in einer Auflage von lediglich 25 Exemplaren gefertigt. Einen konkreten Verkaufspreis nennt Neode nicht. Interessenten werden stattdessen aufgefordert, direkt mit der Marke Kontakt aufzunehmen.
Fazit
Mit der N01 First Edition Pure Silver legt Neode ein ungewöhnlich reifes Debüt hin. Nicht deshalb, weil die Uhr versucht, möglichst viele Komplikationen oder traditionelle Handwerkstechniken gleichzeitig zu präsentieren. Sondern weil fast alle Details einer klaren gestalterischen Idee untergeordnet werden. Das beginnt beim über mehr als 130 Prototypen entwickelten Titangehäuse und reicht über die klar gegliederte Zifferblattarchitektur bis zum symmetrisch angelegten Uhrwerk. Der architektonische Hintergrund von Marius-Daniel Dumitrascu ist nicht bloß Teil der Gründungsgeschichte, sondern tatsächlich in der Uhr erkennbar. Technisch sticht vor allem das gemeinsam mit Chronode entwickelte, 3,98 Millimeter flache Handaufzugskaliber mit 192 Stunden Gangreserve heraus. Dazu kommen ein von Voutilainen & Cattin ausgeführtes Grade-5-Titangehäuse und ein bei Les Cadraniers de Genève von Hand greniertes 925er-Silberzifferblatt. Bemerkenswert ist dabei, wie konsequent aber eben auch zurückhaltend dieser technische und handwerkliche Aufwand präsentiert wird. Das handgefertigte Silberzifferblatt könnte wesentlich dekorativer ausfallen, die Werkarchitektur könnte komplexer erscheinen. Und bei Partnern wie Chronode, Voutilainen & Cattin und Les Cadraniers de Genève ließe sich deren Beteiligung problemlos wesentlich offensiver vermarkten. Stattdessen möchte die N01 ihre Details erst nach und nach preisgeben. Die Gangreserveanzeige, die Grenage, die verschiedenen Schliffe des Gehäuses, die beinahe schwebende Unruhbrücke oder selbst die 37 Einkerbungen der Krone sind Details, die bei einer flüchtigen Betrachtung kaum auffallen. Gerade das scheint der Kern des Entwurfs zu sein: Die N01 will über längere Zeit am Handgelenk entdeckt werden.
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- Architektur fürs Handgelenk
- #N01
- Mehr als 130 Prototypen für eine einzige Gehäuseform
- Grade-5-Titan von Voutilainen & Cattin
- Acht Tage Gangreserve bei nur 3,98 Millimetern Werkhöhe
- Die Unruhbrücke als optisches Zentrum
- Ein Silberzifferblatt von Les Cadraniers de Genève
- Grenage macht jedes Zifferblatt einzigartig
- Die Gangreserve versteckt sich im Zifferblatt
- Fazit