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Lesedauer 3 Min.

Werkstoffe und Materialien mechanischer Uhren: Silizium

Ulysse Nardin: Das Werk einer Freak
Ulysse Nardin: Das Werk einer Freak
© PR
An diesem Faktum lässt sich definitiv nicht rütteln: 2001 läutete Ulysse Nardin eine neue Material-Ära in der Zeitmessung ein. Der mittlerweile verstorbene Hauptaktionär Rolf Schnyder und sein damaliger Chefkonstrukteur Ludwig Oechslin, beides in ihrer Weise Freaks, zeichnen sich verantwortlich für das so getaufte Karussell-Tourbillon mit hoch innovativer Dual Direct Hemmung. Deren Funktionsabläufe bedeuteten einen bemerkenswerten Schritt weg von der überlieferten Schweizer Ankerhemmung. An ihre Stelle traten zwei Hemm- und Antriebsräder. Im Rahmen einer Funktionsanalyse per Hochgeschwindigkeitskamera förderten die Techniker der Ingenieursschule Le Locle sehr schnell die Achillesferse des Freaks ans Tageslicht: die hohe Trägheit beider Räder bei Verwendung des relativ schwergewichtigen Stahls. Rat wusste Michel Vermot. Der Professor an der kantonalen Ingenieursschule schlug vor, das Centre Suisse d'Electronique et de Micromecanique (CSEM) in Neuchâtel einzubinden. Selbiges sei imstande, extrem leichte Komponenten aus Silizium mit einem spezifischen Gewicht von nur 2,2g/mm³ zu fertigen. Nach ersten Kontakten im April 2000 konnte im Juni ein Kooperationsvertrag zur Realisierung der Dual-Direct-Hemmung mit Hilfe von Silizium-Bauteilen unterzeichnet werden. Bereits am 5. September 2000 standen erste Komponenten zur Verfügung.
Der mittlerweile verstorbene Hauptaktionär Rolf Schnyder und sein damaliger Chefkonstrukteur Ludwig Oechslin
Der mittlerweile verstorbene Hauptaktionär Rolf Schnyder und sein damaliger Chefkonstrukteur Ludwig Oechslin (links) © PR
Nach dem Lancement der Freak-Uhr im November 2001 wollte das CSEM von Ludwig Oechslin wissen, ob sich neben den Hemmrädern noch andere Komponenten für die Verwendung Silizium eigneten. Die knappe, aber wie immer präzise Antwort: Unruhspiralen. Oechslin beließ es nicht bei Worten. Er lieferte die Zeichnungen, das CSEM führte aus und testete. Der Erfahrungsbericht datierte auf den März 2002. Das Silizium-Zeitalter in der mechanischen Uhrmacherei hatte begonnen. Der Schönheitsfehler für den Ideengeber: An Patente dachte er nicht, sondern andere.
Zum High-Tech-Werkstoff an dieser Stelle in aller Kürze nur so viel: Silizium verfügt über dieselbe Kristallstruktur wie Diamant, ist drei Mal leichter als Stahl, dazu ausgesprochen hart, antimagnetisch, sehr korrosionsfest. Außerdem besitzt Silizium oder, genauer gesagt, das Oxid, welches es nach der thermischen Behandlung umgibt, positive mechanische Eigenschaften. Der Reibungskoeffizient ist so niedrig, dass es keine Schmiermittel braucht. Schließlich bringt modernste Fertigungstechnologie absolut gleiche Komponenten, also echte Klone hervor. Die Tatsache, dass Ulysse Nardin ein Material verbaute, welches sich bis dahin nur in elektronischen Quarzuhren fand, rief natürlich Kritiker auf den Plan. In ihren Augen hatte diese Form der Werkstoff-Wahl mit traditioneller Uhrmacherei so gut wie nichts mehr zu tun. Rolf Schnyder und sein Team ließen sich freilich nicht beirren. Ihnen war klar, dass man es niemals allen Seiten recht machen kann. Der Freak 01 mit Dual-Direct-Hemmung aus Silizium, welche CSEM-IMT fertigte sowie mit ultrahartem, diamantähnlichem Karbon (DLC) beschichtete, stellte seine Qualitäten von 2001 bis 2004 durchaus eindrucksvoll unter Beweis. glb
Ulysse Nardin: Freak Phantom
Der aktuelle Freak von Ulysse Nardin © PR
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