Ulysse Nardin: Super Freak zur Watches and Wonders 2026
Mit dem Super Freak feiert Ulysse Nardin nicht nur den 25. Geburtstag einer der einflussreichsten Uhrenlinien der Neuzeit, sondern zugleich 180 Jahre Manufakturgeschichte. Die neue, auf 50 Exemplare limitierte Edition ist weit mehr als ein Jubiläumsmodell. Sie ist das Ergebnis aus einem Vierteljahrhundert Freak-Entwicklung, aus 35 patentierten Innovationen seit 2001 und aus jener Haltung, mit der die Manufaktur die moderne Uhrmacherei immer wieder herausfordert. Der Super Freak versteht sich als eine der kompliziertesten Time-Only-Uhren, die je gebaut wurden. Sein technischer Aufwand manifestiert sich vollständig in der Anzeige von Stunden, Minuten und Sekunden. Gerade darin liegt die Faszination dieses Modells. Denn wo andere Marken Komplexität über zusätzliche Anzeigen definieren, steigert Ulysse Nardin den mechanischen Aufwand im Kern der Zeitdarstellung selbst.
Ulysse Nardin – Super Freak
Ulysse NardinFreak als Wendepunkt
Um die Bedeutung des Super Freaks zu verstehen, muss man die historische Rolle des ursprünglichen Freaks kennen. Als Ulysse Nardin im Jahr 2001 das erste Modell der Kollektion präsentierte, war die Branche gewissermaßen schockiert. Die Uhr verzichtete auf Krone, Zeiger und klassisches Zifferblatt. Stattdessen zeigte das rotierende Werk selbst die Zeit an. Hinzu kam der erstmalige Einsatz von Silizium in einer mechanischen Armbanduhr. Die Grundlagen dazu reichen tief in die Geschichte der Marke zurück. Ulysse Nardin war seit dem 19. Jahrhundert ein Synonym für Präzision und Marinechronometrie. Nach der Quarzkrise führte Rolf Schnyder die Manufaktur ab 1983 in eine neue Richtung und setzte auf mechanische Innovation statt auf nostalgische Wiederholung. Eine Schlüsselfigur wurde dabei Ludwig Oechslin, dessen astronomische und konstruktive Genialität der Marke ein völlig neues technisches Profil gab. Was den Freak von Anfang an so besonders machte, war also nicht nur die ungewöhnliche Anzeige, sondern ein komplett neues Verständnis davon, wie eine mechanische Uhr aufgebaut sein kann. Das Uhrwerk war nicht mehr bloß Motor, sondern zugleich Zeitanzeige und Bühne. Der Super Freak führt diese Idee nun auf die denkbar aufwendigste Spitze.
Neues Kaliber als technisches Kraftzentrum
Im Zentrum der Neuvorstellung arbeitet das neue Manufakturkaliber UN-252. Es wurde über vier Jahre entwickelt und besteht aus insgesamt 511 Komponenten sowie 42 Lagersteinen. Schon diese Zahlen verdeutlichen, dass es sich hier nicht um eine Überarbeitung, sondern um ein völlig neu gedachtes Hochleistungskaliber handelt. Das Werk arbeitet automatisch, bietet Stunden-, Minuten- und Sekundenanzeige und integriert ein fliegendes Karussellwerk, das um die eigene Achse rotiert. Hinzu kommen zwei um zehn Grad gegeneinander geneigte fliegende Tourbillons, zwei Silizium-Unruhen, zwei Silizium-Spiralfedern und zwei Hemmungen aus DIAMonSIL. Die Frequenz beträgt jeweils 2,5 Hertz. Die Anzeigeelemente sind mit weißer Superluminova versehen, während die transparente blaue Stundenscheibe aus Nanosital gefertigt ist. Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass dieses Werk nicht nur außergewöhnlich komplex ist. Nach Angaben der Marke befinden sich 97,46 Prozent des gesamten Kalibers in Bewegung. Nur 13 der 511 Bauteile sind statisch.
Ulysse Nardin – Super Freak
Ulysse NardinErstes automatisches Doppeltourbillon mit Karussell
Die spektakulärste technische Errungenschaft des Super Freak ist seine Regulierorgankonstruktion. Ulysse Nardin spricht vom weltweit ersten Doppeltourbillon mit automatischem Aufzug und Karussell. Konkret sitzen auf der aus 327 Bauteilen bestehenden Minutenbrücke zwei fliegende Tourbillons aus Titan, die jeweils um zehn Grad geneigt sind, sich in entgegengesetzte Richtungen drehen und in 60 Sekunden eine vollständige Umdrehung absolvieren. Diese Konstruktion ist nicht nur spektakulär anzusehen, sondern auch technisch hoch anspruchsvoll. Zwei Tourbillons benötigen deutlich mehr Energie als ein einzelnes Reguliersystem. Gleichzeitig sollen sie möglichst leicht sein, um die Effizienz des gesamten Systems nicht zu gefährden. Daher wiegt die Minutenbrücke trotz ihrer enormen Komplexität nur 3,5 Gramm und ist damit rund 30 Prozent leichter als jene des Freak S. Dass Ulysse Nardin diese Konstruktion nun zusätzlich mit einer Sekundenanzeige kombiniert, erhöht den Aufwand nochmals beträchtlich. Besagte Anzeige ist hier keine banale Ergänzung, sondern nur durch die Entwicklung neuer Übertragungssysteme überhaupt möglich geworden.
Kleinstes Differential der Welt
Ein zentrales Element der Uhr ist das vertikale Differential, das die Manufaktur als das kleinste der Welt bezeichnet. Es misst lediglich fünf Millimeter und besteht aus 69 Komponenten, darunter acht Keramikkugellager, die mit mikrometergenauer Präzision gefertigt sind. Dieses Differential erfüllt im Werk eine Schlüsselfunktion: Es mittelt die Geschwindigkeiten der beiden geneigten Tourbillons und überträgt gleichzeitig Energie an das neue Kardan-System für die Sekundenanzeige. Ohne dieses Differential würden kleinste Unterschiede zwischen den beiden Schwingsystemen dazu führen, dass die Uhr Gangfehler aufweist. Das Differential sorgt dagegen für Synchronisierung, geregelte Energieverteilung und damit für Präzision und Stabilität. Gegenüber dem 2022 mit dem Freak S eingeführten vertikalen Differential wurde die Achsorientierung verändert: Statt einer absteigenden arbeitet der Super Freak mit einer aufsteigenden Achse. Diese Entscheidung ist nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch relevant, weil sie das Werk optisch stärker öffnet und die mechanische Inszenierung intensiviert.
Ulysse Nardin – Super Freak
Ulysse NardinNeues Kardan-System für die Sekundenanzeige
Die vielleicht faszinierendste Neuheit des Super Freak ist das patentierte Kardan-System. Da Differential und Sekundenanzeige auf einer dezentrierten Achse angeordnet sind, musste Ulysse Nardin eine Lösung finden, wie Energie präzise und verlustarm zwischen diesen Elementen übertragen werden kann. Das Ergebnis ist das nach Angaben der Marke kleinste Kardan-System der Welt. Die aus elf Bauteilen bestehende Kardan-Aufhängung misst lediglich 4,8 Millimeter, die beiden Übertragungsachsen zusammen nur zwölf Millimeter. Historisch stammt das Prinzip des Kardangelenks aus der Navigation und diente dort der Stabilisierung von Instrumenten auf Schiffen. Später fand es in der Luft- und Raumfahrt sowie in optischen und elektronischen Stabilisierungssystemen Verwendung. Im Super Freak wird dieses Prinzip nun auf höchstem mikromechanischen Niveau in die Uhrmacherei übertragen. Die Bedeutung dieser Lösung kann kaum überschätzt werden. Erst sie macht die neue Sekundenanzeige überhaupt möglich, ohne das gesamte rotierende Konzept des Freaks zu kompromittieren.
Unglaubliche Effizienz
Damit ein so anspruchsvolles Regulierorgan zuverlässig arbeiten kann, braucht es eine außergewöhnlich effiziente Energieversorgung. Genau hier kommt das patentierte Grinder-System ins Spiel. Der Grinder nutzt selbst kleinste Bewegungen des Handgelenks und wandelt sie besonders wirkungsvoll in Aufzugsenergie um. Seine Schwungmasse ist über vier extrem dünne Hebel von nur 0,12 Millimetern Stärke mit einem Rahmen verbunden. Dadurch wird pro Winkeleinheit deutlich mehr Energie gewonnen als bei konventionellen Rotorlösungen.
Ulysse Nardin – Super Freak
Ulysse NardinHightech-Materialien mit System
Wie kein anderes Modell verkörpert der Freak die Materialinnovation von Ulysse Nardin. Der Super Freak setzt diese Tradition konsequent fort und nutzt insgesamt zehn Silizium-Komponenten, darunter zwei Unruhen, zwei Spiralfedern und zwei Hemmungen aus DIAMonSIL. Bei Letzterem handelt es sich um eine patentierte, diamantbeschichtete Siliziumarchitektur, die Härte, geringe Reibung und Langlebigkeit kombiniert. Die Vorteile sind offensichtlich: Silizium ist leicht, amagnetisch, elastisch und reibungsarm. Die DIAMonSIL-Beschichtung erhöht zusätzlich die Widerstandsfähigkeit gegenüber Verschleiß und Stößen. Gerade in einer Konstruktion mit zwei Tourbillons und einer hohen mechanischen Dichte ist diese Materialwahl von entscheidender Bedeutung. Hinzu kommt mit Nanosital ein weiteres, ungewöhnliches Material. Die blaue transparente Stundenscheibe besteht aus diesem polykristallinen Werkstoff, der aus einer kontrollierten Kristallisation von Glas entsteht. Seine Dichte liegt nahe bei Topas, Saphir und Rubin, gleichzeitig übertrifft seine Härte jene von Standardglas.
Handwerk trotz Hightech
So futuristisch der Super Freak technisch ist, so tief ist er zugleich im klassischen Handwerk verankert. Mehr als 70 Prozent des Uhrwerks werden von Hand bearbeitet. Die Komponenten werden poliert, satiniert, verfeinert und sandgestrahlt, und zwar mit traditionellen Werkzeugen wie Lederpolierern, Nadelfeilen und Holzstäbchen. Besonders anspruchsvoll ist dies deshalb, weil viele Bauteile aus Titan gefertigt sind. Im Vergleich zu Messing ist Titan deutlich härter und schwerer zu dekorieren, weshalb die Bearbeitung einzelner Komponenten bis zu doppelt so viel Zeit in Anspruch nehmen kann. Montiert wird die Uhr im Haute-Horlogerie-Atelier von Ulysse Nardin in La Chaux-de-Fonds. Dort arbeiten 14 spezialisierte Uhrmacher, von denen nur fünf gezielt für die Montage des Super Freaks ausgebildet wurden. Jede Uhr wird vollständig von einem einzigen Uhrmacher montiert. Dieser Prozess dauert rund 60 Stunden, gefolgt von fünf Tagen Testphase zur Überprüfung der chronometrischen Leistung.
Ulysse Nardin – Super Freak
Ulysse NardinGehäuse und Ergonomie
Das Gehäuse der bis 30 Meter wasserdichten Neuvorstellung besteht aus Weißgold, ebenso Lünette, Riegel und Gehäuseboden. Der Durchmesser beträgt 44 Millimeter, die Gesamthöhe liegt bei 16,54 Millimetern. Im Vergleich zum Freak S wurde das Gehäuse kompakter gestaltet, um die Uhr trotz der enormen mechanischen Dichte tragbarer zu machen. Das graue „Ballistic“-Kautschukband mit weißer Naht und Weißgold-Faltschließe komplettiert die technische, moderne Anmutung.
Fazit
Mit dem Super Freak liefert Ulysse Nardin eine Uhr ab, die sich jeder einfachen Kategorisierung entzieht. Sie ist eine Time-Only-Uhr und doch hochkompliziert. Sie ist experimentell und dennoch tief in der Geschichte der Marke verankert. Sie ist Hightech-Instrument, Forschungsplattform und aber auch handwerkliches Kunstwerk. Journalistisch betrachtet ist der Super Freak eine Demonstration dessen, was möglich wird, wenn eine Manufaktur Komplexität auf die Spitze treibt und mit der eigenen Identität verschmelzen lässt.