Longines: Fliegeruhren

Helden der Luftfahrt

Alexander Linz
von Alexander Linz
am 16. April 2013
29. Mai 1927: Charles Lindbergh landet nach seinem Rekordflug über den Atlantik in Croydon/London
29. Mai 1927: Charles Lindbergh landet nach seinem Rekordflug über den Atlantik in Croydon/London

Die Uhrenmarke Longines war von Anfang an ganz vorn dabei, als es darum ging, den Piloten von damals die korrekte Zeit für ihre tollkühnen Abenteuer zu vermitteln. Zahlreiche Spezialmodelle, für zivile wie für militärische Zwecke, wurden über die Jahre hinweg erschaffen. Unsere Übersicht der vier wichtigsten Fliegeruhren zeigt, wohin die Reise damals ging.

Die geniale Idee der Zeitsynchronisation

Ein kleines, verstellbares, innen liegendes Zifferblatt ermöglichte den Abgleich der Fliegeruhr mit dem via Funk übermittelten Zeitnormal.

Weems’ Idee: Durch ein verstellbares inneres Zifferblatt konnte der Pilot die Uhr sekundengenau mit dem Zeitnormal synchronisieren. Eine Variante bildete die Weems-Uhr mit 24-Stunden-Zifferblatt (rechts)
Weems’ Idee: Durch ein verstellbares inneres Zifferblatt konnte der Pilot die Uhr sekundengenau mit dem Zeitnormal synchronisieren. Eine Variante bildete die Weems-Uhr mit 24-Stunden-Zifferblatt (rechts)

Im Jahre 1919, als die Luftfahrt noch mehr oder weniger in ihren Kinderschuhen steckte, lieferte die Uhrenmanufaktur Longines bereits offiziell Uhren an die Fédération Aéronautique Internationale (FAI), den Internationalen Luftfahrerverband. Auch die damals bekanntesten Piloten verließen sich bei ihren kühnen Pionierflügen mehr und mehr auf die Qualität der Zeitmesser von Longines. Außer Oberst Charles A. Lindbergh waren das unter anderem Clarence D. Chamberlin und sein Passagier Charlie Levine: Er war der erste Fluggast, der jemals über den Atlantik geflogen wurde, und das nur wenige Wochen nach dem Flug von Lindbergh im Jahr 1927. Weiter der Pilot und Konteradmiral der US-Marine Richard Byrd, der italienische Langstreckenflieger Francesco de Pinedo, der Schweizer Pilot, Fotograf und Reiseschriftsteller Walter Mittelholzer, einer der ersten Luftfahrtunternehmer, der amerikanische Unternehmer, Pilot und Filmproduzent Howard B. Hughes sowie Hans von Schiller, der zuletzt der Kommandant des Zeppelins LZ 127 war. Auch Amelia Earhart gehört zu diesem Kreis: Sie überquerte 1928 als erste Frau in einem 20-stündigen Flug den Atlantik.

Es waren aber nicht nur die Helden der Lüfte, die in Longines einen kongenialen Partner gefunden hatten, sondern ebenso Commander Philip van Horn Weems, Lehrer an der Naval Academy von Annapolis. Weems verfasste in jener Zeit mehrere Standardwerke über die Flugnavigation und die Regeln des Instrumentenflugs. Auch Lindbergh zählte zu seinen Schülern. Ausgehend von der Notwendigkeit, dass für richtiges Navigieren die exakte Uhrzeit unerlässlich ist, entwickelte der Commander zusammen mit Longines die „Weems Pilot Watch“. das von Weems erfundene System ermöglichte eine unkomplizierte sekundengenaue Synchronisierung der Uhr mit dem von einem Zeitzeichensender via Lang- oder Kurzwelle regelmäßig ausgesandten Zeitzeichen, ohne dass ein Richten des Minuten- und Stundenzeigers notwendig war. Dazu diente entweder eine besondere Lünette oder ein zentrales Hilfszifferblatt. Beide waren drehbar angeordnet und mit einer Skala von 60 Sekunden versehen. Entsprechend dem Zeitzeichen konnte der Pilot die Sekundenabweichung seiner Uhr vom Zeitnormal korrigieren und für seine weiteren Berechnungen berücksichtigen.

Bei der Langstreckennavigation verursachen selbst wenige Sekunden Varianz enorme Fehler in der Standort- und Kursberechnung. Je genauer, desto besser, lautete demnach damals das Motto. In Zusammenarbeit mit Longines meldete Weems 1929 schließlich das Patent für seine Armbanduhr an, die als sinnvolle Ergänzung des weit größeren Bordchronometers gedacht war. Kurios mag folgendes Detail sein: Das Patent für die Uhr wurde erst 1935 verliehen. Ob da jemand die Einfachheit und Genialität der Erfindung nicht verstand?

Groß und maskulin gestaltet: die roségoldene Weems Second-Setting Watch mit Automatikkaliber  L699
Groß und maskulin gestaltet: die roségoldene Weems Second-Setting Watch mit Automatikkaliber L699

Die aktuelle Replika der Uhr von Commander Philip van Horn Weems, die „Weems Second-Setting Watch“, wurde bewusst groß und maskulin gestaltet. Sie ist mit dem Automatikwerk L699 ausgestattet, dessen Unruh mit 28.800 Halbschwingungen pro Stunde oszilliert. Die Gangreserve beträgt 46 Stunden. Das Edelstahlgehäuse besitzt einen Durchmesser von 47,5 Millimetern, ein zusätzlicher Gehäusebodendeckel schützt den eigentlichen Saphirglasboden. Öffnet man ihn, so kann man einerseits die Gravur und Nummerierung sehen und andererseits das Automatikwerk. Das opalfarbene, versilberte zentrale Hilfszifferblatt ermöglicht heute wie damals die exakte Synchronisierung zum Beispiel mit dem Radio-Zeitzeichen oder einer Funkuhr. Zur Weems Second-Setting Watch gehört ein braunes Alligatorlederarmband mit einer „Charleston“-Schließe und einem Verlängerungsstück.

Die Stundenwinkeluhr

Die Stundenwinkeluhr beruhte auf der Idee und der Zeichnung von Charles A. Lindbergh
Die Stundenwinkeluhr beruhte auf der Idee und der Zeichnung von Charles A. Lindbergh

Basierend auf der Uhr von Commander Philip van Horn Weems entwickelte Charles A. Lindbergh seine Stundenwinkeluhr.

Ausgehend von Weems’ Erfindung, ging Charles A. Lindbergh, sein Schüler an der Naval Academy von Annapolis, noch einen Schritt weiter und überlegte, wie von einer Armbanduhr der Greenwich-Stundenwinkel der Sonne abgelesen werden könnte. Diesen braucht man zur Berechnung des Längengrads eines beliebigen Gestirns.

Die Erde dreht sich in 24 Stunden einmal um ihre Achse. In zwölf Stunden um 180 Grad, in einer Stunde um 15 Grad und in der Minute um 15 Bogenminuten. Lindberghs Erfindung machte es möglich, dass die Zeiger der Uhr nicht nur die exakte Uhrzeit darstellen konnten, sondern auch den zugehörigen Greenwich-Stundenwinkel der Sonne. Eine Stunde entspricht dabei 15 Grad. Wenn der Stundenzeiger in zwölf Stunden das Zifferblatt umrundet hat, hat er also die 180-Grad-Position erreicht. Die dem Minutenzeiger zugehörige Skalierung auf der Lünette unterteilt die 60 Minuten einer Stunde in 15 Grad, wobei jede Minute für 15 Bogenminuten steht. Der Sekundenzeiger wiederum zeigt auf dem kleinen, verstellbaren Zifferblatt in der Mitte die exakte Anzahl der Bogenminuten zwischen null und 15, die in einer Minute verstreichen.

Nun könnte man den Greenwich-Stundenwinkel der Sonne wie folgt ablesen: Nehmen wir an, unsere Longines zeigt 4 Uhr 37 Minuten und 9 Sekunden. Nach dem Empfang des Zeitnormals via Zeitzeichensender korrigieren wir das kleine Hilfszifferblatt in der Mitte um plus drei Sekunden, sodass wir jetzt über die sekundengenaue Zeit verfügen. Es ist demnach 4 Uhr 37 Minuten und 12 Sekunden. Der Stundenzeiger zeigt uns 60 Grad an, der Minutenzeiger 9 Grad und 15 Bogenminuten, der Sekundenzeiger 3 Bogenminuten. Addiert man das Ganze, so kommt man auf 69 Grad und 18 Bogenminuten. Dieser Wert stimmt jedoch nur, wenn die Differenz zwischen der wahren und der mittleren Sonnenzeit null ist. Variiert diese, und das tut sie in einem Ausmaß von plus 16 Minuten um den 3. November und minus 14 Minuten um den 11. Februar, so muss diese Varianz in unsere Berechnungen einbezogen werden. Auch daran hatte Charles A. Lindbergh gedacht, indem er die Lünette drehbar und somit korrigierbar vorsah.

Grad und Bogenminuten: Die Lindbergh ermöglichte das Ablesen des Greenwich-Stundenwinkels
Grad und Bogenminuten: Die Lindbergh ermöglichte das Ablesen des Greenwich-Stundenwinkels

Nehmen wir wieder an, dass unsere Longines 4 Uhr 37 Minuten und 12 Sekunden anzeigt. Dieses Mal gibt es aber durch die Zeitgleichung eine Verschiebung zwischen der wahren und der mittleren Sonnenzeit von minus 4 Minuten und 50 Sekunden. Wir drehen die davor noch mittig stehende Lünette jetzt um 4 Minuten nach links und lesen Folgendes ab: Der Stundenzeiger zeigt uns wieder 60 Grad an, der Minutenzeiger jetzt aber 10 Grad und 15 Bogenminuten und der Sekundenzeiger wieder 3 Bogenminuten. Da wir zuerst jedoch die 50 Sekunden beim Verdrehen der Lünette nicht berücksichtigt hatten, da diese kaum einstellbar sind, müssen diese jetzt noch in unserer Rechnung einfließen. Auf dem kleinen Zifferblatt lesen wir für die 50 Sekunden 12½ Bogenminuten ab und addieren diese mit den anderen Zahlen zu einem Wert von 70 Grad und 30½ Bogenminuten für den Greenwich-Stundenwinkel der Sonne.

Worauf basiert diese Berechnung? Steht man genau mittags auf dem Greenwich-Meridian, ist die Sonne zu dem Zeitpunkt genau im Süden. Ihr Stundenwinkel beträgt in diesem Moment null Grad. Drei Stunden später beträgt ihr Stundenwinkel drei Stunden. Im weiteren Verlauf umkreist die Sonne die Erde, sie geht unter und später wieder auf und nähert sich dann wieder dem Greenwich-Meridian. Um 11 Uhr vormittags beträgt der Stundenwinkel 23 Stunden. Um 12 Uhr fängt das Ganze wieder bei null an. Einmal um die Erde sind demnach 24 Stunden oder 360 Grad. Misst man den Stundenwinkel von Greenwich aus, so nennt man ihn Greenwich-Stundenwinkel oder englisch Greenwich Hour Angle (GHA). Der Stundenwinkel wird stets in westliche Richtung gemessen und als Winkel in Graden, Bogenminuten und Bogensekunden angegeben. Mit einer sehr genau gehenden Uhr kann man nun feststellen, welchen Weg die Sonne um die Erde bereits zurückgelegt hat, und daraus den exakten Stundenwinkel bestimmen. Das funktioniert aber wohlgemerkt nur dann, wenn wir, wie erwähnt, die Abweichung zwischen der wahren und der mittleren Sonnenzeit kennen und dies als Korrektur einfließen lassen.

Die aktuelle Lindbergh-Stundenwinkeluhr ist eine originalgetreue Nachbildung des Urmodells und mit 47,5 Millimetern Durchmesser genauso groß
Die aktuelle Lindbergh-Stundenwinkeluhr ist eine originalgetreue Nachbildung des Urmodells und mit 47,5 Millimetern Durchmesser genauso groß

Im Jahre 1931 war es so weit: Die Lindbergh-Stundenwinkeluhr wurde Realität. Den Piloten half sie fortan, bei einem Langstreckenflug den Längengrad zu bestimmen, und erleichterte ihnen so das Navigieren. In der aktuellen Ausführung misst die Lindbergh-Stundenwinkeluhr 47,5 Millimeter und ist somit genauso groß wie das Original. Unter dem weißen Zifferblatt mit seinem opalfarbenen Hilfszifferblatt in der Mitte tickt das Longines-Automatikkaliber L699, dessen Unruh mit 28.800 Halbschwingungen pro Stunde oszilliert. Gehäuse in Edelstahl und Gelbgold mit doppeltem Gehäuseboden stehen zur Wahl. Die Funktionen der Stundenwinkeluhr sind heute noch dieselben wie damals. Man kann die laufenden Sekunden der Uhr mit einem Zeitnormal korrigieren und nach wie vor den Greenwich-Stundenwinkel der Sonne bestimmen.

 

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