Patek Philippe: Nautilus – damals und heute

Sammeln von Klassikern

Robert-Jan Broer
von Robert-Jan Broer
am 15. September 2016

Patek Philippe gilt als einer der prestigeträchtigsten Uhrenhersteller der Schweiz. Das war schon immer so. Seine oftmals reichen Kunden kommen aus aller Welt, unter ihnen sind Angehörige von Königshäusern und Wirtschaftskapitäne. Es ist die Uhrenmarke mit einem der bekanntesten Werbeslogans: „Eine Patek Philippe gehört einem nie ganz allein. Man erfreut sich ein Leben lang an ihr, aber eigentlich bewahrt man sie schon für die nächste Generation.“ Ob das nun zutrifft oder nicht, die Patek-Philippe-Besitzer und -Freunde berufen sich gerne auf diesen Slogan, um die teuren Zeitmesser zu rechtfertigen. Dementsprechend wird die Marke in erster Linie mit klassisch-eleganten Luxusuhren wie der Calatrava assoziiert.

Patek Philippe Nautilus: links die Referenz 3700/1A (1976) und rechts die 5711/1A (2006)
Patek Philippe Nautilus: links die Referenz 3700/1A (1976) und rechts die 5711/1A (2006)

Doch Mitte der siebziger Jahre, als Patek Philippe für Modelle mit Komplikationen und für elegante, flache Golduhren bekannt war, beschloss man im Unternehmen, eine Sportuhr der Luxusklasse herzustellen. Wenige Jahre zuvor (1972) hatte Audemars Piguet mit der Royal Oak bewiesen, dass man einer Marke der Haute Horlogerie eine Luxus-Sportuhr aus Edelstahl abnimmt.

Entfant terrible: Wie die Patek Philippe Nautilus entstand

Und Patek Philippe holte sich mit Gérald Genta den Mann, der für das Design der Royal Oak verantwortlich gewesen war. Genta entwarf eine Uhr mit sehr speziellen Eigenschaften: Dazu gehören unter anderem das Bullaugen-Design des Gehäuses, die Kombination von polierten und satinierten Komponenten und – natürlich – das integrierte Armband aus Edelstahl. So stellte Patek Philippe 1976 die Nautilus der Öffentlichkeit vor.

Doch der Großteil der Kundschaft konnte sich nicht für die Uhr begeistern. Eine Sportuhr erschien unpassend für ein Unternehmen wie Patek Philippe, dessen Schwerpunkt schon immer auf klassischen (goldenen) Zeitmessern mit oder ohne Komplikationen lag. Die Nautilus wurde zum Enfant terrible der Kollektion, und das ist sie geblieben.

 

Die allererste Nautilus von Patek Philippe Referenz 3700/1A, 1976
Die allererste Nautilus von Patek Philippe Referenz 3700/1A, 1976

Wer sich auf dem Markt nach einer Nautilus umsieht, muss sich entscheiden zwischen einem neueren Modell aus den 2000er-Jahren oder einem Modell aus der zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Dabei zeigt der Blick auf den Preis, dass ein Vintage-Modell aus zweiter Hand genauso teuer (oder manchmal sogar noch teurer) ist wie das aktuelle.

Betrachten wir nun die allererste Nautilus mit der Referenz 3700/1A und die Nautilus 5711/1A: Auf den ersten Blick scheint sich in den 30 Jahren, die zwischen den beiden Modellen liegen, nicht viel geändert zu haben. Doch bei genauerem Hinschauen zeigt sich, wie sich die Uhr gewandelt hat.

 

Die Nautilus 5711/1A, 2006
Die Nautilus 5711/1A, 2006

Das Bullaugen-Gehäuse

Das Gehäuse der Patek Philippe Nautilus ist der Form eines Bullauges nachempfunden. Das Modell 3700/1A besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen, dem Gehäuse und der Lünette. Dabei sind Lünette und Gehäuse wie ein Bullauge aneinander geschraubt. Das Gehäuse der 3700/1A misst im Durchmesser 42 Millimeter. 1976 war diese Gehäusegröße überdurchschnittlich groß. So erhielt die Uhr schnell den Spitznamen Nautilus Jumbo.

Als Patek Philippe die Nautilus 2006, ungefähr 30 Jahre nach der Lancierung des Modells, wieder auf den Markt brachte, hatte sie noch einmal an Umfang zugelegt. Das Gehäuse maß nun 43 Millimeter und war noch etwas höher. Außerdem war es aus drei Teilen konstruiert: Neben der Lünette und dem Korpus bildet nun dier Bodenein eigenes Bauteil. In den Augen vieler Puristen ist die zweiteilige Bauweise der 3700/1A interessanter, da sich ihrer Ansicht nach darin das Wesen des Bullaugen-Designs widerspiegelt.

 

Patek Philippe: Nautilus (2006)
Patek Philippe: Nautilus (2006)

Ein neues Uhrwerk für die Nautilus

Ein anderer Aspekt, der ebenfalls Auswirkungen auf das Aussehen des Gehäuses hatte, war die Verwendung eines neuen Uhrwerks. Genauer gesagt beschloss Patek Philippe, das neue Modell um einen Sekundenzeiger zu ergänzen. Dieser Sekundenzeiger veränderte das Erscheinungsbild der Uhr beträchtlich, da die Lünette so etwas höher wurde. Scheinbar hatte Gérald Genta eine Schwäche für Uhren, die nur die Stunden und die Minuten anzeigten, deshalb verfügte auch die ursprüngliche Royal Oak nicht über einen Sekundenzeiger.

Das Modell 3700/1A von 1976
Das Modell 3700/1A von 1976

So veränderte sich das Nautilus-Zifferblatt

Auch das Zifferblatt veränderte sein Aussehen bei der Neuauflage von 2006: Sein Muster blieb gleich, doch Patek Philippe veränderte die Farbe. Das Zifferblatt der neuen Nautilus mutet „elektrisch“ an, weil sich die grün-blaue Färbung verändert, je nachdem, wie man die Uhr im Licht hin und her bewegt. Die 3700/1A zeigt dagegen immer die gleiche bläuliche Färbung des Zifferblatts, egal aus welchem Winkel man sie betrachtet. Die Aufschrift ‘Patek Philippe’ und ‘Geneve’ rückte mit dem neueren Modell ein Stückchen Richtung zwölf Uhr und auch die Schrift veränderte sich. Die Typografie der 3700/1A entspricht dem Stil der 1970er-Jahre und wirkt im Vergleich zum nachfolgenden Modell massiver. Betrachtet man die Zeiger, fällt der Unterschied zwischen der 5711/1A mit Sekundenzeiger und der Zweizeigeruhr 3700/1A sofort ins Auge. Wahrscheinlich ist es eine Frage des Geschmacks und der Gewohnheit, aber das Zifferblatt der 3700/1A besitzt für mich eine ruhigere Ausstrahlung.

Noch ohne Saphirglasboden: die Patek Philippe Nautilus Referenz 3700/1A, 1976
Noch ohne Saphirglasboden: die Patek Philippe Nautilus Referenz 3700/1A, 1976

Das Uhrwerk: So wird die Nautilus angetrieben

Als Patek Philippe die Nautilus einführte, verwendete man das automatische Kaliber 28-255C. Dieses ultraflache Werk basiert auf dem Kaliber Jaeger-LeCoultre 920 und damit auf dem gleichen Werk, das 1972 in der Royal Oak Referenz 5402 von Audemars Piguet Verwendung fand. Dieses Werk, das von Audemars Piguet als Kaliber 2121 benutzt wird, hat eine Höhe von nur 3,05 Millimeter (einschließlich des Rotors) und besitzt keinen Sekundenzeiger. Der Rotor bewegt sich auf Schienen, nicht mithilfe eines Kugellagers.

Das automatische Kaliber 28-255C basiert auf dem Jaeger-LeCoultre 920
Das automatische Kaliber 28-255C basiert auf dem Jaeger-LeCoultre 920

Im 2006er-Modell tickt das automatische Kaliber 324 S C. Es wurde von Patek Philippe im eigenen Haus entwickelt und hergestellt. Ein schön finissiertes und konstruiertes Uhrwerk, das nicht so flach wie sein Vorgänger ist, aber nun durch einen Saphirglasboden sichtbar ist.

Patek Philippe Nautilus mit Kaliber 324 S C
Patek Philippe Nautilus mit Kaliber 324 S C

Die Gehäuseunterschiede der Nautilus-Referenzen 3700/1A und 5711/1A

Aufgrund des dreiteiligen Gehäuses mit dem Kaliber 324 S C unterscheidet sich das Modell 5711/1A etwas von dem Modell 3700/1A. Das Gehäuse ist höher, der Abstand zwischen Zifferblatt und Saphirglas ist aufgrund des Sekundenzeigers größer, und es gibt einen Saphirglasboden. Trotzdem ist es Patek Philippe meiner Ansicht nach gelungen, das schnittige und elegante Design der Nautilus zu bewahren.

Kaliber 324 S C
Kaliber 324 S C

Das Armband der Nautilus

Viele Sportuhren weisen ein massives und solide anmutendes Armband auf. Im Gegensatz dazu sind die Nautilus-Armbänder sehr dünn und geschmeidig. Beim Tragen ist kaum ein Unterschied zwischen dem Armband der Ur-Nautilus und der neueren Version von 2006 zu spüren. Der größte Unterschied besteht in der Faltschließe. Das Band der Nautilus 3700/1A besitzt einen recht einfachen Schließmechanismus, bestehend aus zwei Metallteilen ohne spezielle Bearbeitung oder Gravuren. Es erfüllt trotzdem seinen Zweck. Für mehr Sicherheit gibt es zusätzlich einen Faltverschluss, damit die Schließe nicht zufällig aufgehen kann.

Patek Philippe: Nautilus 3700/1A , 1976
Patek Philippe: Nautilus 3700/1A , 1976

Das Band der 5711/1A besitzt hingegen eine doppelte Faltschließe mit Sicherheitsverschluss. Dieses Armband sieht aus meiner Sicht viel besser aus und erfüllt die Anforderungen an eine moderne Luxusuhr. Beide Armbänder tragen ein graviertes Patek-Philippe-Logo.

Welche Nautilus sollte ich nun kaufen?

Was bleibt, ist die Frage: „Vintage-Nautilus oder neues Modell?“ Dies lässt sich nicht leicht beantworten, weil Käufer solcher Zeitmesser vor allem emotionale Gründe für ihren Kauf haben. Abgesehen davon, dass Sie mit keiner dieser Uhren einen Fehlgriff machen können, gibt es einige Unterschiede in der Konstruktion des Gehäuses, des Uhrwerks und des Zifferblatts, die den Puristen womöglich zur Nautilus Referenz 3700/1A greifen lassen. Wenn sie dagegen an der Nautilus das Design, ihren Erfolg und die hohe Fertigungstiefe von Patek Philippe schätzen, aber keine Uhr aus zweiter Hand haben möchten oder den möglicherweise hohen Preis für die Reparatur einer Vintage-Uhr scheuen, dann würden sie sich wohl eher für eine neue Nautilus. Für alle, die viel unterwegs sind, steht seit 2014 auch ein weiteres Nautilus-Modell zur Wahl: Der Nautilus Travel Time Chronograph mit zweiter Zeitzone und Chronographenfunktion. 2015 stellte Patek Philippe eine weitere Variante vor: Die Referenz 5711/1 mit Roségoldgehäuse und einem Zifferblatt mit hell-dunklem Braunverlauf.
Fortlaufend aktualisierter Artikel, ursprünglich online gestellt im April 2013.

Robert-Jan Broer, Jahrgang 1977, lebt in den Niederlanden. Seine Leidenschaft sind Uhren. Er ist Autor bei verschiedenen Uhrenzeitschriften und betreibt seit 2004 den Blog Fratellowatches. Auf Watchtime.net stellen wir Ihnen seine Artikel auf Deutsch zur Verfügung: www.fratellowatches.com

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