Kunst des schlechten Geschmacks: Die größten Uhrensünden der letzten Jahre
Schönheit gehört zu den wenigen Eigenschaften einer Uhr, die sich weder messen noch zertifizieren lassen. Gangwerte können überprüft, Materialien analysiert und Komplikationen gezählt werden. Ob eine Uhr jedoch als gelungen oder als gestalterischer Unfall gilt, entscheidet sich allein im Auge des Betrachters. Gerade die Uhrenwelt kennt zahlreiche Modelle, die sich bewusst jeder Konvention widersetzen. Kritiker behaupten, sie wären zu groß, zu laut, zu komplex oder schlicht viel zu extravagant. Interessanterweise stammen zahlreiche dieser Entwürfe nicht von kleinen Außenseitern, sondern von renommierten Namen der Branche. Auch Rolex, Audemars Piguet, Richard Mille oder Louis Vuitton haben Modelle hervorgebracht, die Sammler bis heute gleichermaßen faszinieren und irritieren. Manche gelten als Kultobjekte, andere als Designkatastrophen. Zusammen zeigen sie, wie schmal der Grat zwischen visionärem Entwurf und ästhetischer Überforderung sein kann.
Louis Vuitton – Tambour Carpe Diem
Louis VuittonLouis Vuitton – Tambour Carpe Diem
Ein Totenschädel blickt dem Betrachter entgegen, eine goldene Schlange windet sich durch die Augenhöhle und eine Sanduhr erinnert an die Vergänglichkeit des Lebens. Wer die Tambour Carpe Diem von Louis Vuitton zum ersten Mal betrachtet, denkt vermutlich an barocke Vanitas-Malerei, ein Kuriositätenkabinett oder ein Theaterrequisit. An eine Armbanduhr jedoch meist zuletzt. Dabei ist die Uhrmacherkunst hinter diesem Modell zweifellos beeindruckend. Ein aufwendig entwickelter Mechanismus setzt die Schlange in Bewegung, öffnet den Totenschädel und gibt die Zeitanzeige erst auf Knopfdruck frei. Technisch handelt es sich um eine hochkomplizierte Automatenuhr, deren Fertigung mehrere Jahre Entwicklungsarbeit erforderte. Die spektakuläre Inszenierung macht diese Tambour für viele Betrachter jedoch auch zu einer der fragwürdigsten Uhren der modernen Haute Horlogerie. Totenschädel, Schlange, Gravuren, rote Schriftzüge, Gold, Email und bewegliche Elemente konkurrieren gleichzeitig um Aufmerksamkeit. Die klassische Balance zwischen Gestaltung und Funktion tritt dabei vollständig in den Hintergrund. Der Zeitmesser wirkt wie eine tragbare Skulptur. Wo traditionelle Gestaltung auf Klarheit, Proportion und Zurückhaltung setzt, entscheidet sich Louis Vuitton bewusst für das Gegenteil. Warum sich diese Kreation nicht zwingend auf Wunschlistenplatz Eins vieler Sammler befindet, liegt deshalb weniger an einzelnen Elementen als an ihrer kompromisslosen Überinszenierung. Besagtes Modell erzählt gleichzeitig von Tod, Vergänglichkeit, Luxus sowie Mechanik und möchte all diese Botschaften auf einmal vermitteln. Sie beweist allerdings durchaus, dass Haute Horlogerie nicht immer schön sein muss, um Eindruck zu hinterlassen.
Breitling for Bentley – Mulliner Tourbillon
Die Breitling for Bentley Mulliner Tourbillon wirkt heute, nicht zuletzt auch aufgrund ihrer Größe, wie eine in die Jahre gekommene Luxuslimousine, die versehentlich am Handgelenk gelandet ist. Mit 48 Millimetern Durchmesser, einem Gehäuse aus Edelmetall und einem Tourbillon im Inneren wollte sie nicht gefallen, sie wollte beeindrucken – ersteres ist sicherlich gelungen. Die Kooperation zwischen Breitling und Bentley brachte zahlreiche extravagante Modelle hervor, doch die Mulliner Tourbillon markiert den Höhepunkt dieser Ära. Das Zifferblatt präsentiert sich als komplexe Bühne aus Skelettierungen, Hilfszifferblättern, Tourbillonfenster, Tachymeterskala und verschiedenen Ebenen. Auf der Rückseite findet sich eine Gravur, die an die berühmten Holzfurniere der Bentley-Mulliner-Interieurs erinnern soll. Das Ergebnis wirkt wie die Armaturentafel eines überladenen Luxusautomobils. Während Lünette, Uhrengesicht und Werk gleichzeitig um Aufmerksamkeit konkurrieren, beweist das Modell eindrücklich, dass in den frühen 2000er-Jahren Größe, Gewicht und technische Komplexität als Ausdruck von Luxus galten. Mehr war mehr. Größer war besser. Dezente Eleganz spielte eine untergeordnete Rolle, aus heutiger Sicht wirkt die Uhr deshalb beinahe wie eine Karikatur jener Zeit.
Rolex – Daytona „Leopard“
Selbst einige der ikonischsten Modelle überhaupt sind nicht sicher vor Verunstaltung. Dieses Schicksal ereilte auch die Daytona „Leopard“ von Rolex. Als die Referenz 116598SACO im Jahr 2004 vorgestellt wurde, wirkte sie wie ein Gegenentwurf zu allem, wofür die Daytona bis dahin stand. Wo sonst Rennsport, Funktionalität und sportliche Zurückhaltung dominierten, zog plötzlich ein Leopardenmuster ein. Technisch betrachtet bleibt die Uhr eine Daytona, das 40 Millimeter große Gelbgoldgehäuse, die Chronographenanzeige und die bekannte Silhouette sind unverkennbar. Doch genau dort endet die Vernunft. Die Lünette aus 36 cognacfarbenen Saphiren, diamantbesetzte Bandanstöße, ein Zifferblatt mit Leopardenmuster und ein passendes Lederarmband verwandeln die einstige Rennsportikone in eine Art tragbares Luxusobjekt zwischen Safari, Extravaganz und optischer Zumutung. Sie ignoriert Konventionen, verzichtet auf Understatement und erhebt Auffälligkeit zum Gestaltungsprinzip. Vielleicht macht sie genau das so schwierig: Die Leopard Daytona ist nicht ästhetisch fragwürdig, weil ihr die Idee fehlt, sondern weil sie ihre Idee kompromisslos bis zum Ende verfolgt. Nichtsdestotrotz besitzt die tierische Referenz Kultstatus und kann immer wieder am Handgelenk einiger Berühmtheiten erspäht werden.
Hublot – MP-05 LaFerrari
HublotHublot – MP-05 LaFerrari
Wer schon immer einen Motorblock am Handgelenk tragen wollte, sollte sich die MP-05 LaFerrari von Hublot genauer ansehen. Bereits beim ersten Blick fällt es schwer, die Uhr überhaupt als solche zu erkennen. Wo sich normalerweise Zeiger, Zifferblatt und Indizes befinden, dominieren übereinandergestapelte Zylinder, sichtbare Mechanik und ein riesiges Tourbillon. Die vertikale Konstruktion entstand gemeinsam mit Ferrari und orientiert sich bewusst an der Technik und Ästhetik des LaFerrari. Technisch betrachtet handelt es sich um eine außergewöhnliche Kreation. Elf Federhäuser liefern eine Gangreserve von 50 Tagen, 637 Komponenten bilden eines der komplexesten Werke, die Hublot je gebaut hat, und selbst das Aufziehen erfolgt mithilfe eines elektrischen Werkzeugs, das eher an die Boxengasse der Formel 1 erinnert als an die Welt der Haute Horlogerie. Die MP-05 verzichtet nahezu vollständig auf die klassischen Tugenden einer Armbanduhr. Ablesbarkeit, Eleganz und Proportion treten hinter die technische Demonstration zurück. Die massiven Dimensionen, die röhrenförmigen Anzeigen und das aggressive Gehäuse erzeugen eine Präsenz, die viele Sammler eher als überfordernd denn als faszinierend empfinden. Ist die Führerscheinprüfung bestanden und das nötige Kleingeld vorhanden, könnte der vierrädrige LaFerrari folglich die sinnvollere Investition sein.
MB&F – HM6 Space Pirate
MB&FMB&F – HM6 Space Pirate
Auf manchen Uhren lässt sich die Zeit nur schwer ablesen. Bei der MB&F HM6 stellt sich zunächst die Frage, wo vorne und hinten überhaupt liegen. Das Gehäuse erinnert an ein außerirdisches Flugobjekt, eine futuristische Tiefseekreatur oder einen Spielzeugentwurf aus einem japanischen Science-Fiction-Film – und tatsächlich ist genau dort ihre Herkunft zu finden. Die Inspiration für die HM6 lieferte die Anime-Serie „Captain Future“. Deren kugelförmiges Raumschiff diente als Ausgangspunkt für eine Uhr, die sich bewusst von sämtlichen Konventionen löst. Vier kugelförmige Saphirdome ragen aus dem biomorphen Gehäuse heraus, ein fliegendes Tourbillon sitzt unter einer zentralen Kuppel, während sich die Stunden- und Minutenanzeigen in rotierenden Kugeln verbergen. Selbst die automatischen Aufzüge werden durch zwei Turbinen reguliert. Technisch ist die HM6 eine Meisterleistung. Das über Jahre entwickelte Werk besteht aus fast 500 Komponenten, die Verarbeitung erreicht höchste uhrmacherische Standards und die gesamte Konstruktion ist ein Paradebeispiel moderner Haute Horlogerie. Doch all diese Qualitäten ändern wenig daran, dass die Uhr für viele Betrachter schlicht verstörend aussieht. Denn die HM6 verweigert sich nahezu jeder bekannten Formensprache. Es gibt weder ein klassisches Zifferblatt noch erkennbare Hörner oder eine vertraute Gehäusearchitektur. Stattdessen scheint sich die Uhr am Handgelenk festzusaugen wie ein Wesen aus einer anderen Galaxie. Sie verlangt vom Betrachter, sämtliche Sehgewohnheiten abzulegen.
Invicta – Gladiator South Beach
InvictaInvicta – Gladiator South Beach
Ein wahres Top-Modell dieser Liste ist die Gladiator South Beach von Invicta. Mit ihren 58 Millimetern Durchmesser ist diese Wanduhr fürs Handgelenk letztlich nur für Menschen tragbar, deren Unterarme eher an Oberschenkel erinnern und die gleichzeitig unter einer ausgeprägten Sehschwäche leiden. Auch die weiteren Daten lesen sich absurd: 19 Millimeter Höhe und ein 41 Millimeter breites Metallband. Dazu kommen ein knallpinkes Zifferblatt, leuchtende pinke Zeiger, schwarze Gehäuseteile und eine Gehäusearchitektur, die eher an Panzerung erinnert als an Uhrmacherei. Die massiven Kronenschützer, die kantigen Gehäuseflanken und die zahlreichen Designelemente erzeugen eine fast aggressive Erscheinung. Die Uhr besitzt weder die Funktionalität einer professionellen Toolwatch noch die Eleganz einer Luxusuhr. Stattdessen wirkt sie wie eine Ansammlung möglichst auffälliger Gestaltungselemente. Besonders bemerkenswert ist dabei die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität. Die Produktbeschreibung spricht von klassischer Eleganz, ausgewogenen Proportionen und vielseitiger Tragbarkeit. Funktionalität besitzt sie jedoch: Wer sie regelmäßig trägt, wird zumindest einseitig deutlichen Muskelzuwachs feststellen können.
Richard Mille – RM 053 Pablo Mac Donough
Richard MilleRichard Mille – RM 053 Pablo Mac Donough
Gute Augen braucht es, um die Richard Mille RM 053 ablesen zu können. Sie besitzt kein klassisches Zifferblatt, keine erkennbare Gehäusefront und erinnert eher an den Sehschlitz eines mittelalterlichen Helms als an eine Armbanduhr im siebenstelligen Preisbereich. Entstanden ist die RM 053 für den Polospieler Pablo Mac Donough, dessen Sport zu den härtesten Belastungsproben für eine mechanische Uhr zählt. Schläge, Zusammenstöße und enorme Beschleunigungskräfte verlangten nach einer Konstruktion, die selbst ein Tourbillon unter Extrembedingungen schützen kann. Richard Mille entwickelte dafür ein gepanzertes Gehäuse aus Titankarbid, dessen massive Brücken zwei kleine Sichtfenster freilassen. Dahinter befinden sich die Stunden- und Minutenanzeige sowie das Tourbillon, jeweils um 30 Grad geneigt. Technisch ist die Uhr eine beeindruckende Ingenieursleistung. Das skelettierte Werk wurde für Belastungen von bis zu 5.000 G ausgelegt, die gesamte Konstruktion ist auf maximale Widerstandsfähigkeit optimiert, und die ungewöhnliche Architektur verfolgt einen klaren Zweck. Die kompromisslose Funktionalität verdrängt jedoch nahezu jede klassische Vorstellung von Schönheit. Die asymmetrischen Fenster, die extrem technische Gestaltung und die beinahe militärisch wirkende Gehäusearchitektur erzeugen eher den Eindruck einer Schutzausrüstung. Und dennoch besitzt die RM 053 eine Qualität, die viele vermeintlich schönere Uhren nicht erreichen: absolute Konsequenz. Keine Linie, keine Öffnung und keine Materialentscheidung wurde zufällig gewählt. Die Uhr wurde gestaltet, um einen Tourbillon-Chronometer auf einem galoppierenden Polopferd zu schützen, und das kann durchaus als bemerkenswert bezeichnet werden.
Audemars Piguet – Royal Oak Offshore „Survivor“
Manche Uhren tragen ihren Namen lediglich auf dem Zifferblatt, die Royal Oak Offshore Survivor scheint ihn dagegen als Designanweisung verstanden zu haben. Als Audemars Piguet die auf 1.000 Exemplare limitierte Survivor 2008 vorstellte, entfernte sich die Royal Oak Offshore weiter von der ursprünglichen Eleganz der Kollektion als jemals zuvor. Die ohnehin robuste Uhr wurde zu einer Art taktischer Kampfmaschine weiterentwickelt. Lünettenelemente erinnern an Kühlkörper von Waffen, die Krone zitiert Mündungsbremsen, die Drückerschützer wirken wie Sicherungsstifte von Granaten. Selbst die zahlreichen Öffnungen im Gehäuse sollen an die Gewichtsreduktion moderner Schusswaffen erinnern. Die technische Qualität steht dabei außer Frage. Das Titangehäuse macht die massive Uhr überraschend tragbar, die Verarbeitung entspricht dem hohen Standard von Audemars Piguet und das Kaliber 3126/3840 gilt als zuverlässiges Chronographenwerk. Die Survivor ist keineswegs schlecht gemacht, sie ist lediglich äußerst entschlossen. Besonders bemerkenswert ist dabei der Kontrast zur ursprünglichen Royal Oak. Wo Gérald Genta 1972 eine elegante Luxussportuhr mit feinen Proportionen schuf, präsentiert die Survivor das genaue Gegenteil: kantig, martialisch und kompromisslos. Sie wirkt wie die Royal Oak nach einem mehrjährigen Aufenthalt in einem postapokalyptischen Actionfilm.
Jacob & Co. – Epic SF24 Tourbillon Baguette
Jacob & Co.Jacob & Co. – Epic SF24 Tourbillon Baguette
Wer an Flughäfen romantische Gefühle entwickelt, dürfte in der Jacob & Co. Epic SF24 Tourbillon Baguette seine perfekte Uhr finden. Schließlich beherbergt sie nicht nur ein fliegendes Tourbillon und über hundert Baguette-Diamanten, sondern auch die Anzeigetafel eines internationalen Flughafens. Die Idee hinter der Uhr ist zunächst durchaus faszinierend. Jacob & Co. wollte die Ablesbarkeit einer zweiten Zeitzone verbessern und griff dafür auf die sogenannten Split-Flap-Anzeigen zurück, wie sie jahrzehntelang in Bahnhöfen und Flughäfen verwendet wurden. Die zweite Zeitzone erscheint deshalb nicht mithilfe eines zusätzlichen Zeigers, sondern in einer Gehäuseverlängerung, die wie ein kleiner Abflugmonitor herausragt. Das eigens entwickelte Kaliber mit fliegendem Tourbillon umfasst mehr als 500 Komponenten, die zweite Zeitzone ist aufwendig in das Werk integriert und die Verarbeitung der zahlreichen Baguette-Diamanten entspricht höchster Juwelierskunst. Auf dem Papier vereint der Zeitmesser damit nahezu alles, was moderne Haute Horlogerie bieten kann. Gerade diese Fülle wird jedoch auch zu seinem größten Problem. Tourbillon, Flughafenanzeige, asymmetrisches Gehäuse, Diamantbesatz und die monumentale Architektur konkurrieren permanent um Aufmerksamkeit. Die Uhr möchte gleichzeitig Reiseinstrument, Schmuckstück, technische Demonstration und Kunstobjekt sein. Das Ergebnis wirkt wie eine Sammlung mehrerer Luxusprodukte, die zufällig in demselben Gehäuse untergebracht wurden. Besagte Referenz besitzt kaum einen visuellen Ruhepunkt. Die obere Anzeige stört die Symmetrie, die großzügige Edelsteinfassung konkurriert mit der Mechanik, und das Tourbillon kämpft um Aufmerksamkeit gegen eine Komplikation, die an einen Flughafenmonitor erinnert. Bis man sich entschieden hat, welches Detail der Uhr gerade die größte Aufmerksamkeit verdient, ist das Priority-Boarding längst verpasst.
Montegrappa – Chaos
MontegrappaMontegrappa – Chaos
Ein Totenschädel umschlingt das Gehäuse, Schlangen winden sich über die Lünette, Drachenköpfe ragen aus den Flanken und jede freie Oberfläche scheint von einem düsteren Fantasiewesen besetzt zu sein. Was zuerst nur als Schreibgerät erhältlich war, wurde von Montegrappa in Zusammenarbeit mit Sylvester Stallone leider auch in Form einer Uhr umgesetzt. Die beziehungsweise das Chaos überträgt dieselbe aggressive und dramatische Ästhetik auf das Handgelenk – wobei die 54 Millimeter Gehäusedurchmesser durchaus auch auf einem Oberarm noch ausreichend Präsenz entfalten würden. Dabei fällt der Kontrast zwischen Äußerem und Innerem besonders auf. Hinter der monumentalen Goldskulptur arbeitet mit dem ETA 2824 eines der bekanntesten und zuverlässigsten Großserienwerke der Schweizer Uhrenindustrie.
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