Hermès Cape Cod Mini: Zurück zu den Wurzeln – aber mit neuer Größe
Es gibt Designs, die sich mit der Zeit einprägen. Die 1991 von Henri d'Origny entworfene Cape Cod-Gestaltung bei Hermès gehört zweifellos dazu. Ihre Silhouette – ein Quadrat im Rechteck, inspiriert vom Kettenglied der Chaîne d'ancre – ist zwar noch nicht ganz so ikonisch wie eine Kelly Bag, aber eben so unverwechselbar wie ein Carré-Tuch. Mit 35 Jahren auf dem Buckel schrumpft die Cape Cod nun auf ein Format, das gleichzeitig Rückbesinnung und Trend ist: 27 x 20 Millimeter.
Sieben neue Varianten präsentiert die Maison in Gelbgold und Edelstahl, mit Zifferblättern in Farben, die direkt aus der Hermès-Taschen-Palette stammen, und Armbändern aus Swift-Kalbsleder oder Chamkilight-Ziegenleder. Alles perfekt komponiert, alles handwerklich tadellos.
Henri d'Origny und die Geburt einer Ikone
Um die neue Cape Cod Mini zu verstehen, muss man zurückblicken. Henri d'Origny, künstlerischer Direktor bei Hermès und Designer von Hunderten von Seidentüchern, entwarf 1991 eine Uhr, die nicht aussehen sollte wie alles andere auf dem Markt. Seine Inspiration: das Kettenglied der Chaîne d'ancre, jener maritimen Ankerkette, die durch einen Mittelsteg (den sogenannten Stud Link) extreme Festigkeit erhält. Jedes Glied besteht aus zwei gespiegelten D-Formen, geteilt durch einen Quersteg. d'Origny nahm diese Geometrie und übersetzte sie in eine Uhr: Ein Quadrat im Rechteck, mit dem charakteristischen „Bandanstoß", der das Kettenglied zitiert. Ein design basierend auf Form, Proportion und die Klarheit einer Idee.
Die Cape Cod war keine Uhr für Uhrmacher, sie war eine Uhr für Menschen, die Design verstehen. Und sie funktionierte: Über 35 Jahre hinweg blieb das Design unverändert, während Hermès drumherum eine ganze Kollektion aufbaute – von 31 über 37 bis 41 Millimeter (mit Manufakturwerk H1912).
Mini ist Trend – aber ist es auch Fortschritt?
Mit 27 x 20 mm kehrt Hermès nun zu den Wurzeln zurück. Das Mini-Format ist keine Erfindung von 2026, sondern eine Rückbesinnung auf traditionelle Damenuhren-Proportionen der 1920er- bis 1950er-Jahre. Damals waren Uhren Schmuckstücke, keine Tool Watches. Sie sollten elegant sein, diskret, feminin. Derzeit erleben wir eine Renaissance des Mini-Formats. Cartier hat eine ganze Armada aus Mini-Schmuckuhren neu aufgelegt, darunter die Baignore mit 24,6 x 18,7 Millimetern. Longines setzt bei der Mini Dolce Vita auf 21 x 29 mm. Beide setzen auf Quarzwerke, beide verstehen sich als Schmuckuhren, beide treffen einen Nerv. Denn während die Uhrenindustrie jahrzehntelang größer, komplexer, technischer wurde, wächst nun der Wunsch nach Reduktion. Nach Uhren, die nicht dominieren, sondern flüstern.
In diesem Kontext ist die Cape Cod Mini keine Überraschung, sondern eine logische Konsequenz. Hermès hat verstanden, dass es eine Zielgruppe gibt, die genau diese Uhren sucht: elegant, zeitlos, tragbar. Und das Mini-Format betont die Wölbung des Gehäuses, die Veredelungen, die Finesse der Proportionen noch stärker als die größeren Geschwister.
Hermès Cape Cod, Edelstahl-Uhr mit Edelsteinbesatz
HermèsSieben Varianten, eine Philosophie
Die neue Cape Cod Mini kommt in sieben Ausführungen, die sich in Material, Zifferblatt und Armband unterscheiden – aber alle derselben gestalterischen Philosophie folgen.
- Gelbgold-Varianten:
- Rouge H: Burgunderrotes Zifferblatt mit passendem Swift-Kalbslederband – ein Statement in der Farbe, die 2026 omnipräsent ist. Hermès surft hier auf einer Trendwelle, aber mit der nötigen Souveränität, um nicht opportunistisch zu wirken.
- Doré: Goldenes Zifferblatt mit Sonnenschliff, kombiniert mit goldfarbenem Chamkilight-Ziegenlederband. Chamkilight ist eine Hermès-Spezialität, die auch bei den berühmten Taschen zum Einsatz kommt – schimmernd, weich, luxuriös.
- Doré mit Diamantbesatz: 46 Diamanten am Gehäuserand bringen die Uhr endgültig in den Schmuckuhren-Bereich. K
- Edelstahl-Varianten:
- Etoupe: Ein Zifferblatt in Taupe – jener undefinierbaren Mischung aus Braun, Grau und Beige, die zu den meistverkauften Farben der Hermès-Taschen gehört. Das passende Swift-Kalbslederband macht die Uhr zu einem tonalen Statement.
- Ardoise: Schiefergrau, ebenfalls mit passendem Armband. Zurückhaltender als Etoupe, aber ebenso durchdacht.
- Argenté: Silberfarbenes Zifferblatt mit Sonnenschliff, kombiniert mit perlgrauem Athena-Kalbslederband. Die klarste, klassischste Variante – und möglicherweise die zeitloseste.
- Argenté mit Diamantbesatz: Die opulenteste Stahl-Version, 46 Diamanten auf poliertem Edelstahl.
Alle Modelle sind mit Single- oder Double-Tour-Armbändern erhältlich. Das Double-Tour – das zweimal um das Handgelenk gewickelte Band – wurde 1998 von Martin Margiela eingeführt, damals künstlerischer Direktor bei Hermès. Die Legende besagt, dass Margiela am Vorabend einer großen Modenschau spontan beschloss, ein doppelt gewickeltes Armband für den Laufsteg zu kreieren. Die Models trugen es, das Publikum war begeistert, Bestellungen prasselten ein – für ein Produkt, das noch nicht existierte. Monate dauerte es, bis die Produktion nachkam. Seither ist das Double-Tour fester Bestandteil der Hermès-Moderne.
Quarzwerk: Pragmatismus oder verpasste Chance?
Und hier kommen wir zu dem Punkt, der diese Kollektion von einer perfekten zu einer beinahe perfekten macht: Alle sieben Modelle laufen mit Quarzwerken. Schweizer Fabrikat, präzise, wartungsarm – aber eben Quarz. Ist das ein Problem? Kommt darauf an, wen man fragt. Für Uhrensammler, die auf mechanische Werke schwören, ist Quarz ein Kompromiss. Für Hermès-Kenner, die die Marke für ihre handwerkliche Exzellenz schätzen, ist es eine Frage der Positionierung. Hermès ist seit Jahren dabei, sich als ernstzunehmender Akteur in der Haute Horlogerie zu etablieren.
2006 kam es zu einem bedeutenden Wendepunkt, als die Marke einen 25-prozentigen Anteil an dem Uhrwerkhersteller Vaucher Manufacture Fleurier erwarb. Dies war nicht nur eine Investition, sondern der Beginn der Bemühungen von Hermès, sein eigenes Schicksal in der Uhrmacherei in die Hand zu nehmen. Die Ambitionen hörten damit nicht auf. 2012 erwarb Hermès den Zifferblatthersteller Nateber, 2013 den Schweizer Gehäusehersteller Joseph Erard. Bei diesen Akquisitionen ging es darum, ein System zu schaffen, das in der Lage ist, Zeitmesser von Anfang bis Ende zu fertigen – jede Komponente nach den anspruchsvollen Standards von Hermès. 2017 nahm diese Vision in Form der neuen Les Ateliers d'Hermès Horloger im Bieler Umland Gestalt an: eine hochmoderne Werkstatt, in der Schweizer Präzision und Hermès-Kreativität verschmelzen sollten. Seither entwickelt die Marke eigene Komplikationen (wie bei der coolen Le Temps Suspendu-Idee) und entwirft und fertigt auch die Uhrwerke, die in den Uhren stecken. Hermès ist längst keine Fashion-Brand mehr, die Uhren als Accessoires versteht, sondern ist ein ernstzunehmender Akteur in der Haute Horlogerie.
Warum also bei der Cape Cod Mini wieder Quarz? Die pragmatische Antwort: Ein mechanisches Werk würde das Gehäuse dicker machen, den Preis deutlich erhöhen und die Zielgruppe möglicherweise abschrecken. Die Cape Cod Mini ist eine Schmuckuhr, kein Chronometer. Sie ist für Menschen gedacht, die Hermès-Ästhetik schätzen, nicht für Kaliber-Fetischisten. Dennoch ist es in meinen Augen auch oft eine verpasste Chance. Gerade weil Hermès in den letzten Jahren so viel in mechanische Uhrmacherei investiert hat, wäre eine Cape Cod Mini mit einem flachen Automatikwerk ein Statement gewesen. Nicht, weil Quarz per se schlecht wäre. Sondern weil es inkonsequent ist. Dazu kommt, gerade bei Damenuhren im kleineren Format scheint die Annahme zu herrschen, dass mechanische Werke die Zielgruppe nicht in gleichem Maße ansprechen wie bei Herrenmodellen. Eine Beobachtung, die sich durch fast alle Marken zieht und die man angesichts gewisser Preise durchaus hinterfragen darf. Bleibt zu hoffen, dass die Frage, die ich mir immer wieder stelle, nicht unbeantwortet bleibt: „Werden wir irgendwann wieder Mini-Uhren vermehrt mit mechanischen Werken sehen?"
Wo steht die Cape Cod Mini?
Im Kontext der aktuellen Mini-Uhren-Renaissance steht die Cape Cod Mini dennoch gut da und kann mit den Cartier Tank Must-Modellen sowie Longines Mini Dolce Vita-Versionen mithalten und sie trägt den Hermès-Namen – was in bestimmten Kreisen mehr zählt als jede Komplikation. Die aktuelle Cape Cod-Kollektion startet bei 2.875 Euro für die Stahl-Modelle und reicht bis über 25.400 Euro für die goldenen Versionen mit Diamanten. Die neuen Mini-Modelle dürften preislich ähnlich liegen. Damit bewegt sich Hermès in einem Segment, das weder Massenmarkt noch Haute Horlogerie ist, sondern irgendwo dazwischen. Luxus-Schmuckuhren für Menschen, die Hermès lieben, die Design über Technik stellen, die eine Uhr als Accessoire verstehen, nicht als Investition.
Double-Tour: Mehr als nur ein Armband
Was die Cape Cod Mini von vielen anderen Mini-Uhren unterscheidet, ist das Double-Tour-Armband. Es ist nicht nur ein gestalterisches Element, sondern auch ein Statement: Diese Uhr will nicht nur am Handgelenk sitzen, sie will es umschlingen, markieren, definieren. Das Double-Tour ist mutiger als ein Single-Tour, auffälliger, modischer, aber auch polarisierender. Was unbestreitbar ist: Das Armband ist handwerklich exzellent. Hermès fertigt seine Armbänder in der eigenen Manufaktur, gefertigt mit der selben Spitzenhandwerkskunst, die auch die legendären Taschen herstellen. Swift-Kalbsleder, Chamkilight-Ziegenleder, Athena-Kalbsleder, das sind Materialbeschreibungen, die jahrzehntelange Expertise widerspiegeln. Wer eine Hermès-Tasche besitzt, kann die Uhr darauf abstimmen. Das ist kein Zufall, sondern Kalkül.
Verstehen Sie mich also bitte nicht falsch, die neue Hermès Cape Cod Mini ist eine gelungene Uhr. Sie ist ästhetisch überzeugend, handwerklich tadellos und trifft einen Zeitgeist, der nach kleineren, eleganteren Uhren verlangt. Sie ist eine konsequente Schmuckuhr und das ist keine Kritik, sondern eine Feststellung. Hermès hat verstanden, wofür die Cape Cod steht: Design, Proportion, Raffinesse. Und das Mini-Format unterstreicht diese Qualitäten noch.
Hermès Cape Cod, Edestahl-Uhr mit Zifferblatt in Schiefergrau
HermèsTechnische Daten Hermès Cape Cod Mini
Gehäuse: „Quadrat im Rechteck" | 27 x 20 mm
Material: Edelstahl oder Gelbgold | Optional mit 46 Diamanten | Wasserdicht bis 3 bar (30 m)
Werk: Quarzwerk, Schweizer Fabrikat
Funktionen: Stunden, Minuten
Zifferblatt: Varianten – Silberfarben mit Sonnenschliff (Argenté), Étoupe mit Sonnenschliff, Schiefergrau (Ardoise) mit Sonnenschliff, Gold mit Sonnenschliff (Doré), Rouge H
Armband: Single- oder Double-Tour, Swift-Kalbsleder, Chamkilight-Ziegenleder, Athena-Kalbsleder