Patina & Prestige – Wenn Zeit Schönheit formt
Was für manche einen „Makel“ darstellt, gilt unter Sammlern nicht selten als Charaktermerkmal: Patina lässt aus einem Zeitmesser ein unverwechselbares Original werden, das Geschichten erzählt und die eigene Leidenschaft dokumentiert.
Was für den einen als Beschädigung oder Verunreinigung gilt, schätzen andere als Zeugnis der Vergangenheit.
TudorWas ist Patina – und wo entsteht sie?
Unter Patina versteht man die alters- oder nutzungsbedingten Veränderungen an den Bauteilen einer Uhr, die nicht als Schaden, sondern als ästhetische Bereicherung angesehen werden. Sie entsteht beispielsweise durch Licht, Luftfeuchtigkeit, Materialreaktionen oder Tragegewohnheiten – und hinterlässt individuelle Spuren.
Die einst weiße oder silberne Farbe des Zifferblatts ist nur noch zu erahnen, doch das warme Braun verleiht dieser Air-King einen eigenen Charme.
RolexZifferblätter
Die Patina des Zifferblattes ist für Sammler häufig am begehrtesten und variiert stark in Erscheinung und Ursache:
Tropical Dial
- Durch jahrelange UV-Einstrahlung zersetzen sich die meist schwarzen Lacke mancher Zifferblätter und bleichen aus. Warme, braune oder schokoladenfarbene Töne sind dabei sehr begehrt und selten, da keine zwei Blätter identisch altern.
Spider Dial
- Das hohe Alter, Temperaturschwankungen oder Materialfehler sind die Voraussetzung für sogenannte „Spider Dials“. Auf der Oberseite des Zifferblatts entstehen dabei feine, netzartige Haarrisse, die an das Netz einer Spinne erinnern. Modelle mit besagter Ästhetik erfreuen sich jedoch nicht bei jedem Enthusiasten großer Beliebtheit.
Fading
- Anders als bei „Tropical Dials“ können UV-Licht und Oxidation die Farbpigmente derart schwächen, dass verblasste Oberflächen entstehen. Graue, teilweise hellblaue oder pastellfarbene Uhrengesichter sind dann zu bestaunen.
Staining
- Wenn sie gleichmäßig verteilt sind, können die Flecken und Punkte des „Staining“ attraktiv wirken. Punktuelle Korrosion führt hierbei zu einer ungleichmäßigen Alterung des Lacks.
Die hier abgebildete erste GMT-Master aus dem Jahr 1955 besitzt eine Bakelit-Lünette.
RolexLünetten
Die Lünette ist sowohl der Sonne als auch den Umwelteinflüssen direkt ausgesetzt und zeigt unterschiedliche Alterungsspuren:
Ghost-Bezel
Jahrzehntelanges Tragen in sonnigen Gebieten lässt schwarze beziehungsweise farbige Aluminiumeinsätze verblassen. Meist sind graue oder pastellfarbene Lünetten besonders begehrt.
Bakelit-Lünetten
Die besonderen Lünetten, die unter anderem die ersten Rolex-Sportmodelle komplettierten, sind hochempfindlich und neigen neben dem spannenden, begehrenswerten Farbverlust leider zu Rissbildung.
Keramiklünetten
Aufgrund ihrer Härte sind Keramiklünetten nicht nur unempfindlich gegenüber Kratzern, sondern auch außerordentlich farbstabil und bilden praktisch keine Patina. Unter Vintage-Sammlern sind sie folglich nicht sehr nachgefragt.
Mit ihrer gefärbten Leuchtmasse erinnert die moderne Referenz 5226G-001 an den charmanten Patina-Look früherer Modelle.
Patek PhilippeLeuchtmasse
Die Leuchtmasse auf Indexen und Zeigern ist besonders empfänglich für altersbedingte Veränderungen:
Tritium
Das von etwa 1960 bis 2000 verwendete Leuchtmaterial ist radioaktiv, zersetzt sich also mit der Zeit und verliert an Leuchtkraft. Auch der anfänglich weiße Farbton ändert sich über Creme-Töne hin zu honiggelben oder orangen Färbungen. Auch wenn die ursprüngliche Funktionalität stark beeinträchtigt ist, sind die warmen Nuancen sehr beliebt.
Radium
Bis Anfang der 1960er Jahre wurde Radium verwendet. Die sehr stark radioaktive Leuchtmasse zersetzt Bindemittel und lässt schlussendlich eine dunkelbraune bis fast schwarze, bröckelige Oberfläche entstehen.
Superluminova
Nicht radioaktiv und sehr alterungsbeständig ist dagegen die seit etwa 1998 eingesetzte Superluminova. Sie bleibt weißlich bis hellgrün und verändert ihre Farbe im Grunde nicht.
Dank des Bronzegehäuses, das eine natürliche Patina entwickelt, wird diese Submersible von Panerai bereits nach kurzer Zeit zu einem einzigartigen Unikat.
PaneraiGehäuse & Metalle
Auch das Gehäuse kann sich durch Oxidation und Umwelteinflüsse verändern. Häufig altern die verschiedenen Oberflächen desselben Gehäuses unterschiedlich – ein wahres Farbspektakel entsteht, das künstlich nicht zu erzeugen ist.
Edelstahl
Neben Kratzern und Dellen resultiert regelmäßiges Tragen in einem matten Glanzverlust sowie einem leicht dunklen Farbton. Zudem verlieren die Kanten ihre Schärfe – es entsteht eine weichere Gehäuseform.
Bronze
Zu den markantesten Materialien zählt Bronze. Rasch bildet sie eine grünlich-blaue Oxidschicht, die sich bei jedem Exemplar unterschiedlich ausprägt. Diese Individualität ist gefragt und wird teilweise bewusst herbeigeführt.
Silber
Durch Oxidation verändert sich der silbrige Ton und entwickelt dunkelgraue oder schwarze Anlaufspuren. Selbst nach kurzem Tragen kann so rasch ein antik wirkender Look entstehen.
Bei diesem Cartier-Modell hat das langjährige Tragen das Gehäuse harmonisch abgerundet.
CartierLegendäre Vintage-Modelle mit einzigartiger Patina
Besonders bei ikonischen Modellen renommierter Manufakturen bestimmt die individuelle Ausprägung der Patina den Wert maßgeblich. Mit dem zunehmenden Streben nach Individualität steigt auch die Nachfrage nach außergewöhnlich gealterten Referenzen, von denen es so keine zwei identischen Exemplare gibt.
Patina von morgen
Während viele Hersteller höchsten Wert auf maximale Beständigkeit sowie Widerstandsfähigkeit setzen, entwerfen einige Marken bewusst Modelle, die im Laufe der Zeit eine eigene Seele entwickeln – so auch Panerai mit ihrer Bronze-Kollektion.
Patina ist mehr als ein optischer Effekt: Sie ist ein stiller Dialog zwischen Uhr und Träger, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In einer Welt, in der Perfektion jederzeit reproduzierbar ist, macht Patina eine Uhr zum unverwechselbaren Unikat. Ob Vintage-Ikonen von Rolex, Omega und Patek oder moderne Bronzeuhren, die ihre Zukunft noch vor sich haben – Patina bleibt das edle Siegel echter Uhrengeschichte.
Breguet – Formgeber der Zeit