Breguet – Formgeber der Zeit
Abraham-Louis Breguet gilt als einer der größten Visionäre der Uhrmacherkunst. Seine bahnbrechenden Erfindungen – vom Tourbillon bis zur Stoßsicherung – prägen die Uhrmacherei bis heute. Doch das Vermächtnis lebt weiter: Seit der Eingliederung in die Swatch Group 1999 erlebt Breguet eine neue Ära. Unter Marc A. Hayek und CEO Grégory Kissling verbindet die Manufaktur im Vallée de Joux traditionelle Handwerkskunst mit modernster Forschung – von Silizium-Hemmungen über magnetisch gelagerte Unruhen bis hin zu Hochfrequenzwerken mit 10-Hertz-Technologie.
In der Classique Double Tourbillon 5345 Quai de l'Horloge ist die namensgebende Komplikation gleich zweimal verbaut.
BreguetZwischen Neuchâtel und Versailles
Abraham-Louis Breguet, geboren am 10. Januar 1747 in Neuchâtel, zeigte schon früh ein ausgeprägtes Interesse an Mechanik und Mathematik. Bereits mit 14 begann er seine Uhrmacherlehre, bildete sich in Versailles weiter, besuchte zugleich wissenschaftliche Kurse und gründete im Jahr 1775 in Paris seine erste eigene Werkstatt. Die Adresse am Quai de l’Horloge wurde rasch zum Sinnbild seiner Philosophie: technische Vollendung, ästhetische Reinheit und stetiger Innovationsgeist. Während der Französischen Revolution sah sich Breguet gezwungen, Frankreich zu verlassen. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1795 nahm er seine Arbeit mit erweitertem Horizont, neuen technischen Ansätzen und einem wachsenden Netzwerk einflussreicher Kunden wieder auf. Seine Uhren fanden nun nicht mehr nur am französischen Hof, sondern auch in Russland, im Osmanischen Reich und in anderen Teilen Europas begeisterte Abnehmer.
Breguet No. 160, auch bekannt als die Taschenuhr „Marie-Antoinette“
BreguetTechnik als Ausdruck des Fortschritts
Breguets Genie zeigte sich vor allem in seinen zahlreichen Erfindungen. Bereits um 1780 entwickelte er mit der „Perpétuelle“ eines der ersten zuverlässig funktionierenden automatischen Uhrwerke. Durch die Bewegungen des Trägers zog sich der Zeitmesser, damals noch in Form einer Taschenuhr, selbst auf – eine technische Meisterleistung, die Konzepten der Konkurrenz deutlich voraus war. 1783 erfand Breguet die Klangfeder für Minutenrepetitionen – eine Neuerung, die eine kompaktere Bauweise erlaubte und zudem deutlich feinere sowie harmonischere Tonqualitäten ermöglichte als die bis dahin verwendeten Glocken. Im selben Jahr entwarf er die bis heute unverwechselbaren Breguet-Zeiger mit ihrer offenen Kreisspitze und eleganten Blattform sowie die charakteristischen, klar gezeichneten Breguet-Ziffern.
Ab etwa 1790 führte der Ausnahmeuhrmacher ein neuartiges Stoßsicherungssystem ein. Die Konstruktion aus kegelförmigen Lagern und fein abgestimmten Federaufnahmen schützte die empfindlichen Teile des Uhrwerks zuverlässig vor Erschütterungen und gewährleistete die Funktionsfähigkeit auch unter Belastung. Im Jahr 1795 führte Breguet die nach ihm benannte Breguet-Spirale ein – eine Spiralfeder mit einem nach innen gebogenen äußeren Ende, das eine gleichmäßigere und stabilere Schwingbewegung der Unruh ermöglicht. Diese Weiterentwicklung erhöhte die Präzision der Uhrwerke erheblich und findet bis heute in zahlreichen hochwertigen Kalibern Verwendung. Im selben Jahr lancierte Breguet zudem ein weiteres Markenzeichen: eine winzige, nur unter Vergrößerung erkennbare Signatur auf dem Zifferblatt, die als Schutz vor Fälschungen diente und bis heute die Echtheit jeder Breguet-Uhr bestätigt.
1801 ließ Breguet seine wohl bedeutendste und bis heute berühmteste Erfindung patentieren – das Tourbillon. Dieses geniale Prinzip gilt bis heute als Sinnbild höchster handwerklicher und technischer Meisterschaft in der Haute Horlogerie.
Im Jahr 1812 entstand für Caroline Murat, die Königin von Neapel, eine außergewöhnliche Uhr – die erste dokumentierte Armbanduhr der Welt. Dieses revolutionäre Konzept vereinte ein ultraflaches, elegant längliches Gehäuse mit einer Repetitionsmechanik und einem integrierten Thermometer. Getragen wurde besagter Zeitmesser an einem fein gearbeiteten Armband aus mit Goldfäden verflochtenem Haar. Mit dieser Kreation schuf Breguet nicht nur ein technisches Meisterwerk, sondern auch die Grundlage für eine neue Art des Uhrentragens – jene am Handgelenk, die bis heute fortlebt.
Breguet Souscription aus dem Jahr 1796.
BreguetHöfische Kunden, Wissenschaft und Prestige
Die Uhren von Breguet fanden rasch Bewunderer. Zu den glühendsten Verehrerinnen zählte Marie-Antoinette, die selbst mehrere Exemplare besaß und den Uhrmacher in den höchsten Kreisen des Königreichs empfahl. Auch Napoleon Bonaparte zählte zu seinen illustren Kunden. Im Jahr 1798, kurz vor seinem Ägyptenfeldzug, erwarb er drei Uhren – eine Repetieruhr, einen perpetuellen Zeitmesser sowie eine Reisependeluhr mit Kalender und Schlagwerk. Kaum verwunderlich also, dass das Ausnahmetalent für sein Schaffen mit zahlreichen Ehrungen bedacht wurde. Breguet war Mitglied des Bureau des Longitudes, jener angesehenen Institution zur Förderung wissenschaftlicher Forschung, und wurde zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Im Jahr 1815 folgte die höchste Anerkennung, die einem Uhrmacher seiner Zeit zuteilwerden konnte: die Ernennung zum offiziellen Uhrmacher der französischen Marine.
Diese Breguet Nr. 2784 wurde an Kaiserin Marie-Louise verkauft.
BreguetWandel der Zeit – die Marke nach Breguet
Nach dem Tod von Abraham-Louis Breguet im Jahr 1823 übernahm zunächst sein Sohn Antoine-Louis die Leitung von „Breguet et Fils“, wo er bereits seit 1807 fest eingebunden war. Unter seiner Führung blieb die Manufaktur der handwerklichen Tradition und dem hohen Qualitätsanspruch des Gründers treu. Die darauffolgenden Jahrzehnte jedoch brachten tiefgreifende Veränderungen. Breguets Enkel Louis-Clément wandte sich zunehmend der aufkommenden Elektrizität und wissenschaftlichen Instrumententechnik zu. Seine Begeisterung für diese neuen Technologien führte zu frischen Impulsen innerhalb des Unternehmens, lenkte den Fokus jedoch von der klassischen Uhrmacherei ab. Der Nachfolger begann mit der Serienfertigung von Uhren – ein Schritt, der Breguet neue Märkte erschloss, zugleich aber die traditionelle Produktion schwächte.
Im Jahr 1870 übernahm der englische Werkstattleiter Edward Brown die Leitung der Manufaktur und markierte damit das Ende der direkten Familienführung. Unter der Familie Brown, die Breguet über drei Generationen hinweg fortführte, erlebte die Marke eine Phase beständiger Weiterentwicklung. Neben technischen Innovationen und meisterhaften Revisionen für bedeutende Persönlichkeiten – darunter Winston Churchill – entstanden in dieser Zeit auch Sonderanfertigungen für die Luxusautomobile von Bugatti. 1933 eröffnete Breguet schließlich eine Boutique an der Place Vendôme in Paris. Als erste Uhrenmarke, die sich an diesem prestigeträchtigen Ort niederließ, setzte Breguet damit ein Zeichen für Exklusivität und ist dort bis heute ansässig.
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wechselte Breguet infolge wirtschaftlicher Umbrüche und finanzieller Herausforderungen mehrfach den Besitzer. 1970 ging die traditionsreiche Manufaktur schließlich an die Pariser Juweliere Jacques und Pierre Chaumet über, die das Erbe des Hauses mit neuen Kreationen und technisch anspruchsvollen Komplikationen fortführten. Unter ihrer Leitung begann eine Phase der Neuausrichtung, in der die Produktion zunehmend in die Schweiz verlegt wurde, genauer ins Vallée de Joux, das Herz der feinen Uhrmacherkunst. Dort fand Breguet jene handwerkliche und technische Basis, die den Fortbestand und die Modernisierung der Marke langfristig sicherte.
Nachdem eine in Bahrain ansässige Finanzgesellschaft das Uhrenhaus zwischenzeitlich übernommen hatte, folgte im Jahr 1999 ein Schritt, der den Beginn einer neuen Ära markieren sollte – die Integration der Manufaktur in die Swatch Group.
Diese Classique Tourbillon Extra-Plat 5367 wechselt für 186.200 Euro den Besitzer.
BreguetWiedergeburt einer Legende
Die jüngere Geschichte von Breguet ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie eine traditionsreiche Uhrmanufaktur ihre historische Strahlkraft neu entfalten kann. Mit der Übernahme durch die Swatch Group erhielt Breguet nicht nur wirtschaftliche Stabilität, sondern auch Zugang zu modernster Fertigungstechnik und Forschungsressourcen. Diese Verbindung von Tradition und Technologie wurde zum Motor einer Renaissance, in der das Haus seine Wurzeln bewahrt und zugleich die Grenzen der Haute Horlogerie neu definiert. Unter der Leitung von Nicolas G. Hayek, dem Gründer der Swatch Group, erlebte Breguet eine beeindruckende Wiedergeburt. Hayek, selbst ein glühender Bewunderer der Marke und ihrer historischen Bedeutung, investierte erhebliche Mittel und persönliche Leidenschaft, um Breguet zu jener Stellung zurückzuführen, die ihr gebührte – an die Spitze der Haute Horlogerie. Sein Engagement gründete auf der Überzeugung, dass Breguet weit mehr ist als eine Uhrenmarke: ein lebendiges Kulturerbe, das den Geist mechanischer Präzision, technischer Genialität und ästhetischer Vollendung in sich vereint.
Nach dem Tod von Nicolas G. Hayek im Jahr 2010 übernahm sein Enkel Marc A. Hayek die Leitung des Hauses und führte Breguet mit derselben Leidenschaft weiter. Unter seiner Führung wurde 2011 die Montres Breguet Boîtes (MBB) gegründet – hervorgegangen aus der traditionsreichen Gehäusemanufaktur Favre & Perret, die fortan vollständig in die Strukturen von Breguet integriert wurde. Ein weiterer Meilenstein folgte 2015 mit dem Abschluss des umfassenden Ausbaus der Manufacture de l’Orient im Vallée de Joux, einem der historischen Zentren der Schweizer Uhrmacherei. Hier, im Herzen des Jura, entstehen heute sämtliche Breguet-Zeitmesser – von den präzisesten Kalibern über feinste Werkveredelungen bis hin zu den kunstvoll guillochierten Zifferblättern, die jedes Exemplar zu einem technischen wie ästhetischen Gesamtkunstwerk machen.
Mit größter Hingabe werden die Werkteile von Breguet verziert – hier beispielsweise ein Rotor.
BreguetEinen entscheidenden Meilenstein in der modernen Forschungs- und Entwicklungsgeschichte Breguets markiert das Jahr 2006, als die Manufaktur erstmals Silizium in zentrale Komponenten ihrer Uhrwerke integrierte. Dieses hochmoderne Material ist unempfindlich gegenüber Magnetfeldern, korrosionsbeständig, extrem leicht und dauerhaft formstabil. Mit Werken wie dem Kaliber 5177 und der Classique 5197 gelang es Breguet, die Präzision, Effizienz und Langlebigkeit seiner Zeitmesser auf ein neues Niveau zu heben.
Doch Breguet beließ es nicht bei der Erforschung neuer Materialien. Im Jahr 2010 präsentierte die Manufaktur mit der Type XXII den ersten seriengefertigten mechanischen Chronographen mit einer Frequenz von zehn Hertz – das entspricht beeindruckenden 72.000 Halbschwingungen pro Stunde. Diese technische Sensation ermöglichte erstmals die präzise Anzeige der 1/20-Sekunde. Die Verdopplung der Frequenz gegenüber herkömmlichen Uhrwerken führte zu einer bislang unerreichten Gangstabilität und machte die Type XXII zu einem Sinnbild für Breguets Streben nach höchster Präzision und technischer Avantgarde.
Im selben Jahr meldete das Traditionsunternehmen ein weiteres Patent an: die magnetisch gelagerten Unruhzapfen. Statt Magnetismus zu vermeiden, machte Breguet ihn sich zunutze – ein radikaler Schritt in der Uhrentechnik. Durch zwei speziell kalibrierte Magnete an der Unruhwelle entstand ein System, das Erschütterungen selbsttätig ausgleicht, Reibung minimiert und so eine außergewöhnliche Ganggenauigkeit gewährleistet. Das Ergebnis zeigte sich in der Classique Chronométrie 7727 von 2013, deren Abweichung bei nur –1 bis +3 Sekunden pro Tag liegt – Werte, die bislang kaum ein mechanischer Zeitmesser erreicht hatte.
Heute arbeiten in der Manufaktur in L’Orient, Vallée de Joux, Uhrmacher, Ingenieure und Kunsthandwerker in präziser Abstimmung zusammen – vom kunstvollen Guillochieren der Zifferblätter über das sorgfältige Finissieren der Werkteile bis hin zur akribischen Montage der feinsten Komponenten. Seit 2024 prägt CEO Grégory Kissling den kreativen und strategischen Kurs des Hauses. Gemeinsam mit Marc A. Hayek, der weiterhin als Präsident die Marke repräsentiert, führt er Breguet in die Zukunft.
Mit ihren technischen Errungenschaften, ihrer unverwechselbaren Ästhetik und der konsequenten Treue zu den Prinzipien ihres Gründers Abraham-Louis Breguet verkörpert die Manufaktur bis heute Stilbewusstsein, technische Brillanz und handwerkliche Integrität – und hat maßgeblich geprägt, was wir heute unter einer modernen Luxusarmbanduhr verstehen.