Chronograph

Komplikationen: Der Chronograph

Die Chronographenfunktion, also die Möglichkeit zum Stoppen einer Zeitspanne, ist die beliebteste Komplikation der Armbanduhr. Denn im alltäglichen Leben stellen Komplikationen zwar etwas Negatives dar, doch nicht so in der Uhrenwelt. Hier handelt es sich bei einer Komplikation um eine Zusatzfunktion, die dem Träger einen Mehrwert bieten soll. Sie macht jedoch das Uhrwerk komplizierter: Schnell steigt die Anzahl der Komponenten von 60 bei einfachen Werken auf über 300 Einzelteile. Der Uhrmacher löst also mit der Zusatzfunktion einen komplizierten Fall. Doch wie nützlich oder sinnvoll sind Komplikationen? Oft liegt ihre Faszination nicht im reinen Nutzen der Funktion, sondern darin, dass Menschenhände eine mechanische Lösung auf so kleinem Raum realisieren können.

 

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Inhalt:

Wie funktioniert der Chronograph?

Kurz gesagt: Der Chronograph (auch „Chrono” genannt) ist eine Armbanduhr mit Stoppfunktion, er kann also sowohl die Uhrzeit anzeigen als auch eine gestoppte Zeitspanne. Sekunden-, Minuten- und Stundenzähler können eigens gestartet und angehalten werden. Dadurch kann die Dauer eines Ereignisses gemessen werden. Üblicherweise erkennt man einen Chronographen an zwei Drückern, die neben der Krone an der Gehäuseflanke sitzen, und an den kleinen Totalisatoren (Hilfszifferblättern) auf dem Zifferblatt. Sie zeigen die Stunden und Minuten der Stoppzeit sowie die Sekunden der Uhrzeit an, während die gestoppten Sekunden zentral dargestellt werden.

Eine integrierte Stoppfunktion gehört zu den begehrtesten und sinnvollsten Zusatzfunktionen. Wir erklären sie am Beispiel des A. Lange & Söhne Datograph Auf/Ab und seines Werkes (Kaliber L951.6):

Funktionsweise Chronograph: A. Lange & Söhne Datograph Auf/Ab
Funktionsweise Chronograph: A. Lange & Söhne Datograph Auf/Ab

Ein Blick ins Uhrwerk:

Funktionsweise Chronograph: A. Lange & Söhne Datograph Auf/Ab Kaliber L951.6
Funktionsweise Chronograph: A. Lange & Söhne Datograph Auf/Ab Kaliber L951.6

Aufgrund der hohen Teilezahl, der vielen Federn und Hebel ist die Chronographen-Komplikation sehr aufwendig zu realisieren. Der Stoppvorgang wird in der Regel mit dem Betätigen des oberen Drückers an der Gehäuseflanke gestartet und wieder gestoppt. Wenn die gewünschte Zeitspanne gemessen wurde, stellt der Träger über den unteren Drücker die Stoppzeiger wieder auf Null. Damit die Nullstellung reibungslos vonstatten geht, drücken Hebel herzförmige Scheiben, die auf der Achse der Zeiger sitzen, in die Ausgangsstellung zurück. Um mit dem mechanischen Chronographen die Zeit stoppen zu können, muss das Einkuppeln und das Loslassen der blockierten Räder gleichzeitig geschehen. Diese komplexe Chronographenschaltung kann über ein traditionelles Schaltrad oder über eine moderne Nockensteuerung gelöst werden. Worin sich die traditionelle und die moderne Konstruktion unterscheiden, erfahren Sie hier im Download für 1,90 Euro.

Rolex: Oyster Perpetual Cosmograph Daytona, am Handgelenk
Zeigt die Sekunden der Uhrzeit auf dem Hilfszifferblatt bei der Sechs, die gestoppten Sekunden mit dem zentralen Zeiger: Rolex Oyster Perpetual Cosmograph Daytona

Von der Unruhfrequenz des Werks hängt die Messgenauigkeit des Chronographen ab. Das El-Primero-Kaliber von Zenith gehört zu den sogenannten „Schnellschwingern” (36.000 Unruh-Halbschwingungen pro Stunde entsprechen 5 Hertz) und kann eine Zehntelsekunde messen. Mehr über das El-Primero-Kaliber erfahren Sie hier.

Eine Frequenz von 28.800 Halbschwingungen pro Stunde (4 Hertz) ergibt eine Genauigkeit von einer Achtelsekunde. Bei 21.600 Halbschwingungen pro Stunde (3 Hertz) ist die Stoppzeit auf 1/6 Sekunde messbar und bei 18.000 Halbschwingungen pro Stunde (2,5 Hertz) ist es noch 1/5 Sekunde.

Beim Eindrücker-Chronographen erfolgt das Starten, Stoppen und Nullstellen über nur einen Drücker. Beim Eindrücker-Chronograph Luminor 1950 Chrono Monopulsante 8 Days GMT Titanio 44 mm von Panerai erfolgt dies über den Drücker bei der Acht. Er stoppt die Sekunden im Zifferblattzentrum und die Minuten bei der Drei. Dafür ist das Chroographenkaliber Manufakturkaliber P.2004 mit Handaufzug verantwortlich (Preis: 17.600 Euro).

Panerai: Luminor 1950 Chrono Monopulsante 8 Days GMT Titanio 44 mm, Referenz PAM00737
Panerai: Luminor 1950 Chrono Monopulsante 8 Days GMT Titanio 44 mm, Referenz PAM00737

Ein Chronograph mit zwei Totalisatoren bei drei und neun Uhr wird Bicompax-Chronograph genannt. Beim Master Chronograph von Jaeger-LeCoultre erinnert die Bicompax-Aufteilung auf dem silberfarbenen Zifferblatt an historische Chronographen. Die Stoppfunktion beim automatische Manufakturkaliber 751G wird über ein Schaltrad realisiert (Preis: 8.250 Euro).

Im Retro-Look: der Master Chronograph von Jaeger-LeCoultre
Im Retro-Look: der Master Chronograph von Jaeger-LeCoultre

Wenn bei der Sechs ein weiteres Hilfszifferblatt hinzukommt, trägt der Stopper auch den Namen Tricompax-Chronograph.

Chronograph mit Automatik- oder Handaufzug?

Nebensache, Komfortthema, Glaubensfrage: Der Aufzug einer Uhr hat für jeden eine andere Bedeutung. Fest steht, dass eine Automatikuhr weniger Aufmerksamkeit benötigt als ein Zeitmesser mit Handaufzug. Die Automatikuhr nutzt die Bewegungsenergie ihres Trägers um die Zugfeder zu spannen – sie zieht sich quasi automatisch auf. Die Handaufzugsuhr benötigt eine Energiezufuhr über die Aufzugskrone. Wie gesagt hängt es vom Geschmack des Uhrenträgers und von seinem Interesse an der Mechanik ab, ob er die Automatik oder den Aufzug von Hand bevorzugt. Die Stoppfunktion für Automatikuhren kam vergleichsweise spät auf den Markt. Die Marke Heuer präsentierte 1969 mit der Armbanduhr Carrera ihren ersten Chronographen mit Automatik.

TAG Heuer: Carrera Calibre Heuer 01 43 MillimeterTAG Heuer: Carrera Calibre Heuer 01 43 Millimeter
2015 stellte TAG Heuer die Carrera Calibre Heuer 01 vor; im Innern tickt das namensgebende Calibre Heuer 01 (Automatik), das eine Weiterentwicklung des bekannten Chronographenwerks 1887 darstellt; 2017 legte TAG Heuer den Chronographen in einer Version mit 43 Millimetern Gehäusedurchmesser auf

Das zugehörige Chronographenwerk mit automatischem Aufzug, das Kaliber 11, entstand in Zusammenarbeit mit den Herstellern Breitling, Dubois-Dépraz und Hamilton-Büren, die das Werk später ebenfalls einsetzten. Zeitgleich arbeiteten aber auch Seiko und Zenith an der Entwicklung des ersten Chronographenwerks mit Automatik. Das spannende Rennen zwischen den Kontrahenten ging ziemlich unentschieden aus, denn alle drei Uhrwerke konnten 1969 vorgestellt werden. Zenith präsentierte das eigene Chronographenwerk am 10. Januar 1969 (früheste Präsentation), Seiko konnt sein Kaliber bereits im Mai 1969 am Markt einführen (früheste Markteinführung).

Sinn Spezialuhren: 910 Jubiläum
Für die 910 Jubiläum, einen Schaltradchronographen mit Schleppzeiger, nutzt Sinn Spezialuhren das bewährte Kaliber Eta-Valjoux 7750

Was ist der Unterschied zwischen einem Chronographen und einem Chronometer?

Das erfolgreichste Chronographenwerk mit Automatikaufzug ist das bewährte, seit 1973 hergestellte Kaliber Valjoux 7750 des zur Swatch Group gehörenden Werkeherstellers Eta. Das Werk ist für seine Verlässlichkeit bekannt und wird auch als Chronometer zertifiziert. Doch wo liegt der Unterschied zwischen Chronograph und Chronometer? Als „Chronograph” bezeichnet man eine Stoppuhr oder die Stoppfunktion selbst. Ein Chronometer ist eine Uhr, deren besondere Ganggenauigkeit von einem unabhängigen Institut wie der schweizerischen COSC (Contrôle officiel suisse des chronomètres) geprüft und zertifiziert wurde.

Patek Philippe: Referenz 5905P
Die Referenz 5905P von Patek Philippe ist ein Jahreskalenderchronograph plus Flyback-Funktion im Platingehäuse (Preis: 70.397 Euro)

Manufakturchronographen

Die hohe Kunst im Chronographenbau ist die Entwicklung eines eigenen Kalibers. Für Luxusmarken wie A. Lange & Söhne ist das nahezu ein Muss. Sie ergänzen die ohnehin schon kompliziert zu bauende Funktion meist um weitere technische Raffinessen wie eine Kalenderfunktion.

A. Lange & Söhne: Tourbograph Perpetual "Pour le Mérite"
Der Tourbograph Perpetual “Pour le Mérite” von A. Lange & Söhne kombiniert einen Chronographen mit Rattrapantefunktion, ein Tourbillon und einen ewigen Kalender

2009 stellte Breitling ihr erstes eigenes Uhrwerk mit Chronographenfunktion vor, das Manufakturkaliber 01 (Automatik), das für die Marke typisch auch als Chronometer zertifiziert ist. Acht Jahre später präsentiert Breitling das Manufakturkaliber B03 mit Automatikaufzug in der Breitling Navitimer Rattrapante. Es ist der erste Rattrapante-Chronograph der Marke, das Kaliber B01 diente den Entwicklern als Basis für das neue Uhrwerk. Dieses ist COSC-zertifiziert und besitzt einen patentierten Auskopplungsmechanismus. Dazwischen folgten modifizierte Ausführungen des Kalibers B01: Das B02 ist die Handaufzugsversion, das B04 bietet eine GMT-Funktion und das B05 eine Weltzeitindikation.
Einen ausführlichen Test zur Breitling Navitimer Rattrapante finden Sie hier.

Unterschiedliche Drückerformen bei Chronographen:

So unterschiedlich die Chronographen sind, so unterschiedlich können auch die Bedienelemente des Stoppers sein. So gibt es Drücker mit integriertem Schutz, verschraubte Drücker, Formdrücker und Pilzdrücker. Wie die verschiedenen Drücker der Chronographen aussehen, zeigt die nachfolgende Bildergalerie:

Drücker mit integriertem Schutz: der Royal Oak Chronograph von Audemars Piguet
Formdrücker: Mühle-Glashütte Lunova Chronograph
Pilzdrücker: Alpina Startimer Pilot Automatic Chronograph
Verschraubte Drücker: Vacheron Constantin Overseas Chronograph

Stichwort Breitling: Wie funktioniert das mit der Rechenschieber-Funktion?

Zudem ist die Breitling Navitimer Rattrapante auch mit einer Rechenschieber-Funktion ausgestattet. Der Rechenschieber einer Armbanduhr mit Chronograph führt Dreisatz-Rechnungen durch. So kann man beispielsweise eine Geschwindigkeit anhand der zurückgelegten Strecke und benötigten Zeit ermitteln oder den Wechselkurs von Währungen berechnen. Auch Multiplikationen und Divisionen sind möglich. Mit Hilfe der Rechenschieberlünette kann der Träger eine Größe auf dem äußeren Zahlenring auf beispielsweise eine feststehende Meilen-Markierung am linken Zifferblattrand einstellen. Bei einer weiteren feststehenden Markierung auf zwölf Uhr lässt sich nun auf dem Drehring dieselbe Größe in Kilometern ablesen. Bei Wechselkursberechnungen muss man den Wert der Währung kennen: Wenn beispielsweise eine Währung das 1,7-Fache einer anderen wert ist, kann man auf dem äußeren Ring die 17 auf die innere 10 drehen und bekommt nun rund um das Zifferblatt alle Preise umgerechnet.

Breitling: Navitimer Rattrapante in Rotgold
Die Breitling Navitimer Rattrapante mit Rattrapante-Chronograph verfügt über eine Rechenschieber-Funktion

Aktuelle Chronographen von 2018

Da der Chronograph bei Uhrenfans zu den beliebtesten Funktion zählt, präsentieren die Uhrenhersteller alljährlich neue Chronographen. Oftmals gibt es ganz neue Modelle, manche werden mit neuen Werken ausgestattet oder heben sich durch außergewöhnliche Eigenschaften von den anderen Zeitmessern ab. Im Trend liegen aktuell Chronographen mit Panda-Zifferblatt, bei dem sich die Totalisatoren meist in Schwarz von den hellen Zifferblättern abheben. Einen Überblick über die neuen Chronographen, die im Jahr 2018 neu vorgestellt wurden, bietet die nachfolgende Bildergalerie:

A. Lange & Söhne stellte auf dem SIHH 2018 mit dem Triple Split den ersten Schleppzeiger-Chronographen vor, der Additions- und Vergleichszeiten bis zu einer Dauer von zwölf Stunden messen kann. Antrieb liefert das hauseigene Handaufzugskaliber L132.1.
Mit dem berühmten Chronographenkaliber Eta-Valjoux 7750 ist die Clifton Club Indian Burt Munro Tribute von Baume & Mercier ausgestattet.
Zur Baselworld 2018 lancierte Breitling eine neue Navitimer, die ohne die berühmte Rechenschieberlünette kommt. Die Navitimer 8 B01 ist mit dem Manufakturkaliber B01 ausgestattet.
Bell & Ross bringt mit der BR-X1 Military eine Skelettuhr mit Chronographenfunktion.
Girard-Perrgaux erweitert seine Laureato-Kollektion zum SIHH 2018 um mehrere Chronographen. Diese kommen in verschiedenen Versionen aus Edelstahl oder Roségold und in Gehäuse von 42 oder 38 Millimetern Durchmesser. Energie liefert den Chronographen das automatische Manufakturkaliber GP03300-0122/0137/0138.
Guinand stattet die Fliegeruhr 361 mit dem Automatikkaliber Eta 7753 aus. Dieses bringt bei drei Uhr einen Totalisator für gestoppte Minuten und bei neun Uhr eine kleine Sekunde auf das Zifferblatt.
Der Tauchchronograph Oceanum La Grande Bleue No.1 von Jean Marcel ist bis 50 Bar wasserdicht.das edelstahlgehäuse beherbergt das Automatikkaliber Eta 2894.
Der Portugieser Chronograph erhält zum 150-jährigen Jubiläum von IWC ein Manufakturwerk. Das Automatikkaliber 69355 zeigt bei sechs Uhr eine kleine Sekunde. Auf dem Totalisator bei zwölf Uhr liest der Träger die gestoppten Minuten ab.
Jaeger-LeCoultre führt in seiner neuen Polaris-Kollektion einen Chronographen. Antrieb liefert ihm das Manufakturkaliber JLC 751 mit Automatikaufzug. Auf dem Zifferblatt findet sich bei drei Uhr ein 30-Minuten-Zähler und bei neun Uhr ein Zwölf-Stunden-Zähler. Jaeger-LeCoultre verzichtet auf die Darstellung der kleinen Sekunde, die das Uhrwerk bei der Sechs vorsieht.
Der 1858 Monopusher Chronograph Limited Edition 100 von Montblanc ist ein sogenannter Eindrückerchrongraph. Starten, Stoppen und Nullstellen der Chronographenfunktion erfolgen wie bei den ersten mechanischen Chronographen über lediglich einen Drücker.
Die Omega Speedmaster CK2998 Pulsometer Limited Edition mit Pandazifferblatt besitzt zusätzlich zur Chronographenfunktion eine Pulsometerskala auf der Lünette. Energie liefert das Omega-Handaufzugskaliber 1861.
Im Innern des Kalpa Chronor von Parmigiani Fleurier tickt das Uhrwerk PF365. Es handelt sich um ein Werk mit integriertem automatischen Chronographenkaliber, Schaltrad und vertikaler Kupplung. Es ist komplett aus Gold gefertigt und tonneauförmig.
Speake-Marin setzt im London Chronograph das historische Handaufzugkaliber Valjoux 92 ein. Das Chronographenwerk war in den 1950er- und 1960er-Jahren ein populäres Kaliber, das von Herstellern wie Patek Philippe, Rolex oder TAG Heuer genutzt wurde, heute wird es nur noch selten verwendet.
Die TAG Heuer Monaco Gulf Special Editon ist ein Bicompax-Chronograph mit zur Gehäuseform passenden quadratischen Totalisatoren. Antrieb liefert der Uhr das Automatikkaliber SW 300.

Natürlich gibt es bei Chronographen auch noch Funktionssteigerungen:

Mehr über Chronographen mit Flyback-Funktion, Rattrapante und Foudroyante finden Sie nachfolgend.

Fortlaufend aktualisierter Artikel, erstmals online gestellt im Januar 2011.

Alles über die kleinen Komplikationen lesen Sie hier.

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