Wie entsteht eine Skelettuhr?

Uhren mit Durchblick

 Redaktion
von Redaktion
am 19. Juni 2017

Wer mechanische Uhren liebt, ist immer wieder fasziniert vom Herzschlag eines Werks, vom Schwingen der Unruh, vom leisen Ticktack, dem Drehen der Zahnrädchen. Um wie viel faszinierender ist noch der Blick auf ein Uhrwerk, in welchem jedes Uhrwerkteil durchbrochen ist und als feine Silhouette den Blick auf ein dahinterliegendes freigibt. Skelettierte mechanische Uhrwerke sind kleine chronometrische Kunstwerke und gelten – wenn von Hand geschaffen – als die hohe Kunst der Uhrmacherei, denn nur wenige Handwerker beherrschen den virtuosen Umgang mit Säge und Feile.

Woher kommt die Tradition der Skelettuhren?

Keine Uhr präsentiert sich so offenherzig wie eine Skelettuhr: Vom Zifferblatt her und oft auch durch einen gläsernen Gehäuseboden hat man freien Blick auf das mechanische Werk, dessen Einzelteile bis auf ihre tragende Grundsubstanz durchbrochen sind. Diese Ästhetik hat Geschichte: Seit den 1930er-Jahren werden Armbanduhren mit skelettierten Werken versehen. Dies beruft sich auf skelettierte Pendeluhren, so genannte Pendulen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich besonders beliebt waren. Legendär war auch die Taschenuhr „Marie Antoinette“, die der unerreichte Meisteruhrmacher Abraham Louis Breguet im 18. Jahrhundert für die französische Königin schuf und fein skelettierte. Heute ermöglicht moderne Technik das schnelle und einfache Skelettieren von Uhrwerkteilen. Meist können bis zu 50 aufeinandergelegte Komponenten durch Funkenerosion mit einem Draht gleichzeitig ausgesägt werden.

Roger Dubuis zeigt sein Knowhow beim Skelettieren mit der Excalibur Spider Pirelli
Roger Dubuis zeigt sein Knowhow beim Skelettieren mit der Excalibur Spider Pirelli

Bei der Konstruktion eines mechanischen Werks für eine Skelettuhr wird darauf geachtet, dass die Brückenform möglichst immer auch auf die Platine übertragen werden kann. Auch sollten sich Räder- und Aufzugswerk der Armbanduhr auf einer Ebene befinden. So wird ein maximaler Durchblick garantiert. Da bei der maschinellen Fertigung auf die aufwändige Nachbearbeitung mit der Feile verzichtet wird, decken sich die Brückenformen nicht mit der Platine. Die von Hand ausgearbeitete Skelettierung ist dagegen um einiges präziser, erfordert aber auch großes Können (diese Spezialisten werden auch Skeletteure genannt). Nur noch wenige Manufakturen führen dies in der Top-Qualität aus. Auch Graveure widmen sich dem Skelettieren, denn eine richtiggehende Ausbildung gibt es dafür nicht. Allerdings wird die Tradition des Skelettierens in anspruchsvollen Häusern ganz selbstverständlich gepflegt.

Worin liegt die Kunst des Skelettierens?

Beim Skelettieren geht es nicht nur um die kunstfertige Bearbeitung winziger Uhrwerkteile, welche mit Virtuosität und Akkuratesse verwandelt werden, sondern auch um die notwendige Phantasie und Kreativität, um ein ästhetisches Bild entstehen zu lassen. Am Anfang steht immer das in Einzelteilen gelieferte Werk. In der Regel sind diese aus Messing gefertigt. Bei der Handgravur folgt nun der Entwurf – entweder auf dem Papier oder vor dem inneren Auge. Das erdachte Motiv für die Skelettuhr kann mit einer feinen Reißnadel auf den Teilen angezeichnet werden. Das Ziel ist, bis an die Grenze der funktionellen Stabilität zu gehen: Am Ende soll ein Skelett bleiben, bei dem nur die zierlichen Umrisse der Werkkomponenten und die nötigsten Verbindungen stehen bleiben, damit alles zusammenhält. Nachdem das Muster aufgebracht ist, beginnt das eigentliche Skelettieren: Zunächst werden winzig kleine Löcher in das Werkstück gebohrt, durch welche das Sägeblatt einer Uhrmachersäge gesteckt werden kann. Diese Löcher werden jeweils dort platziert, wo beim Sägen gewendet wird. Nun wird das Sägeblatt durch eines der Löcher gefädelt und das Werkstück wie bei einer Laubsägearbeit bearbeitet – allerdings in einer Dimension, in der ohne Uhrmacherlupe und eine ruhige Hand nichts geht. Bei geübten Skeletteuren fasziniert die Leichtigkeit, mit der sie ihre filigrane Aufgabe bewältigen. Von kundiger Hand gelenkt, bewegt sich das Sägeblatt am angezeichneten Muster entlang, bis ein winziges Stück Messing herausfällt und das „Skelett“ des Uhrwerkteils zurückbleibt.

Laubsägearbeit: Der Skeletteur führt eine Säge durch das Metall des Uhrwerkteils.
Laubsägearbeit: Der Skeletteur führt eine Säge durch das Metall des Uhrwerkteils.

Traditionalisten gefällt das Werk einer Skelettuhr dann am besten, wenn alle Einzelteile möglichst deckungsgleich skelettiert sind und optimalen Durchblick gewähren. Alles soll wirken, als wäre es aus einem Stück. Andere Skeletteure geben dem Uhrwerk durch ihre Arbeit ein neues Gesicht, indem sie eine eigene Linienführung schaffen: Die Konturen der Einzelteile werden verändert, nur die Befestigungspunkte beibehalten. Mit dem ursprünglichen Uhrwerk hat diese Optik am Ende nichts mehr gemeinsam.

Das folgende Video ist zwar schon ein paar Jahre alt, es bietet aber einen guten Einblick in das Skelettieren eines Uhrwerkes.

Wie zeichnet sich eine qualitätvolle Skelettuhr aus?

Bei beiden Varianten entscheidet die aufwendige Nachbearbeitung mit über Qualität und Wirkung der Skelettuhr. Zum Beispiel müssen der perfekten Wirkung wegen die gebrochenen Kanten im richtigen Winkel zueinander stehen. Dieser Arbeitsschritt erfolgt nach dem Sägen und umfasst die eigentliche Feinarbeit: Die Kanten werden gebrochen, verfeinert und mit einer Polierfeile glänzend geschliffen. Das Ergebnis sind viele kleine ausgesägte Uhrwerkteile, die oftmals noch mit einer Gravur verziert werden. Dabei wird mit einem dünnen Stichel Span für Span abgetragen und so ein Bildnis im Metall geschaffen.

Feinarbeit: Nach dem Skelettieren wird die Platine nachbearbeitet und dekoriert, zum Beispiel durch das Anglieren der Kanten.
Feinarbeit: Nach dem Skelettieren wird die Platine nachbearbeitet und dekoriert, zum Beispiel durch das Anglieren der Kanten.

Nach der Gravur können die Einzelteile der Skelettuhr galvanisch veredelt werden, bevor die Montage stattfindet: Das Werk wird wieder zusammengesetzt, ist aber nicht mehr wiederzuerkennen. Es glänzt golden, ist graviert und hat nur noch einen Bruchteil des ursprünglichen Gewichts: Ein Werk, das zuvor zehn oder 18 Gramm auf die Waage gebracht hat, kann am Ende nur noch zweieinhalb beziehungsweise vier Gramm leicht sein.

Aktuelle Skelettuhren

Mechanische Armbanduhren, bei denen die Werke klassisch skelettiert wurden, gibt es in vielfältigen Ausführungen sowohl für Damen als auch für Herren. Einige Modelle werden durch Werke mit Handaufzug zum Ticken gebracht, andere mit Automatikaufzug. Die Uhrenmarke Roger Dubuis hat sich im Bereich des Skelettierens einen Namen gemacht: Bei der Excalibur Spider Automatik Skelett sind neben dem Uhrwerk auch der Höhenring des Zifferblattes, die Zeiger und das 45 Millimeter große Gehäuse skelettiert. Im Innern der Skelettuhr arbeitet das Manufakturkaliber RD820SQ, das 2015 als erstes skelettiertes Automatikwerk mit Mikrorotor-Antrieb von Roger Dubuis vorgestellt wurde. Materialien wie Titan und Kautschuk und farbige DLC-Beschichtungen sorgen für einen effektvollen Auftritt. Die Excalibur Spider Skelett ist auf 88 Stück limitiert und kostet 74.500 Euro.

Roger Dubuis: Excalibur Spider Automatik Skelett
Roger Dubuis: Excalibur Spider Automatik Skelett

Bei Audemars Piguet hat das Skelettieren Tradition. Bei der extraflachen Royal Oak Tourbillon Extra-Thin Openworked sind neben dem Tourbillon, auch die Brücken und Platine des Handaufzugkalibers 2924 sichtbar. Sie wurden in Handarbeit skelettiert und finisiert. Die Royal Oak Tourbillon Extra-Thin Openworked ist sowohl in Roségold in einer Auflage von 50 Exemplaren zum Preis von jeweils 238.200 Euro, als auch in einer auf 100 Stück limitierten Edelstahl-Version für jeweils 199.800 Euro zu haben.

Prachtvoll zeigt sich die Skelettierung der Royal Oak Tourbillon Extra-Thin Openworked von Audemars Piguet.
Prachtvoll zeigt sich die Skelettierung der Royal Oak Tourbillon Extra-Thin Openworked von Audemars Piguet.

Weitere Skelettuhren können Sie hier entdecken:

Fortlaufend aktualisierter Artikel, erstmals online gestellt im August 2016.

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