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Die kleine Sekunde

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Stunde und Minute aus der Zifferblattmitte, dazu eine dezentrale kleine Sekunde – mehr braucht es oft nicht dafür, dass eine Uhr gefällt. Diese Form der Anzeige bietet neben der Ästhetik auch viel Tradition.
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Warum "kleine" Sekunde?

Die Bezeichnung "kleine" Sekunde verweist auf eine dezentrale Sekundenanzeige auf einem eigenen kleinen Zifferblatt, oft auch Hilfszifferblatt genannt. Dementsprechend ist ihr Zeiger deutlich keiner als die zentralen Zeiger aus der Mitte für Stunden und Minuten. Im Gegensatz dazu steht die Zentralsekunde, die ebenfalls aus der Mitte kommt. Historisch war die kleine Sekunde früher, da bei ihr der Sekundenzeiger direkt auf der Sekundenradwelle sitzt. Meist ist sie im 90-Grad-Winkel zur Aufzugswelle positioniert, in der Regel bei 6 Uhr. Dabei spricht man von Savonnette-Bauweise. Daneben gibt es die Lépine-Bauweise: Hier befindet sich das Sekundenrad in einer verlängerten Linie zur Aufzugswelle, also in der Regel bei 9 Uhr. (Mehr zu den technischen Aspekten der kleinen Sekunde finden Sie hier.)
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Historisch kommt die kleine Sekunde erst spät, nämlich mit den Taschenuhren ins Spiel. Kirchturmuhren besaßen im Mittelalter oft nur einen einzigen Zeiger, später folgte der Minutenzeiger. Bei den Taschenuhren kamen der Sekundenanzeige zwei Funktionen zu. Zum einen die Funktionskontrolle: Nur mit einem Sekundenzeiger sieht man einer Uhr auf den ersten Blick an, dass sie auch läuft, da sich der Minutenzeiger dafür zu langsam dreht. Zum anderen lässt sich anhand eines Sekundenzeigers leichter bestimmen, wie präzise die Uhr läuft, man kann ihren Gang leichter mit Referenzuhren abgleichen. Bis zum 18. Jahrhundert zeigten tragbare Uhren – also alle Vorläufer der Armbanduhr – die Stunde, höchstens noch die Minute an. Erst nach 1750 setzte sich die Sekunde durch, als besonders präzise Taschenuhren, die Taschenchronometer, aufkommen. Seitdem erscheint sie sowohl im Zentrum als auch auf dem Hilfszifferblatt. Die ersten Armbanduhren im 19. Jahrhundert waren Schmuckuhren für Frauen. Hier verzichteten die Hersteller fast immer auf eine Sekundenanzeige. Erst als im Zuge des Ersten Weltkriegs die Uhren auch bei den Männern langsam ans Handgelenk wanderten – nach Kriegsende zunehmend auch für den zivilen Gebrauch – kam die Sekunde ins Spiel, und zwar zunächst die kleine Sekunde. Blättert man durch Kataloge mit Modellen der Zeit nach 1910, begegnen einem reine Stunde-Minute-Anzeigen ähnlich oft wie solche mit kleiner Sekunde.
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Richard Habring, Uhrmachermeister, Konstrukteur und Inhaber der Uhrenmarke Habring2, kennt den Grund für dieses Phänomen: "Frühe Armbanduhren hatten in der Regel kleine Taschenuhrwerke eingebaut. Bei den Taschenuhren waren Zentralsekunden solchen Modellen vorbehalten, die höchste Präzision und perfekte Ablesbarkeit vereinten", berichtet er und fasst zusammen: "So hatten die ersten Armbanduhren eher kleine Sekunden oder gar keine Sekundenanzeige." Die Zentralsekunde setzt sich bei Armbanduhren nach Anfängen Mitte der Dreißiger erst in den 1940er-Jahren richtig durch. Rolex-Gründer Hans Wilsdorf setzte spätestens ab Mitte der 1930er-Jahre bei seinen Herrenarmbanduhren auf eine kleine Sekunde. Heute finden wir sie in der eleganten Rolex-Kollektion 1908 wieder.
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Doch die kleine Sekunde beeinflusst nicht nur die Anzeige, sondern die Gestalt der ganzen Uhr. Da sich ihre Position an den Platz jenes Rads im Uhrwerk anpasst, das den Sekundenzeiger antreibt, spart man mit einer kleinen Sekunde die Umlenkung der Kraft zu den Zeigern im Zentrum. Richard Habring erklärt: "Bei der Zentralsekunde muss mit etwas höherem konstruktivem Aufwand und in der Regel auch etwas mehr Bauhöhe das Sekundenrad – oder zumindest ein Trieb – durch das Minutenrad geführt werden." Man kann also davon ausgehen, dass Werke mit kleiner Sekunde etwas einfacher herzustellen sind und generell flacher ausfallen. Doch der Träger der Uhr bekommt oft nicht unbedingt beides zu spüren. In den 1930er-Jahren wurden rechteckige Uhren sehr populär. Bei ihnen bildet die runde kleine Sekunde (es gibt aber auch eckige kleine Sekunden) einen spannenden Kontrast zur Form von Gehäuse und Zifferblatt. Ein typisches Beispiel dafür ist die 1931 eingeführte und von mehreren Herstellern angebotene Reverso mit ihrem berühmten Wendegehäuse. Mit der Reverso Tribute hat Jaeger-LeCoultre heute ein Modell im Programm, das dem Original aus den Dreißigern besonders nahesteht.
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Hier finden Sie eine Übersicht über aktuelle Modelle mit kleiner Sekunde:
Louis Vuitton Tambour Bicolor © Louis Vuitton
Mühle-Glashütte: Teutonia IV Kleine Sekunde © PR
Glashütte Original: Sixties Kleine Sekunde © Glashütte Original
Blancpain Kollektion Ladybird Colors kleine Sekunde © Blancpain
Hentschel Hamburg: H1 Chronometer Mystique © Hentschel Hamburg
Doch abseits von Ästhetik und langer Geschichte – was ist eine Sekunde überhaupt?Zuerst einmal: der 86.400ste Teil eines Sonnentags. Doch dessen genaue Dauer kann man natürlich nicht einfach abschätzen. Dazu braucht der Mensch die Physik: Seit dem 17. Jahrhundert nutzen Uhrmacher Pendel als Zeitgeber, die bei knapp einem Meter Länge genau eine Sekunde pro Halbschwingung brauchen. International definiert ist die Sekunde seit 1967 als 9 192 631 770-fache Periodendauer einer Schwingung, die man mithilfe von Mikrowellen in einem Cäsium- Atom nachweisen kann. So genannte Atomuhren, wie sie in der Physikalisch- Technischen Bundesanstalt in Braunschweig arbeiten, dienen als Vorrichtungen für diese Messungen. Ihr Gang weicht während der Dauer eines Menschenlebens um nur drei Millionstel einer Sekunde ab. Ein Langwellensender in Mainflingen bei Frankfurt sendet das Zeitsignal der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt nach ganz Deutschland.
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Mechanische Armbanduhren nehmen die Sekunde heute in verschiedenen Spielarten auf: "Schleichend" rückt der Zeiger einmal pro Halbschwingung der Unruh vor, die Foudroyante vollzieht dagegen eine Zeigerumdrehung pro Sekunde, "springend" bewegt sich der Zeiger einmal pro Sekunde. Die Kombination der springenden kleinen Sekunde verwenden Regulator-Armbanduhren von Sattler, die Uhrwerke von Habring² nutzen.
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Wie auch immer die kleine Sekunde auftritt, eines ist ihr gewiss: Über ihre Tradition und Technik hinaus zeigt sie eine ganz eigene Größe. Judith Borowski von Nomos nennt diese beim Namen: "Die kleine Sekunde ist gemütlich – wir können und dürfen sie auch übersehen."
Fotos: Hersteller, Antiquorum, Patek Philippe Museum, PTB Braunschweig