Hands-on: Breitling Navitimer B19 Chronograph 43 Perpetual Calendar
Integrierte Ikone
Die Geschichte der Breitling Navitimer ist so faszinierend, weil sich in ihr alles findet, was die Schweizer Uhrmacherei ausmacht: Nützlichkeit und Präzision, Untergang und Wiederauferstehung, Wandelbarkeit und Bestand – all das gehört zu ihrer Historie, seit die Aircraft Owners and Pilots Association (AOPA) das Familienunternehmen Anfang der 1950er-Jahre mit der Kreation einer für sie passenden Uhr betraute.
Chronographenikone seit 1952
Kurz gesagt, ist die klassische Navitimer ein Chronograph mit Rechenschieberlünette, gemacht für Piloten. In den frühen Fünfzigern waren gerade bei Privatpiloten und Geschäftsfliegern auf kleineren Maschinen analoge Hilfsmittel wie Rechenschieber noch weitgehend im Gebrauch. Die Navitimer mit ihrer logarithmischen Rechenschieberlünette stellte dabei eine sinnvolle Miniaturisierung der damals vorhandenen Cockpitlogik fürs Handgelenk dar. Piloten nutzten solche Rechenschieber unter anderem zur Berechnung von Geschwindigkeit, Flugzeit und Treibstoffverbrauch, für Steig- und Sinkraten oder zur Umrechnung zwischen Meilen, Kilometern und nautischen Meilen. Breitling besaß im Uhrenbereich das entscheidende Know-how, da man mit der Chronomat bereits seit 1942 über einen Chronographen mit Rechenschieberlünette verfügte. Willy Breitling adaptierte das Prinzip dann 1952 in eine Fliegeruhr: die Navitimer.
Breitling: Navitimer B19 Chronograph 43 Perpetual Calendar. Stahl mit Platinlünette und Stahlband
BreitlingAls Breitling Ende der 1970er-Jahre infolge der Quarzkrise ins Schlingern geriet, kam auch für die Navitimer das Aus. Aber nur kurzfristig: Der Schweizer Unternehmer und Hobbypilot Ernest Schneider übernahm 1979 die Markenrechte und baute Breitling neu auf; parallel dazu gingen Restbestände und Rechte an Teilen des historischen Navitimer-Designs an die Firmen Ollech & Wajs in Zürich sowie Sinn in Frankfurt am Main. Während diese beiden also rechtmäßig Navitimer-ähnliche Chronographen unter anderem Namen ins Programm nahmen, brachte Schneider die Navitimer 1985/86 wieder als Breitling-Modell zurück – beginnend mit der Old Navitimer (Referenz 81600), zunächst als Handaufzugschronograph, später auch wieder mit Automatikwerk.
Schneider und sein Sohn Theodore führten die Marke in erster Linie als Fliegeruhrenmarke. Dementsprechend bedeutend war die Rolle der Navitimer innerhalb der Kollektion. In den 1990er- und 2000er-Jahren zählte sie zu den wichtigsten Breitling-Ikonen. Was die Werketechnik angeht, nutzte Breitling lange Eta-Kaliber als Basis, begann aber 1999 damit, alle Werke von der COSC als Chronometer zertifizieren zu lassen. Ein Meilenstein war dann der Übergang zum Manufakturkaliber B01, das Breitling 2009 einführte.
Die neueste Ära begann 2017 mit Georges Kern als neuem CEO und Mitbesitzer. Auf der einen Seite legte er die Breitling-Identität wieder deutlich breiter an und pushte neben den Fliegeruhren auch Taucheruhren wie die Superocean, elegante Uhren wie die Premier und weitere Kollektionen. Trotzdem ist die Navitimer eine der wichtigsten Linien geblieben und wird in der Übersicht auf der offiziellen Marken-Website Breitling.com an erster Stelle aufgeführt.
Die B19 als technischer Höhepunkt der Navitimer-Story
Kern machte die Navitimer lifestyliger. Den optisch erkennbarsten Unterschied brachte die Öffnung des Modells hin zu neuen Zifferblattfarben. Hatten bis dahin zurückhaltende Töne wie Schwarz und Silber sowie Schwarz-Weiß-Kontraste dominiert, so kamen 2022 zum 70. Navitimer-Geburtstag Varianten in Blau, Kupfer und Racing Green, sogar in Pastelltönen wie Eisblau und Mintgrün, hinzu. Obwohl entscheidende Elemente wie die gerändelte Rechenschieberlünette oder die Pilzdrücker erhalten blieben, holte Kern die Navitimer aus ihrer Toolwatch-Ecke heraus und entwickelte sie mehr in Richtung einer modernen, auch modisch tragbaren Ikone. Gleichzeitig führte er für die Navitimer ein fixes Größenkonzept mit Durchmessern von 41, 43 und 46 mm ein. Was die Technik angeht, stellte er dem B01-Chronographen die Navitimer Automatic als Dreizeigerversion ohne Chronographen zur Seite, dazu kamen die Navitimer Automatic GMT mit zweiter Zeitzone und die Navitimer Cosmonaute als Chronograph mit 24-Stunden-Anzeige.
Liegt gut am Arm: das 7-reihige Stahlband, für das Breitling bekannt ist
WatchTimeDen technischen Höhepunkt markiert seit 2024 die Navitimer B19 Chronograph 43 Perpetual Calendar. Sie ist die erste Navitimer, die über ein Manufakturwerk mit ewigem Kalender verfügt. Tatsächlich gab es bereits 2000 eine nur 20-mal gebaute Navitimer mit Schleppzeiger-Chronograph und ewigem Kalendarium, den QP Rattrapante Ref. K46322. Zwei Jahre später, zum 50. Geburtstag der Navitimer, folgte ein Jubiläumsmodell in Gold mit ewigem Kalender: die Navitimer QP 50th Anniversary Ref. K29320. Diese Modelle basierten auf zugelieferten Werken von Frédéric Piguet beziehungsweise Eta. Interessant sind sie heute vor allem im Hinblick auf ihre Zifferblattaufteilung und den Vergleich mit der Testuhr unter diesem Aspekt.
Denn, um es vorweg zu sagen: Bei unserer Testuhr, der Navitimer B19 Chronograph 43 Perpetual Calendar, ist Breitling mit der Gestaltung des Zifferblatts ein kleines Meisterwerk gelungen. Ein Navitimer Chronograph mit seiner Rechenschieberlünette ist ohnehin schon herausfordernd in Sachen Ablesbarkeit. Diesen dann auch noch mit einem ewigen Kalender zu kombinieren, ist keine geringe Aufgabe. Breitling hat sie gut gelöst.
Das war bei der QP 50th Anniversary noch anders: Neben den Informationen, die sich heute auf der B19 finden, verfügte sie zusätzlich über einen 12-Stunden-Zähler, eine 24-Stunden-Anzeige, eine Indikation der 52 Wochen und sogar eine Jahreszeiten-Anzeige – alle innerhalb der vier Hilfszifferblätter untergebracht. Dazu fand sich in einer Ecke des Hauptzifferblatts noch das historische Twin-Jet-Logo.
Viele Informationen, aber nicht überladen
Eine solche Überladung vermeidet Breitling heute. Obwohl auf dem Zifferblatt einiges los ist, sind die verschiedenen Anzeigen so gut verteilt, dass man keine Mühe mit der Zuordnung hat. So findet sich der 30-Minuten-Zähler wie gewohnt bei drei Uhr, umgeben vom Zeigerdatum. Es weist alle ungeraden Tage in arabischen Ziffern aus und erleichtert die unvermeidliche Kollision von 31 und Eins dadurch, dass die 31 in Blau dargestellt und so von den anderen Zahlen in Schwarz deutlich unterschieden ist. Gegenüber, bei neun Uhr, ist die kleine Sekunde platziert. Auch sie ist von einer weiteren Skala umgeben, der für den Wochentag. Auf einen 12-Stunden-Zähler musste Breitling verzichten – an seiner Stelle ist der Platz bei sechs Uhr dem Schaltjahr und den Monaten gewidmet. Den prominentesten Platz bei zwölf Uhr erhält die Mondphase. Sie muss sich ihr Hilfszifferblatt nicht mit einer weiteren Anzeige teilen, sondern befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Markenschriftzug.
Durch den Glasboden sieht man das Manufakturkaliber B19.
BreitlingSomit ist alles klar verteilt. Doch das ist nicht alles: Um die Totalisatoren etwas stärker zu akzentuieren, werden sie durch eine feine blaue Linie vom Hauptzifferblatt abgegrenzt. Zudem liegen ihre Zentren tiefer und sind mit einem kreisförmigen Schliff versehen, den man „Azuré“ (wörtlich eigentlich „versilbert“) nennt. Die äußere Skala jedes Hilfszifferblatts ist dadurch abgeschrägt und verbindet die tiefere mit der Hauptebene. Zusammen mit den aufgesetzten Stundenindexen ergibt sich so eine attraktive Dreidimensionalität, die das Blatt besonders plastisch erscheinen lässt und das Ablesen einfacher macht. Wer die Navitimer B19 bei Dunkelheit ablesen will, muss allerdings mit der reinen Uhrzeit Vorlieb nehmen: Nur Stunden- und Minutenzeiger sowie die zwölf Stundenindexe sind mit grüner Leuchtmasse ausgelegt.
Bedienung mit Licht und Schatten
Obwohl ihr Durchmesser von 43 mm für heutige Verhältnisse schon fast überdimensioniert ist, wirkt die Navitimer B19 keineswegs zu groß. Zwar sorgt die schmale Lünette für einen großen Zifferblattausschnitt, doch der schwarze Innendrehring reduziert die Wahrnehmung auf das eigentliche, eisblaue Zifferblatt. Der Drehring selbst ist konstruktiv ins Gehäuse integriert und nicht aufgesetzt: Das bedingt eine eher geringe Wasserdichtheit von nur 30 Metern. Dass man deutlich mehr erreichen kann, zeigt Sinn mit seinem Navigationschronograph 903 Ti II Jubiläum, der historisch mit der Navitimer verwandt ist. Dort sind dank spezieller Vorrichtungen sogar 200 Meter möglich.
Die ikonische Rändellünette – sie ist im Gegensatz zum Stahlgehäuse aus Platin gefertigt – lässt sich leicht drehen, aber nicht so leicht, dass ein unbeabsichtigtes Verstellen droht. So ergibt sich eine angenehme Haptik, die sich an anderen Stellen fortsetzt: sowohl bei der Krone, die sich leicht ziehen lässt und bei der man auch die mittlere Position schon beim ersten Mal erwischt, als auch bei den Drückern – auch wenn der Widerstand beim oberen vielleicht etwas hoch ist – und schließlich beim äußerst handschmeichlerischen Gliederband, das sich gut ans Handgelenk schmiegt. Insgesamt ergibt sich so ein hoher Tragekomfort.
Die Außenseite der Schließe ist mit dem Breitling-B geschmückt.
WatchTimeEinfach ist auch die Bedienung – mit einer Einschränkung, nämlich dann, wenn die Uhr trotz ihrer hohen Gangreserve von 96 Stunden so lange liegen geblieben ist, dass sie nicht mehr läuft. Nun empfiehlt es sich, die Uhr von Hand voll aufzuziehen, damit sie schnell wieder ihr volles Drehmoment erreicht. Das dauert aber, denn dazu sind 55 volle Umdrehungen der Krone vonnöten. Zum anderen lassen sich beim ewigen Kalender zwar Datum, Monat und die von diesem abhängige Schaltjahresanzeige per Krone korrigieren. Doch zum Einstellen von Wochentag und Mondphase braucht man die in den linken Gehäuserand versenkten Korrekturdrücker bei acht beziehungsweise zehn Uhr. Breitling liefert dafür einen ergonomisch geformten Stift mit – aber ob man den immer findet, wenn man ihn bräuchte? Die eher klassische Kalenderkonstruktion sieht leider auch keine Korrekturmöglichkeit nach hinten zu. Wenn man aus Versehen einen Monat zu weit dreht, muss man sich wohl oder übel durch die nächsten elf Monate durcharbeiten, um wieder an der richtigen Stelle anzukommen. Das alles ist für klassische ewige Kalender allerdings nichts Ungewöhnliches. Zwar gibt es auch Konstruktionen, die eine Einstellung in beide Richtungen erlauben und sogar auf Korrekturdrücker verzichten können, aber die sind nicht mit einer Chronographenfunktion verbunden.
Beeindruckend ist jedenfalls, wie alle Anzeigen gleichzeitig springen, und zwar um etwa anderthalb Minuten vor Mitternacht. Beim Monatswechsel sind es also mit Datum, Wochentag, Monat und Mondphase vier Indikationen, die sich zum exakt selben Zeitpunkt auf die nächste Position weiterbewegen. Dazu passt, dass der Minutenzähler des Chronographen gleichfalls nicht schleichend, sondern springend ausgeführt ist. Und wie verhält es sich mit dem silberfarbenen Schaltjahreszeiger? Der springt ebenfalls, aber nicht von Zahl zu Zahl, sondern monatsweise. Das Jahr 2026 beispielsweise begann er auf dem Strich zwischen eins und zwei, um am 1. Juli die Zwei zu erreichen.
Typisches Breitling-Merkmal: die gebrandete Schmetterlingsfaltschließe
WatchTimeIntegrierte Konstruktion mit guten Gangwerten
Beim Manufakturkaliber B19 handelt es sich um eine integrierte Konstruktion, die die Chronographenfunktion des B01 und den beidseitigen automatischen Aufzug mit dem ewigen Kalendarium verbindet – also keine Modulkonstruktion. Das Werk ist ansprechend, aber nicht übermäßig verziert, mit skelettiertem Rotor und einer Automatikbrücke mit Streifenschliff und anglierter Kante.
Wie man es von Breitling gewohnt ist, zeigte auch dieses Kaliber auf der Witschi-Zeitwaage nur eine minimale Gangabweichung, die mit und ohne mitlaufendem Chronographen zwischen null und einer Sekunde Vorgang pro 24 Stunden lag – besser geht es nicht. Nicht ganz optimal waren das Delta, also der maximale Unterschied zwischen den sechs gemessenen Lagen, und die eher schwache, aber noch ausreichende Schwingungsweite der Unruh.
Unterm Strich ist die Navitimer B19 Chronograph 43 Perpetual Calendar das Spitzenmodell einer Uhrenikone, die sich über 70 Jahre hinweg konsequent weiterentwickelt hat. Sie bietet die Kombination zweier Komplikationen, für die sonst Marken des oberen Luxussegments wie Patek Philippe stehen und die man im Preisbereich um die 30.000 Euro kaum findet. Ihr größter Vorzug neben dem hervorragenden Manufakturkaliber ist das schöne und trotz der vielen Anzeigen gut ablesbare Zifferblatt.
Technische Daten
Breitling Navitimer B19Chronograph 43 Perpetual Calendar
Hersteller Breitling SA, Léon-Breitling-Str. 2, 2540 Grenchen, Schweiz
Funktionen Stunden, Minuten, kleine Sekunde, Sekundenstopp. Schaltrad-Chronograph mit zentralem Sekundenzähler und 30-Minuten-Totalisator mit springendem Minutenzähler. Ewiger Kalender mit Anzeige von Schaltjahr, Monat, Datum, Wochentag und Mondphase.
Gehäuse Edelstahl, satiniert und poliert. Gewölbtes Saphirglas, beidseitig entspiegelt. Gleitend in beide Richtungen drehbare Platin-Lünette mit Rechenschieberfunktion. Unverschraubte Krone mit zwei Dichtungen, verschraubter Boden mit Fenster aus Saphirglas. 30 m wasserdicht
Zifferblatt Eisblau. Aufgesetzte Indexe, Stunden- und Minutenzeiger mit Superluminova belegt. Tiefer gelegte Hilfszifferblätter mit Azuré-Schliff.
Maße 43 mm Durchmesser, Höhe 15 mm, Horn zu Horn 50 mm, Bandanstoßbreite 21,5 mm bis 18 mm. Gewicht: 174 g
Werk Breitling-Manufakturkaliber B19, Automatik, beidseitig aufziehend. Chronograph mit Schaltrad und vertikaler Kupplung. 96 h Gangreserve. Frequenz 4 Hertz = 28.800 A/h
Armband und Schließe Siebenreihiges Navitimer Edelstahlarmband mit Doppelfaltschließe
Preis 29.000 Euro