Die Minutenrepetition: Königsdisziplin der Uhrmacherkunst
Drei Elemente sind es, die die Minutenrepetition gegenüber anderen aufwendigen Komplikationen wie ewiger Kalender, Chronograph oder Tourbillon hervorheben. Erstens ist ihre Funktion keine optische, sondern eine akustische. Zweitens sieht eine reine Minutenrepetition, wenn der Schieber verdeckt ist, aus wie eine einfache Dreizeigeruhr. Sie ist damit die Understatementuhr par excellence. Und drittens gilt ihr Mechanismus als besonders anspruchsvoll. Dementsprechend waren früher wie heute nur wenige spezialisierte Uhrmacher beziehungsweise Manufakturen in der Lage, Repetitionsuhren zu bauen.
Audemars Piguet: Minutenrepetition für John Shaeffer von 1907
Audemars PiguetZeitanzeige auf Verlangen
Was sind eigentlich Repetitionsuhren? Das Wort ist der Oberbegriff für Zeitmesser, die nicht von allein, sondern auf Verlangen die Uhrzeit akustisch angeben. Das unterscheidet sie von anderen Schlagwerksuhren wie der Grande und der Petite Sonnerie. Diese schlagen, wie Kirchturmuhren, selbsttätig die Stunden sowie die Viertelstunden. Bei einer Repetition dagegen betätigt man einen Schieber oder Drücker, der meist am linken Gehäuserand angebracht ist. Dabei wird der Mechanismus nur in Gang gesetzt, wenn der Schieber bis ganz zum Ende geschoben beziehungsweise der Drücker vollständig durchgedrückt wird. Ist das nicht der Fall, hört man nichts. Diese sogenannte Alles-oder-nichts-Sicherung verhindert, dass eine falsche, unvollständige Uhrzeit geschlagen wird und kommt heute praktisch in allen Repetitionsuhren vor. Sie wurde bereits im frühen 18. Jahrhundert erfunden und 1728 vom Londoner Uhrmacher Matthew Stogden patentiert.
A. Lange & Söhne: Kaliber L122.2 Minutenrepetition mit ewigem Kalender
A. Lange & SöhneAnfänge im 17. Jahrhundert
Die Kunst, ein Repetitionsschlagwerk in eine Taschenuhr einzubauen, lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Englische Meisteruhrmacher wie Thomas Tompion und Daniel Quare beantragten 1687 beim englischen König James II. (unabhängig voneinander) ein Patent für eine Viertelstundenrepetition. Bei diesen Uhren werden erst die vollen Stunden, danach die seitdem verstrichenen Viertelstunden geschlagen. Um 1700 wurden die Mechanismen verfeinert: Nun begegnete man auch Achtelstunden- und 5-Minuten-Repetitionen. In der damaligen Zeit, vor der Erfindung des elektrischen Lichts, hatten solche Uhren einen konkreten Nutzen. Auch bei Dunkelheit konnte man die Uhrzeit relativ genau in Erfahrung bringen.
A. Lange & Söhne: Minutenrepetition mit ewigem Kalender
A. Lange & SöhneWie schlägt eine Minutenrepetition?
Noch präziser als die oben genannten, älteren Varianten, die man auf dem heutigen Markt kaum noch findet, ist die Minutenrepetition. Sie gibt die Zeit minutengenau an, indem sie erst die vollen Stunden, dann die bereits vergangenen Viertelstunden und schließlich die zusätzlichen Minuten schlägt. Die längste Klangfolge kommt somit um 12.59 Uhr zustande: Erst 12 Einzelschläge, dann drei Doppelschläge, anschließend 14 weitere Schläge. In der Regel verfügt eine solche Uhr über zwei kleine Hämmerchen sowie über zwei Tonfedern, die in unterschiedlichen Tönen klingen. Auf der einen Feder werden die Stunden, auf der anderen die Minuten geschlagen, über die Viertelstunden dazwischen informiert ein Doppelklang aus beiden.
Bis 1783 schlugen die Hämmer noch gegen die Gehäusewand. Dann erfand Abraham-Louis Breguet die Konstruktion, bei der die Hämmer auf eine Tonfeder treffen, die sich um das Werk herumschlingt. Der schöne, helle lang ergibt sich daraus, dass das eine Ende der Tonfeder frei schwingen kann, während das andere mit der Grundplatine verbunden ist. Später ging man dazu über, wie oben beschrieben zwei Tonfedern mit unterschiedlichem Klang einzusetzen. Kommen drei oder gar vier Tonfedern zum Einsatz, spricht man von einem Carillon oder Glockenspiel. Dann wird der Viertelstundenschlag als Dreiklang wiedergegeben. Die oberste Stufe bildet der Westminsterschlag: das ist ein Carillon, bei dem die Viertelstunden in der exakt definierten Melodie des Londoner Big Ben geschlagen werden, und zwar von vier oder sogar fünf Hämmern, auf ebenso viele Tonfedern.
Patek Philippe: Ref. 5308G Minutenrepetition mit Schleppzeigerchronograph und ewigem Kalender
Patek PhilippeKurz erklärt: die Technik dahinter
Die eine komplette Erklärung der Technik zu weit führen würde, konzentrieren wir uns auf die Basics. Zunächst einmal muss der Repetitionsmechanismus „wissen“, welche Uhrzeit er schlagen muss. Dafür sind im ersten Schritt drei Stufenscheiben, sogenannte Staffeln, zuständig – je eine für Stunden, Viertelstunden und Minuten. Letztere hat vier geschwungene Arme und ähnelt eher einem Windrad für Kinder. Die Staffeln sind verzahnt: zwölf Zähne sind es bei der Stundenstaffel, drei bei der Viertelstundenstaffel und 14 bei der Minutenstaffel. Die Staffeln sind mit dem Getriebe verbunden und laufen ständig mit. Wird die Minutenrepetition durch den Schieber in Gang gesetzt, tasten sogenannte Rechen die Staffeln ab. Es gibt drei Rechen, wiederum jeweils für Stunden, Viertelstunden und Minuten, die nacheinander arbeiten. Der Name Rechen kommt daher, dass diese Teile an einer Stelle mit der gleichen Anzahl von Zähnen ausgestattet sind wie die Staffeln. Das erinnert an einen Kamm oder einen Rechen.
Da eine Minutenrepetition viel Energie benötigt, hat sie eine eigene Feder, die durch das Betätigen des Schiebers gespannt wird. Lässt man los, werden die drei Rechen auf die jeweiligen Positionen geschoben, die der aktuellen Uhrzeit entsprechen. Um drei Uhr etwa wandert der Stundenrechen um drei Stufen nach vorn. Bei seinem Rückweg zur Ausgangsposition wird bei jeder Stufe, die er zurückgeht, der Hammer für die Stunden ausgelöst: Es erklingen drei Töne. Ein sogenannter Fliehkraftregler oder Windfang sorgt dafür, dass sich die Feder gleichmäßig entspannt, sodass der Abstand der Töne gleichbleibt und nicht mit abnehmender Federkraft langsamer wird.
Jaeger-LeCoultre: Reverso Tribute Minute Repeater
Jaeger-LeCoultreEine Komplikation für Spezialisten
Da die Minutenrepetition so anspruchsvoll ist, gibt es nur wenige Hersteller, die solche Uhren im Angebot haben. Noch geringer ist die Zahl derer, die den Mechanismus wirklich im eigenen Haus entwickeln und fertigen. Die erste Minutenrepetition, die in eine Armbanduhr eingebaut wurde, stammte von Audemars Piguet. 1891 entwickelte die Manufaktur aus Le Brassus das bis dahin kleineste Uhrwerk dieser Art, mit einem Durchmesser von nur 18 Millimetern. Ein Jahr später lieferte AP die erste mit diesem Werk ausgestattete Uhr an die Firma Louis Brandt, aus der später Omega hervorging. Meilensteine wie dieser führten dazu, dass der Name Audemars Piguet bald Weltruhm erlangte. AP kombinierte die Minutenrepetition auch mit anderen Komplikationen. Das begann 1890 mit einer Taschenuhr, die eine Minutenrepetition und einen ewigen Kalender verband, und reicht bis in die Gegenwart. 2023 stellte AP die bisher komplizierteste Uhr vor, die die Manufaktur je gebaut hat: Die Code 11.59 Ultra-Complication Universelle RD#4 bietet nicht weniger als 40 Funktionen. Neben einer Minutenrepetition gehören dazu unter anderem ein Schleppzeigerchronograph mit integrierter Flybackfunktion, ein ewiger Kalender, ein Tourbillon sowie Grande und Petite Sonnerie.
Vacheron Constantin: Les Cabinotiers Temporis Duo Grand Complication Openface
Vacheron ConstantinKombination mit anderen Komplikationen
Da die Minutenrepetition eine so aufwendige und dadurch teure Angelegenheit ist, findet man heute im obersten Preissegment oftmals Uhren, die eine Minutenrepetition mit weiteren Komplikationen verbindet. Das bietet sich auch aus einem zweiten Grund an: Als rein akustische Komplikation beansprucht sie keinerlei zusätzliche Anzeigen auf dem Zifferblatt. Allein im Frühjahr 2025 sind einige beeindruckende Minutenrepetitionen erschienen: So brachte A. Lange & Söhne seine Minutenrepetition mit ewigem Kalender heraus. Bei ihr ist das mehrteilige schwarze Emaillezifferblatt ganz dem ewigen Kalender gewidmet, während sich die Repetition über den Drücker am linken Gehäuserand steuern lässt. Noch komplexer macht es Patek Philippe mit der Referenz 5308G-001: Die über 1,2 Millionen Euro teure Weißgolduhr mit eisblauem Zifferblatt umfasst eine Minutenrepetition, einen Schleppzeigerchronographen und einen augenblicklich springenden ewigen Kalender. Jaeger-LeCoultre wiederum hat ein neu entwickeltes Werk, das Kaliber 953 mit Minutenrepetition, (nicht zum ersten Mal) in seine berühmte Reverso eingebaut. Die Reverso Tribute Minute Repeater lässt sich mit einem geschlossen wie mit einem offenen, skelettierten Zifferblatt tragen – je nachdem, welche Seite man sehen soll. Aufgrund des Wendemechanismus findet sich der Schieber am oberen rechten Gehäuserand. Vacheron Constantin wiederum kombiniert die Minutenrepetition bei seiner Les Cabinotiers Temporis Duo Grand Complication Openface mit einem Schleppzeigerchronograph und einem Tourbillon.
Patek Philippe: Minutenrepetition Alarm Ref. 1938P-001 Hommage à Philippe Stern
Patek PhilippeDas Wichtigste: der Klang
Die Ehrfurcht, die einem die ausgefeilte Technik dieser Uhren einflößt, ist das eine. Das andere ist der Klang. Der sollte wohltuend sein, die verschiedenen Töne sollten zueinander passen und keine Dissonanzen erzeugen. Und letztlich sollte die Tonfolge möglichst gut zu hören sein – auch bei Hintergrundgeräuschen im Alltag, die sich ja oft nicht vermeiden lassen. Die Lautstärke ist somit ein weiteres wichtiges Kriterium, gerade angesichts der Tatsache, dass Edelmetalle, die am häufigsten verwendeten Gehäusematerialien bei Repetitionsuhren, tendenziell stärker abschirmen als zum Beispiel Carbon. Hublot hat deshalb schon vor über zehn Jahren eine Minutenrepetition aus Carbon gebaut, auch Bulgari stellt kürzlich eine solche vor (s.u.). Was die Schönheit des Klangs angeht, so ist neben Technik viel Erfahrung vonnöten. Bei Patek Philippe hat seit Jahrzehnten der Chef das letzte Wort: Keine Uhr mit Repetition oder Schlagwerk verlässt die Manufaktur, ohne dass sich Präsident Thierry Stern höchstpersönlich von ihrem Wohlklang überzeugt hat. Sein Vater und Vorgänger Philippe Stern hielt das genauso. Nicht umsonst ehrte Thierry seinen Vater zu dessen 85. Geburtstag 2023 mit einer ganz besonderen, auf 30 Exemplare limitierten Minutenrepetition aus Platin, die ein Porträt des Patrons auf der linken Zifferblatthälfte zeigte.
Hammer mit zusätzlichem Gelenk: der Trébuchet-Mechanismus bei Jaeger-LeCoultre
Jaeger-LeCoultreIm Laufe der Jahre haben die Manufakturen immer weitere Feinheiten ersonnen, um den Klang zu verbessern. So fand Jaeger-LeCoultre schon vor über 20 Jahren heraus, dass sich die Lautstärke erhöht, wenn die Tonfedern am rückwärtigen Saphirglas befestigt werden. Seit 2005 gilt das für alle klingenden Uhren der Manufaktur aus Le Sentier. Auch baut Jaeger-LeCoultre seine Tonfedern so, dass ihr Querschnitt am Glas dünner ist und zum Ende hin dicker wird, was ihre Schwingungseigenschaften verbessern soll. Eine weitere Besonderheit von Jaeger-LeCoultre sind die sogenannten Trébuchet-Hämmerchen: Name und Prinzip stammen von mittelalterlichen Katapulten, an deren längerer Armseite eine Schlinge mit dem Geschoss angebracht war. Bei Jaeger-LeCoultre sorgt ein zusätzliches Gelenk dafür, dass von der Energie des Hammers über 80 Prozent an der Tonfeder ankommen – laut Marke ein Wert, der mehrfach so hoch ist wie bei anderen Repetitionen. Eine weitere Feinheit, die man heute bei den meisten Herstellern von Minutenrepetitionen findet, ist die sogenannte Ruheaufhebung: Sie verhindert, dass bei Uhrzeiten wie 10.14 Uhr eine Pause zwischen Stunden und Minuten entsteht, weil keine Viertelstunden geschlagen werden.
Bulgari: Octo Finissimo Minute Repeater Carbon
BulgariMiniaturisierung: Die flachste Minutenrepetition der Welt
Bulgari hat das Thema Minutenrepetition an ganz anderer Stelle auf die Spitze getrieben. Bei ihrem Bestreben, immer flacherer Uhren zu bauen, kamen nach und nach auch die verschiedenen Komplikationen an die Reihe. Zwei Jahre nach dem flachsten Tourbillon und noch vor dem flachsten Chronographen und dem flachsten ewigen Kalender überraschte die Marke 2016 mit der flachsten Minutenrepetition der Welt, der Octo Finissimo Minute Repeater, vollständig in den eigenen Werkstätten in Le Sentier entwickelt und gefertigt. Mit einer Gesamthöhe von 6,85 Millimetern beinhaltete die 40 Millimeter große Titanuhr zugleich das flachste Werk mit dieser Komplikation, das nur 3,12 Millimeter hohe Manufakturkaliber BVL 362 mit Handaufzug. Später folgte das gleiche Modell in einem Gehäuse aus Thin-Ply Carbon (CTP), das das gleiche Werk etwas lauter erklingen ließ als die Titanuhr.
Parmigiani: L'Armoriale Répétition Mystérieuse
ParmigianiDie mysteriöse Repetition
Parmigiani ist mit seiner 2024 eingeführten L’armoriale Répétition Mystérieuse von 2024 einen ganz konsequenten Weg gegangen und stellt die Akustik ganz in den Mittelpunkt. Das Zifferblatt nutzt die Manufaktur für feines Kunsthandwerk: Es ist mit einem guillochierten Muster sowie im Zentrum durch die Gravur eines Kiefernzapfens geschmückt, zusätzlich ist das Ganze mit durchscheinender pastellgrünem Grand-Feu-Emaille überzogen. Wer die Uhrzeit wissen will, kann sich so ganz auf den Klang konzentrieren. Und der ist besonders voll: Parmigiani nutzt sogenannte Kathedralfedern, die besonders lang sind und fast zweimal um das Uhrwerk herumgeführt werden. Das dazugehörige Werk stammt von Renaud Papi, einem der großen Spezialisten für Repetitionsuhren. Für ganz Ungeduldige hat Parmigiani auf der Rückseite zwei mit „H“ und „M“ markierte Zeiger für Stunden und Minuten untergebracht. Doch wer eine so kostbare Komplikation wie eine Minutenrepetition trägt, sollte schon ein wenig Muße mitbringen.