Aus die Uhr – Zug erklärt Chronext für insolvent
Chronext ist Geschichte: Kantonsgericht Zug eröffnet Konkurs über Gruppe und Gesellschaft
Zwölf Jahre nach dem Start als digitaler Vorreiter im Luxusuhrenhandel ist für Chronext Schluss. Laut Handelsregister des Kantons Zug hat das dortige Kantonsgericht am 19. August 2026 den Konkurs eröffnet – und zwar sowohl über die Chronext-Gruppe als Ganzes wie auch über die operative Gesellschaft. Beide Entscheide betreffen also nicht nur eine Holding-Struktur im Hintergrund, sondern das Unternehmen in seiner gesamten rechtlichen Breite. Weder Verwaltungsratspräsident Johannes Suter noch das zweite Verwaltungsratsmitglied, der frühere IWC-Schweiz-Chef Linus Fuchs, waren wie die „Handelszeitung" und "Luzerner Zeitung" berichteten für eine Stellungnahme erreichbar.
Dass sich die Schieflage schon länger ankündigte, zeigt ein Blick auf Kundenreaktionen der vergangenen Monate. Auf Bewertungsportalen häuften sich zuletzt Berichte über bezahlte, aber nicht ausgelieferte Uhren sowie über ausbleibende Rückerstattungen nach Stornierungen. Auch wurde von Fällen berichtet, in denen in Kommission verkaufte Uhren nicht abgerechnet wurden. Auch ein WatchTime-Leser hat sich zuletzt an uns gewandt und vom Ausbleiben der Auszahlung nach einem Uhrenverkauf berichtet. Solche Muster – Vorkasse ohne Gegenleistung, Kommissionsware ohne Auszahlung – sind typische Frühindikatoren für eine Liquiditätskrise, die sich lange vor der formellen Konkurseröffnung im Tagesgeschäft bemerkbar macht.
Ein Geschäftsmodell mit strukturellem Gegenwind
Was Chronext 2013 von klassischen Uhrenhändlern unterschied, war der Ansatz: Zwei Studienfreunde aus Köln, Philipp Man und Ludwig Wurlitzer, bauten keine reine Vermittlungsbörse auf, sondern kauften und verkauften Gebrauchtuhren auf eigene Rechnung – im Branchenjargon „Certified Pre-Owned", weil der Händler selbst für die Echtheit garantiert. Dieses Prinzip erweiterte sich später um den Handel mit Neuuhren. Der entscheidende Unterschied zum Marktplatzmodell liegt in der Bilanz: Wer Ware selbst hält, trägt Lager-, Preis- und Echtheitsrisiko allein, was hohe Kapitalbindung voraussetzt. Genau dieses Kapital floss über Jahre reichlich. Nach der Gründung expandierte Chronext zügig ins Ausland, gestützt auf Finanzierungsrunden in Höhe mehrerer Dutzend Millionen Franken. Zeitweise erreichte der Umsatz einen dreistelligen Millionenbetrag – Gewinn erwirtschaftete das Unternehmen damit jedoch wohl nie. 2021 sollte der Kapitalbedarf über einen Börsengang gedeckt werden; das Vorhaben scheiterte in letzter Minute. Wenig später kippte der Gesamtmarkt: Die Preise für gebrauchte Luxusuhren gaben deutlich nach, was das bisherige Rezept – Wachstum vor Rentabilität – endgültig unwirtschaftlich machte. Stellenabbau war die Folge.
Für die langfristige Position von Chronext dürfte ein anderer Faktor noch schwerer gewogen haben als der Preisrückgang: Rolex begann in Zusammenarbeit mit Bucherer, gebrauchte Uhren selbst zu zertifizieren und zu vertreiben. Weitere Marken zogen mit einem eigenen Zertifizierungsprogramm nach. Damit besetzten ausgerechnet die Hersteller jenes Versprechen, mit dem Chronext ursprünglich sein Geschäft begründet hatte – die Garantie der Echtheit durch eine unabhängige, vertrauenswürdige Instanz. Wo früher unabhängige Händler die Lücke zwischen Erstmarkt und Occasionshandel füllten, übernehmen die Marken diese Rolle zunehmend selbst, mit direktem Zugriff auf Distribution, Preisgestaltung und Kundendaten. Für Plattformen wie Chronext verengte sich damit der Raum, in dem sich das eigene Geschäftsmodell noch rechtfertigen ließ.
Eigentümerwechsel ohne Trendwende
2023 zog sich Mitgründer und CEO Philipp Man aus dem operativen Geschäft zurück; kurz darauf übernahm eine Schweizer Investorengruppe die Kontrolle. Die neue Eigentümerschaft kündigte an, das bislang rein digitale Geschäft um eine physische Präsenz zu erweitern. Der Plan trug offenbar nicht: Auf der Führungsebene folgten mehrere Wechsel in kurzem Abstand, keiner der nachfolgenden Geschäftsführer – darunter Branchenkenner Philippe Roten (früher u.a. bei Omega, Hublot, TAG Heuer) – blieb länger als wenige Monate im Amt. Ende 2024 ging Chronext schließlich an The Platform Group über, ein Unternehmen mit Sitz im hessischen Wiesbaden, dessen eigene wirtschaftliche Stabilität zuletzt ebenfalls infrage gestellt wurde. Verwaltet wurde das Tagesgeschäft von Köln aus – der rechtliche Sitz blieb aber in Zug, wo mit der Konkurseröffnung nun endgültig das Licht ausgeht.
Der Fall zeigt, wie zwei parallele Entwicklungen ein kapitalintensives Handelsmodell aushöhlen können: sinkende Preise auf der einen, ein wachsender Direktangriff der Hersteller auf das eigene Alleinstellungsmerkmal auf der anderen Seite. Häufige Eigentümerwechsel konnten diesen Druck nicht kompensieren, sondern haben ihn eher verschleppt. Für Sammler und Kunden mit offenen Forderungen dürfte nun das Konkursverfahren selbst der relevante nächste Schritt sein – mit der üblichen Unsicherheit über Rückerstattungsquoten, wie sie bei Verfahren dieser Größenordnung typisch ist.