Automatik, Handaufzug oder Manufakturwerk: Welches Uhrwerk ist das richtige?
Mechanik oder Quarz, Handaufzug oder Automatik, Standardkaliber oder Manufakturwerk: Das Uhrwerk bestimmt Präzision, Bedienung, Wartungsaufwand und nicht zuletzt den Charakter einer Uhr. Wir erklären die wichtigsten Werkarten, ihre Vor- und Nachteile – und wer die Kaliber tatsächlich entwickelt und fertigt.
Über die Wirkung einer Uhr entscheiden zunächst Gehäuse, Zifferblatt und Proportionen. Wie sie sich im Alltag verhält, wird jedoch maßgeblich von ihrem Werk bestimmt. Es beeinflusst, wie oft die Uhr aufgezogen oder gestellt werden muss, wie präzise sie läuft, wie widerstandsfähig sie ist und welcher Aufwand bei einer späteren Revision entsteht.
Grundsätzlich lassen sich Armbanduhren zunächst in zwei große Gruppen einteilen: mechanische und elektronische Uhren. Ein mechanisches Werk bezieht seine Energie aus einer gespannten Feder und kommt ohne Batterie aus. Bei einer Quarzuhr gibt dagegen ein elektronischer Oszillator den Takt vor. Quarzwerke laufen in der Regel präziser, sind robust und benötigen wenig Aufmerksamkeit. Mechanische Werke faszinieren hingegen durch das sicht- und hörbare Zusammenspiel von Federn, Rädern, Hebeln und Hemmung.
Während wir Quarz-, Solar- und Funkuhren weiter hinten im Text behandeln, liegt der Schwerpunkt zunächst auf der Mechanik. Denn gerade dort begegnen Käuferinnen und Käufern zahlreiche Begriffe, die nicht immer sauber voneinander getrennt werden.
Außergewöhnlich: Die überlange Zugfeder des Kalibers L034.1 von A. Lange & Söhne
A. Lange & SöhneWas ist ein mechanisches Uhrwerk?
Ein mechanisches Uhrwerk bezieht seine Energie aus einer Zugfeder, die in einem oder mehreren Federhäusern untergebracht ist. Beim Aufziehen wird diese Feder gespannt. Während sie sich langsam entspannt, gibt sie ihre Energie über das Räderwerk an die Hemmung weiter. Diese portioniert den Kraftfluss und hält die Unruh in gleichmäßiger Schwingung. Aus der Portionierung, der in Hertz gemessenen Taktung, ergibt sich der für mechanische Uhren charakteristische, schrittweise Lauf des Sekundenzeigers. Je höher die Frequenz, desto mehr scheint dabei der Sekundenzeiger dabei zu schweben – ein deutlicher Unterschied zur Quarzuhr, bei der er sich in Sekundenschritten bewegt.
Anders als ein Quarzwerk benötigt die Mechanik keine Batterie. Ihre Faszination liegt in einer Konstruktion, bei der zahlreiche kleine Bauteile ausschließlich durch gespeicherte Federkraft zusammenarbeiten. Viele dieser Komponenten lassen sich reinigen, überarbeiten, neu regulieren und bei Bedarf ersetzen. Ein mechanisches Werk kann deshalb über Jahrzehnte oder sogar Generationen betrieben werden – vorausgesetzt, es wird regelmäßig gewartet und die benötigten Ersatzteile bleiben verfügbar.
Bei der absoluten Ganggenauigkeit ist die Mechanik dem Quarzwerk jedoch unterlegen. Die Gangwerte mechanischer Uhren werden unter anderem von ihrer Lage, Magnetfeldern, Erschütterungen und dem Spannungszustand der Zugfeder beeinflusst. (Temperaturschwankungen wirken sich grundsätzlich stärker auf Quarzoszillatoren aus, weshalb hochwertige Quarzkaliber diese Abweichungen elektronisch kompensieren.) Dazu kommt der Wartungsaufwand. Die im Werk benötigten Öle und Fette altern, Dichtungen müssen erneuert und bewegliche Teile auf Verschleiß kontrolliert werden. Wie teuer eine Revision ausfällt, hängt nicht allein von der Komplexität des Werks ab. Auch die Verfügbarkeit von Ersatzteilen, die Organisation des Kundendienstes und die Frage, ob ein unabhängiger Uhrmacher das Kaliber bearbeiten kann, spielen eine wichtige Rolle.
Handaufzug oder Automatik: Wo liegt der Unterschied?
Ein Augenweide: das hochfein finissierte Handaufzugskaliber L951.8 von A. Lange & Söhne.
A. Lange & SöhneBeim Handaufzug wird die Zugfeder über die Krone gespannt. Handaufzugswerke sind in der Regel flacher als Automatikwerke, weil die Automatikbaugruppe mit dem Rotor nicht vorhanden ist. Zudem verstellt kein Rotor die Sicht auf einen Teil des Werks, wenn die Uhr einen Glasboden besitzt. Zwar verpflichtet der Handaufzug den Träger oder die Trägerin auf das regelmäßige, meist tägliche Aufziehen, allerdings schätzen viele Liebhaber gerade diese "Kommunikation" mit ihrer Uhr. Wichtig ist, dass man eine Handaufzugsuhr nur so lange aufzieht, bis man einen deutlichen Widerstand bemerkt. Dann auf keinen Fall die Krone mit Gewalt weiterdrehen, sonst kann die Zugfeder reißen.
Auch Automatikuhren lassen sich in der Regel von Hand aufziehen – das empfiehlt sich etwa, wenn die Uhr stehengeblieben ist: Durch das Aufziehen von Hand erreicht die Uhr so schneller eine wünschenswerte Amplitude. Legt man sie einfach nur an, beginnt sie zwar auch irgendwann zu laufen. Doch bei geringen Bewegungen des Arms bleibt die Amplitude zu niedrig, um einen präzisen Gang zu erreichen. Interessant ist, dass japanische Hersteller bei der Beschreibung ihrer Automatikwerken oft explizit die zusätzliche Möglichkeit des Handaufzugs nennen. Das gilt aber für Schweizer und deutsche Werke genauso.
Der große Vorteil des Automatikwerks ist aber – dass der Aufzug "automatisch" geschieht. Und zwar dann, wenn die Uhr ständig und ausreichend bewegt wird, durch Tragen am Handgelenk oder im Uhrenbeweger. Der Rotor reagiert auf die Bewegungen und übersetzt sie über ein Getriebe aufs Federhaus. Wegen der regelmäßigen Energiezufuhr sind Automatikuhren vor Überaufzug geschützt: Ist die Zugfeder vollständig gespannt, lässt eine Rutschkupplung sie kontrolliert durchgleiten.
Besonderheiten: Mikrorotor und peripherer Rotor
Vacheron Constantin: Kaliber 2550 mit Mikrorotor
Vacheron ConstantinEin Mikrorotor ist deutlich kleiner als eine zentrale Schwungmasse und befindet sich in der Ebene des Uhrwerks, nicht darüber. Dadurch lässt sich die Gesamthöhe des Werks flacher und zugleich das gesamte Werk sichtbar halten. Um trotz seiner geringen Abmessungen genügend Bewegungsenergie zu übertragen, besteht er häufig aus besonders schweren Materialien wie Gold, Platin oder Wolframkarbid.
Der periphere Rotor wiederum läuft ringförmig am äußeren Rand des Uhrwerks, statt über dessen Rückseite zu schwenken. So gibt er den Blick auf Brücken, Räderwerk und Finissierung nahezu vollständig frei. Auch er kann eine flache Konstruktion ermöglichen. Carl F. Bucherer hat diese Technik einst in den Mittelpunkt seiner Werke gestellt; periphere Rotoren finden sich außerdem etwa im Bulgari-Kaliber BVL 318 sowie in den Tourbillonwerken bestimmter Modelle von Vacheron Constantin.
Bulgari
Automatischer Aufzug: einseitig oder beidseitig?
Automatikaufzüge können einseitig oder beidseitig arbeiten. Bei einem einseitig aufziehenden System wird die Drehbewegung des Rotors nur in einer Richtung auf das Federhaus übertragen; bewegt sich der Rotor in die andere Richtung, läuft der Mechanismus weitgehend frei. Letzteres kann man mitunter hören und spüren; das Chronographenkaliber Eta Valjoux 7750 etwa ist bekannt dafür.
Beim beidseitigen Aufzug nutzen Umkehrräder, Freiläufe oder Klinken beide Drehrichtungen des Rotors und wandeln sie in eine gleichgerichtete Bewegung des Aufzugsrads um. Die Zugfeder wird also unabhängig davon gespannt, in welche Richtung sich die Schwungmasse gerade dreht. Verbreitete Werke wie das Eta 2824-2 und das 2892-A2 ziehen in beiden Richtungen auf.
Neben klassischen Konstruktionen mit Umkehrrädern existieren verschiedene Klinkenaufzüge. Beim von IWC-Technikdirektor Albert Pellaton entwickelten Pellaton-Aufzug verwandelt eine exzentrisch gelagerte Scheibe die Rotorbewegung in eine Hin-und-her-Bewegung einer Wippe. Zwei daran befestigte Klinken greifen abwechselnd in das Automatikrad ein und spannen die Zugfeder in beiden Drehrichtungen des Rotors. In modernen IWC-Kalibern bestehen besonders beanspruchte Komponenten dieses Systems teilweise aus verschleißfester Keramik. Nach einem ähnlichen Grundgedanken arbeitet Seikos 1959 entwickelter Magic Lever. Zwei Klinken des Hebels setzen die Bewegung des Rotors unabhängig von dessen Drehrichtung in eine gleichgerichtete Drehung des Aufzugsrads um. Das System benötigt vergleichsweise wenige Bauteile und überträgt die Rotorbewegung auf kurzem Weg auf den Federaufzug.
Pellaton-Klinkenaufzug von IWC: Zwei Klinken greifen abwechselnd in das Automatikrad ein.
IWCOb der einseitige oder der beidseitige Aufzug besser ist, darüber streiten sich die Gelehrten seit Jahrzehnten. Entscheidend sind letztlich die Effizienz des gesamten Systems, die Übersetzung, die Reibungsverluste sowie Größe und Lagerung des Rotors.
Was bedeutet „Manufakturwerk“?
Für den Begriff „Manufakturwerk“ gibt es keine verbindliche, branchenweit einheitliche Definition. Als von vielen anerkannte Daumenregel hat sich Folgendes etabliert: Ein Manufakturwerk ist ein Kaliber, das eine Uhrenmarke oder ihre Unternehmensgruppe maßgeblich selbst entwickelt und dessen Produktion sie in wesentlichen Teilen kontrolliert. Je mehr Konstruktion, Komponentenfertigung, Montage, Regulierung und Qualitätskontrolle im eigenen Unternehmen stattfinden, desto höher ist die Fertigungstiefe. Es gibt Komponenten wie Lagersteine, Zug- und Spiralfeder, die die mit Abstand meisten Manufakturen nicht selbst fertigen, sondern zukaufen. Genauso gibt es Manufakturen, die zwar eigene Zugfedern in kleinen Stückzahlen produzieren, aber nicht alle ihre Manufakturkaliber damit ausstatten. Auch hoch integrierte Hersteller beziehen verschiedene Spezialteile, Rohmaterialien oder technische Leistungen von außen. Manufakturen, die wirklich alles selbst herstellen, gibt es praktisch nicht. Dafür ist gerade die Schweizer Uhrenindustrie auch historisch viel zu sehr miteinander verzahnt. Auf der anderen Seite gibt es auch Hersteller, die schon dann von Manufakturkaliber sprechen, wenn ein Lieferant exklusiv für sie ein Werk entwickelt und fertigt.
Beim Thema Manufakturwerk geht es eher um Antworten auf folgende 4 Fragen: Wer hat das Werk konstruiert? Wer fertigt die wesentlichen Komponenten? Wer montiert und reguliert es? Und ist die Konstruktion exklusiv für die Marke verfügbar?
Großserienwerke von Eta und Sellita
Spezialisierte Werkehersteller wie Eta und Sellita entwickeln und produzieren Uhrwerke in großem industriellem Maßstab, Eta neben mechanischen auch Quarzkaliber. Sellita bietet neben seinen verbreiteten SW-Kalibern auch kundenspezifische Werke und höherwertige Lösungen über die Marke AMT an. Bei Eta und Sellita SW spricht man daher oft von Großserienkalibern, Standardkalibern oder Industriekalibern. Die große Stärke ihrer Werke ist die Tatsache, dass sie ausgereift und höchst zuverlässig sind. Konstruktionen wie das Eta 2824 bzw. das baugleiche Sellita SW200 sind seit vielen Jahren im Einsatz, ihre Eigenschaften den Uhrmacherinnen und Uhrmachern bestens bekannt. Dazu sind Ersatzteile, technische Unterlagen und Werkzeuge grundsätzlich breiter verfügbar als bei seltenen Eigenkonstruktionen. Auf der anderen Seite können sie nicht mit Exklusivität punkten. Wer etwas haben will, das nicht jeder hat, greift deshalb lieber zur Uhr mit Manufakturkaliber.
Die Stufen zwischen Standardwerk und Manufakturkaliber
Zwischen einem unveränderten Standardwerk und einer vollständigen Eigenentwicklung liegen viele Zwischenstufen. Die einfachste Form der Anpassung ist kosmetisch: ein individualisierter Rotor, eigene Zierschliffe, gebläute Schrauben, individuelle Gravuren. Solche Änderungen können das Erscheinungsbild aufwerten, verändern aber die technische Substanz kaum.
Danach folgen eine verbesserte Regulierung, strengere Gangkontrollen und der Einsatz höherwertiger Komponenten. Noch weiter gehen Hersteller, die Hemmung, Federhaus, Räderwerk, Datumsmechanismus oder Automatikaufzug überarbeiten. Wird eine zusätzliche Funktion auf ein bestehendes Werk gesetzt, spricht man von einem Modul. Ein Chronographen-, Kalender- oder GMT-Modul kann ein zuverlässiges Basiskaliber um eine Komplikation erweitern, macht daraus aber noch kein Manufakturkaliber.
Eine eigene Kaliberbezeichnung allein sagt daher wenig aus. Viele Marken benennen zugekaufte Werke um, obwohl die Änderungen kaum über einen mit dem eigenen Markennamen beschrifteten Rotor hinausreichen. Andere greifen tief in die Konstruktion ein oder lassen wesentliche Teile exklusiv fertigen. Interessant ist daher, wenn und ob eine Marke offenlegt, welches Basiskaliber sie verwendet und worin die Modifikationen tatsächlich bestehen.
Eine sinnvolle Abstufung lautet:
Standardkaliber: weitgehend unverändertes Werk eines Zulieferers.
Veredeltes Kaliber: dekoriert, reguliert oder mit einzelnen markenspezifischen Teilen versehen.
Modifiziertes Kaliber: technisch substanziell verändert oder um eigene Funktionen ergänzt.
Exklusives Zulieferkaliber: nur für eine Marke oder Unternehmensgruppe produziert.
Partnerentwicklung: gemeinsam mit einem externen Spezialisten konstruiert.
Manufakturkaliber: maßgeblich im eigenen Haus oder innerhalb der eigenen Gruppe entwickelt und in wesentlichen Teilen selbst gefertigt.
Die Grenzen bleiben dabei fließend.
Vaucher: integriertes Chronographenkaliber mit 65 Stunden Gangreserve
Vaucher ManufactureWelche Werkespezialisten stehen hinter den Marken?
Ein großer Teil der Uhrenindustrie wäre ohne Unternehmen kaum denkbar, deren Namen nicht auf Zifferblättern erscheinen. Im Volumensegment liefern neben Eta und Sellita vor allem der zur Citizen-Gruppe gehörende japanische Werkehersteller Miyota und die zur Seiko Group gehörige Time Module Ltd. mechanische Werke an zahlreiche Marken, Time Module u. a. die weit verbreitete NH-Familie mechanischer Kaliber.
Im höheren Segment arbeitet die Vaucher Manufacture aus Fleurier im Schweizer Jura als unabhängiger Entwickler und Produzent industriell gefertigter Luxuskaliber. Das Angebot reicht von klassischen Automatikwerken über Mikrorotor-Kaliber bis zu Chronographen und Tourbillons; Konstruktionen können an Kundenwünsche angepasst werden.
La Joux-Perret in La Chaux-de-Fonds entwickelt und fertigt ebenfalls Werke für andere Hersteller. Die Kompetenz des Unternehmens reicht von Automatikwerken über Komplikationen bis zu hochpräzisen Solarquarzkalibern. Wie eng eine Zusammenarbeit mit einer Uhrenmarke sein kann, zeigt Breitlings Tourbillon-Chronograph B21: Breitling nennt La Joux-Perret ausdrücklich als Spezialisten, mit dem das Werk gemeinsam entwickelt wurde.
Der Genfer Werkespezialist Agenhor konzentriert sich auf maßgeschneiderte Komplikationen und Spezialkaliber. Das Unternehmen integriert eigene Mechanismen in vorhandene Kaliber oder konstruiert bei Bedarf eine neue Architektur. Dubois Dépraz aus Le Lieu im Vallée de Joux ist traditionell für Zusatzmodule und Chronographenmechanismen bekannt, bietet inzwischen jedoch auch vollständige Werke an, darunter einen integrierten Schaltradchronographen. Soprod, in Les Reussilles bei Tramelan beheimatet, ergänzt das Feld mit industriellen Schweizer Kalibern, Komponenten und kundenspezifischen Lösungen.
Ein exklusives Werk aus einem solchen Spezialbetrieb kann technisch eigenständig, aufwendig und hervorragend verarbeitet sein. Es stammt dennoch nicht vollständig aus den Werkstätten der Uhrenmarke. „Fremdwerk“ greift hier ebenso zu kurz wie ein großzügig verwendetes „Manufakturkaliber“. Treffender sind Begriffe wie exklusive Auftragsentwicklung, Partnerkaliber oder von einem Spezialisten gefertigtes Exklusivwerk.
Konzernmanufaktur und Schwesterunternehmen
Ein weiteres Beispiel bildet der Fall, dass eine Werkefabrik organisatorisch von der Uhrenmarke getrennt ist, aber zu demselben Konzern gehört oder eng mit ihr verflochten ist. So versorgt die Eta als Teil der Swatch Group inzwischen vor allem deren Marken mit Uhrwerken und fertigt für einige auch exklusive Kaliber. Kenissi wiederum ging aus Tudors Projekt zum Aufbau eigener industrieller Kaliberkompetenz hervor. Seit 2016 entwickelt und produziert Kenissi Werke und beliefert neben Tudor auch externe Partner wie Chanel (das auch einen 20-prozentigen Anteil an Kenissi besitzt), Bell & Ross, Breitling, Fortis, Norqain oder TAG Heuer.
Ist ein Manufakturwerk besser?
Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Definitiv geht von einem Manufakturkaliber eine besondere Faszination aus: Das Werk macht nicht nur den Antrieb der Uhr aus, sondern einen wesentlichen Teil ihrer Identität. Im Idealfall bilden Gehäuse, Anzeigen und Kaliber eine Einheit, die sich mit einem vorhandenen Standardwerk kaum in gleicher Weise verwirklichen ließe.
Bei den renommiertesten Häusern der Haute Horlogerie und in sehr hohen Preisklassen gehören eigene oder exklusiv für die Marke entwickelte Werke heute weitgehend zum erwartbaren Standard. Wer für eine Uhr einen fünf- oder sechsstelligen Betrag ausgibt, erwartet meist nicht nur ein kostbares Gehäuse und ein aufwendig gefertigtes Zifferblatt, sondern auch eine eigenständige Mechanik. Das Werk soll erkennen lassen, wofür die Manufaktur technisch und gestalterisch steht – sei es durch eine charakteristische Brückenarchitektur, einen besonderen Aufzug, eine eigene Hemmung oder eine ungewöhnliche Komplikation.
Den Werkeentwicklern wiederum eröffnet ein Manufakturkaliber eine deutlich größere Freiheit. Durchmesser, Höhe und Anordnung der Komponenten lassen sich auf die Uhr abstimmen; Anzeigen müssen nicht an die vorgegebenen Positionen eines vorhandenen Basiskalibers angepasst werden. Bei vielen Luxusmarken muss sich die Entwicklung des Kalibers mit seinen Abmessungen nach dem Design der Uhr ausrichten, das vorher entsteht. Bei anspruchsvollen Komplikationen – etwa ewigen Kalendern, Minutenrepetitionen, Tourbillons oder Schleppzeigerchronographen – ist eine eigene oder exklusiv entwickelte Konstruktion in der Regel eine Selbstverständlichkeit, die aus dem eigenen uhrmacherischen Anspruch resultiert.
Besonders deutlich zeigt sich der Unterschied auch in der Finissierung. Großserienwerke können sauber, funktional und durchaus attraktiv mit Genfer Streifen, Perlage oder Sonnenschliffen dekoriert sein. Die Werke der Haute Horlogerie gehen jedoch vielfach weit darüber hinaus. Brücken und Kloben werden von Hand angliert, ihre Kanten poliert, Schraubenköpfe spiegelpoliert und Vertiefungen sorgfältig ausgerieben. Innenwinkel, die sich maschinell nicht polieren lassen, gelten als sichtbares Zeichen anspruchsvoller Handarbeit. Bei besonders aufwendigen Manufakturwerken werden oft sogar Flächen und Komponenten, die nach der Montage nicht mehr zu sehen sind, aufwendig dekoriert. Nach oben hin sind Manufakturwerken praktisch keine Grenzen gesetzt: Das Angebot reicht bis hin zu Einzelstücken oder Kleinstserien, die rein handwerklich und mit einem zum Teil fast 100-prozentigen Anteil an Handarbeit gefertigt werden.
Vollständig handwerkliche Fertigung: das Werk der "Naissance d'une montre 3" von Ferdinand Berthoux
Ferdinand BerthouxDamit verändert sich auch die Rolle des Uhrwerks. Es erfüllt nicht nur eine technische Funktion, sondern wird zu einem eigenständigen kunsthandwerklichen Objekt. Durch den Glasboden lässt sich bestaunen, wie Konstrukteure, Uhrmacher, Finisseure und Graveure für die Entstehung des Gesamtkunstwerks zusammengearbeitet haben. Kleine Unterschiede, leichte Spuren manueller Bearbeitung und der hohe Zeitaufwand der Finissierung gehören dabei zum Reiz. Diese Qualitäten haben allerdings ihren Preis. Die Entwicklung eines eigenen Kalibers kann Jahre dauern und hohe Investitionen erfordern. Aufwendige Handarbeit begrenzt die Stückzahlen, während komplizierte Konstruktionen und individuelle Bauteile die spätere Revision verteuern können. Ersatzteile, Spezialwerkzeuge und Fachwissen sind häufig nur innerhalb des Servicenetzes der Marke verfügbar. Zudem ist eine neue Eigenentwicklung nicht automatisch zuverlässiger oder präziser als ein Großserienwerk, das über Jahrzehnte produziert und fortlaufend verbessert wurde. Der Wert eines Manufakturwerks liegt daher nicht allein in besseren Gangwerten. Er besteht vor allem in technischer Eigenständigkeit, Exklusivität und der Möglichkeit, Konstruktion und Finissierung zu einem Ausdruck der Marke zu machen. Ein Großserienwerk kann die vernünftigere Wahl für eine zuverlässige Alltagsuhr sein. In einer besonders kostbaren oder uhrmacherisch ambitionierten Uhr trägt das Manufakturkaliber dagegen wesentlich zu jener Faszination bei, die weit über das bloße Anzeigen der Zeit hinausreicht.
Worauf sollte man beim Kauf achten?
Die Bezeichnung des Kalibers ist nur der Ausgangspunkt. Entscheidend sind konkrete Eigenschaften: Gangreserve, Frequenz, Magnetfeldschutz, Stoßsicherung, Regulierung, Wartungsintervall und Servicezugang. Auch die Konstruktion sollte zur Uhr passen. Ein flaches Handaufzugswerk kann für eine elegante Dresswatch ideal sein; ein robustes Automatikwerk mit guter Teileversorgung eignet sich oft besser für eine täglich getragene Sportuhr.
Bei einem Manufakturkaliber lohnt sich die Frage, worin die Eigenleistung besteht. Wurde das Werk tatsächlich von der Marke konstruiert? Fertigt sie wesentliche Komponenten selbst? Ist es exklusiv? Gibt es eine langfristige Servicezusage? Bei einem modifizierten Standardwerk sollte die Marke erklären, welche technischen Änderungen über Dekoration und Rotor hinausgehen.
Für viele Käufer ist ein bewährtes Zulieferkaliber keineswegs die zweite Wahl. Wer seine Uhr lange tragen, auch außerhalb des Markennetzes warten lassen und die Kosten überschaubar halten möchte, kann damit sehr gut beraten sein. Sammler, die technische Eigenständigkeit, besondere Architektur oder aufwendige Finissierung suchen, werden eher zum Manufaktur- oder Exklusivwerk greifen.
Grand Seiko: Kaliber 9F86, Hochpräzisions-Quarzwerk mit GMT-Funktion
Grand SeikoQuarz, Solar und Funk: die unkomplizierten Alternativen
Beim Quarzwerk liefert eine Batterie elektrische Energie. Ein Quarzkristall schwingt üblicherweise mit 32.768 Hertz; eine integrierte Schaltung leitet daraus den Zeittakt ab und steuert über einen Motor das Räderwerk und die Zeiger. Da die elektronische Referenz erheblich schneller schwingt als eine mechanische Unruh, sind Quarzuhren in der Regel deutlich präziser. Neben der viel geringeren Gangabweichungen liegen die Vorteile eines Quarzkalibers in seiner hohen Robustheit, der flachen Bauweise und den niedrigen Wartungskosten. Bei einfachen Werken wird allerdings häufig das komplette Kaliber ersetzt, statt es aufwendig zu reparieren. Hochwertige Quarzwerke zeigen, dass die Technik nicht auf das Einstiegssegment beschränkt ist: Sie können thermokompensiert, fein finissiert und auf langfristige Wartbarkeit ausgelegt sein.
Solaruhren sind im Kern Quarzuhren, deren Energiespeicher über Licht geladen wird. Eine Solarzelle unter dem oder im Zifferblatt wandelt Sonnen- und Kunstlicht in elektrische Energie um. Dabei muss die Technik längst nicht mehr als deutlich sichtbare Solarfläche in Erscheinung treten: Viele Hersteller verbergen die Zelle unter einem lichtdurchlässigen Zifferblatt. Bei der Junghans Max Bill Mega Solar sitzt beispielsweise eine gewölbte Solarzelle unter dem transluzenten Zifferblatt, sodass das charakteristische, puristische Design weitgehend erhalten bleibt. Citizen wiederum geht mit der 2026 zum 50-jährigen Eco-Drive-Jubiläum vorgestellten Eco-Drive Photon bewusst den entgegengesetzten Weg: Ein mehrschichtiges Metallzifferblatt mit Schlitzen macht den Durchtritt des Lichts zum sichtbaren Teil der Gestaltung. Das neue Eco-Drive-Kaliber E036 erreicht nach vollständiger Ladung eine Gangautonomie von bis zu 365 Tagen. Regelmäßige Batteriewechsel entfallen bei Solaruhren, der wiederaufladbare Energiespeicher altert jedoch ebenfalls und kann nach vielen Jahren ersetzt werden müssen.
Citizen: Eco Drive Photon
CitizenFunkuhren kombinieren ein Quarzwerk mit einem Empfänger für Zeitzeichensender. Bei erfolgreichem Empfang synchronisieren sie Uhrzeit und häufig auch Datum sowie Sommer- und Winterzeit automatisch. Außerhalb der Sendebereiche oder bei gestörtem Empfang laufen sie als normale Quarzuhren weiter. Moderne Varianten beziehen Zeit- und Standortdaten über GPS oder gekoppelte Smartphones.
Die von Seiko entwickelte Spring-Drive-Technologie nimmt eine Sonderstellung ein. Die Energie stammt wie bei einem mechanischen Werk aus einer Zugfeder, doch statt einer klassischen Hemmung regelt ein elektronisches System mit Quarzoszillator den Gang. Am Ende des Räderwerks sitzt dasglatte, kontinuierlich rotierende Gleitrad: Es wird von der ablaufenden Zugfeder angetrieben und erzeugt durch seine Rotation in einer Spule den geringen Strom, der den Quarzoszillator und den integrierten Schaltkreis versorgt. Dieser vergleicht die Drehzahl des Gleitrads mit dem Quarzsignal und bremst es bei Bedarf elektromagnetisch ab. Eine Batterie ist nicht erforderlich. Da keine klassische Hemmung das Räderwerk fortwährend anhält und wieder freigibt, bewegt sich auch der Sekundenzeiger nicht in einzelnen Schritten: Er gleitet nahezu vollkommen gleichmäßig und geräuschlos über das Zifferblatt. Spring Drive verbindet damit den mechanischen Energiespeicher einer Federuhr mit der Präzision elektronischer Regulierung.
Grand Seiko Spring Drive: der Tri-Synchro-Regulator mit dem zahnlosen Gleitrad (ganz rechts)
Grand Seiko- Was ist ein mechanisches Uhrwerk?
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