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Kunsthandwerksuhren von Patek Philippe, Vacheron Constantin und anderen

Vacheron Constantin: Gravur des Zifferblatt der Les Cabinotiers Hommage an Peter Paul Rubens "La Lutte pour l'étendard de la Bataille d'Anghiari"
© PR
Uhren, bei denen kunsthandwerkliche Arbeiten die Hauptrolle spielen, bilden eine eigene Liga in der Uhrenwelt. Sie erfreuen uns durch ihre handarbeitliche Machart und eine Motivik, die einen in andere, vergangene Zeiten entführen kann. Trotzdem ist diese feine Nische seit Jahren im Aufwind. Oder vielleicht gerade deshalb?
Patek Philippe: Referenz 5531G in Weißgold, Minutenrepetition mit Weltzeit, 640.850 Euro © Patek Philippe

Die Métiers d’Art

Uhren, die in aufwendiger Handarbeit mit überlieferten künstlerischen Techniken gefertigt sind – den Métiers d’Art, wie es im Schweizer Uhrenjargon heißt –, stellen ein Faszinosum dar. Was Graveure, Emailkünstlerinnen, Steinfasser, Guillocheure, Miniaturmalerinnen und Vertreter noch unbekannterer Gewerke in minutiöser Kleinarbeit auf der winzigen Fläche eines Zifferblatts schaffen, wirkt oft wie Zauberei. Das tägliche Tun dieser Handwerkskünstler ist unendlich weit von dem entfernt, was die meisten von uns unter Arbeit verstehen. Ihre Ateliers mit Tiegeln, Pulvern, oftmals archaischen Maschinen und feinsten Werkzeugen – bis hin etwa zu Pinseln mit nur einem Marderhaar – scheinen einer fast mythischen Vergangenheit entsprungen, in der handwerkliche Meisterschaft und das Element des Feuers entscheidende Rollen gespielt haben. Was schließlich nach tagelanger Arbeit in einer stillen Werkstatt entsteht – in der ein Emailzifferblatt etwa nach jedem Farbauftrag neu gebrannt werden muss und bei jedem Brand zerspringen kann, oder in der ein anderes Stück mit unendlicher Geduld in einer historischen Guillochiermaschine bearbeitet wurde –, das sieht dann oftmals auch aus wie aus einer fantastischen Sphäre stammend.
Louis Vuitton: Handwerkskunst bei der Tambour Fiery Heart Automata (siehe unten) © Louis Vuitton

Eine versunkene Schweiz auf dem Zifferblatt

So zum Beispiel bei der neuen Weltzeit-Minutenrepetition Haut Artisanat Ref. 5531G von Patek Philippe, die Haute Horlogerie mit hoher Handwerkskunst verbindet. Auf ihrem Zifferblatt schippert ein Dampfer mit Schweizer Flagge über den Genfer See, während im Hintergrund die Sonne untergeht. Das Boot ist ein Modell aus der Belle Époque, als das Reisen noch mit weniger Tempo und dafür umso mehr Stil betrieben wurde. Der Idee, dass die Uhren damals langsamer gegangen seien, wird die Schweizer Uhrenbranche vehement widersprechen, aber das Lebensgefühl entsprach zweifellos eher dem gemütvollen Zeitmesser, den man immer wieder aufziehen muss, als dem Smartphone, das nie um die präzise Zeit verlegen ist. Wirft man in diesen Topf von Assoziationen noch die Idee der Schweiz als eines geruhsamen Landes, dessen Seeufer seit jeher zur luxuriösen Erholung einladen, dann hat man in dieser bemerkenswerten Minutenrepetition von Patek Philippe, die überall die Ortszeit schlägt, so etwas wie ein idealtypisches Symbol der Schweizer Uhr. Selbst die Technik des Email Cloisonné, in der die Seenlandschaft mit Dampfer entstand und bei der winzige Farbfelder durch Goldfäden voneinander abgegrenzt werden, hat in der Region um Genf tiefe Wurzeln.
Chanel: Mademoiselle Privé Pique-Aiguilles Décor Tweed, Gelbgold mit Diamanten, 20 Exemplare, 450.000 Euro © Chanel

Die Modelegende und ihr Nadelkissen

Von Genf einmal über die Grenze, dann in den Nordwesten Richtung Paris – und wir sind da, wo die wohl aufsehenerregendste Métiers-d’art-Uhr aus der diesjährigen Chanel-Kollektion angesiedelt ist. Coco Chanel war zwar ein Kind der Belle Époque, räumte aber mit deren opulenter Eleganz auf und entwarf Kleidungsstücke, in denen Frauen ein vernünftiges Leben führen konnten: inklusive Berufstätigkeit, Sport, freier Bewegung überhaupt. Zu Ehren der legendären Couturière ist jetzt die Serie Mademoiselle Privé Pique-Aiguilles mit fünf Uhrenmodellen entstanden. Das Pique-Aiguilles ist das Nadelkissen am Handgelenk der Schneiderin. Von dessen großer, runder, gewölbter Form hat sich Chanel-Uhrendesigner Arnaud Chastaignt inspirieren lassen. Und von den raffinierten Handwerkstechniken, die bei der Herstellung von Chanel-Mode seit jeher verwendet wurden. Umwerfend ist die Uhr Mademoiselle Privé Pique-Aiguilles Décor Tweed. Hier wird das Zifferblatt geschmückt vom auflackierten Zuschnitt einer klassischen schwarzen Chanel-Jacke mit Tweedstruktur. Eingefasst sind Jacke und Taschen mit Diamanten, als Knöpfe tragen sie kleine Perlen. Die goldenen Zeiger wirken wie spitze Nadeln, und winzige handgemachte Utensilien wie Fingerhut, Schere und Maßband verleihen dem Tableau auf dem immerhin 55 Millimeter großen Zifferblatt maximalen Charme. Hier feiern die Handwerkskünste, die in der Uhrmacherei zum Einsatz kommen, ihre Partner aus der Haute Couture und mit Coco Chanel gleichzeitig ein geradezu mythisches Kapitel der Pariser Mode: geprägt von Eleganz, Aufbruchsstimmung, Chuzpe und mondänen Persönlichkeiten.
Chanel: Die Mademoiselle Privé Pique-Aiguilles Décor Tweed ist von allen Seiten bemerkenswert © Chanel

Verzauberte Zeit

Derartige Uhren dienen nicht nur der Zeitanzeige, sondern sie scheinen das bekannte Spiel von Sekunde, Minute, Stunde ein wenig verzaubern zu wollen. Van Cleef & Arpels tut dies auf unnachahmlich klassische Weise, nämlich mit Hilfe von Feen. Eine solche sitzt bei der Lady Féerie Or Rose artgerecht auf einer Perlmuttwolke und hält den Zauberstab in der Hand. Er ist es, der auf retrograde Weise die Minuten anzeigt, während die springende Stunde in einem Ausschnitt im Wolkenbereich abzulesen ist. Nicht mehr als zierliche 33 Millimeter hat Van Cleef & Arpels sich und seinen Handwerkskünstlern gegönnt, um auf diesem Zifferblatt eine Fülle von Registern zu ziehen: Da wäre der subtile Farbverlauf des Himmels von Gelbweiß bis Pflaumenrot, der den gravierten Perlmuttgrund des Zifferblatts durchscheinen lässt. Da sind die Flügel der Fee, fein nuanciert und in Kombination aus transparentem Plique-à-jour-Email und opakem Email gefertigt. Den Feenkörper bildet ein zartes Goldrelief, das Kleid ist besetzt mit Diamanten und rosa Saphiren. Unter diesem duftigen Zifferblatt liegt ein komplexes, exklusiv für van Cleef & Arpels entwickeltes Kaliber – eine würdige mechanische Basis dieser Uhr, deren winzige Märchenszenerie ganz offenbar von Zauberhänden geschaffen wurde. Denn auch dem hartgesottensten Beobachter bleibt leicht die Sprache weg angesichts der grenzenlosen Finesse, mit der jedes Detail einer solchen Métiers-d’art-Uhr gefertigt wird.
van Cleef & Arpels: Lady Féérie Or Rose © van Cleef & Arpels

Bedrohte Künste

Die exklusiven Handwerkstechniken, die bei der Uhrendekoration seit Jahrhunderten Anwendung finden, sind selbst zu Raritäten geworden. Das Savoir-faire, wie die Uhrenschweiz gern statt Know-how sagt, ist vom Aussterben bedroht. Die Zahl der Personen, die die Emailkunst, das Gravieren, die Miniaturmalerei meisterhaft beherrschen, ist überschaubar. Im Idealfall geben einzelne Handwerksmeisterinnen ihr Können und Wissen in ihren Ateliers an Schüler weiter. Métiers-d’art-Uhren können allein deshalb nie in großen Stückzahlen hergestellt werden, und dank der feinen Handarbeit gleicht kein Stück haargenau dem anderen: Umstände, die den Besitz einer solchen Uhr in Zeiten globaler Verfügbarkeit von Luxusprodukten besonders reizvoll machen.Die aktuelle Situation der Handwerkskünste ist allerdings auch ein Umstand, der eine ganze Reihe von Uhrenmarken dazu inspiriert, sich für den Erhalt ausgefallener Techniken einzusetzen. Patek Philippe beispielsweise, Vacheron Constantin, Jaeger-LeCoultre, Cartier, Van Cleef & Arpels: Sie alle fördern vom Aussterben bedrohte Gewerke, indem sie Jahr für Jahr aufregende Métiers-d’art-Stücke he- rausbringen.
Vacheron Constantin: Les Cabinotiers Hommage an Peter Paul Rubens "La Lutte pour l'étendard de la Bataille d'Anghiari" © Vacheron Constantin

Kunstwerke fürs Handgelenk

Einen ganz neuen Weg geht Vacheron Constantin dabei mit der Aktion „Ein Meisterwerk am Handgelenk“. Seit einigen Jahren unterhält die Genfer Manufaktur eine Partnerschaft mit dem Pariser Louvre. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit sind bereits einige außergewöhnliche Métiers-d’art-Uhren auf Basis von Kunstwerken aus den Sammlungen des Museums entstanden. Die Aktion „Ein Meisterwerk am Handgelenk“ führt nun zur Kreation von einzigartigen Stücken: Kunden der Manufaktur wird angeboten, eine Uhr der Linie Les Cabinotiers mit einem Zifferblattmotiv emaillieren zu lassen, das ein individuell ausgewähltes Louvre-Kunstwerk wiedergibt. Die Initialzündung dieser Aktion stellt das Modell „Hommage an Peter Paul Rubens“ dar, gefertigt für eine Auktion zugunsten des Louvre. Es bringt eine Schlachtenzeichnung von Rubens auf ein emailliertes Uhrenzifferblatt. In mikroskopischer Detailarbeit gibt der Emailleur von Vacheron Constantin die komplexen Schattierungen der Originalzeichnung mittels der Technik des Grisaille-Email wieder. Hierfür wird Blanc de Limoges verwendet, eine Emailsubstanz aus Limoges-Porzellan, mit der subtilste Nuancierungen zu erzielen sind. Neben dem Zeichentalent ist bei derartigen Miniaturen maximale Materialbeherrschung erforderlich, die sich nicht zuletzt auf die rund 20 Brennvorgänge erstreckt, denen das Zifferblatt bis zu seiner Fertigstellung ausgeliefert ist. Die Schlachtenszene, die schließlich auf der Uhr zu sehen ist, versprüht auf weniger als vier Zentimetern eine verblüffende Intensität, Dynamik und Bewegung. Und fängt zugleich das historische Flair des Rubens-Originals ein.
Vacheron Constantin: Gravur des Zifferblatt der Les Cabinotiers Hommage an Peter Paul Rubens "La Lutte pour l'étendard de la Bataille d'Anghiari" © PR
Vacheron Constantin: Emailmalerei beim Zifferblatt der Les Cabinotiers Hommage an Peter Paul Rubens "La Lutte pour l'étendard de la Bataille d'Anghiari" © Vacheron Constantin
Vacheron Constantin: Zeigersetzen bei der Les Cabinotiers Hommage an Peter Paul Rubens "La Lutte pour l'etendard de la Bataille d'Anghiari" © Vacheron Constantin

Miniaturisierte mythische Wesen

Während die Ursprünge von Hermès im Sattlerhandwerk liegen, ist die Pariser Marke seit jeher in den Sphären des Kunsthandwerks zu Hause und kreiert immer wieder spektakuläre Uhren, die nicht selten „artfremde“ Techniken aufs Zifferblatt bringen. Bei der diesjährigen Arceau Libre comme Pégase etwa wird Pegasus, das geflügelte Pferd der griechischen Mythologie, mit der Technik der glyptischen Gravur aus dem Zifferblatt förmlich herausgeholt. Das Zifferblattmaterial ist, ungewöhnlich genug, ein gefärbter Achatstein. Die sehr subtilen, leicht transparenten Grau-Weiß-Schattierungen des Pferdes verdanken sich dabei einem Spiel mit den unterschiedlichen Ebenen des Pferdereliefs, die jeweils eine andere Farbschicht des Achats freilegen: ein kleines Kunstwerk in drei Dimensionen auf einer Fläche von 41 Millimetern. So eine Uhr lädt zum Staunen ein – und das nicht nur aufgrund der bemerkenswerten Handwerkskunst, in der sie gefertigt wurde, sondern auch wegen des mythologischen Tiers, das sich bei jedem Ablesen der Zeit zeigt.
Hermès: Arceau Libre comme Pégase © Hermès

Wie bei Romeo und Julia – mindestens

Denn der Stoff, aus dem die Legenden sind, steht bei der Gestaltung von Kunsthandwerksuhren hoch im Kurs. Louis Vuitton stattet die neue Tambour Fiery Heart Automata mit den unverkennbaren Insignien unsterblicher Leidenschaft aus: Rosen, Dornen, ein Herz mit Flammen und „sweet“- Spruchband sowie eine Krone bilden über einem Zifferblatt mit Louis-Vuitton-Logo ein Motiv-Ensemble, das jede Sammlung von Grimms Märchen zieren könnte. Oder auch jedes Musterbuch eines Tattoo-Studios. Das Zifferblatt kombiniert diverse Emailliertechniken mit Miniaturmalerei, und für die skulpturalen Formen von Rosen und Krone wird sogar der Star-Emailleur Dick Steenman ins Boot geholt. Doch die Tambour Fiery Heart Automata bietet nicht einfach ein starres Panorama von Motiven, sondern ein bewegliches Tableau. Das Kaliber LFT 325, das erste von La Fabrique du Temps Louis Vuitton entwickelte Automatikkaliber mit Automatenfunktion, macht einiges möglich: Bei Betätigen des Drückers bei acht Uhr öffnet sich das Herz, und unter dem Wort „sweet“ ist nun „and fierce“ zu lesen. Dazu drehen sich die Spitzen der Rosenblüten, aus dem Herz schlagen Flammen, aus den Zweigen des Zifferblatts wachsen zusätzliche Stacheln – während sich das fliegende Minutentourbillon bei sechs Uhr unbeeindruckt weiterdreht.
Louis Vuitton: Tambour Fiery Heart Automata © Louis Vuitton
Keine Liebe ohne Schmerz, keine Rose ohne Dornen, keine raffinierte Métiers-d’art-Uhr ohne eine Geschichte, die ein bisschen larger than life ist. Die meisten von uns staunen gern. Die Kunsthandwerksuhren bieten uns dazu mehr Gelegenheit als die meisten anderen Objekte, die für Geld zu haben sind. mbe

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