Interview: Designer Werner Aisslinger über seine Nomos Autobahn

Der renommierte Designer Werner Aisslinger spricht über die Herausforderung, Uhren zu gestalten

Ein Deutscher mit Studios in Berlin und Singapur, einer der Großen in der internationalen Designszene, kreiert eine Uhr für Nomos Glashütte: Werner Aisslinger und seine Partnerin Tina Bunyaprasit stehen hinter dem neuen Modell Autobahn neomatik Datum.

Der renommierte Designer Werner Aisslinger gestaltete für Nomos Glashütte die Autobahn neomatik Datum
Werner Aisslinger gestaltete für Nomos Glashütte die Autobahn neomatik Datum

Die Uhr als Longrunner

“Als Produktdesigner haben wir im Büro in den vergangenen 20 Jahren viele verschiedene Dinge gemacht; wir entwerfen zum Beispiel transportable Häuser und beschäftigen uns viel mit Innenarchitektur. Das Spielfeld ist sehr groß, aber dennoch gibt es Lieblingsprojekte, an denen man gerne mal arbeiten möchte, und dazu gehört für mich die Uhr. Die mechanische Uhr ist ja kein Wegwerfartikel, sondern etwas, was man sein Leben lang am Arm hat, für Männer ist sie der einzige Schmuck. Die Uhr ist ein konsistenter Begleiter im Leben. Langfristigkeit ist ein großes Thema in einer Welt, die immer kurzweiliger wird – die Halbwertszeiten von Produkten gehen eher zurück. Die Uhr ist dagegen ein extrem langlebiges Produkt, das man bestenfalls noch vererbt – das ist schon eine besondere Aufgabenstellung. Es geht nicht nur darum, ein Objekt zu entwerfen, das in dem Moment, in dem es gelauncht wird, ein bisschen erstaunlich ist. Man muss sich fragen, wie man die Uhr in 10 oder 30 Jahren sehen will. Damit hat man ein großes und kompliziertes Spielfeld, das man als Designer sehr gerne in Angriff nimmt.”

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Nomos Autobahn neomatik 41: alle drei Modelle
Die drei Modelle der von Werner Aisslinger und Tina Bunyaprasit für Nomos Glashütte entworfenen Autobahn neomatik (je 3.800 Euro)

Die Autobahn

“Die Idee zur Autobahn-Uhr entstand auf verschiedenen Ebenen. Zum einen ging es um Messgeräte. Wir haben uns gefragt: Wie sahen eigentlich die schönen Messgeräte in der Historie aus? Dabei kommt man schnell zum Tachometer. Ich bin generationsbedingt ein Auto-Aficionado. Ich habe meine Kindheit in den 60er und 70er Jahren verbracht, in der Hochphase des Automobildesigns. Wir haben uns gefragt: Was kann man dieser Welt von Smartwatches, die so glatt und modern und künstlich ist, entgegensetzen? Man kann ihr eigentlich nur mit etwas Wertvollem, Immerwährendem begegnen. Es ging uns nicht um Nostalgie, sondern wir wollten etwas Markantes aus der Epoche der 60er bis 80er Jahre in die heutige Zeit übertragen. Wir haben uns gefragt: Wie kann man ikonographische Merkmale, etwa von historischen Messgeräten und Tachometern, auf abstrakte Weise in unsere Zeit transferieren? Wir wollten die Stimmung dieser Jahrzehnte in die Uhr hineinholen, damit sie nicht aussieht wie ein Objekt, das komplett am Computer entwickelt wurde. So entstand auch die Idee mit dem geschüsselten Rehaut. Hier kommt das Weiche aus der historischen Karosseriegestaltung zum Tragen, als die Bleche bei Firmen wie Ferrari teilweise noch von Hand gearbeitet wurden. Außerdem gibt es in Deutschland ja diese euphorische Erinnerung an die Nachkriegszeit bis in die 70er Jahre hinein, als man mit vollgepackten Autos in Urlaub fuhr – ohne Klimaanlage im Stau auf deutschen Autobahnen. Autobahn ist außerdem eines der deutschen Worte, die im internationalen Sprachgebrauch vorkommen. Insgesamt ergab das alles ein ­Paket, in dem viel vom deutschen Leben mit einem Augenzwinkern und auf sympathische Weise zum Ausdruck kommt. Wir wollten keine Uhr für hormongesteuerte Raser machen, sondern eher eine Hommage an das Lebensgefühl einer Zeit, in der Autos eine große Rolle gespielt haben.”

Werner Aisslinger steht hinter dem Interior Design des Hotels 25hours Bikini Berlin
Stichwort Urban Jungle: Werner Aisslinger steht hinter dem Interior Design des Hotels 25hours Bikini Berlin

Ikonen und Archetypen

“Im Grunde dreht es sich beim Design darum, den Produkten Leben einzuhauchen. Sonst könnten Objekte auch von Ingenieuren gemacht werden, die sie funktional und korrekt bearbeiten. Es geht nicht um ein persönliches Statement wie in der Kunst, sondern der Benutzer soll sich selbst und seine Assoziationen in dem designten Objekt wiederfinden. Hier liegt die Bedeutung von Archetypen und Ikonen: Die Dinge sollten so aussehen, dass man denkt, es habe sie schon immer gegeben. Sie sind neu, haben aber etwas Familiäres. Wenn man das schafft, ist man ganz weit vorn, dann erreicht man den Nutzer auf einer Ebene, auf der er sein Verhältnis zu den Dingen als freundschaftlich empfindet.”

Werner Aisslinger und seine Partnerin Tina Bunyaprasit
Werner Aisslinger und seine Partnerin Tina Bunyaprasit

Nomos und Studio Aisslinger

“Je weniger man etwas als schnöde Auftragsarbeit ansieht, desto mehr kommt beim Kunden an. Bei der Entstehung der Autobahn war viel Kommunikation im Spiel. Bei uns im Studio haben meine Partnerin Tina Bunyaprasit und ich an der Uhr gearbeitet. Zwischen Nomos und uns ging es vier Jahre lang hin und her. Während dieser Zeit wurde im Bereich der Uhrwerke immer wieder etwas Neues entwickelt, auch deshalb war die Entstehung der Autobahn ein längerer Prozess. Wir haben die Proportionen der Uhr in Abstimmung mit der Entwicklung des Werkes immer wieder verändert. Oft ging es um die Frage, ob die Autobahn ein Ausflug ist, der zu weit wegführt von der Marke, oder ob sie eher ein Ausflug ist, den die Marke sich leisten kann. Wir haben immer gesagt: Ihr habt bei Nomos so viele schöne geradlinige und auch poetische Uhren, die sehr verwandt miteinander sind, ihr könnt gerne mal ein neues Spielfeld aufmachen, vielleicht etwas sportlicher oder auch maskuliner. So ist es letztlich auch gekommen.” mbe

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