Vacheron Constantin macht aus Federn, Glas und Papier sechs außergewöhnliche Uhren
Bei Vacheron Constantin gehören kunsthandwerkliche Zifferblätter längst zum festen Repertoire. Gravur, Emaille, Guillochage oder Edelsteinbesatz sind innerhalb der Métiers-d’Art-Linie keine Ausnahmeerscheinungen. Die neue Serie Métiers d’Art Tribute to the Animal Kingdom geht jedoch einen entscheidenden Schritt weiter: Für sechs Concept Watches hat die Genfer Manufaktur Künstler eingeladen, deren Spezialgebiete zum Teil weit außerhalb der klassischen Uhrmacherei liegen.
Federn, Glas, Papier, Stickerei, Origami und Holzintarsien werden dabei auf eine Fläche übertragen, die kaum Spielraum für Fehler lässt. Herausgekommen sind sechs Einzelstücke mit den Namen Feathersnake, Glassoctopus, Oraygami, Tigerbroidery, Papercroc und Woodenwings. Der gemeinsame Nenner ist das Tierreich – technisch verbindet sie zudem ein Kaliber, das eigens dafür prädestiniert scheint, der Kunst möglichst viel Raum zu überlassen.
Sechs Tiere, sechs völlig unterschiedliche Handwerke
Die Feathersnake gehört zu den ungewöhnlichsten Arbeiten der Serie. Mehr als 200 winzige Federfragmente formen die dreidimensional wirkende Schlange. Die Technik verlangt nicht nur die Auswahl geeigneter Federn und Farben, sondern auch deren präzise Platzierung auf dem kleinen Zifferblatt.
Bei der Glassoctopus übernimmt Glas diese Rolle. Der transparente Oktopus wird von Hand geformt und nutzt gerade die Lichtdurchlässigkeit des Materials, um dem Motiv Tiefe zu geben.
Feathersnake, Glassoctopus und Oraygami übersetzen Federkunst, Glas und Origami ins Uhrenformat.
Vacheron ConstantinDie Oraygami übersetzt dagegen Origami ins Uhrenformat. Mehrere kleine Mantarochen scheinen über einem tiefblauen Untergrund zu schweben. Entscheidend ist hier weniger ein möglichst opulenter Materialeinsatz als die dreidimensionale Wirkung der gefalteten Formen.
Noch einmal ganz anders funktioniert die Tigerbroidery. Der Tiger entsteht aus Stickerei mit Seide sowie neun-karätigen Gelb- und Weißgoldfäden. Rund 210 Arbeitsstunden fließen allein in dieses Zifferblatt – eine Zahl, die verdeutlicht, wie weit sich das Projekt von einer konventionellen Zifferblattfertigung entfernt.
Papier, Holz und nur wenige Millimeter Platz
Bei der Papercroc wird weißes Baumwollpapier zum Werkstoff für ein plastisches Krokodil samt Vegetation. Das Papier wird geprägt, zugeschnitten und anschließend von Hand zu dem Motiv zusammengesetzt. Gerade die Verwendung eines so fragilen Materials dürfte im Kontext einer mechanischen Armbanduhr zu den technisch interessantesten Experimenten der Kollektion gehören.
Tigerbroidery, Papercroc und Woodenwings setzen auf Stickerei, Papierkunst und Holzintarsien.
Vacheron ConstantinDie Woodenwings schließlich widmet sich der Intarsienkunst. Zwölf unterschiedliche Holzarten werden so kombiniert, dass daraus ein plastisch wirkender Falke entsteht. Farbe, Maserung und Struktur des natürlichen Materials übernehmen dabei einen Teil der Bildgestaltung.
All diesen Arbeiten setzt das Uhrengehäuse eine klare Grenze: Die Kunstwerke müssen innerhalb eines 42 Millimeter großen Gehäuses Platz finden. Zwischen Zifferblatt und Saphirglas stehen den dreidimensionalen Motiven dabei nur ungefähr vier Millimeter Höhe zur Verfügung. Genau diese Miniaturisierung macht aus bekannten Kunsttechniken letztlich uhrmacherische Métiers d’Art.
Kaliber 2460 G4: vier Anzeigen statt klassischer Zeiger
Mechanisch sind alle sechs Uhren identisch aufgebaut. Vacheron Constantin verwendet das automatische Manufakturkaliber 2460 G4 mit einer Gangreserve von rund 40 Stunden.
Für diese Serie ist vor allem dessen Anzeigeprinzip entscheidend. Statt Stunden und Minuten mit zentralen Zeigern darzustellen, werden Stunden, Minuten, Wochentag und Datum über vier separate Fenster am Rand des Zifferblatts angezeigt. Die gesamte zentrale Fläche bleibt dadurch frei.
Das ist kein nebensächliches Detail, sondern die konstruktive Voraussetzung für das Konzept. Kein Zeigerpaar durchschneidet die Schlange, den Tiger oder den Oktopus; die Mechanik ordnet sich optisch der künstlerischen Arbeit unter.
Auf der Rückseite kehrt sich dieses Verhältnis wieder um. Durch einen Saphirglasboden lässt sich das mechanische Werk betrachten. Die Rotoren aus 22-karätigem Gold wurden eigens für die Serie gestaltet: Ihre Gravuren greifen Werkzeuge und Techniken der jeweiligen Künstler auf und stellen damit die Verbindung zwischen Uhrmacherei und Kunsthandwerk auch auf der Werkseite her.
Der Saphirglasboden gibt den Blick auf das Kaliber 2460 G4 und den individuell gestalteten Goldrotor frei.
Vacheron ConstantinDie Gehäuse bestehen je nach Ausführung aus Weiß- oder Roségold, messen 42 Millimeter im Durchmesser und 12,9 Millimeter in der Höhe.
Métiers d’Art jenseits der traditionellen Uhrmacherei
Interessant ist die Serie vor allem deshalb, weil Vacheron Constantin den Begriff Métiers d’Art hier ungewöhnlich weit fasst. Die Manufaktur demonstriert nicht einfach erneut Techniken, für die sie ohnehin bekannt ist. Stattdessen wird untersucht, ob sich Materialien und Verfahren, die zunächst wenig mit einer mechanischen Uhr zu tun haben, überhaupt auf deren Maßstab übertragen lassen.
Das Kaliber 2460 G4 wird dabei beinahe zum unsichtbaren Ermöglicher. Seine ungewöhnliche Anzeige schafft jene große, ungestörte Fläche, auf der Federkunst, Glasformung, Origami, Stickerei, Papierkunst und Intarsien überhaupt erst funktionieren können.
Die sechs Modelle der Vacheron Constantin Métiers d’Art Tribute to the Animal Kingdom sind Concept Watches beziehungsweise Einzelstücke. Einen regulären Verkaufsstart hat die Manufaktur nicht angekündigt – Preise werden ausschließlich auf Anfrage genannt.
Für Sammler dürfte ohnehin ein anderer Aspekt interessanter sein: Feathersnake, Glassoctopus, Oraygami, Tigerbroidery, Papercroc und Woodenwings zeigen, wie weit sich das traditionelle Verständnis einer Métiers-d’Art-Uhr inzwischen ausdehnen lässt. Dass auf einem Zifferblatt einmal Papier, Federn oder ein handgeformter Glas-Oktopus eine Hauptrolle spielen würden, hätte selbst in der ohnehin experimentierfreudigen Welt der Haute Horlogerie vor einigen Jahren noch ziemlich unwahrscheinlich geklungen.