Ferdinand Berthoud: Mechanik im offenen Blickfeld auf der Watches and Wonders 2026
Mit der neuen Kollektion „Mesure du Temps 1787“ schlägt Ferdinand Berthoud ein neues Kapitel auf. Der Titel ist dabei bewusst gewählt und verweist auf jenes 1787 veröffentlichte Werk Ferdinand Berthouds, in dem der große Uhrmacher seine Erkenntnisse zur Zeitmessung, zu Marinechronometern und zur Konstruktion präziser tragbarer Uhren systematisch festhielt. Genau dieser Geist kompromissloser Chronometrie prägt nun auch die Gegenwart der Manufaktur. Das erste Modell dieser neuen Kollektion, der Chronomètre FB 2TV, steht exemplarisch für diese Haltung. Er markiert nicht nur die Weiterentwicklung eines der anspruchsvollsten Uhrwerkskonzepte der modernen Hochuhrmacherei, sondern verändert zugleich die Perspektive auf die Mechanik. Wo frühere Ferdinand-Berthoud-Referenzen ihre komplexe Konstruktion vor allem auf der Rückseite offenbarten, rückt der FB 2TV das mechanische Schauspiel nun auf die Zifferblattseite.
Ferdinand Berthoud – Mesure du Temps 1787 FB 2TV.1
Ferdinand BerthoudNeues Jahrzehnt
Zehn Jahre sind seit der Vorstellung des ersten modernen Werks der Chronométrie Ferdinand Berthoud vergangen. Das 2015 präsentierte Kaliber FB-T.FC war ein Meilenstein, weil es zwei hochkomplexe chronometrische Prinzipien vereinte: ein Tourbillon und einen Antrieb über Kette und Schnecke. Hinzu kamen eine Gangreserveanzeige über einen beweglichen Konus sowie eine Architektur, die sich klar an historischen Marinechronometern orientierte. Mit dem FB 2TV beginnt nun ein neues Jahrzehnt. Das neue Manufakturkaliber FB-TV.FC übernimmt die grundlegenden chronometrischen Prinzipien seines Vorgängers, entwickelt sie aber maßgeblich weiter. Die Konstruktion wurde vollständig neu gedacht, die Mechanik neu organisiert und die Anzeige neu inszeniert. Statt die Komplexität diskret zu verbergen, wird sie nun in Szene gesetzt.
Mechanik wird zur Bühne
Das wichtigste Merkmal des neuen Chronomètre FB 2TV ist seine offene, luftige und dreidimensionale Konstruktion. Das neue Kaliber macht beinahe seine gesamte mechanische Choreografie von der Zifferblattseite aus sichtbar. Im Zentrum steht ein fliegendes Tourbillon. Im Unterschied zum ursprünglichen Tourbillon des Kalibers FB-T.FC verzichtet diese neue Konstruktion auf eine obere Brücke. Der Tourbillonkäfig ist ausschließlich in einer Zwischenbrücke gelagert, auf der sowohl das feststehende Sekundenrad als auch die Lagerung des Käfigs montiert sind. Diese freiere Konstruktion steigert die optische Wirkung erheblich, verlangt aber gleichzeitig höchste Präzision in Fertigung, Lagerung und Justage. Der Tourbillonkäfig selbst misst imposante 15 Millimeter im Durchmesser und besitzt ein markantes dreiarmiges Profil. Seine horizontalen und geneigten Flächen nehmen Bezug auf die Geometrie der zentralen Brücke.
Ferdinand Berthoud – Mesure du Temps 1787 FB 2TV.1
Ferdinand BerthoudFliegendes Tourbillon, Kette und Schnecke
Die Verbindung von Tourbillon und Kette-Schnecke-Antrieb gehört zu den signifikantesten Merkmalen der modernen Ferdinand-Berthoud-Uhren. Auch das neue Kaliber FB-TV.FC bleibt dieser Idee treu. Der Antrieb über Kette und Schnecke sorgt für eine möglichst konstante Kraftübertragung auf das Reguliersystem, indem die mit dem Ablauf der Zugfeder nachlassende Kraft durch die variierende Geometrie der Schnecke kompensiert wird. Diese historisch tief in der Chronometrie verwurzelte Lösung wird hier in einer zeitgenössischen, hochkompakten Ausführung interpretiert. Die Schnecke ist einseitig gelagert und mit einem neuen Planetengetriebe mit drei Satelliten ausgestattet, das in ihren Sockel integriert ist. Dieses System sorgt dafür, dass das Werk auch während des Aufziehens kontinuierlich weiterläuft. Das Sperrrad liegt dabei unter dem Spiralkegel. Auch das Federhaus wurde grundlegend überarbeitet. Es besitzt keine Rillen mehr am Trommelrand, wodurch die Reibung beim Auf- und Abwickeln der Kette reduziert wird. Die Kette selbst besteht aus 777 Einzelteilen innerhalb eines Gesamtsystems von 1240 Werkkomponenten und misst 279 Millimeter in der Länge.
Zwei neue Komplikationen
Besonders bemerkenswert ist, dass Ferdinand Berthoud die neue Architektur nicht nur zur Präsentation der Mechanik nutzt, sondern sie auch funktional erweitert. Das Kaliber FB-TV.FC integriert zwei zusätzliche Komplikationen, die unmittelbar aus dem Anspruch höchster Präzision hervorgehen. Die erste ist ein Unruhstopp. Durch das Ziehen der Krone wird nicht einfach nur der Sekundenzeiger angehalten, sondern der gesamte Tourbillonkäfig und damit das Uhrwerk selbst. Das ermöglicht eine exakte Zeiteinstellung auf den Sekundenbruchteil. Die zweite Komplikation geht noch weiter: ein sofortiges Zurücksetzen des zentralen Sekundenzeigers. Diese Flyback-Rückstellung ist in der Uhrmacherei grundsätzlich vom Chronographen bekannt, ihre Integration in ein Uhrwerk mit fliegendem Tourbillon sowie Kette-und-Schnecke-Antrieb ist jedoch von ganz anderer Komplexität. Ferdinand Berthoud wollte diese Funktion nicht nur im Stillstand, sondern auch im laufenden Betrieb nutzbar machen. Die Rückstellung erfolgt über einen koaxial in die Aufzugskrone bei drei Uhr integrierten Drücker. Die Rückstellung muss augenblicklich, präzise und ohne Flattern des Zeigers erfolgen. Dafür wurde ein neuer, extrem leichter Titan-Zeiger entwickelt, der die Kraft des Rücksprungs aufnehmen kann.
Ferdinand Berthoud – Mesure du Temps 1787 FB 2TV.1
Ferdinand BerthoudWerk von monumentaler Komplexität
Das Manufakturkaliber FB-TV.FC ist ein Handaufzugswerk mit einem Durchmesser von 35,6 Millimetern und einer Höhe von 10,7 Millimetern. Es arbeitet mit einer Frequenz von 21.600 Halbschwingungen pro Stunde und verfügt über 51 Rubine. Die Gangreserve beträgt 60 Stunden und liegt damit über der des Vorgängers, der 53 Stunden bot. Gleichzeitig wurde auch der Aufzug effizienter gestaltet: Für einen Vollaufzug sind rund zehn Kronenumdrehungen weniger erforderlich. Die Unruh misst 11,2 Millimeter, besteht aus Kupfer-Beryllium und ist mit vier Regulierschrauben aus 18-karätigem Gold ausgestattet. Die Spiralfeder besitzt außerdem eine von Hand gebogene Phillips-Endkurve. Das fliegende Tourbillon selbst besteht aus 76 Bauteilen, ruht auf drei polierten Titansäulen und wird mittels zweier Goldgewichte ausgewuchtet. Die gesamte Uhr ist zudem offiziell von der COSC als Chronometer zertifiziert.
Architektur der Säulen
Eine der faszinierendsten Eigenschaften des FB 2TV ist seine räumliche Konstruktion. Das Kaliber besteht aus 18 Halbbrücken und 13 Säulen und entwickelt damit eine fast skulpturale Präsenz. Die verschiedenen Ebenen erzeugen Tiefe, Transparenz und ein Gefühl von mechanischer Offenheit. Gerade diese Architektur macht es möglich, die Uhr von der Zifferblattseite aus als eine Art kinetisches Theater zu erleben. Stunden und Minuten werden dezentral bei zwölf Uhr angezeigt. Die Zentralsekunde läuft am äußeren Höhenring entlang, während die Gangreserve bei 7:30 Uhr direkt über den beweglichen Konus visualisiert wird. Auf der Rückseite sorgt ein spektakuläres Zahnrad mit 28 Millimetern Durchmesser für die Verbindung zwischen den beweglichen Teilen bei drei und zwölf Uhr. Diese Lösung ist nicht dekorativ gedacht, sondern ergibt sich aus der technischen Notwendigkeit, die Zeitkorrektur in einer fliegenden Architektur zusammen mit dem kompakten Differential unter der Schnecke zu organisieren.
Ferdinand Berthoud – Mesure du Temps 1787 FB 2TV.1
Ferdinand BerthoudEine Anzeige, die der Mechanik Raum gibt
Trotz aller Komplexität bleibt der FB 2TV erstaunlich klar strukturiert. Das Stunden- und Minutenzifferblatt bei zwölf Uhr ist aus Messing gefertigt, matt weiß lackiert und mit glänzend schwarz lackierten Gravuren versehen. Die Gestaltung erinnert an den ursprünglichen Chronomètre FB 1. Die Zeiger für Stunden und Minuten sind schwertförmig, facettiert, diamantiert, skelettiert, aus Gold gefertigt und werden anschließend blau CVD-beschichtet. Der Sekundenzeiger besteht aus sandgestrahltem Titan und ist ebenfalls blau CVD-beschichtet. Für die Gangreserve verwendet Ferdinand Berthoud einen nadelförmigen Zeiger aus Bronze mit blauer CVD-Beschichtung.
Klassische Form, technische Raffinesse
Der Chronomètre FB 2TV besitzt ein rundes Gehäuse aus Weißgold mit einem Durchmesser von 44 Millimetern und einer Höhe von 15,46 Millimetern. Die Form knüpft an das 2020 präsentierte Modell Remontoir d’Egalité FB 2RE an und wird von einer gewölbten Lünette mit entspiegeltem Saphirglas ergänzt. Bemerkenswert ist die Lösung für die Bauhöhe: Um die visuelle Wirkung der relativ hohen Konstruktion zu entschärfen, wurde auch der Gehäuseboden mit einem gewölbten Saphirglas versehen. Die Krone selbst ist ebenfalls ein technisches Highlight. Sie besteht aus Weißgold, misst neun Millimeter im Durchmesser und ist dynamometrisch ausgeführt. Die Wasserdichtigkeit des Zeitmessers liegt bei 30 Metern.
Ferdinand Berthoud – Mesure du Temps 1787 FB 2TV.1
Ferdinand BerthoudVeredelung auf höchstem Niveau
Wie bei Ferdinand Berthoud üblich, spielt die Finissierung eine zentrale Rolle. Das Werk des FB 2TV besteht aus naturbelassenem Neusilber und ist manuell sandgestrahlt. Diese Wahl ist nicht nur ästhetisch reizvoll, sondern stellt auch eine bewusste Anspielung auf den Chronomètre FB 1.1 dar, der 2016 beim Grand Prix d’Horlogerie de Genève mit der Aiguille d’Or ausgezeichnet wurde. Die 1240 Komponenten, darunter die 777 Teile der Kette, erfordern nahezu 300 Stunden manueller Endbearbeitung. Jede Kante, jede Oberfläche, jede Brücke und jede Säule ist Teil eines übergreifenden handwerklichen Anspruchs. Formal limitiert ist der Chronomètre FB 2TV dabei nicht. Praktisch ist seine Verfügbarkeit dennoch streng begrenzt, da die Produktionskapazität des Ateliers lediglich bei etwa zehn bis zwölf Exemplaren pro Jahr liegt.
Fazit
Mit dem Chronomètre FB 2TV gelingt Ferdinand Berthoud ein bemerkenswerter Schritt. Die Uhr wahrt die chronometrische DNA der Marke und transformiert sie zugleich in eine neue, noch stärker architektonisch gedachte Form. Der FB 2TV ist dabei eine tiefgreifende Neuinterpretation dessen, wofür Ferdinand Berthoud heute steht. Die Verlagerung des mechanischen Spektakels auf die Zifferblattseite, die Integration eines fliegenden Tourbillons, die Flyback-Rückstellung der Sekunde und die konsequent räumliche Werkarchitektur machen ihn zu einem der faszinierendsten Chronometer der Gegenwart.
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