Micro Monday: anOrdain – Model 3 Method
Seit der Gründung im Jahr 2016 verfolgt anOrdain einen Ansatz, der in der modernen Uhrenlandschaft immer seltener wird: Gestaltung und Fertigung sollen nicht voneinander getrennt, sondern bewusst unter einem Dach vereint werden. Die unabhängige Marke aus Glasgow versteht sich weniger als klassischer Uhrenhersteller und stärker als Werkstatt für angewandtes Handwerk, in der Experimente, Materialforschung und traditionelle Techniken gleichermaßen ihren Platz finden. Genau aus dieser engen Verbindung zwischen Entwurf und Herstellung entsteht ein kreativer Kreislauf, der neue Ideen ermöglicht. Nicht selten gerade dann, wenn Versuche nicht zum ursprünglich geplanten Ergebnis führen. Besonders bekannt wurde anOrdain durch ihre Emailzifferblätter. Was in der Schweizer Haute Horlogerie häufig wenigen Spitzenmanufakturen vorbehalten ist, entwickelte sich hier zur gestalterischen Identität des Unternehmens. Emaille gilt als eines der anspruchsvollsten Zifferblattmaterialien überhaupt. Die Herstellung erfordert zahlreiche Brennvorgänge bei hohen Temperaturen und Erfahrung im Umgang mit Pigmenten. Außerdem entsteht ein hohes Maß an Ausschuss, da kleinste Fehler das Ergebnis unbrauchbar machen können. Dafür entstehen Oberflächen mit außergewöhnlicher Tiefe, Leuchtkraft und einer Wärme, die industrielle Lackierungen nicht erreichen. AnOrdain beschränkt sich dabei nicht auf traditionelle Verfahren. 2019 stellte die Marke nach eigener Aussage die weltweit ersten Fumé-Emaillezifferblätter vor, also Farbverläufe innerhalb echter Emailleoberflächen. Eine technische Herausforderung, weil sich Pigmente beim Brennen anders verhalten als klassische Lackierungen. Mit dem Wachstum von ursprünglich drei auf rund 30 Mitarbeitende entstand zunehmend eine spezialisierte Struktur. Heute arbeiten Emailleure mit unterschiedlichen Schwerpunkten, etwa Gravurtechniken oder Champlevé-Emaille, während weitere Handwerker Kompetenzen in Bereichen wie thermischem Bläuen von Zeigern, Zifferblattdruck, Typografie oder Produktentwicklung einbringen. Selbst Porzellanzifferblätter gehören inzwischen zum Portfolio. Die Fähigkeiten reichen damit deutlich über reine Montage hinaus und umfassen viele jener Fertigkeiten, die in der industriellen Uhrenproduktion häufig ausgelagert werden. 2025 bezog anOrdain eine eigens konzipierte Produktionsstätte im Süden Glasgows. Der neue Standort soll nicht nur zusätzliche Fertigungsmöglichkeiten schaffen, sondern ausdrücklich auch der Ausbildung neuer Handwerker dienen. Genannt werden Bereiche wie Typografie, Kaltumformung, Lederverarbeitung oder Uhrmontage. In einer Zeit, in der viele junge Uhrenmarken auf standardisierte Komponenten und externe Zulieferstrukturen zurückgreifen, wirkt anOrdain fast wie ein Gegenmodell. Die Marke verkauft nicht primär technische Spezifikationen oder Komplikationen, sondern eine Vorstellung von Uhrmacherei, in der Material, Gestaltung und Handwerk im Mittelpunkt stehen.
anOrdain – Model 3 Method
anOrdain#Model 3 Method
Der Ausgangspunkt des Model 3 Method ist kein klassischer Entwurf auf Papier, sondern ein von Hand bearbeiteter Eschenholzblock. Dessen organische Struktur wurde zunächst dreidimensional gescannt und anschließend digital in ein CAD-Modell übertragen. Die Textur wurde anschließend verkleinert und in ein Prägestempel-Werkzeug graviert. Mit diesem werden einzelne Silberrohlinge geprägt, die später das Fundament des Zifferblatts bilden. Darauf folgt der aufwendigste Teil: die Emaillefertigung. Pulverisierte Glasemaille wird Schicht für Schicht mit dem Pinsel aufgetragen und mehrfach gebrannt. Erst dadurch entsteht die tiefe, leicht wellenförmige Oberfläche.
Zwei Farben, viele Tests
Laut Marke wurden mehr als zehn unterschiedliche Farbtöne getestet, um die Wirkung der Oberflächenstruktur bestmöglich hervorzuheben. Letztlich fiel die Wahl auf zwei Varianten: Aqua präsentiert sich als lebendiges, kräftiges Blaugrün, während Lichen einen ruhigeren, gedeckten Grünton aufgreift. Gerade Aqua verstärkt den Eindruck von Bewegung innerhalb des reliefartigen Zifferblatts und lässt die Struktur noch deutlicher hervortreten.
anOrdain – Model 3 Method
anOrdainBühne für das Zifferblatt
Die Gehäusegestaltung des Model 3 verfolgt einen klaren Zweck: möglichst wenig Aufmerksamkeit vom Zifferblatt abzuziehen. Der polierte Edelstahlkorpus misst 39 Millimeter im Durchmesser bei 10,45 Millimetern Höhe. Schmale Proportionen, eine reduzierte Lünette und sogenannte Trench-Lugs sorgen für einen eleganten Gesamteindruck. Auch die thermisch behandelten Zeiger greifen historische Vorbilder auf. Ihre Form orientiert sich an alten Kompassnadeln.
Individuelle Regulierung
Im Inneren arbeitet das automatische Sellita SW300. Bemerkenswert ist weniger das Werk selbst als der Umgang damit: Nach der Montage reguliert anOrdain das Kaliber individuell auf den späteren Träger. Dabei berücksichtigt die Marke laut eigener Aussage sogar Faktoren wie die bevorzugte Trageseite. Solche Feinjustierungen sollen die tatsächliche Ganggenauigkeit im Alltag verbessern.
anOrdain – Model 3 Method
anOrdainHandwerk bleibt zentral
Das Model 3 Method zeigt deutlich, wofür anOrdain inzwischen bekannt geworden ist: Emaillezifferblätter. Die Uhrengesichter imitieren die historische Schweizer Tradition nicht, sondern präsentieren das Material auf experimentelle Art und Weise. Mit einem Preis von umgerechnet rund 4.270 Euro bleibt das bis fünf Bar wasserdichte Modell vergleichsweise zugänglich.
Fazit
Das anOrdain Model 3 Method ist weniger als klassische Dresswatch, sondern als Experiment zwischen Uhrmacherei, Materialforschung und Kunsthandwerk zu verstehen. Besonders der Weg vom geschnitzten Eschenholzblock zum strukturierten Emaillezifferblatt macht die Referenz außergewöhnlich. In einem Markt, in dem viele Microbrands über historische Designs argumentieren, versucht anOrdain etwas anderes. Neue Oberflächen und handwerkliche Prozesse lassen eine spannende, frische Optik entstehen, die historische Wurzeln besitzt. Genau darin liegt vermutlich der eigentliche Reiz dieser Uhr.
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