Micro Monday: Taos – Genèse und Odonata
Eine Marke an der Quelle der Genfer Kunsthandwerke
Taos existiert erst seit 2024, wirkt in seiner gestalterischen und handwerklichen Haltung aber bereits erstaunlich fokussiert. Die Marke entstand aus dem Zusammentreffen von Olivier und Dominique Vaucher sowie Olivier Gaud. Für Olivier Vaucher, der über 46 Jahre hinweg das nach ihm benannte Atelier prägte, war die Idee einer eigenen Uhrenmarke, die das gesamte Wissen und Können des Hauses sichtbar machen sollte, seit langem ein Traum. In Olivier Gaud fand sich schließlich der Partner, mit dem daraus ein konkretes Projekt wurde. Das Atelier Olivier Vaucher vereint in Genf mehr als 15 verschiedene Kunsthandwerke unter einem Dach: von Grand-Feu-Email, Gravur und Miniaturmalerei über Steinmarqueterie bis hin zu Edelsteinfassen und hochentwickelter Werkdekoration. Entscheidend ist dabei nicht nur die Summe dieser Disziplinen, sondern vor allem ihre Kombination. Gerade daraus gewinnt Taos seine besondere Stellung: Die Uhren der Marke sind keine Bühne für ein einzelnes Kunsthandwerk, sondern komplex komponierte Werke, in denen unterschiedliche Techniken miteinander verschmelzen. Die Manufaktur versteht sich deshalb weniger als klassische Uhrenmarke denn als Plattform für höchste handwerkliche Ausdrucksformen in der Uhrmacherei. Zeitmessung ist hier zwar Voraussetzung, aber nicht das eigentliche Ziel. Im Mittelpunkt stehen Objekte, die zugleich Uhr, Kunstwerk und Manifest handwerklicher Exzellenz sind.
Mit den beiden neuen Unikaten Genèse und Odonata schlägt Taos zur Geneva Watch Week im April 2026 ein neues Kapitel auf. Nachdem die junge Genfer Marke in den vergangenen zwei Jahren Kreationen präsentierte, die von Haute Couture und textilen Welten inspiriert waren, richtet sie den Blick nun auf die Natur, genauer gesagt auf ihre Formen, Strukturen, Schichtungen und Verwandlungen. Das klingt zunächst nach einem weiten Thema, doch gerade darin liegt der Reiz dieses neuen kreativen Terrains: Natur dient der Manufaktur nicht als dekoratives Motiv, sondern als Ausgangspunkt für eine radikal handwerkliche Auseinandersetzung mit Material, Licht, Oberfläche und Tiefe.
Taos – Genèse
TaosGenèse: Geologie als Zifferblatt
Die maskulinere der beiden Neuheiten ist Genèse, ein Unikat, das geologische Prozesse in uhrmacherische Sprache übersetzt. Das Zifferblatt erscheint dabei wie ein Querschnitt durch Gesteinsschichten. Es geht hier nicht um die naturalistische Darstellung eines Steins, sondern um das Sichtbarmachen von Erdgeschichte: Verdichtungen, tektonische Spannungen, Brüche, Reliefs und mineralische Dichte. Farblich dominiert eine Palette aus Schwarz, Anthrazit und Blau. Doch entscheidend ist die Vielzahl von Oberflächen. Taos kombiniert hierfür Gravur unter Emaille, unterfeuertes Emaille und Steinmarqueterie. Hinzu kommen schwarze Jade und blauer Achat, die in matten, polierten und texturierten Ausarbeitungen eingesetzt werden. Das Resultat ist ein Zifferblatt, das sich mit wechselndem Lichteinfall permanent verändert und eine fast topografische Präsenz entwickelt.
Taos – Genèse
TaosIllusion geologischer Tiefe
Besonders faszinierend ist der Einsatz von Gravur unter transparenter Grand-Feu-Emaille. Diese Technik erzeugt ein Reliefspiel, das an gebrochenes Gestein, Schieferkanten oder tektonisch verschobene Formationen erinnert. Die Gravur ist dabei bewusst dekonstruierend angelegt: Flächen brechen auf, reagieren aufeinander, kippen optisch in die Tiefe oder treten scharf hervor. In den helleren Partien kommt eine seltene Form der unterfeuerten Emaille zum Einsatz. Durch das bewusst zurückhaltende Brennen bleibt die Körnung der Oberfläche spürbar, was dem Material eine rohe Haptik verleiht. Diese Zonen wirken weniger glatt und geschlossen als klassisch auspoliertes Emaille, vielmehr behalten sie eine organische, steinähnliche Präsenz.
Steinmarqueterie auf mikrometrischem Niveau
Die steinernen Elemente der Genèse entstehen in traditioneller Steinmarqueterie. Dafür werden Taschen in das Zifferblatt gearbeitet, in die die einzelnen Steinsegmente auf den Mikrometer genau eingepasst werden. Diese Präzision ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern essenziell für die Komposition des Gesamtbildes. Nur so lassen sich die verschiedenen Steine in einer Weise fügen, die nicht wie applizierte Dekoration wirkt, sondern wie natürlich gewachsene Schichtung. Diese Präzision setzt sich im Werk fort. Für die Genèse entwickelte Taos eine neue geometrische Werkdekoration, die das mineralische Thema konsequent fortschreibt. Die Brücken werden aus rohem Messing von Hand graviert. Allein ihre Ausarbeitung beansprucht laut Marke zwischen 100 und 150 Stunden. So wird das Kaliber zur inneren Fortsetzung des Zifferblatts. Zusammen mit dem abwechselnd polierten und satinierten Weißgoldkorpus, den von Hand anglierten und polierten Zeigern aus 18 Karat Weißgold und der skulpturalen Gehäusearchitektur entsteht eine Uhr, die weniger wie ein klassischer Zeitmesser wirkt als wie ein Miniaturrelief der Erdgeschichte am Handgelenk.
Taos – Odonata
TaosOdonata: Garten zwischen Traum und Verwandlung
Wo Genèse die Sprache der Geologie spricht, eröffnet Odonata einen gewissermaßen surrealen Kosmos. Benannt nach der Familie der Libellen, zeichnet besagtes Modell eine Vision. Flora und Fauna beginnen zu verschmelzen, Blüten erinnern an Flügel, Flügel an Blätter, Licht wandert durch transparente Schichten, und das gesamte Zifferblatt wirkt wie ein eigener Organismus. Die Farbwelt aus Himmelblau, Mauve, Grau und irisierendem Weiß verleiht der Uhr eine besonders luftige, vibrierende Präsenz. Gleichzeitig beherbergt die Odonata die technisch und künstlerisch ambitionierteste Zifferblattkonstruktion, die Taos bislang realisiert hat.
Taos – Odonata
TaosExtreme Komplexität auf nur 1,3 Millimetern
Eine der größten Herausforderungen der Odonata liegt in der Bauhöhe des Zifferblatts. In der Uhrmacherei darf ein Zifferblatt nur sehr begrenzten Raum einnehmen, damit Zeiger, Glas, Gehäuse und Werk harmonisch zusammenarbeiten. Laut Taos bewegt sich die praktikable Stärke in der Regel bei rund 1,3 Millimetern, maximal etwa 1,4 Millimetern. Genau innerhalb dieses engen Volumens errichtet die Odonata jedoch ein mehrstöckiges, reliefiertes Bildgefüge. Auf einer Basis aus handgraviertem Weißgold sitzen Appliken aus transluzider Paillonné-Emaille, diamantbesetzte Partien, Elemente aus Perlmuttmarqueterie und darüber hinaus Zonen aus Plique-à-jour, also transluzider Grand-Feu-Emaille ohne sichtbaren metallischen Untergrund. Das Ergebnis erinnert an Miniaturglasfenster, durch die Licht nicht nur reflektiert, sondern tatsächlich hindurchgeführt wird.
Plique-à-jour
Die wohl eindrucksvollste Technik der Odonata ist das Plique-à-jour, eine der delikatesten Emailleformen überhaupt. Anders als bei klassischer Emaille liegt die Farbe hier nicht auf einem geschlossenen Metallträger, sondern wirkt wie in eine feine Zellstruktur eingelassenes, transparentes Glas. Das Licht kann die farbigen Bereiche durchdringen, wodurch sich die Erscheinung des Zifferblatts mit jeder Bewegung des Handgelenks verändert. Gerade in Verbindung mit den darunterliegenden Paillons, winzigen Metallfolien unter der Emaille, mit der Weichheit des Perlmutts und mit den gravierten Metallpartien entsteht so ein Zifferblatt von außergewöhnlicher Lebendigkeit. In der Mitte jeder Libellenform sitzt zudem ein flacher Schmuckstein, der in dieser komplexen Reliefarchitektur als Ruhepol wirkt.
Taos – Genèse
TaosExklusives Kaliber
Beide Uhren greifen auf das Automatikkaliber VOP318 zurück, das von Télôs in La Chaux-de-Fonds speziell für die Marke entwickelt wurde. Das Werk besitzt einen Automatikaufzug, arbeitet mit zwei parallel montierten Federhäusern, bietet rund 72 Stunden Gangreserve, misst 30,40 Millimeter im Durchmesser bei einer Höhe von 4,20 Millimetern, schlägt mit vier Hertz und verfügt über 26 Rubine. Die Schwungmasse ist unsichtbar unter dem Gehäuseboden verborgen, damit die Architektur des Werks genügend Fläche für die aufwendige Handgravur bietet. Beide Uhren sitzen in einem 38 Millimeter großen und 10 Millimeter hohen Gehäuse aus 18-karätigem Weißgold. Während die Genèse bewusst architektonisch und klar auftritt, erhält die Odonata zusätzlich eine mit Diamanten besetzte Lünette und Bandanstöße. Beide Modelle verfügen über handgenähte Lederbänder in Alligatoroptik aus Genfer Fertigung mit sichtbarer Sattlernaht und einer Dornschließe aus Weißgold.
Während sich der Preis der Genèse auf umgerechnet rund 165.000 Euro beläuft, werden für die Odonata umgerechnet rund 220.000 Euro fällig.
Micro Monday: Void Watches – V02MKII