Er machte Patek Philippe groß: Philippe Stern, der langjährige Präsident der Marke, ist tot
Am 14. Juni verstarb Philippe Stern, der langjährige Präsident von Patek Philippe, in seinem 88. Lebensjahr. Mit ihm verliert nicht nur das Unternehmen, sondern die Schweizer Uhrenindustrie insgesamt einen ihrer bedeutenden Köpfe. Philippe Stern wurde 1977 zum Generaldirektor von Patek Philippe ernannt und führte war von 1993 bis 2009 Präsident. Danach begleitete er das Unternehmen als Ehrenpräsident weiter. Mit dem parallelen Fördern von traditionellen und zukunftsweisenden Fertigungsmethoden, seinem kompromisslosen Qualitätsanspruch und seiner festen Überzeugung, dass Patek Philippe in Familienhand bleiben müsse, formte er aus einer von mehreren Schweizer Topmarken die führende Manufaktur der Schweizer Haute Horlogerie.
Als sein Vater Henri Stern ihm in den 1970er Jahren immer mehr Verantwortung bei Patek Philippe übertrug, stand die mechanische Uhr vor einer ungewissen Zukunft. 2009, als er die Präsidentschaft an seinen Sohn Thierry Stern weiterreichte, sah die Situation völlig anders aus: Das Genfer Familienunternehmen galt – und gilt seitdem – weithin als Nummer eins der Schweizer Komplikationsspezialisten: technisch auf höchstem Niveau, als Marke bei Sammlern und Käufer neuer Uhren gleichermaßen höchst begehrt, und zwar weltweit.
Drei Generationen Patek Philippe: Philippe Stern (rechts) mit Vater Henri und Sohn Thierry
Patek PhilippePhilippe Stern war dabei weder ein extrovertierter Markenstratege noch ein Manager, der sich gern selbst in den Mittelpunkt rückte. In mancherlei Hinsicht ein Visionär, war sein Führungsstil von Sachlichkeit, Beharrlichkeit und einem sehr langfristigen Verständnis unternehmerischer Verantwortung geprägt. Er dachte nicht in Quartalen, sondern in Generationen. Patek Philippe sollte unabhängig bleiben – das war sein wichtigstes Credo – und die besten Uhren bauen, die es bauen konnte. Philippe Stern setzte auf Tradition, vergaß darüber aber nicht die Investitionen in zukunftsträchtige Technologien.
Nicht automatisch für die Nachfolge bestimmt
Philippe Stern wurde 1938 in Genf geboren. Seine Verbindung zur Uhrenindustrie war familiär vorgezeichnet, sein Eintritt bei Patek Philippe jedoch keineswegs selbstverständlich. Sein Großvater Charles Stern und dessen Bruder Jean Stern, die Eigentümer der renommierten Zifferblattfabrik Stern Frères, hatten Patek Philippe 1932 übernommen. Philippe Sterns Vater Henri trat zur selben Zeit in das Familiengeschäft ein und leitete das Unternehmen später von 1958 bis 1993 als Präsident.
Henri Stern drängte seinen Sohn jedoch nicht in die Firma. Philippe Stern erinnerte sich 2015 in einem Gespräch mit Chronos und WatchTime daran, dass sein Vater gewartet habe, bis er selbst die Initiative ergriff. Nach einem Studium der Wirtschafts- und Handelswissenschaften begann Philippe Stern 1963 bei Patek Philippe. Sein Vater schickte ihn zunächst nicht in ein repräsentatives Büro in Genf, sondern zur Henri Stern Watch Agency nach New York, der amerikanischen Vertriebsgesellschaft des Unternehmens. Dort sollte der junge Stern den Uhrenhandel von Grund auf kennenlernen, Kontakt zu Händlern und Kunden bekommen und erfahren, wie sich die Marke auf ihrem wichtigsten Auslandsmarkt behauptete.
Von 1963 bis 1966 arbeitete er in den USA. Nach seiner Rückkehr nach Genf durchlief er verschiedene Abteilungen der Manufaktur. Patek Philippe beschäftigte damals knapp 200 Mitarbeiter und fertigte nach Sterns Erinnerung etwa 7.000 Uhren pro Jahr, weitgehend im Stammhaus an der Rue du Rhône. Eine genau ausgearbeitete Ausbildung zum künftigen Firmenchef gab es nicht. Henri Stern führte das Unternehmen persönlich und zentralistisch; Mitarbeiter aller Hierarchiestufen wandten sich direkt an ihn. Philippe Stern musste selbst zu den Verantwortlichen in Produktion, Technik und Verkauf gehen, Fragen stellen und sich das nötige Wissen erarbeiten.
Gerade dieser wenig komfortable Weg dürfte ihn geprägt haben. Er trat nicht mit dem Selbstverständnis eines Erben auf, dem die Führungsposition zustand. Er musste sich seine Stellung innerhalb des Unternehmens erarbeiten und begann früh, bestehende Strukturen zu hinterfragen. Unter anderem führte er zusätzliche Führungsebenen und eigene Verantwortliche für Produktion und Verkauf ein. Damit professionalisierte er ein Unternehmen, das bis dahin stark auf die Person seines Vaters zugeschnitten gewesen war.
Das Stammhaus von Patek Philippe an der Genfer Rue du Rhône
Patek PhilippeVon Henri Stern übernahm er zugleich jene Prinzipien, die später seine gesamte Amtszeit bestimmten: die Unabhängigkeit der Firma, die Konzentration auf Qualität und den Anspruch, nicht möglichst viele, sondern möglichst gute Uhren zu bauen. Wachstum war für ihn kein Selbstzweck. Investiert werden sollte dort, wo Patek Philippe technisch besser, eigenständiger und langfristig handlungsfähiger werden konnte.
Der Glaube an die mechanische Uhr
Als Henri Stern seinen Sohn 1977 zum Generaldirektor ernannte, befand sich die Schweizer Uhrenindustrie in ihrer tiefsten Krise. Elektronische und insbesondere japanische Quarzuhren hatten den Markt verändert. Zahlreiche traditionsreiche Hersteller verschwanden, wurden verkauft oder schlossen sich größeren Gruppen an. Mechanische Uhrwerke erschienen vielen Marktbeobachtern als technisch überholt.
Patek Philippe hatte die elektronische Zeitmessung keineswegs ignoriert. Das Unternehmen war am Centre Electronique Horloger beteiligt und gehörte zu den Herstellern, die 1970 das Schweizer Quarzkaliber Beta 21 präsentierten. Henri Stern hatte sich schon früh für Präzision und elektronische Technik interessiert. Philippe Stern entschied sich daher nicht aus technischer Unkenntnis gegen eine vollständige Hinwendung zum Quarz. Vielmehr kam er zu der Überzeugung, dass Patek Philippe seine Zukunft nicht im Wettbewerb um industrielle Massenprodukte suchen durfte.
Er glaubte, dass es dauerhaft eine Kundschaft geben werde, die handwerkliche Qualität, mechanische Komplexität, Seltenheit und kulturelle Bedeutung höher bewertete als die bloße Genauigkeit einer elektronischen Uhr. Mechanik wurde unter Stern nicht als nostalgischer Selbstzweck verstanden, sondern als Grundlage einer eigenständigen Luxuspositionierung. Sollte überhaupt ein Schweizer Unternehmen die mechanische Uhr auf höchstem Niveau weiterführen, so seine Überzeugung, musste es Patek Philippe sein.
Diese Haltung war keineswegs risikolos. Patek Philippe war damals weit von der dominierenden Stellung entfernt, die das Haus später erreichen sollte. Philippe Stern erinnerte sich, dass die Marke in einer zeitgenössischen Rangliste des Schweizer Uhrenverbandes lediglich auf Platz 32 geführt worden sei. Für ihn war dies ein Ansporn. Er wollte beweisen, dass sich Patek Philippe durch kontinuierliche Verbesserungen, eigene technische Kompetenz und eine konsequente Qualitätsstrategie an die Spitze setzen konnte.
1976 ein Wagnis: die erste Nautilus
Ein frühes Zeichen dieses neuen Selbstbewusstseins war die Nautilus von 1976. Eine kostspielige Sportuhr aus Edelstahl entsprach nicht dem klassischen Bild einer Genfer Manufaktur, die vor allem für flache Golduhren und komplizierte Einzelstücke bekannt war. Gérald Genta brachte die Idee zu Patek Philippe, nachdem er wenige Jahre zuvor bereits die Royal Oak für Audemars Piguet gestaltet hatte.
Stern erkannte dennoch das Potenzial. Er war überzeugt, dass die Nautilus nicht nur eine kurzlebige Modeerscheinung sein würde. Gerade die Verbindung aus einem markanten Stahlgehäuse, einem integrierten Armband und einem hochwertigen mechanischen Werk eröffnete Patek Philippe den Zugang zu einer neuen Kundengruppe. Nach Sterns eigener Aussage stand für ihn von Anfang an fest, dass die Nautilus mechanisch sein musste. Ein Quarzwerk hätte bei der großen Herrenuhr weder die vorhandenen Proportionen sinnvoll genutzt noch zu jenem besonderen Charakter gepasst, den Patek Philippe verkörpern sollte.
Die Nautilus wurde damit zu einem Symbol für Sterns Fähigkeit, Tradition nicht mit Stillstand zu verwechseln. Er war bereit, Konventionen zu brechen, solange das Ergebnis den Qualitätsvorstellungen des Hauses entsprach. Die Uhr entwickelte sich später zu einem der bekanntesten und begehrtesten Modelle der gesamten Branche.
Auktionserfolge und der Aufstieg zur Sammlermarke
Patek Philippe: Graves Supercomplication von 1933
Patek PhilippeEin wesentlicher Faktor für die wachsende Bedeutung von Patek Philippe war der internationale Sammlermarkt. Bereits in den 1970er Jahren entstand ein stärkeres Interesse an historischen Armbanduhren, wobei seltene und komplizierte Modelle von Patek Philippe früh besondere Aufmerksamkeit erhielten. In den 1980er Jahren beschleunigte sich diese Entwicklung. Alte Chronographen, Minutenrepetitionen und ewige Kalender wurden nicht mehr lediglich als gebrauchte Uhren betrachtet, sondern als bedeutende Zeugnisse der Uhrmacherkunst.
Philippe Stern unterstützte diese Neubewertung auf mehreren Ebenen. Er baute selbst eine bedeutende Uhrensammlung auf, beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte des Hauses und ließ historische Modelle dokumentieren. Gleichzeitig blieb er gegenüber der spekulativen Seite des Marktes skeptisch. Ihm ging es um Anerkennung der handwerklichen und historischen Leistung, nicht um kurzfristige Gewinne beim Weiterverkauf.
Den entscheidenden Schub brachte 1989 das 150-jährige Firmenjubiläum. Das Auktionshaus Antiquorum veranstaltete eine ausschließlich Patek Philippe gewidmete Auktion – nach Sterns Erinnerung die erste Markenauktion dieser Art. Die Ergebnisse machten weltweit sichtbar, welche Wertschätzung historische Uhren des Hauses inzwischen genossen. Ein Schleppzeigerchronograph der Referenz 1436, der 1961 im Handel 2.660 Mark gekostet hatte, erzielte bei einer Auktion mehr als 430.000 Mark. Auch neue, zum Jubiläum angebotene Sondermodelle wurden bereits kurz nach ihrem Erscheinen deutlich über dem Verkaufspreis gehandelt.
Stern beobachtete diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Einerseits bestätigten die Auktionsergebnisse die außergewöhnliche Stellung der Marke. Andererseits warnte er schon Anfang der 1990er Jahre davor, eine neue Patek Philippe lediglich in der Erwartung eines schnellen Gewinns zu kaufen. Wer eine Uhr erwerbe, sollte in erster Linie Freude an ihr haben. Die bei der Jubiläumsauktion von 1989 gezahlten Preise bezeichnete er sogar als unnatürlich hoch.
Er reagierte nicht mit einer möglichst schnellen Ausweitung des Angebots. Im Gegenteil: Die Produktion hochkomplizierter Modelle wurde kontrolliert, das Händlernetz gestrafft und die Zuteilung begehrter Uhren streng reguliert. Patek Philippe sollte nicht zur Spekulationsmaschine werden. Gerade diese kontrollierte Verfügbarkeit, verbunden mit der technischen Substanz der Produkte, steigerte langfristig jedoch das Ansehen der Marke.
Spätere Rekorde bestätigten die Sonderstellung. Die Henry Graves Supercomplication erzielte 1999 bei einer Auktion in New York rund elf Millionen Dollar und wurde 2014 für mehr als 23 Millionen Schweizer Franken verkauft. Im Jahr 2019 stellte die Grandmaster Chime Ref. 6300A bei Only Watch mit mehr als 31 Millionen Schweizer Franken einen neuen Weltrekord für eine bei einer öffentlichen Auktion verkaufte Uhr auf.
Wichtiger Meilenstein: das Kaliber 89
Patek Philippe: Jubiläumstaschenuhr Kaliber 89 von 1989
Patek PhilippeDer wichtigste technische Ausdruck von Sterns Führungsanspruch war das Kaliber 89. Anfang der 1980er Jahre begann Patek Philippe mit der Entwicklung einer tragbaren mechanischen Uhr, die alle bisherigen Maßstäbe übertreffen sollte. Die Idee stammte nach Sterns Erinnerung von Max Studer, einem Uhrmacher, der sowohl in der Regulierung als auch in Forschung und Entwicklung tätig war. Zum Kernteam gehörten außerdem Jean-Pierre Musy, François Devaud und Entwicklungsleiter Gérald Berret.
Ursprünglich waren bis zu 60 Funktionen vorgesehen. Das endgültige Kaliber 89 vereinte 33 Komplikationen. Sein Werk war auf vier Ebenen aufgebaut; zahlreiche Bauteile und Wellen mussten mehrere Werkebenen durchqueren. Computerbasierte Simulationen standen dem Entwicklungsteam noch nicht zur Verfügung. Konstruktionen wurden auf Papier gezeichnet, Prototypen gebaut und praktisch erprobt. Fast neun Jahre dauerte die Entwicklung.
Das Ergebnis wurde 1989 zum 150-jährigen Jubiläum vorgestellt und blieb mehr als 25 Jahre lang die komplizierteste tragbare mechanische Uhr der Welt. Das Kaliber 89 war weit mehr als ein spektakuläres Einzelstück. Philippe Stern wollte damit nach eigener Aussage beweisen, dass Patek Philippe die komplizierte Uhrmacherei in ihrer ganzen Breite beherrschte.
Zugleich markierte das Projekt den Beginn einer neuen Ära komplizierter Armbanduhren. Patek Philippe erkannte, dass Sammler wieder nach Minutenrepetitionen, ewigen Kalendern und Chronographen verlangten. Zum Jubiläum erschienen unter anderem die Minutenrepetitionen Ref. 3979 und Ref. 3974. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Beherrschung großer Komplikationen zu einem entscheidenden Teil der Markenidentität.
Stern beschränkte sich dabei nicht auf spektakuläre Einzelstücke. Er investierte in eigene Werke, Werkzeuge, Maschinen und Spezialisten. Patek Philippe sollte möglichst viele Schlüsselkompetenzen selbst kontrollieren. Diese zunehmende vertikale Integration war technisch anspruchsvoll und kostspielig, verschaffte der Manufaktur jedoch jene Unabhängigkeit, auf der ihre spätere Führungsposition beruhte.
Die neue Manufaktur in Plan-les-Ouates
Das Wachstum und die zunehmende Eigenfertigung machten eine räumliche Neuordnung notwendig. Die Produktion war auf verschiedene Genfer Standorte verteilt, was die Zusammenarbeit erschwerte. Stern suchte daher nach einem Grundstück, auf dem die wichtigsten Bereiche zusammengeführt werden konnten.
Der häufig grob um die Jahrtausendwende eingeordnete Umzug erfolgte tatsächlich bereits 1996: In diesem Jahr eröffnete Patek Philippe die neue Manufaktur in Plan-les-Ouates. Sie bündelte die zuvor verteilten Genfer Werkstätten unter einem Dach und bot Raum für moderne Produktion, Forschung, Ausbildung und Qualitätskontrolle. Patek Philippe gehörte damit zu den ersten großen Uhrenunternehmen, die sich in jenem Gebiet ansiedelten, das sich später zum wichtigsten Genfer Uhrenstandort entwickelte. Das Gebäude war zugleich die infrastrukturelle Voraussetzung dafür, mehr Komponenten im eigenen Haus herzustellen, komplizierte Werke industriell besser zu organisieren und zugleich die handwerklichen Qualitätsstandards zu sichern. Im WatchTime-Interview wies Stern darauf hin, dass ein solches langfristiges Projekt in einem konzerngeführten Unternehmen möglicherweise schwerer durchzusetzen gewesen wäre. Als Familienbetrieb konnte Patek Philippe investieren, ohne kurzfristige Renditevorgaben erfüllen zu müssen.
Sammler, Bewahrer und Museumsgründer
2001 eröffnet: das Patek Philippe Museum
Patek PhilippePhilippe Stern verstand Uhren nicht nur als Produkte, sondern als Kulturgüter. Seine eigene Sammlungstätigkeit begann bereits in den 1960er Jahren. Kurz nach seinem Eintritt in das Unternehmen lernte er 1963 in Montreal Alan Banbery kennen, der später eine wichtige Rolle beim Aufbau der historischen Sammlung spielte. Anfangs konzentrierte sich Stern vor allem auf Werke und technische Lösungen. Mit der Zeit weitete er den Blick auf Gehäuse, Emailmalerei, kunsthandwerkliche Techniken und Uhren anderer Hersteller aus.
Dieser Ansatz war bemerkenswert. Stern wollte kein reines Firmenmuseum schaffen, das ausschließlich die Leistungen von Patek Philippe feierte. Sein Ziel war es, die Entwicklung der tragbaren Zeitmessung seit dem 16. Jahrhundert zu dokumentieren und die Geschichte des Hauses in einen größeren kultur- und technikhistorischen Zusammenhang zu stellen.
2001 wurde dieser Plan mit der Eröffnung des Patek Philippe Museums in Genf verwirklicht. Die Sammlung umfasst bedeutende historische Uhren, Emailarbeiten, Automaten und Patek-Philippe-Zeitmesser aus unterschiedlichen Epochen. Sie gilt heute als eine der bedeutendsten Uhrensammlungen der Welt und ist untrennbar mit Philippe Sterns persönlicher Leidenschaft verbunden. Auch gefährdete kunsthandwerkliche Disziplinen bewahrte er bewusst. Patek Philippe vergab weiterhin Aufträge für Emailmalerei, Gravur und andere Rare Handcrafts, selbst zu Zeiten, in denen sich solche Uhren nur schwer verkaufen ließen. Stern half damit, Wissen und Fertigkeiten zu erhalten, die später eine Renaissance erleben sollten.
Forschung, Silizium und das Patek-Philippe-Siegel
2009 eingeführt: Das Patek Philippe Siegel
Patek PhilippeTradition bedeutete für Philippe Stern nicht, technische Neuerungen abzulehnen. Im Gegenteil: Überall dort, wo neue Technologien Zuverlässigkeit, Präzision oder Langlebigkeit verbessern konnten, förderte er Forschung und Entwicklung. 2005 gründete das Unternehmen das Programm Patek Philippe Advanced Research. Ein Schwerpunkt lag auf Komponenten aus Silizium und verwandten neuartigen Werkstoffen. Silizium versprach leichte, amagnetische und weitgehend verschleißfreie Bauteile, die mit herkömmlichen Fertigungsmethoden kaum herzustellen waren. Die daraus hervorgegangenen Entwicklungen bildeten eine Grundlage für spätere Hemmungs- und Reguliersysteme des Hauses.
Einen weiteren Schlusspunkt seiner aktiven Präsidentschaft setzte Stern 2009 mit dem Patek Philippe Siegel. Gemeinsam mit seinem Sohn Thierry definierte er einen eigenen Qualitätsstandard für sämtliche mechanischen Uhren des Hauses. Philippe Stern hatte schon länger eine Art verbindlichen Leitfaden schaffen wollen, in dem die Erfahrungen und Werte der Manufaktur festgeschrieben wurden. Die mit der Einführung des Patek Philippe Siegels verbundene Abkehr vom Genfer Siegel wurde von vielen kritisiert: Man warf Patek Philippe vor, sich nicht mehr einer unabhängigen, staatlichen Genfer Institution zu unterwerfen, sondern sich gewissermaßen selbst auszuzeichnen. Der Vorwurf war auf der einen Seite nicht ganz unberechtigt. Auf der anderen Seite hatte Patek Philippe zum damaligen Zeitpunkt bereits ein so hohes Renommee und eine so extreme Markenbegehrlichkeit erworben, dass dem Markenversprechen eine mindestens so hohe Bedeutung zukam wie einer externen Zertifizierung. Nicht zuletzt zeigte sich in diesem Schritt auch eine gewisse Frustration Sterns gegenüber dem Kanton Genf, von dem er sich nicht immer ausreichend unterstützt fühlte. Nicht zuletzt deswegen investierte er auch im Industriegebiet Crêt-du-Locle im Kanton Neuchâtel, wo Patek Philippe eine zusätzliche, auf verschiedene Uhrenkomponenten spezialisierte Produktion besitzt.
Einfluss auch nach der Übergabe
2009 übergab Philippe Stern die Präsidentschaft an seinen Sohn Thierry. Auch diesen Generationswechsel hatte die Familie langfristig vorbereitet. Thierry Stern besuchte die Uhrmacherschule, sammelte Erfahrungen im Handel sowie in verschiedenen Abteilungen der Manufaktur und arbeitete wie zuvor sein Vater mehrere Jahre in den USA. Philippe Stern hatte aus seiner eigenen Ausbildung gelernt und sorgte dafür, dass sein Sohn feste Ansprechpartner und klarere Strukturen vorfand.
Mit dem Jahr 2009 endete Philippe Sterns Einfluss jedoch keineswegs. Als Ehrenpräsident verfolgte er die Entwicklung des Unternehmens weiterhin genau, stand Thierry Stern als Gesprächspartner zur Verfügung und kümmerte sich besonders um das Museum. Vater und Sohn waren nicht immer einer Meinung, insbesondere bei strategischen Fragen. Doch gerade darin zeigte sich, dass es sich nicht um eine rein zeremonielle Rolle handelte. Philippe Stern blieb eine maßgebliche Instanz im Hintergrund.
2023 setzte Thierry Stern seinem Vater ein außergewöhnliches uhrmacherisches Denkmal. Zum 85. Geburtstag Philippe Sterns entstand die limitierte Referenz 1938P, eine Minutenrepetition mit Alarmfunktion, deren Zifferblatt ein Porträt des Jubilars trägt. Die Uhr war nicht nur eine persönliche Hommage, sondern griff mehrere Themen auf, die Philippe Sterns Lebenswerk geprägt hatten: die Liebe zu Schlagwerken, die Entwicklung eigener komplizierter Kaliber und die Verbindung von Technik und Kunst.
Ein Unternehmer mit langem Atem
Zu Ehren von Philippe Stern: Zum 85. Geburtstag des ehemaligen Präsidenten ließ Thierry Stern die Referenz 1938P mit Minutenrepetition und Alarmfunktion bauen.
Patek PhilippeAuch außerhalb des Unternehmens suchte Philippe Stern Herausforderungen. Er war ein ausgezeichneter Skifahrer und leidenschaftlicher Segler. Zwischen 1977 und 1992 gewann er mit seinen verschiedenen, jeweils Altaïr genannten Mehrrumpfbooten siebenmal den Bol d’Or auf dem Genfersee. Die Konzentration, Ausdauer und Risikobereitschaft des Regattaseglers passten zu seinem unternehmerischen Charakter.
Sein eigentliches Lebenswerk blieb jedoch Patek Philippe. Als er in das Unternehmen eintrat, war es eine angesehene, aber vergleichsweise kleine Genfer Manufaktur. Als er die Führung an die nächste Generation übergab, war daraus der internationale Maßstab für klassische Haute Horlogerie geworden.
Diese Entwicklung beruhte nicht auf einer einzelnen Uhr oder einer besonders gelungenen Werbekampagne. Sie war das Ergebnis zahlreicher miteinander verbundener Entscheidungen: der Rückbesinnung auf die mechanische Uhr während der Quarzkrise, der mutigen Einführung der Nautilus, der Wiederbelebung großer Komplikationen, der Investition in eigene Fertigung und Forschung, des Baus der Manufaktur in Plan-les-Ouates, des Museums, des eigenen Qualitätssiegels und des konsequenten Schutzes der familiären Unabhängigkeit.
Hinzu kam die außergewöhnliche Stellung auf dem Auktionsmarkt. Die Rekordpreise historischer Patek-Philippe-Uhren schufen eine Rückkopplung zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Sie bestätigten die Bedeutung der alten Modelle, stärkten das Vertrauen in die aktuellen und machten die Marke zum bevorzugten Gegenstand anspruchsvoller Sammler. Philippe Stern verstand den Wert dieses Renommees, ohne sich der Spekulation zu unterwerfen. Gerade darin lag ein wesentlicher Teil seines Erfolgs.
Philippe Stern hinterlässt keine Marke, die nur von ihrer Geschichte lebt. Er hinterlässt ein Unternehmen, dessen heutige Stärke daraus erwächst, dass Geschichte, technische Forschung, handwerkliche Qualität und unternehmerische Unabhängigkeit als Einheit verstanden werden. Er hat Patek Philippe nicht allein an die Spitze geführt. Er hat auch definiert, was diese Spitzenposition bedeuten sollte.
Patek Philippe
- Nicht automatisch für die Nachfolge bestimmt
- Der Glaube an die mechanische Uhr
- 1976 ein Wagnis: die erste Nautilus
- Auktionserfolge und der Aufstieg zur Sammlermarke
- Wichtiger Meilenstein: das Kaliber 89
- Die neue Manufaktur in Plan-les-Ouates
- Sammler, Bewahrer und Museumsgründer
- Forschung, Silizium und das Patek-Philippe-Siegel
- Einfluss auch nach der Übergabe
- Ein Unternehmer mit langem Atem