Nomos: „Für uns ist Qualität wichtiger als Status”

Lenken die Geschicke von Nomos: Roland Schwertner und Uwe Ahrendt vor dem Nomos-Hauptsitz, dem alten Bahnhof von Glashütte

Nomos hat sein erstes, 1992 vorgestelltes Modell Tangente stetig weiterentwickelt und die Fertigungstiefe erhöht. Inzwischen bauen 80 Mitarbeiter in Glashütte fast 20.000 Uhren pro Jahr mit sechs unterschied­lichen eigenen Kalibern. Für Wempe wurde sogar ein Tourbillon entwickelt und in Kleinserie gebaut. Chronos sprach mit Uwe Ahrendt und Roland Schwertner, den beiden Geschäftsführern von Nomos. 

 

Anzeige

 

Auf der diesjährigen Basel-Messe hat Nomos den „Erlkönig” vorgestellt. Es gab aber nur ein Ölgemälde der Seitenansicht zu sehen. Wie ist der jetzige Stand?

Ahrendt: Wir arbeiten momentan weiter am Design des Zifferblatts, aber es gibt noch keine entschiedene Uhr. Die Gehäuse haben wir jetzt bestellt, da es länger dauert, bis die Werkzeuge gebaut sind. Die Produktion läuft an. Die Uhr wird dann zum Weihnachtsgeschäft in die Läden kommen.

Dieses Jahr ist auch die Club zu einer Familie mit vier unterschiedlich großen Uhren geworden. Wie kommt das Modell im Markt an?

Ahrendt: Überraschend gut: Wir haben fast doppelt so viele von der Club verkauft, wie wir gedacht hatten und aus diesem Erfolg heraus bauen wir die Club konsequent weiter aus. Mit Datum, Automatik und Automatik mit Datum. Wenn wir die in der heutigen Zeit relativ kleine Club mit 36 Millimetern jetzt durch größere Varianten ergänzen, werden die wohl ähnlich erfolgreich sein. Wir haben im Juni die erste Club Datum ausgeliefert. Im Juli werden wir die Automatik ausliefern und im August die Automatik mit Datum.

Passt die Club Automat Datum mit Glasboden für 1840 Euro noch zum Konzept der Einstiegsuhr ?

Großer Einstieg: Die neue Nomos Club Automat Datum misst 41,5 Millimeter

Ahrendt: Sie ist damit ja immer noch preiswerter als der Tangomat mit gleichem Werk. Wir haben nicht geguckt, was wir dafür verlangen wollen oder dürfen oder was die Konkurrenten verlangen sondern wir haben ein ganz einfaches Kalkulationsschema: Die Summe aller Teile und sonst fast nichts. Wir gehen von den Herstellungskosten aus. Beginnend bei der kleinen Club haben wir deshalb einen Abstand zur Tangente und der ist bei den anderen Modellen ähnlich: etwa 140 Euro.  

Beworben wurde die Club als „gute Uhr zum Abitur”. Wirkt das nicht eher abschreckend auf arriverte Kunden?

Ahrendt: Das war eher mit einem Augenzwinkern gemeint. Wir sprechen damit ein jüngeres Publikum an. Die Farben sind ein bisschen frischer. Die Uhr ist auch sportlicher. Man traut ihr mehr zu: Man kann sie auch beim Mountainbiken tragen. Bei der Tangente hat man da Angst, dass sie kaputt geht. Obgleich das natürlich nicht der Fall ist.

Passend zur Club sollte in Glashütte ein Nachtclub eröffnet werden, in den Besitzer der Uhr freien Eintritt haben. Was ist daraus geworden?

Ahrendt: Das Projekt mussten wir leider begraben. Das hatte verschiedene Gründe: Zum einen sind die beantragten Fördermittel für die Sanierung der ehemaligen Drogerie, die gegenüber des ehemaligen Bahnhofs liegt, doch nicht bewilligt worden. Die Bausubstanz war so marode, dass eine Sanierung keinen Sinn mehr gemacht hätte. Zum anderen brauchen wir eine kleine Ausbaureserve und wir können das Grundstück später für Nomos nutzen. Für die nächsten drei Jahre wollen wir das Gelände noch etwas schöner gestalten, mit Bäumen vielleicht und Kunst.

Ahrendt: Die Chronometrie wird bleiben, dort ist alles, was mit Uhrmacherei zu tun hat: Werkmontage, Einschalen, usw. Es ist schön da oben auf dem Berg, da ist Ruhe und Licht. Beste Bedingungen also zum Uhrenbauen. Den Bahnhof werden wir jetzt nach links erweitern, da wir das Stellwerk, das eine bauliche Einheit bildet mit dem Bahnhof, jetzt kaufen konnten. Das werden wir noch in diesem Jahr renovieren. Bis wir die Eckbebauung brauchen, reicht der Platz noch drei, vier Jahre. Danach könnte der Bahnhof für Maschinen und Rohwerkeherstellung reines Produktionsgebäude sein. Und in das neue Gebäude könnten dann Uhrmacher und Verwaltung rein. Das muss aber mit dem Architekten und den Stadtplanern abgesprochen werden. Wir haben ja schon jetzt einen dritten Standort, das ist unsere Betriebsverkaufsstelle. Dort verkaufen wir im vorderen Teil Uhren zum regulären Preis, im hinteren Bereich haben wir eine Wohnung und vergeben Stipendien an Künstler, Journalisten, Fachhändler usw., die sich bewerben können. Wir laden die dann ein,  zwei Wochen mit uns zu verbringen. Sie sollen Glashütte mit der Welt verbinden. Das ist sehr gefragt.

Nomos hat 1992 mit leicht modifizierten Peseux-7001-Kalibern angefangen. Wie viel machen Sie inzwischen an den Kalibern selbst?

Ahrendt: Das Peseux-Kaliber war damals die beste Lösung für diese Art der Uhren. Wir haben dann immer mehr und mehr in Glashütte selbst gemacht. Ziel war es, irgendwann eigene Werke zu haben. Das begann damit, dass wir die Werke als Kits, also in Einzelteilen, bekommen haben, und die Teile dekorieren konnten. Wir haben dann den Sekundenstopp ins Werk integriert. Dafür muss man in die Werkplatine fräsen und eine Feder einbauen. Dann kamen blaue Schrauben, Schliffe und Gravuren dazu, das Datum, die Dreiviertelplatine, die Gangreserve. Und 2004/2005 gelang dann der große Durchbruch mit der Vorstellung des Automatikkalibers, mit dem wir auch ganz konsequent die gesamte Kollektion auf eigene Werke umgestellt haben.

Der Bauplan entspricht aber noch dem Eta/Peseux-Werk?

Ahrendt: Die Grundkonstruktion des Handaufzugs schon, aber wir haben eine andere Reglage, andere Feinregulierung, andere Steine, eine andere Zugfeder, das Gesperr ist anders, der Sekundenstopp, die Platine.

Schwertner: Schon 1997 hat die Eta uns gebeten, nicht mehr „Peseux” zu schreiben, weil die Ersatzteile nicht mehr passten. Lediglich drei, vier Teile sind noch gleich. Das ist jetzt ein Porsche nicht mehr ein Käfer.

Bekommen Sie denn den Rädersatz noch von der Eta?
Ahrendt: Den Rädersatz mit Kleinbodenrad usw. machen wir teilweise selber, teilweise fertigen das Lieferanten nach unseren Zeichnungen an. Nur die Unruh mit Spiralfeder bekommen wir von der Nivarox.

Schwertner: Nomos’ Philosophie ist es, alles selbst herstellen zu können, das aber nicht immer tun zu müssen. Das gibt uns Unabhängigkeit: Wenn man den Prozess beherrscht, kann man die Qualität bestimmen. Gleichzeitig werden wir unabhängig von Lieferanten und damit von Lieferengpässen. Wir können selbst bestimmen wie schnell wir wachsen, in Qualität und in Quantität. Wir arbeiten zum Beispiel teilweise mit anderen Fertigungstoleranzen als die Eta. Wir können und machen auch teilweise Schrauben, Räder und Triebe selbst.

Was hat Sie zu dieser Strategie bewogen?

Ständig innen verbessert:Der Klassiker Tangente ist seit 1992 im Programm

Schwertner: In den 90er Jahren und danach haben alle in die Marke investiert und die Marke strahlen lassen oder ins Design investiert und Werke gekauft. Wir haben entschieden, in die Produktion, in die Qualität zu investieren. Unser Konstrukteur Thierry Albert hat ein Datum und eine Gangreserve entwickelt, wie es sie so noch nicht gab. Mirko Heyne hat unser Automatikwerk konstruiert. Und Uwe Ahrendt hat die gesamte Fertigungstechnologie mitgebracht. Er stammt aus einer Produzentenfamilie.

Oft kommt neue Technik in einem neuen Modell. Warum haben Sie stattdessen die Tangente immer weiter ausgebaut und verbessert?

Schwertner: Rolex verbessert auch bestehende Modelle immer weiter. Man kann ja als Hersteller nicht erst dann das Produkt verändern, wenn das Äußere sich ändert. Die Tangente ist schön. Wenn wir jetzt einen Sekundenstopp haben, warum sollen wir eine neue Uhr dafür machen? Dann bekommt der nächste Kunde ein bisschen mehr. Unsere Preise sind dabei  nicht nur gestiegen, weil die Löhne gestiegen sind, sondern auch die Qualität. Deshalb kostet die Tangente, die es vor 17 Jahren für 980 Mark gab, heute 920 Euro. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist sogar noch besser geworden. Wenn wir über den Erfolg der Uhr die Produkte preiswert machen können, ist das ein Vorteil: Kein neues Gehäuse bedeutet auch keine neuen Werkzeugkosten. Auch das Datum passt in das Gehäuse. Wir werden jetzt im Herbst die 50 000. Tangente verkaufen. Dann muss der Kunde natürlich auch die Entwicklungskosten, die Designkosten nicht mehr bezahlen. Wenn wir jetzt eine neue Uhr machen, ein neues Gehäuse, haben wir diese Kosten und müssen sie umlegen. Neue Produkte werden also teurer. Bei der Tangente ist die Verbesserung im Innern passiert. Das merkt der Kunde nicht gleich, aber auf Dauer hat er das bessere, das wertigere Produkt. Wir glauben, dass es einen großen Kreis von Kunden gibt, die nach Qualität, nach Inhalt entscheiden, und nicht nur nach Design, Marke oder Status. Unserer Kunden sind eher die informierten Kunden.

Die Werke wurden nach und nach mit verschiedenen Zusatzfunktionen ausgestattet. Was kommt als nächstes?

Schwertner: Es gibt ja schon das ­Doppelfederhaus und das Tourbillon in den Uhren, die wir für Wempe bauen. Das sind ja Nomos-Konstruktionen und -Werke und sie zeigen, was wir können. 

Warum ticken die zwei Manufakturformwerke, die Sie für Wempe bauen, nicht in Nomos-Uhren?

Schwertner: Die Werke sind zusammen mit Wempe entstanden: Wempe wollte eigene Uhren machen und nach Glashütte kommen. Wir hatten die Möglichkeit, diese Art von Werken zu bauen. Es lag nahe, sich zusammen zu setzen: Wir machen die Entwicklung und die Produkte und Wempe macht das Marketing und den Vertrieb. Wenn einer alles macht, würde er sich übernehmen. So war es die ideale Art einer Zusammenarbeit. Es gab, als wir die Uhr gemacht haben, weder von Lange & Söhne noch von Glashütte Original eine Tonneauform. Auch das Doppelfederhaus gab es in dieser Konstruktion nicht. Wir wollten also nicht den anderen Glashütter Marken Konkurrenz machen, sondern ein zusätzliches Werk für Glashütte schaffen. Wempe hatte Tonneau-Uhren, sprich Franck Muller, nicht im Programm. Das heißt wir haben dort eine Lücke füllen können und haben niemandem wehgetan.

Die meisten Uhrenmarken orientieren sich nach oben, wären die neuen Werke da nicht eine Chance gewesen?

Schwertner: Die Uhr mit Tonneau-Formwerk im Haut-de-gamme-Bereich passt weder von der Form noch von der Machart zu den anderen Nomos-Uhren. Die Uhr hätte etwas anders, vielleicht auch rund sein müssen. Und da Wempe das Risiko eingeht und diese Produkte in den Markt bringt und auch investiert, können wir uns nicht gleich dranhängen und das auch machen. Sondern wir müssen ein biss­chen abwarten, wie sich der Markt entwickelt und wie man sich dazu positionieren kann. Für uns war bei der Sache wichtig, das Know-how im Haus zu haben. Das fließt in alle unsere Uhren ein, in die Produktionstiefe. Für das Tourbillon machen wir alles selbst: Räder, Buchsen, Triebe. Das ist Forschung und Entwicklung für uns. Das ist uns wichtiger, als Umsatz und Renommee zu erhöhen. Wir werden auch in Zukunft bezahlbare Uhren bauen. Und die Entwicklung und die Produktion der Wempe-Uhren, zum Beispiel das Doppelfederhaus, hilft uns auch für die Nomos-Uhren. Zudem verdienen wir noch Geld damit. Außerdem bringt Wempe mit der Chronometerprüfstelle auch noch etwas nach Glashütte mit, was den Standort bereichert und so haben wir alle etwas davon.

 Warum lässt Nomos keine Chronometerprüfungen bei Wempe in der alten Sternwarte durchführen?

Schwertner: Wir haben das überlegt. Aber die Norm der Chronometerprüfung weicht nur unwesentlich von unserer internen Norm ab, auch wenn wir auf die Temperaturtests verzichten. Die Chronometerprüfung würde den Ladenpreis der Uhren aber um etwa 500 Euro erhöhen. Das wäre bei uns 50 Prozent des Preises der Uhr. Ich glaube nicht, dass der Kunde für diese Bestätigung der letzen Sekunden bereit ist, einen so hohen Aufschlag zu bezahlen. Interessant ist das eher für Uhren von A. Lange & Söhne oder Glashütte Original, denn bei teuren Uhren macht die Prüfung einen viel geringeren Anteil des Gesamtpreises aus. Die Prüfung in Glashütte ist wesentlich aufwendiger und teurer als in der Schweiz, weil die ganze Uhr und nicht nur das Werk geprüft wird. Aber das Bewusstsein, dass ein Glashütter Chronometer teurer ist als ein Schweizer, ist beim Kunden noch nicht da. Wempe kann das als Juwelier dem Kunden direkt erklären. Und Lange & Söhne und Glashütte Original könnten das auch. Und da die sich ja eher als deutsche Marke denn als Schweizer Konzern begreifen, würde das auch Sinn machen.

Sie haben gleich zwei Konstrukteure. Werden Sie vermehrt für andere Marken entwickeln um die Abteilung auszulasten?

Schwertner: Nein, wir haben eine andere Priorität. Wir haben uns für den teuersten Weg entschieden: Wir investieren nicht ins Design und die Marke,  wir wollen immer mehr selbst produzieren. Andere, die mehr Geld haben, haben das nicht gemacht. Wir sind immer in die Tiefe gegangen und deswegen weniger in die Breite. Es gibt andere Beispiele dafür: Rolex macht auch immer nur Automatikwerke und wenige Komplikationen. Die könnten es sich auch leisten einen ewigen Kalender oder ein Tourbillon zu bauen, aber die haben sich auch für den teuren Weg entschieden. Man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen. Wir werden mehr selbst entwickeln und der Schwerpunkt wird in der Tiefe liegen, in der Unabhängigkeit, in der Eigenständigkeit, in der besseren Qualität.

Ist das bei der geringen Größe der Marke wirtschaftlich tragbar?

Schwertner: Andere investieren in die Werbung und wachsen durch den Verkauf, wir investieren in die Qualität und wachsen über unsere Leistung. Es ist eine andere Strategie. Das heißt wenn der Kunde die Qualität, die wir liefern zu dem Preis akzeptiert und honoriert, wachsen wir von alleine und müssen nicht teurer werden. Andere müssen erst mal teurer werden, um das Marketing zu bezahlen, und dann wird irgendwann Geld verdient. Wir haben kein Marketing, wir haben keinen Außendienst, wir haben einen geringen Werbeetat. Unsere Werbung ist die Qualität des Produktes. Das ist ein bisschen altmodisch, aber da es keiner mehr macht, könnte es so was wie eine Nische sein.

Wie waren Sie, Herr Ahrendt, als Stadtrat von Glashütte an der Ausgestaltung des neuen Museums beteiligt?

Ahrendt: Der Vorstand der Stiftung teilt sich in drei Mitglieder von Seiten der Swatch Group und drei von Seiten der Stadt. Von der Swatch Group waren das Nicolas G. Hayek junior, Dr. Frank Müller und Dr. Hanspeter Rentsch, von der Stadt der Bürgermeister, Franz Wiesheu, und ich als Stadtrat. Bei den Bausitzungen habe ich mich etwas rausgehalten: Welcher Dachdecker das Dach macht, war mir nicht so wichtig. Mir ging es mehr um die Gestaltung des Museums und den Bürgermeister bei allgemeinen Fragen der Stiftung zu unterstützen, wenn es darum ging, beim Regierungspräsidium und dem Finanzamt Dinge abzuklären.

Es sind mit Wempe, Hemess, Union und demnächst Tutima einige neue Marken nach Glashütte gekommen. Wird der Ort zum Eldorado für Uhrenhersteller?

Ahrendt: Jeder, der hierher kommt und auch etwas zurückbringt, wie Wempe mit der Chronometerprüfung, belebt den Standort und macht ihn glaubwürdiger. Jede Marke, die den Qualitätsanspruch einhält, hilft allen.

Viele Marken übertreffen die Glashütte-Regel, die 50 Prozent Wertschöpfung am Werk vor Ort vorschreibt. Braucht Glashütte ein Qualitätssiegel ähnlich der ­Genfer Punze?

Tiefenpsychologie: Ahrendt und Schwertner setzen auf Fertigungstiefe statt auf Werbung

Schwertner: Nehmen sie als Beispiel eine Quarzuhr. Ich möchte nicht entscheiden müssen, ob eine Quarzuhr, die ja genauer ist als eine mechanische, für den Kunden weniger Wert haben soll, weil sie komplett industriel gefertigt ist. Da ist „Swiss Made” vergleichbar mit „Glashütte”: Wichtig ist, wo es gemacht worden ist. Die Schweiz sagt ja auch nicht, wir machen keine Quarzuhren mehr. Ich hätte nichts dagegen, wenn ein Werkehersteller nach Glashütte kommt, eine Quarzuhr macht und dann 50 Millionen Quarzuhren verkauft. Das würde hier viele Arbeitsplätze bringen. Warum soll man hier nicht Quarzuhren produzieren können, wenn man sich an die Regeln hält? Wir können dem Kunden nicht vorschreiben, was er für gut zu halten hat.

Aber Glashütte gilt als Qualitätsmerkmal, und die Kunden haben entsprechende Erwartungen.

Schwertner: Das ist durch A. Lange & Söhne entstanden. Das ist die Qualität, für die Glashütte immer stand: teuerste Sammleruhren. Hätte Lange & Söhne irgendwann mal Quarzuhren gemacht, dann wäre das wahrscheinlich auch gegangen. Man muss das in die heutige Zeit übersetzen. Jeder interpretiert das anders und natürlich bringt man dann auch Neues ein. Als Nomos Uhren um 1000 Mark in den Markt gebracht hat, war das auch nicht streng in der Tradition der Lange-Uhren. Unsere Uhren sind Uhren, die man sich leisten kann, etwa wie ein VW Golf. Dafür haben wir Design nach Glashütte gebracht. Früher hat keiner darüber nachgedacht, dass eine Uhr auch schön sein darf. Ist „schön” jetzt ein Glashütte-Kriterium? Muss eine Uhr deswegen mindestens so schön sein wie eine Nomos, sonst darf nicht Glashütte drauf stehen? Sie sehen, die Kriterien haben sofort etwas Beliebiges. Außerdem geht es ja bei der Wertschöpfung nicht nur um Kosten, die der Hersteller hat, sondern auch um einen wirklichen Mehrwert für den Kunden. Es reicht nicht, Schrauben aus Platin zu nehmen, weil das keinen Vorteil für den Kunden darstellt.

Warum betrifft die Glashütte-Regel nur das Werk?

Schwertner: Ich habe ursprünglich dafür gekämpft, die Regel weiter auszudehnen. Der Nachteil ist nur: Wenn man die ganze Uhr bewertet, hat jeder, der kein Gehäuse aus Glashütte hat,  keine Chance mehr auf die 50 Prozent Wertschöpfung zu kommen. Außerdem empfindet der Kunde das Werk als den wertbestimmenden Teil der Uhr, auch wenn das bei vielen Uhren nicht stimmt. Ich habe heute die Statistik der Schweizer Exporte gelesen: der Durchschnittspreis einer Schweizer Uhr liegt bei 2500 Franken, der Durchschnittspreis eines Werkes bei 80 Franken. Das Werk hat heute also oftmals nur einen geringen Anteil am Preis einer Uhr. Aber im Bewusstsein der Kunden ist es noch wie vor 100 Jahren: Das Werk ist ganz wertvoll und dann wird dem ein Gehäuse drumrum gegeben. Günther Blümlein hat mal gesagt, wenn die Verpackung und das Band mittlerweile teurer sind als das Uhrwerk, dann haben wir doch in unserer Branche irgendwas falsch gemacht. Also wenn ein Glashütter Werk doppelt so teuer oder doppelt so wertvoll wie ein Schweizer Werk ist, dann wird der Name Glashütte auch dauerhaft über dem des Swiss Made stehen, wie es früher ja auch war. Dann ist Glashütte irgendwo zwischen Swiss Made und Genfer Punze angesiedelt.

Fragen: Jens Koch, Fotos: Marcus Krüger, Hamburg; aus Chronos 5-2008

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren