Chopard: Exklusives Interview mit Chronos

Katharina Studer
von Katharina Studer
am 8. März 2010

 

Karl-Friedrich Scheufele

 

 

Wir kommen mit vier neuen Kalibern”


Karl-Friedrich Scheufele

 

Chronos Special Basel
Chronos Special Basel erscheint am 19. März am Kiosk

Chronos sprach exklusiv mit Chopard-Co-Präsident Karl-Friedrich Scheufele über Konjunktur und Krise, Kaliber zum Jubiläum und Konzepte für die Zukunft.  

Herr Scheufele, die Branche steckt, weltweit gesehen, in einer Krise. Wie geht es Chopard?
Retrospektiv betrachtet haben wir 2009 recht gut gemeistert. Natürlich waren gewisse Rückgänge gegenüber dem Rekordjahr 2008 zu verzeichnen. Aber zum Glück hielt sich alles in überschaubaren Grenzen. Gelitten haben insbesondere die USA, die Ostmärkte generell und Russland im speziellen, dazu die zuvor sehr schnell wachsenden Märkte. Europa hat sich erstaunlich gut gehalten und Fernost hat sich Ende 2009 am schnellsten wieder erholt.

Wer hat stärker gelitten: die Stammmarke Chopard oder L.U.C?
Eigentlich waren beide Schienen gleichermaßen betroffen. Bei L.U.C haben sich einfachere Modelle grundsätzlich besser verkauft als komplizierte, wobei wir gerade in unseren Boutiquen auch etliches Hochpreisige von L.U.C an den Mann bringen konnten. Eine genaue Regel lässt sich aber hier nicht darstellen.

Sind Unterschiede zwischen Damen- und Herrenuhren zu verzeichnen?
Nein. Alles bewegte sich weitgehend gleich nach unten, preisgünstigere Modelle litten weniger als teure. Aber nochmals: Ein Ausbleiben des Verkaufs teurer Uhren lässt sich keinesfalls konstatieren. Wir waren am Ende des Jahres 2009 nicht unzufrieden, weil wir am Anfang definitiv Schlimmeres erwartet hatten.

Sie beschäftigen weltweit rund 1700 Mitarbeiter. Mussten Sie angesichts der Krise Personal entlassen?
Bedauerlicherweise mussten wir 37 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freisetzen.

Wie verteilen sich die Entlassenen?
Zu gleichen Teilen auf Produktion und Administration. Darüber hinaus haben wir 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mehr ersetzt, die beispielsweise infolge Ruhestand und natürlicher Fluktuation ausgeschieden sind. Macht zusammen 82 Leute.

Wie ist dabei das Verhältnis Genf zu Fleurier?
In Relation zur Beschäftigtenzahl generell sind es in Genf prozentual etwas mehr gewesen. Aber es war uns ein großes Anliegen, die erworbene Kompetenz und das Know-how im Unternehmen zu behalten. Dabei half uns auch das Instrument der Kurzarbeit.

Sehen Sie nun Licht am Ende des Krisentunnels?
Eindeutig ja, wie auch unsere gerade zurückliegenden Meetings mit den Länderchefs ergeben haben. Alle blicken deutlich optimistischer in die Zukunft. Die Stimmung ist wieder besser geworden. Aber beweisen muss sich unser Empfinden natürlich durch die Umsätze zum Beispiel während der bevorstehenden Baselworld.

Wie sind Ihre Konzessionäre mit der Krise umgegangen?
Freie Fachhändler haben im Gegensatz zu unseren eigenen Boutiquen ihr Lager abgebaut und die Einkäufe stärker gedrosselt als die Umsätze gefallen sind. Minus zwanzig Umsatzprozente führten da und dort zu einem halbierten Einkaufsvolumen. Aber durch die eigenen Geschäfte konnten wir kompensieren.

 

 

Die Familie hinter der Marke

familieSind eine familiäre Struktur und familiäre Besitzverhältnisse in Krisenzeiten von Vorteil?
Familienbetriebe besitzen dann einen unbestreitbaren Vorteil, wenn sie über eine gesunde finanzielle Struktur verfügen. Sie können wegen der langfristigen Perspektiven Krisen besser entgegenwirken. Und die menschlichen Aspekte dürfen keineswegs unterschätzt werden.

Wie feiern Sie das Jubiläum? Rauschende Feste oder eher Beschaulichkeit angesichts der finanziellen Verwerfungen weltweit?
Zu rauschenden Festen besteht kein Anlass. Wir werden unsere langjährigen Geschäftspartner und Freunde in Basel zu einem Konzertabend mit José Carreras und einer Flamencogruppe einladen. Dadurch fördern wir die José-Carreras-Stiftung. Dann organisieren wir kleinere historisch orientierte Ausstellungen in unseren Boutiquen und bei führenden Konzessionären. Und ein Buch „150 Jahre Chopard” wird es natürlich auch geben.

 

Uhren-Neuheiten

Was bringen Sie an speziellen Uhrenmodellen?
Wir werden mit vier neuen Kalibern in vier verschiedenen, natürlich limitierten Uhrenmodellen aufwarten. Das erste ist eine Hommage an Louis-Ulysse Chopard: „The Tribute”, in einer Auflage von 150 Stück. Dabei handelt es sich um eine Taschenuhr mit einem neu entwickelten Uhrwerk, das wir auch den Schülern der Genfer Uhrmacherschule zur Verfügung stellen wollen. Das ist ein ganz klassisches Kaliber, das selbstverständlich die Voraussetzungen für das Genfer Siegel erfüllt. Wir schalen es in ein Weißgoldgehäuse ein, das sich an der mitgelieferten Kette in der Tasche tragen oder mit Hilfe der modernisierten ESZEHA-Spange am Handgelenk befestigen lässt.
Dann kommt das Modell „L.U.C 150″; es trägt intern den Spitznamen „All in one”. Damit kommt zum Ausdruck, dass es sich um unser bislang kompliziertestes Oeuvre handelt.

Was kann diese Uhr?
Sie besitzt ein Tourbillon, einen ewigen Kalender, Indikationen für Sonnenauf- und -untergang sowie Zeitgleichung, Gangreserveanzeige und schließlich eine besonders große orbitale Mondphasenindikation auf der Rückseite.

Kein Chronograph?
Nein, denn wir wollen uns ja auch noch etwas für später aufheben. Die L.U.C 150 ist limitiert auf dreimal 15 Exemplare in Rotgold, Weißgold und Weißgold mit Diamantbaguetten.

Was gibt es noch? 

L.U.C. Engine One Tourbillon
L.U.C. Engine One Tourbillon

Die L.U.C „Engine One” mit tonneauförmigem Tourbillon-Kaliber, dessen Ausführung, Finissage mit schwarzen Streifen und die von vorne sichtbare Aufhängung in einem ebenfalls tonneauförmigen Gehäuse an einen Automotor erinnert. Es handelt sich um ein ganz neues Kaliber mit nur einem Federhaus statt vier, wie bei unseren anderen Tourbillonkalibern.

Bringen Sie auch etwas für normal gefüllte Portemonnaies?
Ja: Die 1937 Exemplare der L.U.C 1937 erinnern an das Jahr, als Chopard von Sonvillier nach Genf übersiedelte. Das Stahlgehäuse mit Twist-Krone birgt unser einfacheres Automatikkaliber von Fleurier Ebauches, unseren „Traktor” sozusagen. Dieses zur Industrialisierung vorgesehene Werk mit Zentralrotor liefern wir zum Debüt scharf kalkuliert in L.U.C-Ausführung.

 

 

Die Manufaktur

manufakturDie Komponenten entstehen schon in Ihrer neuen Fabrik?
Ja, das kann man für Teile wie die Platinen, Brücken und Kloben so sagen.

Und die voll industrialisierte Version …
…wird wohl 2011 auf den Markt kommen, zusammen mit dem ebenfalls industriell zu fertigenden Automatik-Chronographen, an dem wir bei Fleurier Ebauches sehr intensiv arbeiten. Wir haben eine zweite Transfermaschine angeschafft und stehen in den Startlöchern.

Werden auch andere Marken in den Genuss dieser Kaliber kommen?
Das ist derzeit noch nicht spruchreif. Wir müssen erst einmal für uns selber sorgen. Aber die Firma heißt ja nicht umsonst Fleurier Ebauches. Was nicht ist, kann durchaus noch werden. Unser neuer, einschlägig sehr erfahrener Mitarbeiter und sein Team stimmen mich da jedenfalls sehr optimistisch.

Wie geht es gegenüber bei L.U.C? Haben Sie Ihr Planziel, jährlich 8000 Uhrwerke produzieren zu können, inzwischen erreicht?
Definitiv ja. Die Strukturen und die Kapazitäten sind vorhanden. Aber die Krise hat sich natürlich auf die Stückzahlen ausgewirkt. Bei allem gilt es zu bedenken, dass wir bei L.U.C inzwischen einen ganzen Cocktail verschiedener Uhrwerke in sogar ganz unterschiedlichen Ausführungen herstellen. Und das klappt bestens. Hier können wir uns keine Minute lang beklagen.

 

 

Chopard und die Mille Miglia mille-miglia
Die 1000 Miglia steht quasi vor der Tür. Mit welchem Auto sind Sie 2010 dabei?
Geplant ist der Porsche Spyder.

Wer wird Sie als Beifahrer begleiten?
Meine Frau, hoffe ich, aber die weiß noch nichts von ihrem Glück.

Und Ihr Vater?
Partizipiert mit seinem Mercedes 300 SL. Der Wagen macht dieses Jahr übrigens seine 20. 1000 Miglia. Völlig problemlos.

Welche Uhr kommt zur Rallye?
Ein Chronograph, dessen Zifferblattdesign an ein Exemplar von vor zehn Jahren erinnert. Wir werden das Modell diesmal aber noch nicht in Basel zeigen.

Mit einem Automatikwerk der Eta?
Ja, warum nicht? Wir sind seit Jahren guter Kunde von Eta und wollen das auch in Zukunft weiter bleiben. Wir haben keine Probleme mit unserem Lieferanten. Seine Strategie hat die Branche ungemein beflügelt, in eigene Werke zu investieren. Wer das getan hat, besitzt eine gute Basis für sie Zukunft. Zu leiden haben in erster Linie die so genannten Trittbrettfahrer.

 

 

 

Die Zukunft

Sie arbeiten seit einiger Zeit an einem neuen Kaliber mit Zehn-Hertz-Hemmung, also 72000 Halbschwingungen pro Stunde. Wie kommen Sie damit voran?
Gut. Wir befinden uns in der dritten Entwicklungsphase. Die Werte werden immer besser. Inzwischen erreichen wir Chronometerqualität. Dass dieses Produkt eines Tages auf den Markt kommen wird, steht außer Zweifel.

Wohin gehen Ihrer Meinung nach die Uhrentrends der kommenden Jahre? Bleiben Opulenz und Größe?
Die Zeit der opulenten, übergroßen Armbanduhren neigt sich meiner Meinung nach dem Ende entgegen. Die Tage sind irgendwie gezählt.

 

Klassisches Design: die L.U.C. XP
Klassisches Design: die L.U.C. XP

Ist krisenbedingt nicht doch eher flache Eleganz angesagt?

Diese Uhren kommen bei den Kunden immer besser an. Mit unserer L.U.C XP haben wir diesen Trend ja irgendwie mitbestimmt. Klar, dass wir in dieser erfolgreichen Richtung weiter gehen wollen. Der Stil wird sich, denke ich, auch durchsetzen.

Bleiben Tourbillons en vogue?
Das Thema Tourbillon wird sich sicher beruhigen. Der Höhepunkt ist definitiv überschritten. Aber die Faszination dieser Komplikation wird bleiben und die Spreu dürfte sich gerade beim Innenleben vom Weizen trennen. Ganz abgesehen davon vergrößert sich die Gemeinde der Liebhaber mechanischer Spezialitäten immer noch. Und manch einer findet sich Gefallen am Tourbillon.

Sie sind nebenbei auch im Weinhandel aktiv. Leidet dieses Business auch unter der Krise oder sind Wein-Gourmets krisenresistenter als Uhren-Aficionados?
2009 hat auch das Geschäft mit edlen Weinen etwas gelitten. Zu Beginn 2009 mussten wir einen Rückgang um 25 Prozent konstatieren. Am Ende des Jahres war das Niveau 2007 wieder erreicht. Das absolute Rekordjahr 2008 war indessen nicht mehr zu schaffen. Für den Januar 2010 liegt ein gutes Resultat vor. Das Erfreuliche: Die Winzer im Bordeaux sind bei ihren Preisen wieder mehr am Boden angekommen. Diese Tendenz ist mehr als positiv.

Ihre Kinder sind zwar noch jung, aber doch nicht mehr so klein. Können Sie sich vorstellen, dass sie eines Tages in die familiären Fußstapfen treten?
Es würde mich ungemein freuen, aber sie sind noch zu jung, als dass man das schon jetzt beurteilen könnte. Außerdem ist bei unserer heutigen Firmengröße einiges an Führungsqualität gefragt, und das muss sich erst noch erweisen. Ich wünsche es mir jedenfalls.

 (Fragen: Gisbert L. Brunner)

Mehr zum 150. Geburtstag von Chopard und andere interessante Uhren-Themen finden Sie in der kommenden Ausgabe Chronos Special Basel, die am 19.03. am Kiosk erscheint.

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