Hanhart: Fliegeruhren für das Militär

Ein Überblick der Militäruhren von Hanhart für Piloten

Walter Castillo
von Walter Castillo
am 17. November 2016

Militärische Fliegeruhren der Marke Hanhart aus dem Schwarzwald finden seit einigen Jahren wachsende Beachtung bei Uhrenfreunden. Die Gründe für dieses Interesse liegen einerseits am unverwechselbaren Hanhart-Design wie der kannelierten Drehlünette, dem typischen Nietenarmband, der dicken Fliegerkrone oder dem oftmals rot gefärbten Rückstellknopf. Andererseits verhalf der Hollywood-Star Steve McQueen der geschichtsträchtigen Marke zu größerer Bekanntheit. Auf zahlreichen Bildern aus seinem Nachlass sieht man den „King of Cool“ mit einem Hanhart-Nachkriegschronographen. Ganz offensichtlich war die Hanhart eine seiner Lieblingsuhren.

Flugschüler der Luftwaffe: Einige von ihnen werden später eine Fliegeruhr von Hanhart tragen.</br>(Foto: Walter Castillo)
Flugschüler der Luftwaffe: Einige von ihnen werden später eine Fliegeruhr von Hanhart tragen.
(Foto: Walter Castillo)

Anfänge und Mythos der Hanhart-Fliegeruhren

Die Anfänge der Produktion von Fliegeruhren bei Hanhart gehen auf den Zweiten Weltkrieg zurück. Die Firma aus Gütenbach im Schwarzwald war ursprünglich auf Stoppuhren spezialisiert und bekam einen Rüstungsauftrag für die deutsche Luftwaffe. Wahrscheinlich ab 1938 – so ganz genau weiß man das nicht – wurden zunächst sogenannte Eindrücker-Taschenchronographen und später Eindrücker-Fliegerchronographen nach militärischen Vorgaben produziert. Grundlage war das Hanhart-Kaliber 40, das auf einem Landeron-Chronographenwerk basiert. Mit diesen Uhren lassen sich einfache Additionsstoppungen vornehmen. Beim erneuten Betätigen des Drückers springt der Stoppzeiger zurück in die Nullstellung. Die Uhren sind äußerst robust und funktionieren auch heute, nach über 70 Jahren, in der Regel noch tadellos.

Zwei Eindrückerchronographen von Hanhart,</br>links mit und rechts ohne Drehlünette (Foto: Walter Castillo)
Zwei Eindrückerchronographen von Hanhart,
links mit und rechts ohne Drehlünette (Foto: Walter Castillo)

Im Laufe der Zeit kamen Doppeldrücker-Chronographen hinzu, die über eine Flyback-Funktion verfügten. An dieser Stelle beginnt der Mythos vom roten Drücker. Die Legende besagt, dass die Fliegerbräute ihren Männern – als Zeichen der Verbundenheit – den unteren Drücker des Chronographen mit Nagellack rot anmalten. Der wahre Hintergrund dürfte eher praktischer Natur gewesen sein. Der Flyback-Drücker wurde zur besseren Kennzeichnung rot lackiert, da bei einem versehentlichen Drücken der Abbruch des laufenden Stoppvorgangs drohte. Interessant in diesem Zusammenhang sind die firmeninternen Bezeichnungen: Chronographen hießen in der Hanhart-Sprache Stopparmbanduhren, was angesichts des Hauptgeschäftsfelds logisch erscheint. Die schon erwähnte Flyback-Funktion wurde offiziell als Temposchaltung bezeichnet.

Hanhart-Fliegeruhren für die Reichsluftwaffe

Während des Zweiten Weltkriegs wurden fünf unterschiedliche Modelle an die Reichsluftwaffe ausgeliefert. Die Uhren waren im Werk oder auf dem Rückdeckel mit einer sechsstelligen Seriennummer gekennzeichnet, beginnend bei der 100.000 bis etwa zur 127.000 bei Kriegsende. Grundsätzlich gab es folgende Modellvarianten:

  • Eindrücker-Chronograph ohne Drehlünette
  • Eindrücker-Chronograph mit Drehlünette
  • Doppeldrückerchronograph ohne Drehlunette
  • Doppeldrücker-Chronograph mit Drehlünette
  • Dreizeigeruhren mit reduziertem Chronographenwerk
Eindrückerchronograph ohne Schriftzug und mit Pointerlünette</br>(Foto: Walter Castillo)
Eindrückerchronograph ohne Schriftzug und mit Pointerlünette
(Foto: Walter Castillo)

Die genauen Einführungstermine sind unklar. Wahrscheinlich begann 1939 die Produktion mit den am häufigsten anzutreffenden Eindrückern ohne Drehlünette. Ab etwa 1941 kamen die Doppeldrücker mit Temposchaltung mit dem Kaliber 41 hinzu. Da die Komponenten von unterschiedlichen Zulieferern bezogen wurden, gibt es auch innerhalb der unterschiedlichen Modellreihen diverse Varianten. So wurden beispielsweise einige Eindrücker mit Drehring mit einem sogenannten Pointer auf der Zwölfuhrposition versehen. Dieser diente der besseren Erkennung der eingestellten Position während des Einsatzes.

Ein Doppeldrücker-Chronograph von Hanhart ohne Drehlünette aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs</br>(Foto: Felix Hallinger)
Ein Doppeldrücker-Chronograph von Hanhart ohne Drehlünette aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs
(Foto: Felix Hallinger)

Eine weitere Variante ist bei den Zifferblättern anzumerken. Es gab für die Eindrücker sogenannte sterile Zifferblätter ohne Herstellerlogo. Auch das gelegentlich anzutreffende Tachy-Tele-Zifferblatt ist eine Variante und keineswegs ein eigenes Modell, wie oftmals behauptet wird. Das Zifferblatt verfügt über eine außenliegende Telemeterskala zur Entfernungsbestimmung und eine innen liegende Tachymeterschnecke zur Messung von Geschwindigkeiten. Das für die Kriegsmarine gebaute Eindrückermodell mit Drehlünette hat nur eine Telemeterskala zur Distanzbestimmung auf See.

Ein Doppeldrücker-Chronograph von Hanhart mit Drehlünette und rotem Drücker (Foto: Felix Hallinger)
Ein Doppeldrücker-Chronograph von Hanhart mit Drehlünette und rotem Drücker (Foto: Felix Hallinger)

Die Chronographen wurden alle nach den Anforderungen des Reichsluftfahrministeriums (RLM) gebaut und verfügten daher über bestimmte Ausstattungsmerkmale wie etwa eine Stoßsicherung, wasserdichte Schraubgehäuse mit Edelstahl- oder Messingböden, große Fliegerkronen, feste Bandstege, vernietete Armbänder. Leider ist das detaillierte Lastenheft des RLM mit der Anforderungsbeschreibung nicht mehr vorhanden. Die Uhren wurden dienstlich verwendet und in der Regel in den Wehrpass des Trägers eingetragen. Im Bild unten ein Beispiel dafür: Es zeigt den Eintrag eines frühen Fliegerchronograph mit “Nr. 10 09 20”, “leihweise ausgehändigt am 28.02.1945”. Der Inhaber des Wehrpasses nahm die Uhr später mit ins Zivilleben. Dienstuhren waren aber keinesfalls die Regel bei der Luftwaffe. Viele Piloten trugen während des Dienstes ihre zivile Uhr.

Der Flieger-Chronograph mit der Nr. 10 09 20 wurde im Wehrpass eines Piloten eingetragen.</br>(Foto: covenant)
Der Flieger-Chronograph mit der Nr. 10 09 20 wurde im Wehrpass eines Piloten eingetragen.
(Foto: covenant)

Eine Besonderheit sind die Dreizeigeruhren von Hanhart. Es handelt sich um Chronographenwerke, die auf die Grundfunktion Stunde, Minute und kleine Sekunde reduziert wurden. Die Gehäuse waren nicht verschraubt wie bei den Chronographen, sondern hatten einen einfachen Druckboden. Bei diesen Uhren finden sich durchgehend nahezu alle Werknummernkreise. Man kann davon ausgehen, dass sie vom Beginn an bis zum Kriegsende und sogar darüber hinaus gebaut wurden.

Zwei Dreizeiger-Fliegeruhren von Hanhart: links aus der Kriegszeit, rechts Nachkriegsära. (Foto: Walter Castillo)
Zwei Dreizeiger-Fliegeruhren von Hanhart: links aus der Kriegszeit, rechts Nachkriegsära. (Foto: Walter Castillo)

Hanhart-Fliegeruhren „MdI“ – Uhren für das Ministerium des Innern der DDR

Eine ungewöhnliche Geschichte spielte sich in den ersten Nachkriegsjahren ab. Hanhart belieferte die Kasernierte Volkspolizei (KVP) der DDR, eine Vorläuferorganisation der späteren NVA. Entgegen bisheriger Vermutungen handelte es sich nicht um auf dem Staatsgebiet der DDR eingelagerte Kriegsbestände, die hierzu verwendet wurden. Die Fliegerchronographen wurden aus dem Westen geliefert. Dabei wurden Restteile aus dem Krieg mit neuen Komponenten vermischt. Es handelte sich um Doppeldrücker-Chronographen mit und ohne Drehlünette. Die Werke waren meistens mit „Germany“ gekennzeichnet, was auf die westdeutsche Herkunft verweist. Da die KVP organisatorisch zum Ministerium des Innern gehörte (MdI), wurden auf dem Rückdeckel die Buchstaben „MdI“ geprägt. Die genaueren Hintergründe dieser Kuriosität werden in einem gesonderten Beitrag beleuchtet.

Der Bodendeckel eines Hanhart-Chronographen für das Staatministerium des Innern (MdI), DDR.</br>(Foto: Walter Castillo)
Der Bodendeckel eines Hanhart-Chronographen für das Staatministerium des Innern (MdI), DDR.
(Foto: Walter Castillo)

Auch die Bundeswehr arbeitet mit Hanhart-Fliegeruhren

Von 1955 bis 1962 baute Hanhart den ersten Fliegerchronographen für die neu gegründete Bundeswehr. Für viele Piloten, die bereits bei der früheren Luftwaffe gedient hatten, waren die Uhren der Inbegriff von Zuverlässigkeit. Gebaut wurden zwei Modelle: Referenz 417, ein Standardmodell mit vernickelten Messinggehäuse und Edelstahldruckboden und ein selteneres Stahlmodell unter der Bezeichnung 417-ES. Diese Stahlversion wird auch Steve McQueen zugeschrieben. Er hatte seine Uhr in der zivilen Version wahrscheinlich anlässlich der Aufnahmen zum Film „The Great Escape“ (“Gesprengte Ketten”) in Deutschland gekauft.

Der Bundeswehrchronograph von Hanhart.</br>(Foto: Felix Hallinger)
Der Bundeswehrchronograph von Hanhart.
(Foto: Felix Hallinger)

Beide Bundeswehrmodelle verwendeten das leicht veränderte Kriegskaliber 41 mit Temposchaltung. Die Gehäuse wurden neu entwickelt und waren etwas kleiner als bei den Wehrmachtsmodellen. Eingesetzt wurden die Uhren überwiegend bei den fliegenden Verbänden der Bundeswehr, aber auch in anderen Truppenteilen. Bekannt ist beispielsweise eine Variante mit weißem Zifferblatt für den medizinischen Dienst. Im Gegensatz zu den Wehrmachtsmodellen hatten die Hanhart-Bundeswehrchronographen eine militärische Versorgungsnummer auf dem Rückdeckel. Das Messingmodell wurde unter 6645-12-121-5208 und das Stahlmodell unter 6645-12-120-4858 geführt. Auch bei den Bundeswehr-Hanharts gab es diverse Zifferblatt- und Zeigervarianten. So waren einige Zifferblätter mit „Shockproof Antimagnetic“ gekennzeichnet. Bei den Zeigern gab es gebläute, lackierte und metallfarbene Zeigersätze mit unterschiedlichen Formen.

Das Hanhart-Kaliber 41 in der Nachkriegsversion.</br>(Foto: Walter Castillo)
Das Hanhart-Kaliber 41 in der Nachkriegsversion.
(Foto: Walter Castillo)

Vixa für die französischen Streitkräfte – Hanhart-Chronographen à la Francaise

Im Jahr 1954 lieferte Hanhart ein größere Anzahl von Fliegeruhren mit Temposchaltung an die französische Luftwaffe. Es handelte es sich um eine leicht veränderte Variante des Edelstahlmodells für die Bundeswehr. Die Uhr wurde unter dem Markennamen Vixa Type 20 ausgeliefert. Die Abbildung zeigt einen Vergleich mit dem Bundeswehrmodell. Auf dem Rückdeckel der Vixa-Chronographen wurden die in regelmäßigen Abständen stattfindenden Serviceintervalle eingetragen.

Ein Vixa-Chronograph für die Franzosen und eine Hanhart für die Bundeswehr. (Foto: Walter Castillo)
Ein Vixa-Chronograph für die Franzosen und eine Hanhart für die Bundeswehr. (Foto: Walter Castillo)

Tradition der Hanhart-Fliegeruhren: Die Flamme weiter tragen

Hanhart führt in seiner modernen Kollektion die Tradition seiner Fliegeruhren fort. Im Jahr 1997 wurde die Uhrenproduktion mit der limitierten Replikaserie offiziell wieder aufgenommen. Es entstand eine detailgetreue Nachbildung des legendären Fliegerchronographen für die deutsche Luftwaffe. In der Folge orientierte man sich wieder stark an den historischen Vorbildern.

Eng am Original: Die Replika des Fliegerchronographen aus dem Jahr 1997. (Foto: Walter Castillo)
Eng am Original: Die Replika des Fliegerchronographen aus dem Jahr 1997. (Foto: Walter Castillo)

Doch sieht sich die Firma nicht nur in der Pflicht, die Asche der Vergangenheit zu bewahren. Die moderne Hanhart-Fliegeruhrenkollektion verfügt über Neuerungen wie kratzfeste Gehäuse nach dem „HDS-pro“-Verfahren oder flexible Bandanstöße. In einem Punkt gibt man sich aber unerschütterlich traditionell: Der rote Drücker bleibt das Markenzeichen der Gütenbacher und symbolisiert die große Geschichte des Unternehmens.

Fortlaufend aktualisierter Artikel, erstmals online gestellt im Oktober 2014.

Walter Castillo ist begeisterter Sammler von historischen Flieger- und Militäruhren. Er ist Betreiber des Internetforums Vintage-Time.de, das sich seit 2007 dem Thema klassische Uhren mit Schwerpunkt Flieger- und Militäruhren widmet: www.vintage-time.de

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