Replica-Uhren: „Es existieren mehr Kopien als Originale“

Schweizer Uhrenindustrieverband FH – Der Kampf gegen Replica-Uhren und für „Swiss Made“

Thomas Wanka
von Thomas Wanka
am 30. November 2014

Das Gebäude rundet sich im sachlich Zurückhaltenden etwas von der Ecke eines Platzes unweit des Bieler Hauptbahnhofes ab. Der Hauptsitz des Schweizer Uhrenindustrieverbandes, kurz FH, ist von der sachlichen Nüchternheit geprägt, wie man sie von einer eidgenössischen Interessenvertretung nicht ganz zu Unrecht erwartet. Beim Betreten ahnt niemand, dass sich direkt hinter schlichten Bürotüren die Kampfzone gegen den Betrug mit gefälschten Uhren, auch bekannt als Replica-Uhren, befindet.

Der Schweizer Uhrenindustrieverband FH identifiziert Replica-Uhren – und dokumentiert Beweise

Wir betreten ein kleines Büro mit einer Einrichtung, die uns bekannt vorkommt. Tatsächlich sind hier die Uhrmacherin Anne-Laure Droz und der Uhrmachermeister David Luther damit beschäftigt, Replica-Uhren als solche zu erkennen und beweiskräftig und gerichtsverwertbar zu dokumentieren. David Luther legt uns ein sehr schönes Exemplar unter seine hochauflösende Kamera, die mit seinem Monitor verbunden ist. Tatsächlich ist es in diesem Beispiel auch ihm erst gelungen, die Fälschung nach Öffnen des Keramikgehäuses als solche zu erkennen.

Uhrmachermeister David Luther untersucht eine vermutliche Fälschung.
Uhrmachermeister David Luther untersucht eine vermutliche Fälschung.

Das Modell eines Schweizer Nobelherstellers wurde gezielt auf einem Online-Portal eines sogenannten Replica-Anbieters erworben, um es hier eingehend zu untersuchen. Nach der Begutachtung des Werkes ist schnell klar, dass es sich, trotz des nachgeahmten, mit felgenähnlichen Strukturen des Originals versehenen Rotors um ein schlichtes Sea-Gull-Werk handelt. Dieser dank des mittlerweile ausgelaufenen Patentschutzes völlig legale Nachbau des 2824 ist weit verbreitet und entspricht in den Abmessungen und Zeigerpositionen dem ETA 2824. Durch eine eingestanzte ETA-Punze wird der legale Nachbau jedoch zu einer kriminellen Fälschung die, wie viele andere Replica-Uhren, mehr zu sein vorgibt, als sie ist.

Replica-Uhren werden miteinander verglichen, um sie Quellen zuzuordnen

Unser Fachmann scannt die Punze hochauflösend ein und sucht in seiner umfassenden Datenbank – jährlich werden 600 bis 800 solche Untersuchungen hier durchgeführt – nach einem Pendant aus einer anderen Fälschung. Hier werden nicht Originale mit Fälschungen verglichen, sondern Fälschungen untereinander auf Gemeinsamkeiten untersucht, um festzustellen, welche Replica-Uhren aus den gleichen Quellen kommen. Das sei oft vor Gericht wichtig, erläutert uns Yves Bugmann, der Justitiar der FH. Denn vor Gericht behaupten die Fälscher oft dreist, das sei ihre erste Fälschung, weil sie gerade mit ihrem Betrugsgeschäft begonnen hätten. Mit dieser Ermittlungsmethode gelingt es jedoch nachzuweisen, dass entsprechende Replica-Uhren bereits seit Jahren auf dem Markt sind.

Schweizer Uhrenindustrieverband FH: Justitiar Yves Bugmann und Präsident Jean-Daniel Pasche
Schweizer Uhrenindustrieverband FH: Justitiar Yves Bugmann und Präsident Jean-Daniel Pasche (rechts).

Dem gleichen Zweck dient auch der nächste Kontrollschritt. Diesmal gelangt der Schriftzug »Automatic« auf dem Zifferblatt der Fälschung ins Raster der Fahnder. Er wird vergrößert und nach typischen Fehlern untersucht, welche der verwendeten Druckmaschine eigen sind. Wie früher der Erpresserbrief einer bestimmten Schreibmaschine zugeordnet werden konnte, identifizieren die Fachleute der FH typisch wiederkehrende Merkmale und ordnen so die Fälschungen verschiedener Modelle einer bestimmten Quelle zu.

Der Fachmann der FH erkennt, auf welcher Maschine die Replica-Uhr angefertigt wurde.
Der Fachmann der FH erkennt, auf welcher Maschine die Replica-Uhr angefertigt wurde.

Einige Replica-Uhren kommen den Originalen erschreckend nah 

Die meisten Replica-Uhren bewegen sich in drei bis vierstelligen Preisbereichen, aber in einer kleinen Vitrine zeigt man uns einige spektakuläre Fälschungen, welchen man die Zerstörung erspart hat, um sie als Anschauungsobjekte einzusetzen. Es sind bekannte Modelle aller Schweizer Marken darunter.

Die Vitrine beherbert besonders eindrucksvolle Replica-Uhren.
Die Vitrine beherbergt besonders eindrucksvolle Replica-Uhren.

Besonders spektakulär ist ein funktionales Tourbillonmodell einer Schweizer Marke. Von erstaunlicher Qualität ist auch ein sehr hochwertig gestaltetes Tourbillon einer Glashütter Firma. Zu letzterem fehlt allerdings ein Original, da das Modell mehr der Fantasie des Fälschers entspringt. Sehr nahe am Original ist wiederum ein populäres Taucheruhrenmodell. Dieses ist sehr aufwändig kopiert, bis hin zum Kautschukband mit patentierter Tauchverlängerung in der Edelstahlfaltschließe. Und dieses Modell, erläutert uns Jean-Daniel Pasche, der Präsident der FH, der uns bei unserem Rundgang begleitet, fiel den Fahndern bereits drei Monate nach der Vorstellung des Modells auf der Baselworld in die Hände.

Ihre Meinung interessiert uns!

2s Kommentare zu “Replica-Uhren: „Es existieren mehr Kopien als Originale“”
  1. Stephan Kapfhammer

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    ich würde gerne mal wissen ob es von der Tutima Replika Fliegeruhr mittlerweile auch Fälschungen gibt, da ich mir gerne eine kaufen möchte, aber manche private Angebote mir etwas seltsam vorkommen. Freue mich auf eine Rückantwort

  2. Melanie Feist

    Lieber Herr Kapfhammer, vielen Dank für Ihren Kommentar. Ihre Frage können wir leider nicht beantworten. Nur soviel: alles ist möglich! Wenn Sie sich bei einem privaten Angebot nicht sicher sind, empfehlen wir immer, lieber die Finger davon zu lassen. Am besten ist es, wenn Originalverpackung und Papiere im Angebot enthalten sind. Viele Grüße

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