Tutima: Uhrenmarke kehrt nach Glashütte zurück

Fliegerchronograph und Minutenrepetition

Rüdiger Bucher
von Rüdiger Bucher
am 17. Oktober 2011

Der Uhrenhersteller Tutima feiert die Rückkehr in die alte Heimat mit einer Minutenrepetition.

Tutima Hommage Minutenrepetition in Roségold
Tutima Hommage Minutenrepetition in Roségold

 

 
In der ehemaligen Bahnmeisterei: Tutimas Domizil in Glashütte
In der ehemaligen Bahnmeisterei: Tutimas Domizil in Glashütte

Mit der Uhrenmarke Tutima verbinden viele Uhrenfreunde vor allem zwei Modelle:
zum einen den 1985 entwickelten offiziellen Fliegerchronographen der Bundeswehr mit seinen charakteristischen langen Drückern; zum anderen das Replikat des berühmten Fliegerchronographen von 1941.
Diesen Chronographen mit umgebautem Valjoux-7760-Handaufzugskaliber und geriffelter Lünette legte die in Ganderkesee bei Bremen produzierende Tutima in den neunziger Jahren auf. Sein Vorbild führt direkt in die bewegte Geschichte der Marke, die in Glashütte beginnt.

Dr. Ernst Kurtz (1899–1996)
Dr. Ernst Kurtz (1899–1996)
 

1926 baute der Jurist Dr. Ernst Kurtz in Glashütte zwei neue Unternehmen auf: die Uhren-Rohwerke-Fabrik Glashütte AG (UROFA) und die Uhrenfabrik Glashütte AG (UFAG). Kurtz’ Ziel war es, in Glashütte eine industrielle Massenproduktion von Armbanduhren und Uhrwerkteilen aufzubauen. Diese sollte, ja musste die bisherige handwerklich dominierte Fertigung von Taschenuhren ersetzen. Für die Präzisions-Taschenuhren, die Glashütte einst so berühmt gemacht hatten, war nach dem Ersten Weltkrieg kein Markt mehr vorhanden. Gleichzeitig begann in den zwanziger Jahren der rasante Aufstieg der Armbanduhr, die bis zum Weltkrieg noch eher als Schmuckstück für Frauen angesehen worden war.
Die nach Kriegsende zunächst gegründete Genossenschaft „Deutsche Präzisions-Uhrenfabrik Glashütte“ (DPAG) hatte allerdings Wirtschaftskrise und Hyperinflation nicht überlebt, und so engagierte die Girozentrale Sachsen jenen Ernst Kurtz, mit dem Auftrag, aus der Konkursmasse eine zeit- und marktgerechte Uhren- und Werkeproduktion aufzubauen.

Die Geburt der Uhrenmarke Tutima

Kurtz tat genau das Richtige: Er setzte auf Armbanduhren und auf eine rationalisierte Herstellung. Der Start erfolgte freilich nicht ohne Schweizer Know-how – Kurtz kaufte die kleine Bieler Uhrenfabrik Emil Judith und transferierte ihren Maschinenpark samt Cheftechniker nach Glashütte. Fortan produzierte die UFAG erfolgreich preisgünstige Uhren für ein breites Publikum, die Werke lieferte die UROFA. Freilich fertigte die UFAG auch Uhren höherer Qualität, und diese erhielten den Namen „Tutima“ (vom Lateinischen tutus – sicher, geschützt). Im Zweiten Weltkrieg musste die UFAG in erster Linie an die deutsche Wehrmacht liefern. Zu einem Meilenstein in der Geschichte der Fliegeruhren wurde 1941 der oben erwähnte Zwei-Drücker-Fliegerchronograph „Tutima“. Dank seines Kalibers 59 war er der erste deutsche Chronograph, der Additionsstoppungen erlaubte und darüber hinaus mit der für Piloten so wichtigen Flyback-Funktion (damals „Tempostopp“ genannt) ausgestattet war.
 
Die Tutima-Uhrmacher bei der Arbeit
Die Tutima-Uhrmacher bei der Arbeit
Am 8. Mai 1945, dem letzten Kriegstag, fielen die Uhrenanlagen in Glashütte sowjetischen Bombenangriffen zum Opfer. Dr. Kurtz war schon am Vortag in den Westen geflohen. Dort baute er umgehend wieder eine Uhrenfertigung auf: zunächst im unterfränkischen Memmelsdorf, später in Ganderkesee. Sein Mitarbeiter Dieter Delecate übernahm die Firma 1960 und vertrieb danach Uhren der Marke Tutima – und tut das bis heute, seit vielen Jahren unterstützt von seinen Kindern Jörg und Ute. Nach der Wende von 1989/90 stellte sich für Delecate die Frage nach einer Rückkehr Tutimas nach Glashütte. Erst 2005 aber fand er ein geeignetes Gebäude in der ehemaligen Bahnmeisterei in der Altenberger Straße – direkt neben dem alten Bahnhof, in dem heute Nomos sitzt, gegenüber den Gebäuden von A. Lange & Söhne und Glashütte Original. 2008 waren die Umbauarbeiten abgeschlossen, die Eröffnung erfolgte weitere drei Jahre später, am 12. Mai 2011.
 
Traditionelle Technik, modern konstruiert: Im CAD-Programm sind alle Einzelteile gespeichert
Traditionelle Technik, modern konstruiert: Im CAD-Programm sind alle Einzelteile gespeichert
Zur offiziellen Eröffnungsfeier ließ sich die Uhrenmarke Tutima Zeit. Das lag nicht nur am Umbau, sondern auch an der Uhr, die man präsentieren wollte. Obwohl Tutima historisch vor allem für Fliegeruhren steht, sollte ein besonders hochwertiges Modell an die Schaffenskraft des Gründers und Visionärs Ernst Kurtz erinnern. Daher auch der Name der Uhr: Hommage.
 
Die Dreiviertelplatine wird von Hand graviert
Die Dreiviertelplatine wird von Hand graviert
Einen geeigneten Partner fanden die Delecates im renommierten Uhrmachermeister Rolf Lang. Der langjährige Chefrestaurator im Mathematisch-Physikalischen Salon in Dresden war zuvor unter anderem für A.Lange & Söhne und H. Moser & Cie. tätig gewesen. Lang suchte ein kleines Team zusammen, mit dem Tutima nun in seine zweite Glashütter Ära geht: zwei Uhrmacher, zwei Konstrukteure, zwei Jungfacharbeiter, zwei Lehrlinge, einen Graveur sowie einen Mitarbeiter, der die CNC-Maschine bedient. Mittlerweile ist Tutima in der Lage, Prototypen und Uhren in Kleinserie zu bauen. In Zukunft soll wieder die gesamte Produktion in Glashütte stattfinden; in Ganderkesee verbleibt dann der Teil der Produktion, der sich Delecates Zweitmarke Boccia widmet.

 

Keine Einblicke: Modell mit geschlossenem Zifferblatt
Keine Einblicke: Modell mit geschlossenem Zifferblatt

Erste Minutenrepetition

Die erste Glashütter Tutima-Uhr des 21. Jahrhunderts ist freilich ein Paukenschlag: eine Minutenrepetition. Ausgerechnet jene Komplikation also, die in der hohen Uhrmacherkunst als die schwierigste gilt.
Selbst manche bedeutenden Schweizer Manufakturen bauen die Rohwerke für Repetitionsuhren nicht selbst, sondern beziehen sie von Spezialisten, zum Beispiel aus dem Vallée de Joux; auch in Glashütte verfuhr man bislang immer so. Rolf Lang aber scheute vor der Mammutaufgabe nicht zurück. Drei Jahre arbeitete er mit seinem Team an der Entwicklung – und musste dabei so manche Kehrtwendung vollziehen. So schrumpfte etwa der geplante Werkdurchmesser von 38 auf jetzt 32 Millimeter, und die Tonfeder wurde schließlich am Gehäuse befestigt und nicht am Werk.
 
Typische Glashütter Optik: Dreiviertelplatinemit großer Schraubenunruh
Typische Glashütter Optik: Dreiviertelplatinemit großer Schraubenunruh
 
Jetzt aber freut man sich bei Tutima über „die erste echte Glashütter Minutenrepetition“. Insgesamt gibt es 25 Exemplare: je fünf in Platin und Roségold mit offenem, dazu 15 in Roségold mit geschlossenem Zifferblatt (179.000 beziehungsweise 168.000 Euro). Während die Gestaltung der letzteren insgesamt mehr überzeugt, gibt das offene Zifferblatt aber den Blick frei auf das faszinierende Spiel der Repetitions-Kadratur, deren spiegelpolierte Schlagwerkhämmer nach Betätigen des Schiebers am Gehäuserand die aktuelle Uhrzeit in Stunden, Viertelstunden und Minuten akustisch wiedergeben.
Durch den Glasboden sieht man viele der aufwendig verzierten Einzelteile nicht. Der Blick richtet sich aber auf die mit vier Regulierschrauben und 14 Goldgewichtsschrauben bestückte Unruh mit frei schwingender Breguet- Spirale, deren Kloben von Hand mit einem Notenschlüssel graviert wurde. Das Thema Musikalität hat Tutima dabei besonders ernst genommen: Für die Einstellung der aus einer speziellen Stahllegierung gefertigten Tonfedern auf Basis des Kammertons A und des hohen C hat man eigens mit dem Institut für Musikinstrumentenbau an der TU Dresden kooperiert.
Repetitions- Kadratur unter dem Zifferblatt: Tutima-Kaliber 800 „Hommage“
Repetitions- Kadratur unter dem Zifferblatt: Tutima-Kaliber 800 „Hommage“

Die Musik war übrigens auch für Ernst Kurtz von besonderer Bedeutung: Der überzeugte Anthroposoph soll nur Lehrlinge aufgenommen haben, wenn diese auch ein Instrument spielten oder zumindest bereit waren, eines zu lernen. buc

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