Werkstoffe und Materialien mechanischer Uhren: Nivarox

Temperaturkompensierende Unruhspiralen

Gisbert L. Brunner
von Gisbert L. Brunner
am 8. August 2013
Historisches Werbeplakat von Nivarox 1932
Historisches Werbeplakat von Nivarox 1932

Bei allen technischen Vorzügen besaß der innovative und deshalb 1919 patentierte Unruhspiralen-Werkstoff Elinvar (élasticité invariable) des Physik-Nobelpreisträgers Charles Edouard Guillaume auch seine Nachteile. Der Legierung aus Stahl, Nickel und Chrom fehlte es an Härte. Deshalb reduzierte sich die Unruh-Amplitude im Vergleich zu stählernen Unruhspiralen spürbar. Genau dieser Sachverhalt ließ den Schweizer Ingenieur Reinhard Straumann (1892 – 1967) nicht ruhen. Der studierte Uhrentechniker und Feinmechaniker kann mit Fug und Recht als Universalgenie gelten. Gemeinsam mit Siemens kreierte er den Chronokomparator als erste Zeitwaage.

Weitaus wichtiger war jedoch 1933 die Entwicklung des bis heute verwendeten Materials Nivarox für selbstkompensierende Unruhspiralen. Der patentierte Werkstoff, im Kundenauftrag geheimnisvoll legiert von der hessischen Heraeus-Vacuumschmelze, aus Stahl und Nickel unter Beigabe von Kobalt, Beryllium, Molybdän, Wolfram sowie Titan, ist temperaturstabil (Temperaturkoeffizient 0,5 sec/°C in 24 Stunden), hochelastisch, weitgehend unmagnetisch und dazu rostfrei.

Nivarox Unruhspiralen
Nivarox Unruhspiralen

Die daraus geformten Unruhspiralen machten teure Kompensationsunruhn obsolet. Zusammen mit monometallischen Glucydur-Unruhn bewirkten sie ein stabiles Gangverhalten mechanischer Uhren. Nivarox ist übrigens ein Kunstwort, das „nicht variabel, nicht oxidierend“ meint. Bis metallene Unruhspiralen aus diesem Material möglicherweise durch Exemplare aus Silizium, künstlichen Diamanten oder Zerodur ersetzt werden, dürfte noch viel Wasser die Donau, den Rhein oder die Rhône hinunter fließen. glb

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