Zwischen Sattlerei und Minutenrepetition: Hermès' neue Cavalier en Formes
Sechs Exemplare, ein Zifferblattmotiv aus der Seidentuch-Kollektion und ein außergewöhnliches Uhrwerk: Mit der Cavalier en Formes stellt Hermès keine neue Komplikation vor, sondern eine neue Zifferblattkunst über einer bereits bewährten.
Im Innern arbeitet das Handaufzugskaliber H1924 – ein Werk, das Hermès nicht neu für die Cavalier en Formes entwickelt hat, sondern das bereits 2020 in der Arceau Lift Tourbillon Minute Repeater zum Einsatz kam. Mit 30 Millimetern Durchmesser und 6,1 Millimetern Höhe bleibt es kompakt für eine Komplikation dieser Art, schwingt mit 21.600 Halbschwingungen pro Stunde (3 Hertz) und bringt 90 Stunden Gangreserve mit – ein für ein Handaufzugswerk mit Tourbillon und Schlagwerk beachtlicher Wert.
Das bei Hermés genannte Lift-Tourbillon sitzt bei 6 Uhr und ist fliegend gelagert. Sein Käfig zitiert das Doppel-H-Motiv der schmiedeeisernen Fahrstuhltür in der Pariser Hermès-Boutique an der Faubourg Saint-Honoré 24, eine Referenz, die die Maison bereits bei der Lift-Kollektion verwendet hat. Die Minutenrepetition schlägt auf Abruf Stunden, Viertelstunden und Minuten und wird über einen seitlichen Schieber im Gehäuse aktiviert. Das Schlagwerk bleibt unter dem Zifferblatt verborgen und wird erst über den Gehäuseboden sichtbar.
Hermès Arceau Cavalier en Formes
HermèsDas Zifferblatt: vom Seidentuch zur Uhr
Die eigentliche Neuheit der Cavalier en Formes liegt im Zifferblatt. Die grafische Vorlage stammt vom Hermès-Künstler Gianpaolo Pagni und wurde ursprünglich für ein Seidentuch entworfen. Pagni ließ sich dabei von einer Reiterlithografie aus der Sammlung Émile Hermès inspirieren, übernahm aus dieser jedoch nur das Pferd und setzte die Figur des Reiters komplett neu aus geometrischen Formen – Kreisen und Quadraten – zusammen. Das Ergebnis liest sich als kubistische Abstraktion, die dennoch sofort als Reiterszene erkennbar bleibt. Technisch ist die Umsetzung aufwendiger als das Motiv vermuten lässt: Auf dem Zifferblatt liegt eine Saphirglasscheibe, die auf beiden Seiten mit Miniaturmalerei versehen ist. Unter dem Glas sind Blätter graviert, auf der Oberfläche sind blaue quadratische und runde Flächen von Hand aufgemalt. Im Zentrum sitzt ein in Gelbgold graviertes Pferd als kompositorischer Ankerpunkt. Durch die Überlagerung von Gravur, Malerei und Transparenz entsteht eine räumliche Tiefe, die je nach Lichteinfall unterschiedlich stark hervortritt – ein Effekt, den man sonst eher von Emaille- oder Lacktechniken kennt, hier aber über die Kombination von Glas, Farbe und Gravur erreicht wird.
Gehäuse und Einordnung
Das asymmetrische Arceau-Gehäuse mit den charakteristischen, an Steigbügel erinnernden Bandanstößen misst 43 Millimeter im Durchmesser und ist aus Weißgold gefertigt. Uhrglas und Gehäuseboden bestehen aus entspiegeltem Saphirglas, die Wasserdichtigkeit liegt bei 3 Bar – ein für eine dekorative Komplikationsuhr üblicher, aber nicht ambitionierter Wert, der zeigt, dass diese Uhr fürs Betrachten und Hören konzipiert ist, nicht für den Alltag am Handgelenk. Das Armband aus mattem Alligatorleder in Bleu Abysse entsteht in den Hermès-eigenen Werkstätten und greift farblich die blauen Flächen des Zifferblatts auf.
Dass Hermès Tourbillon, Minutenrepetition und mehrschichtige Miniaturmalerei in einem einzigen Zifferblatt zusammenführt, ist auch für die Maison selbst außergewöhnlich. Die Cavalier en Formes verbindet Dekor und Komplikation und positioniert die Arceau-Linie damit näher an den Haute Horlogerie-Ansätzen der Marken.
Zur Einordnung: Die Kombination aus fliegendem Tourbillon und Minutenrepetition unter einem vollflächig kunsthandwerklich gestalteten Zifferblatt findet sich sonst vor allem bei Häusern mit langer Metiers-d'Art-Traditionen wie Vacheron Constantin oder Jaeger-LeCoultre – ein Referenzrahmen, in dem sich Hermès mit dieser limitierten Serie bewusst positioniert. Preis auf Anfrage.