Wie aus einer Uhr plötzlich zwanzig werden: Die fünf Phasen eines jeden Uhrensammlers
Es beginnt harmlos. Praktisch niemand wacht morgens auf und beschließt spontan: „Heute investiere ich den Gegenwert eines Kleinwagens in eine mechanische Armbanduhr mit handanglierten Brücken und schwarzer Spiegelpolitur.“ Stattdessen beginnt nahezu jede Sammlerkarriere mit einem einzigen Satz: „Ich möchte einfach nur eine gute Uhr.“ Doch genau hier beginnt eine Entwicklung, deren langfristige Folgen kaum abzuschätzen sind. Denn was folgt, ist ein Prozess, den nahezu jeder Uhrenliebhaber früher oder später durchläuft. Manche schneller, manche langsamer und nicht selten deutlich kostspieliger, als ihnen zunächst lieb gewesen wäre. Es ist eine Reise voller Euphorie, Rationalisierungsversuche, nächtlicher YouTube-Videos, Fachpublikationen, ständig wechselnder Wunschlisten und der festen Überzeugung, dass diese eine nächste Uhr nun wirklich die letzte sein wird. So viel sei vorweggenommen: Sie wird es nicht. Wer lange genug sammelt, erkennt irgendwann, dass sich fast jede Leidenschaft in erstaunlich ähnliche Phasen gliedern lässt. Und obwohl jeder Sammler überzeugt ist, einen völlig individuellen Weg zu gehen, begegnet man auf Uhrenstammtischen, in Foren oder auf Messen immer wieder denselben Geschichten. Lediglich die Referenznummern ändern sich.
Für viele Interessierte beginnt mit einer Uhr von Omega die Sammelleidenschaft.
OmegaPhase 1: Die Vernunft
Der erste Kontakt mit mechanischen Uhren ist meist erstaunlich rational. Einen hochwertigen Zeitmesser fürs Leben zu finden, der sich möglichst vielseitig tragen lässt, ist oft das Ziel. Das Budget ist dabei häufig klar definiert. Die Anforderungen ebenfalls. Robust soll das Modell sein. Zeitlos. Möglichst wasserdicht. Eine Uhr, die zu Jeans genauso gut passt wie zum Anzug. Mehr braucht es schließlich nicht. Also beginnt die Recherche. Man stolpert über Begriffe wie Gangreserve, COSC, Kaliber, Saphirglas oder Chronometer. Plötzlich spielt die Art des Werks eine Rolle. Man lernt, dass Feinmechanik nicht gleich „Automatik“ ist. Es gibt Manufakturkaliber, Sellita- oder ETA-Werke und noch eine ganze Menge mehr.
Ein Chronograph darf in den meisten Sammlungen nicht fehlen.
TudorPhase 2: Expertenstatus nach drei Wochen
Es braucht erstaunlich wenig Zeit, bis aus dem Einsteiger ein vermeintlicher Fachmann wird. Plötzlich werden Unterschiede diskutiert, die vorher völlig bedeutungslos erschienen. Der Sonnenschliff der einen Referenz wirkt selbstverständlich deutlich hochwertiger als jener der Konkurrenz. Die Fase an der Schließe hätte sauberer ausgeführt werden können. Das Kaliber arbeitet mit einer Frequenz von vier Hertz, besitzt aber leider keine Siliziumspirale. Und überhaupt sei die Gehäusehöhe von 13,2 Millimetern eigentlich grenzwertig. Gerade Freunde frischgebackener Uhrenliebhaber sollten in dieser Phase Vorsicht walten lassen. Denn ein harmlos gemeintes Kompliment zur neuen Uhr kann schneller als gedacht in einem ausführlichen Vortrag über Kaliber, Gangreserve, Hemmung und die Geschichte der Manufaktur münden. Man verlässt das Gespräch zwar mit mehr Wissen über mechanische Uhrmacherei, allerdings meist, ohne jemals den Wunsch nach einer entsprechenden Fortbildung geäußert zu haben.
Die GMT-Master II von Rolex erfreut sich bei zahlreichen Liebhabern großer Beliebtheit.
RolexPhase 3: Die Sammlung braucht Struktur
Irgendwann besitzt man drei oder vier Uhren. Objektiv betrachtet reicht das für nahezu jede Alltagssituation. Subjektiv beginnt jetzt die eigentliche Herausforderung. Denn plötzlich wird deutlich, welche Kategorien in der eigenen Sammlung noch fehlen. Eine Taucheruhr ist bereits vorhanden, doch eine Dresswatch wäre eigentlich ebenfalls unverzichtbar. Kaum ist diese eingezogen, fällt auf, dass noch ein Chronograph fehlt. Und sobald auch dieser seinen Platz in der ebenfalls neuen Uhrenrolle gefunden hat, reift die Erkenntnis, dass eine GMT für Reisen eigentlich genauso essenziell wäre. Mit jeder neuen Uhr schließt sich zwar vermeintlich eine Lücke, gleichzeitig öffnet sich jedoch bereits die nächste. Ab diesem Moment wird nicht mehr nach einzelnen Referenzen gesucht. Man baut Kollektionen. Excel-Tabellen entstehen. Die Wunschliste umfasst mittlerweile zwölf Modelle, obwohl der eigene Arm nach wie vor nur Platz für eines bietet.
Nicht selten wächst irgendwann auch das Interesse an Vintage-Uhren.
RolexPhase 4: Der Vintage-Drang
Zu Beginn musste jede Uhr möglichst neu sein. Gebrauchsspuren oder gar Kratzer galten als Makel und wurden mit beinahe wissenschaftlicher Sorgfalt vermieden. Mit zunehmender Sammelerfahrung verändert sich diese Sichtweise jedoch erstaunlich deutlich. Was früher als Beschädigung empfunden wurde, heißt plötzlich Patina. Gehäuse und Band sind nicht mehr verkratzt, sondern schlicht ehrlich gealtert und erzählen im besten Fall sogar ihre ganz eigene Geschichte. Die Ablesbarkeit bei ausgeblichenen Lünetten spielt, wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle. Verfärbte Leuchtmasse zeugt von Geschichte. Spätestens jetzt beginnt man, Sätze zu sagen, die Außenstehende nachhaltig verwirren. „Die sieht neu irgendwie zu perfekt aus.“ Oder: „Ich hoffe, das Zifferblatt entwickelt noch etwas Patina.“ Man freut sich plötzlich darüber, dass Farbe verblasst, und schreibt einem klapprigen Band mehr Charme zu als einer massiven Edelstahlvariante mit Schnellverstellung.
Auch (große) Komplikationen dürfen in der eigenen Sammlung nicht fehlen.
IWCPhase 5: Die Erkenntnis
Irgendwann ist sie da. Nicht die letzte Uhr, sondern die Erkenntnis. Sie kommt meist überraschend. Vielleicht auf einer Messe, beim Blick in den heimischen Uhrenbeweger oder dann, wenn man die Uhr anlegt, die man seit Monaten nicht mehr getragen hat. Man erkennt plötzlich: Es ging nie darum, möglichst viele Uhren zu besitzen. Auch nicht darum, jede Komplikation abzudecken. Eigentlich ging es immer um Geschichten. Um die Uhr, die einen an den ersten großen Urlaub erinnert, an den bestandenen Abschluss, die Hochzeit, den ersten Messebesuch oder einfach um jenen Wunsch, den man sich nach Jahren endlich erfüllen konnte. Mit der Zeit verändert sich deshalb auch das Kaufverhalten. Früher war jede Neuheit interessant, heute bleibt man erstaunlich gelassen. Die Begeisterung verschwindet nicht, sie wird lediglich selektiver.
Die individuelle Bedeutung einer Uhr ist das, was wirklich zählt.
Jaeger-LeCoultreDie geheime sechste Phase
Offiziell endet hier die Reise. Inoffiziell gibt es jedoch noch eine Phase, über die kaum jemand spricht. Sie beginnt meist mit dem Satz: „Eigentlich möchte ich meine Sammlung jetzt verkleinern.“ Ein vernünftiger Plan. Wirklich. Also verkauft man eine Uhr. Vielleicht sogar zwei. Man fühlt sich organisiert, strukturiert, minimalistisch. Bis plötzlich der freie Platz in der Box auffällt. „Da könnte eigentlich noch etwas Blaues hin.“ Oder Titan. Oder eine Uhr mit kleiner Sekunde. Vielleicht fehlt doch noch ein ewiger Kalender. Oder eine Vintage-Heuer. Man stöbert bei zahlreichen Händlern, selbstverständlich nur aus Interesse. Reine Marktbeobachtung. Womöglich speichert man auch zwei Suchaufträge. Aus reiner Vorsicht, versteht sich.
Eines ist jedem Sammler klar: Eine mechanische Uhr erzählt nicht nur Zeit, sie erzählt Geschichten. Die Geschichte ihrer Konstruktion. Die Geschichte ihrer Marke. Und irgendwann auch die Geschichte ihres Trägers. Deshalb ist eine Sammlung im Grunde nie abgeschlossen. Sie verändert sich lediglich. Modelle kommen. Modelle gehen. Manche bleiben ein Leben lang. Andere nur wenige Monate. Mit jeder Uhr entwickelt sich auch der Sammler weiter. Und genau das ist womöglich der schönste Teil dieses Hobbys. Nicht die perfekte Sammlung, sondern der Weg dorthin.
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