Microbrands und Traditionsmarken: Das war die Uhrenreise Genf 2026
Besuche bei Artya, Bulgari, Hublot, Marco Tedeschi, Nivada und Roger Dubuis
Die WatchTime-Uhrenreisen bieten einzigartige Einblicke hinter die Kulissen ganz unterschiedlicher Uhrenmarken – von innovativen Microbrands über wiederbelebte historische Hersteller bis hin zu Traditionsmarken und globale Player. So war es auch bei der ersten Uhrenreise 2026: der Swiss Watch Experience I nach Genf und Umgebung. In weniger als 72 Stunden standen für uns 6 Marken unterschiedlichster Couleur auf der Tagesordnung, und es begann schon am Abend der Anreise im Hotel, dem schnucklig-entspannten Barcarolle in Prangins bei Nyon. Nur ein paar Meter vom Ufer des Genfer Sees entfernt zeigte uns Nivada Grenchen seine aktuelle Kollektion.
Station #1: Nivada Grenchen
WatchTime Leserreise Genf 2026: Nivada-Abend mit CEO Guillaume Laidet (Mitte)
WatchTimeNivada Grenchen ist so eine wiederbelebte Marke. Gegründet 1926 in Grenchen – dem Uhrmacherstädtchen, in dem auch Breitling, Eterna, Fortis und Titoni historisch zu Hause sind –, machte sich Nivada ab den 1950er-Jahren einen Namen für robuste Toolwatches wie die bis 1.000 Meter wasserdichte Taucheruhr Depthmaster oder die kältebeständige Antarctic einen Namen. Im Zuge der Quarzkrise der 1970er-Jahre ging die Marke, wie so viele andere Schweizer Uhrenhersteller, unter, bis sie 2020 vom heutigen Mitinhaber und CEO Guillaume Laidet wiederentdeckt und neu gegründet wurde. Heute sitzt Nivada nicht mehr in Grenchen, die Uhren sind aber nach wie vor mit dem "Swiss-Made"-Label versehen und werden in einem spezialisierten Betrieb im Tessin gefertigt.
WatchTime-Leserreise Genf 2026: Nivada-Abend
WatchTimeLaidet ließ es sich nicht nehmen, persönlich vor Ort zu sein und uns zusammen mit Thomas Glaue, der für den Nivada-Vertrieb in Deutschland verantwortlich ist, die aktuelle Kollektion zu zeigen. Zu den Highlights, die besonders gut ankamen, gehörten die Chronomaster Tropical 41 mm mit braunem Zifferblatt, die Depthmaster Art Deco mit den berühmten "Pac-Man"-Ziffern (sie ist nach wie vor bis 1.000 Meter wasserdicht) im Bronzegehäuse und die Antarctic Glacier, die auch im neuen 35-mm-Gehäuse eine richtig gute Figur am Männerhandgelenk macht. Nach einem intensiven Touch and Feel mit den verschiedenen Referenzen ließen wir den Abend gemeinsam beim Käsefondue ausklingen.
Nivada Depthmaster Bronze
WatchTime
Nivada Chronomaster Tropical 41 mm
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Nivada Antarctic Glacier 35mm
WatchTimeStation #2: Roger Dubuis
Bei Roger Dubuis kann man wunderbar nachvollziehen, wie eine vertikal integrierte, industrielle Uhrenmanufaktur heutzutage arbeitet. Im vor rund einem Vierteljahrhundert eingeweihten Manufakturgebäude auf dem Richemont-Areal in Meyrin bei Genf produziert die 1995 vom Meisteruhrmacher Roger Dubuis gegründete Marke (fast) alle Einzelteile, die sie für die Montage ihrer Uhren braucht. Hier werden die unterschiedlichen Kaliber gefertigt und in die Uhren eingeschalt – samt der ganzen notwendigen Tests zur Qualitätssicherung. Roger Dubuis fertigt heute gut 2.000 Uhren pro Jahr, von der Zweizeiger-Damenuhr bis zur Grande Complication. Wir sehen, wie Platinen und Brücken aus den verschiedensten Materialien – auch aus Kobalt, eine Spezialität von Roger Dubuis – hergestellt werden, sehen die Produktion kleiner Teile wie Kronen, Räder und Tonfedern für die Minutenrepetitionen und gehen dann in die Dekorationsabteilung, wo die Komponenten je nach Bedarf poliert oder satiniert werden. Dabei erfahren wir unter anderem, dass die Schwarzpolitur von nur einer Seite eines Tourbillonkäfigs bis zu 30 Minuten Arbeitszeit erfordert. Der Käfig selbst wiegt um die 0,3 Gramm.
WatchTime Leserreise Genf 2026: Besuch bei Roger Dubuis
Roger DubuisZu den Ikonen der Kollektion gehören unter anderem die Modelle mit biretrograder Kalenderanzeige und die verschiedenen Ausführungen der "Knights of the Round Table": Bei diesen limitierten Referenzen werden die 12 Stunden von ebenso vielen massivgoldenen Miniaturfiguren dargestellt, die die Ritter von König Artus' sagenafter Tafelrunde bilden. Eines der Highlights unserer Tour war der Besuch in dem Atelier, in dem die winzigen Figuren gefertigt werden: Sie kommen dort als gegossene Rohfiguren an, danach steht aber ein intensiver drei- bis fünftägiger Prozess, in dem eine Kunsthandwerkerin den Ritter mit kleinsten Werkzeugen dekoriert. Dabei werden alle Details, vom Gesicht über die Kleidung bis zum Schwert penibel ausgearbeitet. Am Ende entstehen 12 winzige Ritter, die sich voneinander unterscheiden und alle eine eigene Identität haben.
Goldene Miniaturritter bei Roger Dubuis
WatchTimeBesonders stolz ist Roger Dubuis auf den hohen Anteil an Uhren, die mit dem Genfer Siegel (Poinçon de Genève) zertifiziert sind. Um diese Auszeichnung zu erhalten, müssen die Uhren Qualitätsanforderungen genügen, die nach höchsten Standards festgelegt sind, dazu müssen sie ebenso anspruchsvolle Kriterien in Sachen Präzision erfüllen und schließlich im Kanton Genf gefertigt werden. Über 90 Prozent der Zeitmesser von Roger Dubuis tragen das Genfer Siegel – so auch die gerade fertiggestellte Excalibur Biretrograde Perpetual Calendar, den wir auf dem Werktisch eines Komplikationsuhrmachers erblicken. Er ist die Nummer 5 der auf 28 Exemplare limitierten Edition. Nach der Manufakturführung haben wir die Gelegenheit, eine Reihe von Uhren ans Handgelenk zu legen, darunter verschiedene Varianten der Excalibur Spider, mit und ohne Chronographen.
Station #3: Artya
Nach dem Besuch bei Roger Dubuis umrunden wir die Südspitze des Genfer Sees und gelangen auf der anderen Seite, nahe an der Grenze zu Frankreich, zum Hauptsitz von Artya. Das wird wieder eine ganz andere Erfahrung. Das Atelier, in dem Markengründer Yvan Arpa und sein Team ihre außergewöhnlichen Uhren entwerfen, ist in einem Wohnhaus untergebracht, und auch innen sieht es ganz anders aus, als man sich das Headquarter einer Luxusuhrenmarke vorstellt. Arpa ist ein extrem kreativer Kopf und so etwas wie der Rock'n'Roller unter den Genfer Uhrenmachern. Schon beim Betreten des Studios leuchtet einem der in zwei Farben gehaltene Schriftzug "Get Out Of The Rut" (auf Deutsch etwa: "Komm raus au deinem Trott") entgegen. In seinem Büro finden sich unter anderem Gitarrenmodelle, die seinen Uhren "Son of Sound" nachempfunden sind, ein Röhrenverstärker mit zwei großen Lautsprechern in psychedelischem Stil, ein Schreibtisch mit einem Überzug, der an einen Flugzeug erinnert – und jede Menge Motorräder. Im Keller, wo wir über die Uhren sprechen und sie ausgiebig begutachten können, finden sich unter anderem alte Furniturenschränke für Uhrenteile sowie ein Tresorraum, in dem sich ein Teil unserer Gruppe niederlässt.
Artya-Chef Yvan Arpa zeigt uns die Vielfalt seiner Uhrenkollektion.
WatchTimeHier erleben wir gleich die erste Sensation: Uhren mit Gehäuse aus Nanosaphir, deren Farbe sich je nach Licht ändert. Während der Tresorraum per LEDs beleuchtet ist, die ein natürliches Licht imitieren, ist der Flur mit Neonröhren bestückt. So wird die orangegelbe Uhr beim Heraustreten aus dem Tresor violett und beim Wiedereintreten erneut orangerot. Überhaupt hat Artya sein Angebot an Uhren mit (farbigen oder natürlichen) Saphirglasgehäusen in den letzten Jahren stark ausgebaut. Das gilt auch für die wichtigste Neuheit 2026: die Complexity. Das Doppeltourbillon mit zwei sogenannten Cônillons, punktuell aufgehängten, geneigten Tourbillons, hat Artya zusammen mit dem Uhrmacher Eric Coudray entwickelt. Technisch gesehen liegt das Cônillon zwischen einem Ein- und einem Zwei-Achsen-Tourbillon, reagiert also weit besser auf die unterschiedlichen Schwerkrafteinflüsse als ein reguläres Tourbillon.