Von der Royal Oak bis zur Universelle RD#4: Die größten Meilensteine von Audemars Piguet
Nur wenige Manufakturen verbinden traditionelle Komplikationen so konsequent mit technischer Innovation und eigenständigem Design wie Audemars Piguet. Schon Ende des 19. Jahrhunderts miniaturisierte das Unternehmen anspruchsvolle Minutenrepetitionen für das Handgelenk. Später folgten ultraflache Automatikwerke, ewige Kalender, Tourbillons und große Komplikationen. Den entscheidenden Wandel brachte 1972 die Royal Oak: Die Luxussportuhr aus Edelstahl entwickelte sich im Laufe der Zeit zur Ikone und zum wichtigsten Modell der Marke. Mit der Royal Oak Offshore, der experimentellen Concept-Reihe und der Code 11.59 schuf Audemars Piguet weitere Plattformen für neue Materialien, Werke und Komplikationen. Die folgenden Meilensteine zeigen, wie sich die Manufaktur immer wieder neu erfand, ohne ihre uhrmacherischen Wurzeln aus dem Blick zu verlieren.
1892: Die Minutenrepetition fürs Handgelenk
Audemars Piguet
Audemars Piguet bewies bereits Ende des 19. Jahrhunderts, dass sich selbst anspruchsvolle Schlagwerke für das Handgelenk miniaturisieren ließen. 1892 fertigte die Manufaktur in Le Brassus für die Firma Louis Brandt & Frère in Biel, den Vorläufer von Omega, eine der frühesten bekannten Armbanduhren mit Minutenrepetition. Dass die Bieler Firma das Werk in Le Brassus bestellte, entsprach der damaligen Arbeitsteilung der Schweizer Uhrenindustrie. Louis Brandt & Frère war das ältere, größere und international breiter aufgestellte Unternehmen. Audemars Piguet produzierte dagegen in kleinen Stückzahlen, hatte sich aber bereits einen Namen als Hersteller besonders anspruchsvoller Komplikationen und Repetitionswerke gemacht. Für eine derart kleine Minutenrepetition war genau dieses spezialisierte Können gefragt.
Audemars Piguet: Minutenrepetition "John Shaeffer" von 1907
Audemars PiguetAP arbeitete weiter am Thema Miniaturisierung und konstruierte ein nur 22,56 mm großes Werk, mit dem eine 1906 an Gübelin in Luzern gelieferte Minutenrepetitions-Armbanduhr bestückt war. Im Folgejahr 1907 begann AP mit der Fertigung des 27,07 mm großen Handaufzugskalibers SMV mit der Nummer 11649 auf Basis eines Repetitions-Rohwerks von L. E. Piguet. Zunächst wurde das Kaliber in eine Anhängeuhr eingebaut, 1923 gelangte es schließlich in ein kissenförmiges Gehäuse aus Gold und Platin. 1927 kam die Uhr noch einmal zu Audemars Piguet zurück und erhielt ein neues Zifferblatt, auf dem die zwölf Buchstaben des Namens John Sheaffer als Stundenindexe dienten. John Wallace Shaeffer war ein amerikanischer Industrieller, u. a. Vizepräsident beziehungsweise der Allied Chemical & Dye Corporation, der sich auf dem Zifferblatt verewigen ließ.
1921: Digitale Zeit ohne Zeiger
Audemars Piguet: Springende Stunde von 1921
Audemars PiguetZeigerlose Uhren erleben derzeit eine Renaissance. Cartier brachte 2025 die historische Tank à Guichets mit digitaler Stunden- und Minutenanzeige zurück, ein Jahr später greift Audemars Piguet das Prinzip mit der Neo Frame Jumping Hour erneut auf. Bei AP reicht diese Tradition bis 1921 zurück, als die Manufaktur ihre ersten Armbanduhren mit springender Stunde präsentierte. Statt Zeigern zeigten bedruckte Scheiben die Zeit durch kleine Fenster an. Eines dieser Modelle, auf unserem Bild zu sehen, lieferte Audemars Piguet 1926 an die Metric Watch Company in den USA. Die weitgehend geschlossene Front des rechteckigen Weißgoldgehäuses war nicht nur gestalterisch ungewöhnlich: Die kleinen Sichtfenster waren weniger stoßempfindlich als die damals verwendeten großflächigen Kristall- oder Plexigläser. Im Inneren arbeitete das Handaufzugskaliber GHSM mit 22,5 mm Durchmesser und einer Höhe von lediglich 2,8 mm. Der ungewöhnliche Auftritt entsprach dem technischen Fortschrittsglauben der Zeit und setzte sich von konventionellen Armbanduhren ab. Gleichzeitig stand sie für eine konsequente Miniaturisierung, die Audemars Piguet schon früh auszeichnete. Allerdings hatte die Konstruktion auch Nachteile: Bei schwachem Licht ließen sich die kleinen Ziffern nicht immer optimal erkennen.
1948: Der ewige Kalender – von der Kleinstserie zum Markenzeichen
Erstmals mit Schaltjahresanzeige: Ewiger Kalender Ref. 5516 von 1955
Audemars PiguetDie Geschichte der Armbanduhren mit ewigem Kalender begann bei Audemars Piguet 1948. Gemeinsam mit dem unabhängigen Uhrmacher Alfred Aubert fertigte die Manufaktur bis 1957 lediglich 12 Exemplare – ein Hinweis darauf, wie selten und aufwendig diese Komplikation damals war. Besondere Bedeutung besitzt die ab 1955 gebaute Referenz 5516: Sie war die erste Armbanduhr, die den vierjährigen Schaltjahreszyklus auf dem Zifferblatt anzeigte und damit eine wichtige Information sichtbar machte, die zuvor meist nur der Uhrmacher bestimmen konnte.
Den Durchbruch brachte 1978 das automatische Kaliber 2120/2800. Mit nur 3,95 mm Höhe war es das flachste Automatikwerk mit ewigem Kalender und Zentralrotor seiner Zeit. Die klassische Referenz 5548 wurde zu einem großen Erfolg und half während der Quarzkrise, das Interesse an mechanischen Komplikationen neu zu beleben. Mehr als 7.000 Werke dieser Familie kamen in rund 70 unterschiedlichen Modellen zum Einsatz. 1984 zog der ewige Kalender mit der Referenz 25554 erstmals in die Royal Oak ein und verband traditionelle Kalendermechanik mit der modernen Luxussportuhr.
2015 folgte das Kaliber 5134 mit Kalenderwochenanzeige und einer präziseren Mondphase, die erst nach 125 Jahren um einen Tag abweicht. Noch radikaler fiel 2018 das nur 2,89 mm hohe Kaliber 5133 der Royal Oak Perpetual Calendar Ultra-Thin RD#2 aus; die spätere Serienuhr maß lediglich 6,3 mm in der Höhe.
Die jüngste Generation rückt neben der flachen Konstruktion vor allem die Bedienung in den Mittelpunkt. Beim 2025 vorgestellten Kaliber 7138 lassen sich sämtliche Kalenderfunktionen allein über die Krone korrigieren – ohne versenkte Drücker oder Werkzeug. Das daraus abgeleitete, ebenfalls 4,1 mm hohe Kaliber 7139 zeigt die Mechanik offen und kommt sowohl in der Royal Oak als auch erstmals in einer skelettierten Code 11.59 mit ewigem Kalender zum Einsatz. Damit gehört die Komplikation heute zu den wichtigsten technischen Konstanten von Audemars Piguet.
1967: Das ultraflache Automatikkaliber 2120
Audemars Piguet: das ultraflache Automatikkaliber 2120 von 1967
Audemars PiguetAudemars Piguet war bereits für besonders flache Handaufzugswerke bekannt, beim Automatikwerk gelang der entscheidende Durchbruch jedoch erst 1967. Zwar hatte die Marke schon in den 1950er-Jahren erste Uhren mit Selbstaufzug auf den Markt gebracht, doch die vom Rohwerkehersteller LeCoultre zugelieferten Kaliber 2498 und 2499 bauten mit 6,65 mm vergleichsweise hoch. Nicht viel anders war es bei den nachfolgenden Kaliber 2070, 2071 und 2072.
Das Kaliber 2120 änderte dies grundlegend. Audemars Piguet entwickelte das Werk gemeinsam mit LeCoultre und Vacheron Constantin, wobei Jacques-Louis Audemars aufseiten von AP eine treibende Rolle spielte. Trotz seines Zentralrotors baute das 28 mm große Werk nur 2,45 mm hoch – ein Rekord, den es über Jahrzehnte hielt. Damit widerlegte es die Vorstellung, ein ultraflaches Automatikwerk lasse sich nur mit einem in das Werk integrierten Mikrorotor verwirklichen. Der beidseitig aufziehende Rotor besaß ein Segment aus 21-karätigem Gold. Um die flache Konstruktion dennoch robust zu halten, lief er mit seinem äußeren Rand auf kleinen Rubinrollen entlang einer kreisförmigen Schiene. Dadurch wurden die Kräfte gleichmäßig verteilt und die zentrale Lagerung entlastet. Das Kaliber verzichtete auf einen Sekundenzeiger, arbeitete mit 19.800 Halbschwingungen pro Stunde und bot rund 40 Stunden Gangreserve.
Schon 1967 stattete Audemars Piguet mehr als 650 Uhren mit dem Kaliber 2120 aus. Noch bedeutender wurde die 1970 eingeführte Variante 2121 mit Datumsanzeige: Sie trieb ab 1972 die erste Royal Oak an und bildete später die technische Grundlage für den ultraflachen ewigen Kalender 2120/2800. Damit wurde das 2120 zu einem der wichtigsten mechanischen Fundamente der modernen Geschichte von Audemars Piguet.
1972: Die Royal Oak
Audemars Piguet: erste Royal Oak von 1972
Audemars PiguetHeute zählt die Royal Oak zu den großen Uhrenikonen. Seit Jahrzehnten prägt sie das Portfolio von Audemars Piguet stärker als jede andere Modelllinie. Gleichzeitig dient sie als Plattform für alle uhrmacherisch wichtigen Komplikationen wie Chronographen, ewige Kalender, Tourbillons oder Minutenrepetitionen. Auch Kooperationen mit Musikern, Designern und Künstlern haben dazu beigetragen, dass die Royal Oak weit über die klassische Uhrenszene hinaus zu einer kulturellen Ikone geworden ist.
Bei ihrem Start 1972 konnte man all das noch nicht ahnen. AP-Chef Georges Golay beauftragte 1970 den Designer Gérald Genta mit dem Entwurf einer sportlichen, eleganten und zugleich exklusiven Uhr. Der Gestalter entwickelte das Grundkonzept angeblich innerhalb einer Nacht. Zwei Jahre später präsentierte Audemars Piguet auf der Basler Uhrenmesse die Referenz 5402. Ihr 39 mm großes Gehäuse wirkte damals ungewöhnlich präsent, sodass sie bald den Beinamen "Jumbo" erhielt. Hinzu kamen die achteckige Lünette mit acht sichtbaren, radial ausgerichteten Schrauben, das integrierte Gliederband und das „Petite Tapisserie“-Zifferblatt.
Noch radikaler war die Materialwahl. Audemars Piguet fertigte die Royal Oak aus Edelstahl, bearbeitete ihn jedoch mit derselben Sorgfalt wie ein Edelmetall und verlangte dafür einen entsprechend hohen Preis. Mit 3.300 Schweizer Franken kostete die Uhr sogar mehr als manche Golduhr. Im Inneren arbeitete das nur 3,05 mm hohe Automatikkaliber 2121.
Namenspatron war übrigens das britische Schlachtschiff HMS Royal Oak, das in den 1910er-Jahren für die Royal Navy gebaut wurde, im Ersten Weltkrieg an der Skagerrakschlacht teilnahm und zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 von der deutschen Kriegsmarine versenkt wurde. Dieses war wiederum nach einer Eiche benannt worden, in deren hohlen Stamm sich der englische König Charles II. 1651 im Englischen Bürgerkrieg vor den Parteigängern Oliver Cromwells versteckt haben soll. Der Royal Oak Day wird in einigen Gebieten Englands bis heute am 29. Mai gefeiert.
Ein sofortiger Erfolg war der ersten "Royal Oak" genannten Armbanduhr übrigens nicht beschieden; die erste Serie von 1.000 Exemplaren verkaufte sich eher zögerlich. Erst mit der Zeit setzte sich die Idee einer luxuriösen Sportuhr aus Edelstahl durch – bis zu der Erfolgsgeschichte, die wir alle kennen.
1986: Das Automatik-Tourbillon fürs Handgelenk
Tourbillons waren Mitte der 1980er-Jahre in Armbanduhren noch extreme Raritäten. Zwar hatten seit den 1940er-Jahren verschiedene Hersteller vereinzelte Exemplare herausgebracht, doch erst Audemars Piguet überführte die Komplikation 1986 in eine Kleinserie. Die Referenz 25643 war zugleich die erste automatisch aufziehende Tourbillon-Armbanduhr. Darüber hinaus setzte sie Rekorde in Sachen Miniaturisierung: Ihr Gehäuse war weniger als 5 mm hoch, der Tourbillonkäfig maß gerade mal 7,2 mm im Durchmesser.
Möglich wurde die ungewöhnlich flache Konstruktion durch das Kaliber 2870. Dessen Werkplatine diente zugleich als Gehäuseboden, wodurch Audemars Piguet auf zusätzliche Bauteile verzichten konnte – eine vergleichbare Konstruktion kannte man bereits von der Swatch. Für den automatischen Aufzug kam kein klassischer Rotor zum Einsatz, sondern eine kleine Pendelschwungmasse aus einer Platin-Iridium-Legierung. Sie übertrug ihre Bewegung über ein Klinkensystem auf das Federhaus und ermöglichte etwa 50 Stunden Gangreserve. Die Krone saß platzsparend auf der Rückseite.
Auch der Minutentourbillonkäfig war konsequent auf geringes Gewicht ausgelegt. Audemars Piguet fertigte ihn aus Titan – eine damals neuartige Materialwahl, die den Energiebedarf des Drehgestells reduzierte. Sichtbar war das Tourbillon durch eine Öffnung bei 11 Uhr, während ein zweites Fenster bei 6 Uhr den Blick auf die Pendelschwungmasse freigab. Insgesamt entstanden knapp 400 Exemplare. Die Referenz 25643 trug entscheidend dazu bei, das Tourbillon von einem seltenen Einzelstück zu einer der zentralen Komplikationen der modernen Haute Horlogerie zu entwickeln.
1993: "The Beast" – die Royal Oak Offshore
Audemars Piguet: Royal Oak Offshore Diver in Petrol
Audemars PiguetMit der Royal Oak Offshore übertrug Audemars Piguet das Konzept der Luxussportuhr 1993 in ein neues Format. Der junge Designer Emmanuel Gueit vergrößerte die Royal Oak auf damals enorme 42 mm, verstärkte Gehäuse und Armband und ergänzte markante, mit Kautschuk verkleidete Drücker sowie eine deutlich sichtbare Dichtung unter der Lünette. Die Referenz 25721ST wirkte so massiv, dass sie bald den Spitznamen „The Beast“ erhielt. Während Armbanduhren jener Zeit meist Durchesser um die 35 oder 36 mm hatten, nahm die Offshore den späteren Trend zu großen, demonstrativ sportlichen Luxusuhren vorweg.
Der Erfolg stellte sich jedoch nicht sofort ein. Für den Verkauf der ersten 1.000 Exemplare benötigte AP fünf Jahre. In den späten 1990er- und vor allem in den 2000er-Jahren entwickelte sich die Kollektion jedoch zu einem wichtigen Wachstumstreiber für AP. Die erste Referenz blieb 23 Jahre im Programm und kam schließlich auf über 7.300 Exemplare.
Aus dem zunächst polarisierenden Chronographen entstand eine vielseitige Modellfamilie. AP erprobte an der Offshore früh kräftige Farben, Kautschukbänder sowie Werkstoffe wie Titan, Carbon und Keramik. Komplikationen wie ewige Kalender, Tourbillons und Grande Complications kamen hinzu. Sondereditionen mit Arnold Schwarzenegger, Jay-Z oder Sportlern wie Juan Pablo Montoya machten die Uhr zugleich zu einer Brücke zwischen Haute Horlogerie, Sport und Popkultur.
Zum besonders eigenständigen Zweig entwickelte sich die Royal Oak Offshore Diver. Sie verbindet das wuchtige Offshore-Gehäuse mit einer über eine zweite Krone bedienbaren, innen liegenden Tauchzeitskala. Die aktuellen 42-mm-Modelle sind bis 300 Meter wasserdicht, besitzen das automatische Kaliber 4308 mit 60 Stunden Gangreserve und austauschbare Kautschukbänder. Heute reicht die Offshore von 37-mm-Modellen bis zu großen Flyback-Chronographen und Diver-Versionen. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie AP ein jüngeres, extrovertierteres Gesicht gab und eine zweite, deutlich sportlichere Interpretation der Royal Oak etablierte.
1996: Die Grande Complication als Armbanduhr
Audemars Piguet: Grande Complication von 1996
Audemars PiguetSeit dem späten 19. Jahrhundert gehörten große Komplikationen zum Spezialgebiet von Audemars Piguet – zunächst allerdings fast ausschließlich in Taschenuhren. 1992 kombinierte die Manufaktur erstmals Minutenrepetition, ewigen Kalender und Chronograph in einer automatischen Armbanduhr. Vier Jahre später ergänzte sie einen Schleppzeigermechanismus und präsentierte mit dem Kaliber 2885 ihre erste Grande Complication fürs Handgelenk. Das automatische Werk vereinte die drei klassischen Disziplinen einer Grande Complication: Die Minutenrepetition schlug Stunden, Viertelstunden und Minuten, der ewige Kalender berücksichtigte unterschiedliche Monatslängen und Schaltjahre, während der Rattrapante-Chronograph zwei gleichzeitig gestartete Zeitintervalle getrennt messen konnte. Hinzu kamen Mondphase, Kalenderwoche und Schaltjahresanzeige. Der Schleppzeiger wurde über einen in die Krone integrierten Drücker gesteuert.
Das aus 648 Komponenten zusammengesetzte Kaliber 2885 maß lediglich 31,6 mm im Durchmesser und 8,55 mm in der Höhe. Es arbeitete mit 19.800 Halbschwingungen pro Stunde (2,75 Hertz) und bot rund 50 Stunden Gangreserve. Trotz dieser mechanischen Dichte fand es in einer 42 mm großen Platin-Armbanduhr Platz. Ein skelettierter und gravierter Goldrotor übernahm den automatischen Aufzug.
Die Grande Complication war eine Demonstration des Könnens der Manufaktur. Die Fertigstellung einer Uhr beanspruchte sechs bis acht Monate, da das Werk mehrfach montiert, reguliert, zerlegt, finissiert und erneut zusammengesetzt wurde. Später setzte AP das Kaliber 2885 auch in Grande-Complication-Versionen der Royal Oak und der Royal Oak Offshore ein.
2002: Die Royal Oak Concept als Versuchslabor
Audemars Piguet: Royal Oak Concept von 2002
Audemars PiguetZum 30. Geburtstag der Royal Oak beließ es Audemars Piguet nicht bei einer Jubiläumsedition. Die 2002 vorgestellte Royal Oak Concept, Modell 25980, überführte Gérald Gentas Grundidee in eine futuristische Hochleistungsuhr. Von der klassischen Royal Oak blieben vor allem die achteckige Lünette und die sichtbaren Schrauben; Gehäusekonstruktion, Anzeige und Werkarchitektur wurden dagegen grundlegend neu gedacht. Die zunächst als einmalige Serie konzipierte Uhr war auf 150 Exemplare limitiert.
Schon die Materialwahl wies den Weg für spätere AP-Modelle. Das Gehäuse bestand aus der extrem schwer zu bearbeitenden Kobaltlegierung Alacrite 602, Lünette, Platinen und Brücken des Kalibers 2896 aus Titan; hinzu kam ein Armband aus Kevlar. Das bis 500 Meter wasserdichte Gehäuse sollte ebenso hohen Belastungen standhalten wie das Tourbillon, dessen Konstruktion auf Beschleunigungen von bis zu 50 g ausgelegt war. Damit verband AP eine klassische Komplikation erstmals so konsequent mit den Anforderungen einer modernen Sportuhr.
Auch die Anzeigen waren ungewöhnlich: Ein Dynamograph bei 12 Uhr informierte über das vom Federhaus abgegebene Drehmoment, daneben zeigte eine lineare Skala bei 3 Uhr die Gangreserve an. Ein Drücker wählte die Funktionen Aufziehen, Zeigerstellen und Neutral vor, ohne dass die Krone gezogen werden musste. In der Neutralstellung war sie vollständig vom Räderwerk entkoppelt und dadurch besser gegen Stöße geschützt.
Vor allem aber etablierte die erste Royal Oak Concept ein neues Prinzip: Eine Modelllinie durfte als technisches Versuchslabor dienen. Spätere Concept-Uhren griffen diese Idee mit neuartigen Materialien, Tourbillons, GMT-Anzeigen, Schleppzeigerchronographen und dem Michael-Schumacher-Laptimer auf. Auch die Supersonnerie RD#1 (s. u.) wurde in einer Royal Oak Concept erprobt. Zugleich bot die Kollektion eine Bühne für spektakuläre Kooperationen mit Marvel oder KAWS. Für Audemars Piguet dient sie damit nicht zuletzt als eine Art Entwicklungsplattform, auf der die Marke neue Mechanik, Materialien und Gestaltungsideen sichtbar erprobt.
2007: Geschmiedetes Carbon erobert die Uhrmacherei
Audemars Piguet: Royal Oak Offshore Alinghi Team von 2007
Audemars PiguetMit der Royal Oak Offshore Alinghi Team führte Audemars Piguet 2007 ein Material in die Uhrenindustrie ein, das zuvor vor allem aus der Luft- und Raumfahrt bekannt war: forged carbon, zu Deutsch geschmiedetes Carbon. Der 44 mm große Regatta-Chronograph wog trotz seiner stattlichen Abmessungen nur rund 100 g und verband ein geringes Gewicht mit hoher Belastbarkeit. Seine Flyback-Chronographenfunktion und der 10-Minuten-Countdown waren auf die Anforderungen von Segelregatten abgestimmt.
Anders als bei gewebtem Carbon kamen kurze, unregelmäßig angeordnete Kohlenstofffasern zum Einsatz. Diese wurden mit einem Polymer verbunden und bei hoher Temperatur unter starkem Druck in Form gepresst. Da sich das Material anschließend kaum nachbearbeiten ließ, mussten Kanten und Oberflächen bereits während des Formvorgangs präzise entstehen. Die zufällige Verteilung der Fasern erzeugte bei jedem Gehäuse eine individuelle, marmorierte Struktur – keine der Uhren sah exakt aus wie die andere. Von der Alinghi Team entstanden 1.300 Exemplare mit Gehäuse und Lünette aus geschmiedetem Carbon. Hinzu kamen 600 Roségold- und 107 Platinversionen mit Carbonlünette; zusammen ergaben sie passend zum Lancierungsjahr 2.007 Uhren. Keramische Drücker und Kronenelemente, ein Titanboden und das breite Kautschukband unterstrichen den konsequent sportlichen Charakter.
Die Bedeutung der Alinghi Team reicht weit über diese limitierte Serie hinaus. Audemars Piguet verwendete geschmiedetes Carbon später in weiteren Kollektionen; zugleich griffen andere Hersteller das Material direkt auf und brachten eigene Uhren mit Gehäusen aus geschmiedetem Carbon heraus. Daneben entwickelten zahlreiche Marken verwandte, teils proprietäre Carbonverbundstoffe. Die Alinghi Team machte die unregelmäßige Faserstruktur damit von einem technischen Nebeneffekt zu einem bewusst eingesetzten Gestaltungsmittel und bereitete den Weg für die breite Verwendung von Carbon in modernen Luxus- und Sportuhren.
2015: Perfektionierter Klang – die Supersonnerie
Audemars Piguet: Royal Oak Supersonnerie
Audemars PiguetMit der Royal Oak Concept Supersonnerie RD#1 stellte Audemars Piguet 2015 eine grundlegend neu konstruierte Minutenrepetition vor. Der Prototyp war das Ergebnis von acht Jahren Forschung in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne und Fachleuten aus unterschiedlichen Disziplinen, zu denen auch Musiker gehörten. Das Ziel war zum einen eine im Vergleich zu bisherigen Minutenrepetitionen deutlich höhere Lautstärke, zum anderen ein reinerer, harmonischerer und über einen längeren Zeitraum nachklingender Ton.
Bei einer klassischen Minutenrepetition sind die Tonfedern gewöhnlich an der Werkplatine, z. T. auch am Saphirglas befestigt. AP montierte sie stattdessen auf einem separaten Resonanzboden, auf den sie ihre Schwingungen direkt übertragen. Ähnlich wie beim Korpus einer Gitarre verhindert diese Konstruktion, dass ein großer Teil der Energie vom Werk und vom Gehäuse absorbiert wird. Öffnungen im äußeren Boden lassen den Klang nach außen treten. Hinzu kamen neu abgestimmte Tonfedern und ein überarbeiteter Schlagwerkregulator, der weitgehend geräuschlos arbeitet und störende Nebengeräusche reduziert. Auch die Abfolge der Schläge ließ sich dadurch beschleunigen.
Die Supersonnerie kombinierte die Minutenrepetition mit einem Tourbillon und einem Chronographen. Nach der Vorstellung des Prototypen (mit orangefarbenem Sekundenzähler) auf der SIHH 2015 brachte AP die Uhr 2016 in Kleinserie auf den Markt – jetzt mit gelbem Sekundenzähler. Das aus 478 Teilen bestehende Handaufzugskaliber 2937 saß in einem 44 mm großen Titangehäuse und bot 42 Stunden Gangreserve. Eine Sicherheitsvorrichtung verhinderte, dass die Zeiger während des Schlagvorgangs verstellt werden konnten.
Mit der Supersonnerie als RD#1 begann auch die RD-Reihe von Audemars Piguet, die Supersonnerie-Technik fand später Eingang in weitere Royal-Oak- und Code-11.59-Modelle sowie in die Universelle RD#4. Sie wurde damit zur akustischen Plattform für eine neue Generation von AP-Schlagwerkuhren.
2019: Die Code 11.59, das zweite Standbein
Audemars Piguet: Code 11.59 Automatik 41 mm in Roségold
Audemars PiguetBei Audemars Piguet dreht(e) sich in den letzten Jahrzehnten fast alles um die Royal Oak. Die Modelllinie war im Vergleich zu anderen so stark, dass manche sogar von einer Abhängigkeit sprachen. Keine andere Manufaktur war so eng mit einem Modell verbunden, nicht einmal Jaeger-LeCoultre mit der Reverso. Das war für AP einerseits wegen des anhaltenden Erfolgs der Royal Oak von Vorteil, barg aber immer die prinzipielle Gefahr, dass mit einer Krise der Royal Oak die gesamte Marke leiden könnte. AP versuchte daher immer wieder, mit anderen Modellen wie z. B. der Millenary, dagegen zu steuern. Doch das gelang nicht wirklich. Die 2019 neu geschaffene Code 11.59 sollte deshalb ein strategisches Gegengewicht bilden und der Marke langfristig ein zweites starkes Standbein verschaffen. Entsprechend ambitioniert fiel die Premiere aus: Audemars Piguet lancierte gleichzeitig 13 Referenzen, 5 Komplikationen und 6 Kaliber – die größte neue Kollektion seit der Royal Oak.
Auf den ersten Blick erschien die Code 11.59 klassischer als die achteckige Ikone. Tatsächlich besitzt auch sie eine komplexe Architektur: Ein rundes Gehäuse umschließt ein achteckiges Mittelteil, die skelettierten Bandanstöße sind nur an der schmalen Lünette befestigt, nicht am Gehäuseboden (obwohl es auf den ersten Blick so aussieht). Hinzu kommt ein doppelt gewölbtes Saphirglas, dessen unterschiedliche Krümmungen die Optik des Zifferblatts je nach Blickwinkel verändern. Besonders wichtig waren die neuen Automatikwerke: das Dreizeigerkaliber 4302 und das integrierte Flyback-Chronographenkaliber 4401.
Der Start verlief nicht ohne Widerstände. Vor allem die vergleichsweise schlichten Zifferblätter der ersten Dreizeiger- und Chronographenmodelle wurden kontrovers diskutiert. AP entwickelte die Linie jedoch konsequent weiter. Es folgten Farbverläufe, Email- und Edelsteinzifferblätter sowie ein gemeinsam mit dem Guillocheur Yann von Kaenel entwickeltes Prägemuster. 2023 öffnete Edelstahl die zuvor auf Gold und Keramik konzentrierte Kollektion einem breiteren Spektrum; im selben Jahr ergänzte AP das Angebot um ergonomischere 38-mm-Modelle.
Zugleich wurde die Code 11.59 zur Plattform für die großen Komplikationen der Manufaktur. Zum Programm gehören fliegende Tourbillons, ewige Kalender, Supersonnerie-Schlagwerke und die Starwheel mit wandernder Stundenanzeige. Den vorläufigen Höhepunkt markierte 2023 die Universelle RD#4 mit 40 Funktionen (s. u.). Später folgten der ausschließlich über die Krone korrigierbare ewige Kalender mit Kaliber 7138 sowie der erste skelettierte ewige Kalender der Linie mit Kaliber 7139. Damit hat sich die Code 11.59 von der umstrittenen Neuheit zu einer technisch vielseitigen Kollektion entwickelt. Die Royal Oak ersetzt sie nicht – sie gibt Audemars Piguet jedoch eine zweite, eigenständige Bühne für neue Werke, Anzeigen und Komplikationen.
2023: RD#4 – die komplizierteste Uhr der AP-Geschichte
Audemars Piguet: Code 11.59 Ultra-Complication Universelle RD#4
Audemars PiguetMit der Code 11.59 Universelle RD#4 stellte Audemars Piguet 2023 die komplizierteste Armbanduhr seiner Geschichte vor. Das Automatikkaliber 1000, das 7 Jahre Entwicklungszeit benötigte, vereint insgesamt 40 Funktionen, darunter 23 Komplikationen. Dazu zählen ein ewiger Kalender, ein Flyback-Chronograph mit Schleppzeiger, ein fliegendes Tourbillon sowie ein Schlagwerk mit Grande Sonnerie, Petite Sonnerie und Minutenrepetition. In die Konstruktion flossen die Supersonnerie-Technik der RD#1, die flache Kalenderarchitektur der RD#2 und der leistungsfähige Oszillator der RD#3 ein.
Mindestens ebenso bemerkenswert wie die Funktionsfülle ist ihre alltagstaugliche Umsetzung. Das 42 mm große Goldgehäuse lässt sich mit 15,55 mm Höhe und weniger als 180 g Gewicht gut am Handgelenk tragen. Großdatum, Wochentag, Monat und zweistellige Jahresanzeige sind übersichtlich auf dem Zifferblatt verteilt. Der ewige Kalender berücksichtigt sogar die Ausnahmeregeln des gregorianischen Kalenders und muss erst im Jahr 2400 korrigiert werden.
Auf versenkte Korrektoren verzichtet AP vollständig. Links sitzen drei gut erreichbare Drücker für Wochentag, Mondphase und Minutenrepetition. Rechts befinden sich drei sogenannte Superkronen, in die jeweils ein weiterer Drücker integriert ist. Über sie lassen sich unter anderem Schlagmodus, Datum, Zeiger, Monat und Jahr einstellen sowie Chronograph, Rattrapante und Flyback bedienen. Monat und Jahr können vor- und zurückgestellt werden; Sicherheitssysteme schützen dabei vor Fehlbedienungen.
Auch konstruktiv nutzt Audemars Piguet den verfügbaren Raum konsequent: Der Schleppzeigermechanismus liegt auf derselben Ebene wie der Platinrotor, die Kalenderfunktionen sind weitgehend in einer Ebene angeordnet. Ein aufklappbarer „Geheimboden“ gibt den Blick auf das aus 1.140 Teilen bestehende Werk frei. Die Tonfedern sitzen auf einer nur 0,6 mm dünnen Saphirmembran, die als Resonanzboden dient und den Klang verstärkt. So verbindet die RD#4 extreme mechanische Komplexität mit ungewöhnlich klarer Ablesbarkeit und intuitiver Bedienung.
- 1892: Die Minutenrepetition fürs Handgelenk
- 1921: Digitale Zeit ohne Zeiger
- 1948: Der ewige Kalender – von der Kleinstserie zum Markenzeichen
- 1967: Das ultraflache Automatikkaliber 2120
- 1972: Die Royal Oak
- 1986: Das Automatik-Tourbillon fürs Handgelenk
- 1993: "The Beast" – die Royal Oak Offshore
- 1996: Die Grande Complication als Armbanduhr
- 2002: Die Royal Oak Concept als Versuchslabor
- 2007: Geschmiedetes Carbon erobert die Uhrmacherei
- 2015: Perfektionierter Klang – die Supersonnerie
- 2019: Die Code 11.59, das zweite Standbein
- 2023: RD#4 – die komplizierteste Uhr der AP-Geschichte