Fliegeruhren

Was Sie über Fliegeruhren wissen sollten

 Redaktion
von Redaktion
am 14. September 2018

Eine der erfolgreichsten Uhren-Gattungen überhaupt ist die der Fliegeruhr. Ihre Beliebtheit hat mit ihrem unverkennbaren Design zu tun und dieses wiederum mit ihrer bewegten Geschichte: Als sich der Mensch in die Lüfte erhob, wurden Zeitmesser zum unverzichtbaren Instrument, ein eigener Typus entwickelte sich – die Fliegeruhr.
Inhalt:

Hanhart-Fliegerchronograph mit einem Drücker aus dem Jahr 1941
Hanhart-Fliegerchronograph mit einem Drücker aus dem Jahr 1941

Die Zeiten sind vorbei, in denen jeder Pilot eine spezielle Uhr zur Unterstützung benötigte. Moderne Messinstrumente und nicht zuletzt GPS, das globale Navigationssatellitensystem zur Positionsbestimmung und Zeitmessung, sind heute die erforderlichen Arbeitsmittel. Was aber bleibt, ist der typische Look einer Fliegeruhr: Mit ihrem klassischen Design gehört die Uhr für Piloten zu den geschätzten Favoriten mancher Uhrenkollektion.

Die ersten Fliegeruhren

Doch zurück zum Anfang: Der Brasilianer Alberto Santos-Dumont führte Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche Versuche mit seinen selbstgebauten Flugzeugen durch. Er soll sich bei seinem Freund und Juwelier Cartier darüber beklagt haben, dass die gewöhnlichen Taschenuhren während eines Fluges kaum ablesbar seien. Daraufhin konstruierte Cartier die heute legendäre Santos. Das Modell ging 1911 in Serie und ist seither fester Bestandteil der Uhrenkollektion.

Chronologie: Im kostenlosen Download erhalten Sie einen Überblick über die Geschichte der mechanischen Fliegeruhr. Hier können Sie die Chronik herunterladen.

Die Entwicklung der typischen Fliegeruhren

Im Ersten Weltkrieg hatten Fliegeruhren noch keine Armbänder. Es handelte sich bei diesen Modellen vielmehr um Taschenuhren in einem Lederetui, das am Handgelenk getragen oder im Cockpit befestigt wurde. Zunächst ging es vor allem um die genau ablesbare Zeit, weshalb diese frühen Fliegeruhren mit einer kleinen Sekunde ausgestattet waren.
Ein weiteres Merkmal beschreibt Konrad Knirim: „Die Krone dieser Uhren ist unten angebracht, um die Uhr auch in der Halterung aufziehen zu können.” Knirim, gelernter Maschinenbauingenieur, ist ausgewiesener Kenner von Militäruhren. Als leidenschaftlicher Sammler publiziert er oft zu diesem Thema, hat zwei Bücher herausgebracht und sich intensiv mit Fliegeruhren beschäftigt. So kennt er auch die weiteren Anforderungen, die schon die ersten Piloten an ihre Uhren stellten: Neben der Präzision stand eine gute Ablesbarkeit im Vordergrund. Daher erhielten Fliegeruhren bald schon große Leuchtziffern und -zeiger.

Fliegeruhren dienten im Ersten und Zweiten Weltkrieg vor allem der Orientierung
Fliegeruhren dienten im Ersten und Zweiten Weltkrieg vor allem der Orientierung

Ebenfalls als praktisch erwies sich der Chronograph, etwa zum Stoppen von sekundengenauen Zwischenzeiten, die der Pilot zum Beispiel für Kurzzeitmessungen im Blind­anflug benötigte. Orientierung gaben dabei Funkleitstrahlen. Dank dieser wusste der Pilot, innerhalb welcher Zeit – die dann mit Hilfe des Chronographen gemessen wurde – er sein Flugzeug auf eine bestimmte Höhe bringen muss. So gewann der Chronograph an Bedeutung unter den Fliegeruhren.

Spielen eine eigene Rolle an Bord: Beobachtungsuhren

Als Flugzeuge zunehmend lange Strecken fliegen konnten, kam den Uhren eine weitere Funktion im Cockpit zu: die Navigation. Wie in der Seefahrt hing die Positionsbestimmung von drei unerlässlichen Instrumenten ab: Als erstes ist ein Kompass zu nennen. Ebenfalls erforderlich war ein Sextant, um den Breitengrad zu bestimmen. Dies geschah durch Messung des Winkels der Sonne oder eines Sterns zum Horizont. Als drittes Instrument benötigte man eine genau gehende Uhr, um den Längengrad zu berechnen. Dazu benutzte man zunächst große, sogenannte Beobachtungsuhren, die äußerst präzise funktionierten und über der Montur am Unterarm befestigt wurden. Wegen der Geschwindigkeit der Flugzeuge musste die Positionsbestimmung möglichst schnell erfolgen, wofür speziell ausgebildete Navigatoren – auch Beobachter genannt – zuständig waren.

Die Lindbergh-Stundenwinkel-Uhr von Longines ermöglichte eine schnelle Längengradbestimmung für die Navigation
Die Lindbergh-Stundenwinkel-Uhr von Longines ermöglichte eine schnelle Längengradbestimmung für die Navigation

Um ihre Arbeit zu erleichtern, wurden sogenannte Gradmessuhren entwickelt. Deren Zifferblätter waren in Bogengrade aufgeteilt, so dass der Greenwicher Stundenwinkel abgelesen werden konnte. 1927 überquerte der Flugpionier Charles A. Lindbergh im ersten Nonstop-Alleinflug den Atlantik. Das brachte ihn auf die Idee gemeinsam mit Longines 1931 eine Stundenwinkeluhr zu entwickeln: Der Zeitmesser ermöglichte, inspiriert von der Weems-Uhr, eine Längengradbestimmung auf schnelle Weise, da sich der Stundenwinkel von Greenwich – der wichtigste Teil der Längengradbestimmung – unmittelbar von ihr ablesen ließ. Daher auch die Bezeichnung “Stundenwinkel-Uhr”. Bis heute führt Longines ein solches Modell in der Kollektion; Patek Philippe baute 1936 ebenfalls eine Stundenwinkel-Uhr.

Longines: Lindbergh-Stundenwinkeluhr von 1931
Longines: Lindbergh-Stundenwinkeluhr von 1931

Das klassische Fliegeruhren-Design

Gradmesstaschenuhren und Beobachtungsarmbanduhren für Flieger wurden seit den 1930er-Jahren in Deutschland zum Beispiel von Walter Storz (Stowa), Wempe und IWC produziert. Zu den attraktivsten Exemplaren zählt Konrad Knirim die Fliegerchronographen von Tutima mit dem Kaliber Urofa 59 sowie von Hanhart mit den Hanhart-Kalibern 40 und 41. „Diese Uhren werden immer wieder angeboten und sind etwa für 5.000 Euro erhältlich.”, erklärt Knirim. Eine ebenfalls beliebte Fliegeruhr sei die Mark XI von IWC, erstmals 1949 auf den Markt gebracht.

Beliebte Fliegeruhr: Eine frühe Mark XI von IWC, gefertigt ab 1949, mit Weicheisen-Innengehäuse
Beliebte Fliegeruhr: Eine frühe Mark XI von IWC, gefertigt ab 1949, mit Weicheisen-Innengehäuse

Die Charakteristiken dieser Uhren definieren bis heute den Typ der Fliegeruhren beziehungsweise Pilotenuhren. „Damit bezeichnet man heute vor allem das Design”, erklärt Konrad Knirim. Denn eine Fliegeruhr benötige keine bestimmten Funktionen, sondern müsse einen präzisen Gang vorweisen und schnell und eindeutig ablesbar sein. Daher der Anspruch, eine Fliegeruhr auf die Zeitanzeige zu reduzieren und außer mit einem Chronographen nicht mit weiteren Komplikationen zu verbinden. Die leichte Ablesbarkeit wird von einem schwarzen Zifferblatt mit Leuchtanzeige, hellen Ziffern oder Indizes sowie hellen Zeigern begünstigt. Eine gelungene Reminiszenz an die Herkunft der Fliegeruhren und ihre Verwandtschaft mit den Bordinstrumenten in einem Cockpit.

Die Design-Merkmaler einer Fliegeruhr im Überblick:

  • eindeutig ablesbare Anzeige
  • Leuchtmasse auf Zeigern und Indexen
  • Nullindex in Dreiecksform
  • mattschwarzes Zifferblatt
  • usprünglich Verzicht auf ein Logo, das die Ablesbarkeit beeinträchtigen würde
  • großes Uhrengehäuse
  • satinierte Oberflächen am Gehäuse, die Reflexionen vermeiden
  • große griffige Krone
  • überlange Uhrenarmbänder, so dass die Uhr über einer Fliegerkombi getragen werden kann
  • Metallnieten für einen zuverlässigen Halt des Uhrenarmbands

Fliegeruhren heute: Die DIN-Norm für Fliegeruhren

Seit 2016 gibt es erstmals eine DIN-Norm für Fliegeruhren: die DIN 8330. Uhren, die dieser Norm entsprechen, können die im Flugzeug vorhandenen Zeitmessinstrumente für den Piloten im Ernstfall in vollem Umfang ersetzen. Sie werden von den physikalischen Belastungen des Flugbetriebs nicht beeinträchtigt und stellen kein Gefährdungspotenzial dar. Zudem sind sie kompatibel mit den anderen Bordinstrumenten des Flugzeugs. Die ersten DIN-gerechten-Fliegeruhren sind die 857 UTC VFR von Sinn Spezialuhren und die Flieger DIN Professional von Stowa.

Sinn: 857 UTC VFR
Stowa: Flieger DIN Professional

 

Eine aktuelle Auswahl an Fliegeruhren finden Sie in unserer Galerie:

Hanhart: Primus Austrian Air Force Pilot (2.590 Euro)
Breitling: Navitimer Aviator 8 B01 Chronograph 43 Limited Edition (6.800 Euro)
Union Glashütte: Belisar Pilot Chronograph (2.680 Euro)
Oris: Paradropper LT Staffel 7 Limited Edition (3.700 Euro)
Die Laco Erbstück California kombiniert römische und arabische Ziffern mit einem umgekehrten Orientierungsdreieck für die Zwölf. Das Modell ist eine auf 25 Exemplare limitierte Sonderedition, die gemeinsam mit der Zeitschrift Chronos entstanden und nur im Watchtime.net-Shop erhältlich ist.
Omega: First Omega Wrist-Chronograph Limited Edition (120.000 Schweizer Franken)
Sinn: 103 Sa B E (2.590 Euro)
Die Zenith Pilot Type 20 Chronograph Ton Up mit der typischen Zwiebelkrone (7.500 Euro)
Hamilton: Khaki X-Wind Auto Chrono Limited Edition mit Edelstahlarmband (2.250 Euro)
Seiko: Prospex Aviation SRPB57K1 (369 Euro)
IWC: Big Pilot's Watch Big Date Edition "150 Years" (14.500 Euro)
Stowa: Flieger Verus 40 (660 Euro)

Woran erkennt man eine Fliegeruhr? 10 typische Merkmale finden Sie hier zusammengefasst.

Fortlaufend aktualisierter Artikel, ursprünglich online gestellt im September 2014.

[2327]

Bestellen Sie unseren Newsletter

Was gibt's Neues auf Watchtime.net?

Damit Sie stets rund um das Thema mechanische Uhr informiert sind, gibt Ihnen der Watchtime.net-Newsletter mehrmals wöchentlich den Überblick.

Datenschutzbestimmungen habe ich gelesen und akzeptiert.**
Schweizer Geheimtipps Feature-Box 2018

Premium-Modelle aus
unserer Uhren-Datenbank

Uhren-Datenbank

In der weltweit größten Datenbank finden Sie aktuell 33802 Modelle von 802 Herstellern.

Datenbank-Suche